„Man muss ein bisschen auf sich selbst achten“ – So fühlt es sich an, am Kinder- und Jugendtelefon zu sitzen

Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter gibt Einblicke in seine Arbeit und erzählt, wie er selbst mit den schweren Themen umgeht.

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kinder_jugend_sorgentelefon_ehrenamt_seele Quelle: Pexels I CC0

Das Telefon klingelt nur kurz. Nach dem zweiten Piepton nimmt Tim* den Hörer ab. Er klingt freundlich, seine Stimme ist ruhig, er spricht langsam und deutlich; es ist angenehm, ihm zuzuhören. Tim arbeitet ehrenamtlich beim Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer. Dort nimmt er kostenfrei anonyme Anrufe von jungen Menschen entgegen, die Redebedarf haben, die sich jemanden wünschen, mit dem sie über ihre Probleme, ihre Sorgen, ihre Ängste sprechen können; die jemanden suchen, dem sie sich öffnen können, jemanden, der ihnen zuhört, Fragen stellt, auf sie eingeht. Allein 2016 wurden deutschlandweit rund 430.000 Anrufe vom Kinder- und Jugendtelefon entgegengenommen, aus denen sich fast 112.000 Beratungen und intensive Gespräche entwickelten. Das zeigt eindeutig, dass ein großer Bedarf vorhanden ist.

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Tim ist 20 Jahre alt, macht hauptberuflich eine Ausbildung und heißt eigentlich gar nicht Tim. Er bat mich, seinen echten Namen und seinen Einsatzort nicht zu nennen, weil er nicht möchte, dass Freund*innen, Verwandte oder Bekannte sich vielleicht gehemmt fühlen, selbst beim Kinder- und Jugendtelefon anzurufen, aus Angst sie könnten zufällig bei Tim am Hörer landen. Heute habe ich ihn am Telefon und er erzählt mir wie es ist, mit wildfremden Menschen bewegende, emotionale, zum Teil auch dramatische Gespräche zu führen.

So fing es an

Erfahren hat Tim vom Kinder- und Jugendtelefon in der Schule. Der Impuls sich auf die ehrenamtliche Tätigkeit zu bewerben kam letztlich von einem Bekannten, der selbst dort arbeitete und immer sehr positiv von der Arbeit sprach. Und so meldete Tim sich, nicht klassisch mit Bewerbungsschreiben, aber mit seiner Motivation bei einer Einrichtung und ging zum ersten Kennenlerngespräch: „Da wurde natürlich erst mal geguckt, inwiefern man da reinpasst“, erklärt er mir. Tim passte rein. Vor knapp einem Jahr fing die Ausbildung zum Mitarbeiter beim Kinder- und Jugendtelefon an: Etwa alle zwei Wochen kamen die Freiwilligen zusammen, besprachen Schwerpunktthemen der Arbeit, nahmen fiktive Testanrufe entgegen, versuchten sich bestmöglich auf den Ernstfall vorzubereiten. Erst dann, vor etwa sechs Monaten, wurde Tim zum ehrenamtlichen Mitarbeiter berufen und durfte zum ersten Mal den Hörer abnehmen. Wo telefoniert wird, darf er mir nicht sagen, der Ort ist streng geheim. Genauso wie die Inhalte der Gespräche. Tim ist dazu verpflichtet, über die Anrufe Stillschweigen zu bewahren.

Mittlerweile nimmt Tim sich mindestens zweimal im Monat für jeweils drei Stunden Zeit, um Menschen, die Hilfe brauchen, zuzuhören. Im besten Fall sogar noch öfter. Keine Schicht ist wie die andere: Die Anrufer*innen sind zwischen fünf und 25 Jahre alt und man kann nie absehen, was wohl an dem Tag passiert: „Manchmal klingelt das Telefon ständig durch. Man hat kaum aufgelegt und es klingelt schon wieder. Und man muss ja einfach ein offenes Ohr haben.“ Seine Hauptaufgabe: Zuhören. Und das ist nicht immer so einfach: „Man kriegt viele Informationen, man kriegt viel mit und muss auch ein bisschen auf sich selbst achten. Man möchte ja gute Ratschläge geben und am Telefon frisch sein.“

So fühlt es sich an

Schließlich öffnet man sich bei jedem neuen Gespräch ein Stück weit und gibt einen Teil der eigenen Persönlichkeit preis. „Natürlich hat man eine Distanz, ist der Berater und hört einfach gut zu, stellt Fragen und versucht gemeinsam auf eine Lösung zu kommen – und auf der anderen Seite ist es natürlich auch persönlich, weil gerade bei so was wie Liebeskummer kommt dann sehr schnell die Frage ,Wie sieht’s denn bei dir aus? Hast du so was auch schon mal erlebt?'“ Tim beantwortet nicht jede Frage, versucht den Fokus natürlich auf dem Anrufenden zu lassen, doch für die Person auf der anderen Seite der Leitung sei es beruhigend zu wissen, dass da jemand ist, der etwa gleich alt ist und die Probleme kennt – es muss ja schließlich passen, man möchte ja eine*n vertrauenswürdige*n Ansprechpartner*in.

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Ein Richtig oder Falsch gibt es eigentlich gar nicht.“

Wenn Tim ans Telefon geht, dann ist er allein. Keine andere Person sitzt neben ihm, hört zu oder kann ihm Ratschläge geben. Er sieht nicht mal die Nummer der Anrufer*innen. Ich kann ihm anhören, dass es eine große Verantwortung ist, die in so einer Situation auf ihm lastet. Natürlich fragt er sich manchmal, ob er im Gespräch alles richtig gemacht hat, ob er nicht vielleicht doch etwas Schlaueres, Besseres, Hilfreicheres hätte sagen können. Doch er weiß auch: „Allein durch das Dasein hat man seinen Teil dazu beigetragen.“ Tim erklärt: „Das hört sich sicherlich im ersten Moment bescheuert an, aber das Gute am Telefon ist, dass die Menschen, die bei uns anrufen, wissen, dass wir erst mal nichts machen können. Wir können nicht eingreifen. Wir können mit den Leuten sprechen, mehr nicht.“ Er erklärt mir ganz ruhig, dass man im Gespräch einfach nach bestem Wissen und Gewissen aus dem Bauch heraus reagieren muss. Dabei geht es vor allem darum, sich auf den*die Anrufer*in einzulassen, zu gucken, was das für eine Person ist und was sie in diesem Moment jetzt gerade braucht: „So unterschiedlich wie die Anrufer sind, so unterschiedlich sind natürlich auch die Berater, aber eben auch die Möglichkeiten zu reagieren. Ein Richtig oder Falsch gibt es eigentlich gar nicht.“

So geht man damit um

Doch auch wenn man weiß, dass es kein Richtig oder Falsch gibt, dass man vielen Menschen schon dadurch hilft, indem man ihnen ein offenes Ohr schenkt, gehen einige Themen doch unter die Haut und lassen einen auch nicht los, nachdem der Hörer wieder aufgehängt wurde. Wie schafft man es also, die zum Teil hochemotionalen Gespräche nicht mit nach Hause zu nehmen? Schafft man das denn überhaupt? „Der Idealfall ist, dass ich die Gespräche dort lasse. Bei mir funktioniert das so in 80 Prozent der Fälle. Aber dann gibt es auch noch die 20 Prozent, wo man nach Hause geht und merkt: Boah, das geht mir nah“, gibt Tim zu. Um auch mit solchen Situationen umzugehen und nicht selbst darunter zu leiden, gibt es einmal im Monat verpflichtende Supervisionen, erklärt Tim mir. Dann kommen alle Berater*innen der unterschiedlichen Gruppen zusammen und reflektieren gemeinsam und natürlich unter der Prämisse der Verschwiegenheit darüber, welche Fälle sie in den vergangenen Wochen bewegt haben oder ihnen nahe gegangen sind. Man spricht darüber, wertet aus, hilft einander. Außerdem gibt es jederzeit die Möglichkeit, mit Ansprechpartner*innen vom Dachverband der Nummer gegen Kummer vertrauensvoll über schwierige Fälle zu sprechen.

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Im schlimmsten Fall legt die Person auf. Und ich habe nichts.“

„Ich habe das auch schon mal gemacht“, gibt Tim offen zu. „Mir hat das geholfen. Vor diesem einen Gespräch hatte ich auch nicht so das Bedürfnis und dachte: ,Ja, die Supervision ist ganz nett und man tauscht sich so aus‘, aber dann hatte ich ein Telefonat, in dem es um sexuellen Missbrauch ging.“ Da hatte er das Bedürfnis, darüber zu sprechen – denn auch wenn man während der Ausbildung in der Theorie lernt, mit solchen Themen umzugehen, die Möglichkeiten kennt und eigentlich breit aufgestellt ist, ist es doch noch mal etwas anderes, wenn man dann den Ernstfall erlebt. Und da tut der Austausch mit anderen Personen gut: „Man hat ein Auffangnetz an Leuten, mit denen man über schwierige Situationen oder persönliche Sachen sprechen kann“, sagt Tim und fügt an: „Man achtet aufeinander.“ Außerdem lernt er langsam, dass er sich ein Stück weit loslösen muss. „Man kann nicht alles beeinflussen. Und wenn mich jemand anruft mit Suizidgedanken und das anspricht, dann kann ich darüber mit ihm oder ihr sprechen, wir können versuchen einen Grund zu finden, warum die Person jetzt gerade so fühlt, was man ändern könnte, aber ich kann nicht mehr machen. Dessen sind sich die Anrufer bewusst. Im schlimmsten Fall legt die Person auf. Und ich habe nichts.“

Darum ist Tims Arbeit wichtig

Natürlich ist die Arbeit nicht immer einfach. Doch Tim weiß genau, warum er das tut: „Es gibt so viele Menschen, die sich unsicher sind, in dem was sie tun und ich finde es toll, eine zweite Meinung zu haben. Gerade für Menschen, deren soziales Umfeld nicht so groß ist und die Fragen haben, die man ungern im Kreis der Familie stellt oder Freunden stellt, und sich irgendwie nicht so ganz sicher ist, ob und wie und warum.“ Er selbst sei ein Mensch, der sich gerne mit anderen austauscht, Probleme löst, Hilfestellung gibt und schaut, was es braucht, um mit schwierigen Situationen umzugehen: „Ganz oft tragen die Personen, die bei uns anrufen, die Lösung zu ihrem Problem schon in sich. Sie wissen nur noch nicht so ganz, wie sie damit umgehen können.“

Wir verabschieden uns und legen auf. Ich muss kurz innehalten. Tims letzter Satz geht mir nicht aus dem Kopf, klingt noch nach. Ich habe verstanden: Seine Arbeit ist wichtig.

Nummer gegen Kummer e. V. ist die Dachorganisation für das größte deutsche Telefon-Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und Eltern. Wenn ihr auch ehrenamtlich mitmachen wollt, könnt ihr euch hier informieren. Wenn ihr gerne mit eine*r Mitarbeiter*in sprechen wollt, erreicht ihr das Kinder- und Jugendtelefon montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter der Rufnummer 116 111 und das Elterntelefon montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr und dienstags und donnerstags zusätzlich von 17 bis 19 Uhr unter der Rufnummer 0800 111 0550. Außerdem gibt es die Möglichkeit der Onlineberatung.
*auf Wunsch des Protagonisten wurde dessen Name für diese Geschichte anonymisiert