„Manche Kinder wiegen nur 500 Gramm“: Wie die Känguru-Methode Frühgeborenen hilft

Jedes elfte Kind wird zu früh geboren. Je früher, desto schlimmer die Folgen. Eine Expertin erklärt, weshalb die Känguru-Methode hilft und die Politik Betroffene zu wenig unterstützt.

Frühgeburten: Manche Kinder wiegen nur 500 Gramm

„Das Erlebte ist nicht nur für das Kind, sondern oftmals auch für seine Eltern traumatisch." Foto: fancycrave1 / Pixabay | CC0

In Deutschland kommen jährlich circa 65.000 Kinder zu früh zur Welt, das heißt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche. Katarina Eglin ist Sprecherin des Sprecherin des Bundesverbands Das frühgeborene Kind e. V. und erklärt, welche gesundheitlichen Folgen eine frühe Geburt haben kann.

ze.tt: Frau Eglin, wie kann sich eine zu frühe Geburt auf ein Kind auswirken?

Katarina Eglin: Die zu frühe Geburt eines Kindes kann körperliche und geistige Beeinträchtigungen verursachen. Betroffene tun sich häufiger schwer in der Schule, können sich oft schlechter konzentrieren und haben häufiger eine Lese- oder Rechenschwäche. Die Kleinsten starten mit einem großen Entwicklungsrückstand in ihr Leben. In der Jugend und auch im Erwachsenenalter sind sie häufiger von psychischen Problemen betroffen.

Macht es einen Unterschied, ob man vier oder vierzehn Wochen zu früh geboren wird?

Auf jeden Fall. Extrem frühe Geburten sind mit einem großen Risiko verbunden. Je früher die Geburt, desto unausgereifter der kleine Körper – manche Kinder wiegen nur 500 Gramm. Das Siebenfache wäre normal. Die extreme Unreife der Organe macht sie anfälliger für Darmentzündungen oder Netzhautveränderungen, die schlimmstenfalls zum Erblinden führen können. Auch die Lunge ist unterentwickelt, was das Atmen erschwert. In manchen Fällen kommt es zu Hirnblutungen, da die Gefäße noch sehr zart sind. Das schwache Immunsystem ist stets anfällig für Infektionen.

Noch immer werden Eltern alleine gelassen.

Katarina Eglin

Für frischgebackene Eltern muss das enorm belastend sein.

Frühchen-Eltern leiden mit. Das Erlebte ist nicht nur für das Kind, sondern oftmals auch für seine Eltern traumatisch. Viele Mütter funktionieren in den ersten Monaten oder gar Jahren nur. Ist die Anfangszeit überstanden, fallen sie in ein Loch. Das sorgt im Umfeld oft für Unverständnis, da es dem Kind doch augenscheinlich gut geht. Noch immer werden zu viele Eltern mit dem Erlebten und den Spätfolgen alleine gelassen. In der psychosozialen Betreuung während des Klinikaufenthaltes ist es deshalb wichtig, dass die Familie gut auf die Zeit danach vorbereitet wird.

Wie kann man Geschwister und das soziale Umfeld besser vorbereiten?

Aufklärung ist total wichtig. Geschwister brauchen Verständnis und müssen häufig Rücksicht nehmen. Wir haben deshalb die App Hallo Frühchen entwickelt. Sie dient dazu auf eine kindgerechte Weise über die Frühgeburt und ihre Auswirkungen zu informieren – sowohl für junge Geschwister als auch für die Frühgeborenen selbst. Auch Lehrer, Freunde und Verwandte können die Familien unterstützen, wenn sie gut informiert sind.

Muttermilch ist wichtig!

Katarina Eglin

Zurück zu den Eltern. Was müssen sie beachten?

Das frühgeborene Kind braucht Ruhe und Liebe. Lärm hingegen führt zu Stress, der sich nachteilig auf die Gesundheit auswirkt. Das kostet Energie, die zum Wachsen gebraucht wird. Die Belastung der Kinder durch Lärm zeigt sich durch Atemaussetzer, ansteigenden Sauerstoffbedarf und erhöhte Herzfrequenz.
Auch die Muttermilch ist wichtig für die Kleinen. Sie ist gut verdaulich und enthält wichtige Inhaltsstoffe. Bis heute lässt sie sich nicht künstlich herstellen. Deshalb sollten Mütter umgehend nach der Geburt mit dem Abpumpen beginnen und die Milch über eine Sonde verabreichen lassen. Um für Geborgenheit zu sorgen, ist auch das Känguruing ein gutes Mittel.

Was steckt hinter der Känguru-Methode?

Beim Känguruing werden die nur mit einer Windel bekleideten Kinder auf den nackten Oberkörper der Mutter gelegt. Hier hören sie aus dem Mutterleib vertraute Geräusche und werden durch die Atembewegung des Brustkorbs selbst zu ruhigeren und regelmäßigeren Atemzügen angeregt. Die Körperwärme überträgt sich auf das Kind. Das trägt zu erholsameren Schlafphasen bei, fördert das Wachstum, die Gewichtszunahme und die Eltern-Kind-Bindung.

Und die Politik, kann die etwas tun?

Die Elternzeitregelung sollte verbessert werden. Diese beginnt auch bei Frühchen-Eltern mit der Geburt und endet am ersten Geburtstag des Kindes. Frühgeborene sind dann zwar zwölf Monate alt, doch ihr Entwicklungstand entspricht dem oftmals nicht. Eine flexible Regelung wäre fairer, dann wären die Betroffenen nicht benachteiligt und hätten mehr Zeit für ihre frühgeborenen Kinder. Auch finanziell sind Frühchen-Eltern schlechter gestellt. In den ersten Monaten überschneidet sich die Auszahlung des Elterngeldes mit dem Mutterschutz. Der Auszahlungszeitraum des Elterngelds verkürzt sich, sie erhalten dadurch weniger Geld als Eltern, deren Kind zum geplanten Termin geboren wurde. Eine zusätzliche Belastung, die eine Gesetzesänderung abschaffen könnte.