„Manchmal sind ganze Communitys toxisch“: Eine Twitch-Streamerin spricht über Diskriminierung im Gaming

Unter #GamerLeaksDE sollten Betroffene von Diskriminierung im Gaming zu Wort kommen. Stattdessen vereinnahmen Trolle den Hashtag. Streamerin Nina berichtet, wie sie mit Rassismus und Sexismus umgeht.

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Twitch-Streamerin Nina. Foto: © Privat

Der Twitter-Account GamerLeaksDE hat am Dienstag dazu aufgerufen, mit Erfahrungsberichten Diskriminierung in der Gaming-Community sichtbar zu machen. Mit dem Hashtag #GamerLeaksDE verfolgen die Initiator*innen laut eigener Aussage das Ziel, „Diskriminierungen, Sexismus und Rassismus im Netz ein Ende zu setzen“.

Innerhalb weniger Stunden trendete der Hashtag in den deutschen Twitter-Charts. Doch statt Berichten von Betroffenen nehmen unter dem Hashtag derzeit heftigste Beleidigungen, Schuldzuweisungen und weitere Diskriminierungen den größten Raum ein. Trolle haben die Aktion gekapert, der Hashtag ist kaputt. Ist das ein Zeichen dafür, dass Diskriminierung im Gaming ein unlösbares Problem darstellt?

Eine, die sich mit der Szene auskennt, ist Nina. Sie ist Webentwicklerin, 28, und streamt in ihrer Freizeit Gamingsessions über die Plattform Twitch. Als Speakerin setzt Nina sich zudem auf Veranstaltungen wie PLAY oder der TinCon für mehr Diversität in der Gamingszene ein. Wir haben sie um eine Einordnung des Hashtags gebeten und gefragt, was es bräuchte, um der Diskriminierung in der Gaming-Community vorzubeugen.

ze.tt: Nina, du streamst regelmäßig auf Twitch. Wie oft kommt es vor, dass du anmaßende, beleidigende, oder sogar sexistische und rassistische Sprüche hören musst?

Nina: Ich bin auf Twitch verhältnismäßig klein. Während eines Streams habe ich um die 50 Zusehenden. Die meisten sind ein fester Kern meiner bestehenden Community, der sich über mindestens vier Jahre aufgebaut hat. In dieser Zeit habe ich meinen Chat und meine Community so etwas wie erzogen. Wer Teil der Community sein will, muss sich an die von mir vorgelebten Regeln halten und die besagen eben auch, dass ausgrenzendes, anmaßendes, beleidigendes, sexistisches sowie rassistisches Verhalten nicht erwünscht ist. Ich bitte in meiner Community auch darum, von Beschimpfungen wie „behindert“ oder generell von sogenanntem Kevinismus abzusehen.

Richtig stark sind Einzelne erst, wenn sie merken, dass ihre Worte die erwünschten Reaktionen hervorrufen.

Nina, 28, Web-Entwicklerin und Twitch-Streamerin

Und daran halten sich alle?

Natürlich gibt es immer wieder User*innen, die versuchen, mit solchem Verhalten von Streamer*innen oder von anderen User*innen Aufmerksamkeit im Chat zu bekommen. Doch richtig stark sind diese einzelnen immer erst, wenn sie merken, dass ihre Worte die erwünschten Reaktionen hervorrufen. Die Streamer*innen haben es immer selbst in der Hand, wie sie denen gegenüber reagieren.

Wie reagierst du?

Ich wähle den offensiven Weg, sage, dass ich so ein Verhalten nicht akzeptiere und bitte darum, sich zu benehmen. Dadurch kommt es in meinem Stream selten zu solchen Zwischenfällen. Das ist aber nicht in jeder Community so und jede*r Streamer*in geht anders damit um. Manchmal sind sogar ganze Communitys derart toxisch. Davon halte ich mich persönlich aber fern.

Fernhalten ist die eine Methode. Wie kann man toxische Communitys verändern?

Es gibt diese Probleme – und viele vermeiden es eher, sich damit zu befassen, statt aktiv gegen diese Verhaltensweisen vorzugehen. Doch es gibt eben auch genug Mitglieder in der Community, die sich für mehr Diversität und Toleranz einsetzen und das gilt es zu unterstützen. Das Klischee des immer pöbelnden, hasserfüllten, unkontrollierten Gamers bestätigt sich für 90 Prozent meiner befreundeten Spieler*innen in keinster Weise, sondern ganz im Gegenteil. Anhand meiner Erfahrungen in und mit der gesamten Szene kann ich glücklicherweise berichten, dass auf jeden hasserfüllten, giftigen Kommentar drei offene, tolerante und herzliche Kommentare kommen, die sich klar gegen diese Negativität stellen.

Du selbst forderst als Sprecherin auf Veranstaltungen wie PLAY oder der TinCon mehr Diversität in der Gamingszene. Warum?

Meiner Meinung nach wirkt es sich positiv aus, mehr Spieler*innen dazu zu ermuntern, aktiver Teil der Community sein – und ihnen zu zeigen, dass sie gewollt, akzeptiert, toleriert und unterstützt werden. Gaming und die Szene hat das Potenzial, so viel Gutes zu bewegen, eben weil Spiele schon immer etwas mit Lernen und Sozialität zu tun haben. Eigentlich ist es sogar so, dass sich die Szene davor nicht verschließen kann, da Spiele immer mehr Menschen erreichen, die immer mehr gesellschaftliche Facetten abdecken. Dazu gehören auch die Entwickler*innen, die versuchen, buntere Welten zu erschaffen und vielfältigere Geschichten zu erzählen.

Also profitieren letztlich auch die Spiele selbst von mehr Diversität.

Meiner Ansicht nach sind wir bereits genau da: Spiele sind bereits viel diverser und die Szene viel reicher an unterschiedlichen Charakteren. Spiele wie Life is Strange und The Last of Us bringen Themen mit, die kontrovers zu sein scheinen, so aber normalisiert werden. Spieler*innen werden immer öfter mit Geschichten konfrontiert, die sie zum Nachdenken bringen. Es lohnt sich, sich aus seiner Filterbubble hinaus zu begeben und sich Communitys anzusehen, die anders sind als die, die man bisher kannte, um den eigenen Horizont zu erweitern. Meistens entstehen diese hasserfüllten Herde dann, wenn jemand Angst vor Veränderung hat, sich selbst und sein Sozialverhalten nicht reflektieren kann und sich so zu profilieren versucht. Das ist etwas, das man nicht einfach ändern kann, sondern sich über die Zeit ändern wird: Indem Spieler*innen und Spielehersteller*innen mehr Diversität in ihrem Spiel und Franchise zulassen und wichtige Themen normalisieren.