Bei Univorlesung: Dieser Mann bietet Rechtsextremen das Gespräch an – aber sie gehen

„Mit den Rechten reden ist unsere einzige Möglichkeit“, sagt Eric Wallis. Als sogenannte Identitäre seine Vorlesung stürmten, bot er den Männern an, teilzunehmen, weil er ihnen keine Opferrolle zugestehen will. Ein Interview

rechten sprechen

Eric Wallis lud sogenannte Identitäre, die seine Vorlesung mit einem Spruchband stürmten, dazu ein, sich zu setzen und teilzunehmen. Foto und Screenshot: © Eric Wallis Collage: ze.tt

Muss man mit Rechten reden? Und wenn ja: wie? Diese Fragen werden derzeit immer häufiger Gegenstand hitziger Diskussionen, vor allem in linken Kreisen. Viele, womöglich die Mehrheit, lehnt das kategorisch ab – die Vergangenheit habe gezeigt, dass das nichts nütze und man rechten Ideologien keinen Raum lassen dürfe. Doch einige sind gegenteiliger Meinung.

Darunter ist Eric Wallis, Manager für politische Kampagnen und Betreiber des Blogs Wortgucker. Er beschäftigt sich täglich mit der Sprache der Rechten und ihrem Framing, also ihren oft manipulativen Sprachbildern und deren Wirkrahmen. Bei der jährlichen 24-Stunden-Vorlesung der Uni Greifswald am Wochenende sprach er vor etwa 50 Menschen genau darüber, als Angehörige der sogenannten Identitären Bewegung, einer rechtsextremen Kleinstgruppe, seine Vorlesung stürmen und sich mit einem Banner neben ihn stellen. Statt sie wegzuschicken, lud er die sieben Männer ruhig dazu ein, an der Diskussion teilzunehmen. Sie gingen nicht darauf ein, sondern verließen den Saal. Die Szene wurde auf Video festgehalten.

Im Interview mit ze.tt erklärt Wallis, was genau er durch seine Diskussionseinladung bezwecken wollte.

ze.tt: Herr Wallis, was genau ist bei Ihrer Vorlesung passiert?

Eric Wallis: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gerade über den sogenannten Gefahrenframe gesprochen – neurechtes Framing fokussiert sich hauptsächlich auf Gefahren und einen vermeintlichen Kontrollverlust. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass Framing sich immer nur auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit fokussiert und dass so die Realität langsam manipuliert wird. Dann ist ein Mann unter den Anwesenden aufgesprungen, der später auch im Video zu sehen ist, und sprach laut über kriminelle Ausländer. Er wollte ganz offensichtlich Widerspruch, aber ich habe ihn stattdessen eingebunden, und gebeten am Ende des Vortrags mit uns zu diskutieren. Er hat dann wohl seine Leute reingerufen, die plötzlich mit einem Banner nach unten stürmten, mit dem sie sich interessanterweise darüber beschwerten, dass sie ihre Meinung nicht sagen dürften. Den Rest sehen Sie ja im Video.

Sie haben sie dazu eingeladen, an der Diskussion teilzunehmen.

Richtig. Ich wollte nicht, dass wir sie niederpöbeln, denn dann hätten wir uns auf ihre Argumentationslinie eingelassen. Dann hätten ja wir sie rausgeworfen, so aber haben sie sich im Grunde selbst rausgeworfen: Ich habe sie zur Diskussion eingeladen und sie sind geknickt von dannen gezogen. Ich habe dann normal mit der Vorlesung weitergemacht, nur dass ich dann ein besonders anschauliches Beispiel zur Verfügung hatte. Ich hatte vorher schon über den Opfer-Frame gesprochen, also der Eigenschaft von Rechten, sich in eine Opferrolle zu versetzen. Die konnten sie so nicht ausfüllen. Am Ende hat das zu einer weiteren tollen Diskussion geführt, nämlich darüber, dass auch Linke Framing verwenden, zum Beispiel: Mit Rechten redet man nicht.

Die Debatte kocht ja immer wieder mal hoch, erst kürzlich durch eine abgesagte Lesung in einer Buchhandlung, die rechte Bücher verkauft. Ich habe den Eindruck, dass es Common Sense ist, rechtes Gedankengut gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen.

Das ist auch ein Gefahren-Framing, den man vielleicht als Nie-wieder-Faschismus-Frame bezeichnen kann. Wir wollen nicht, dass wieder so etwas Schlimmes wie Faschismus in unserem Land passiert. Davor haben wir Angst. Folgen wir dieser Angst, stecken wir all die Menschen, die diese Angst verstärken in eine Art Denkschublade. Auf der Schublade klebt ein Sticker, der sagt: die Rechten. Und mit denen redet man bekanntlich nicht. Erkennen wir dieses Framing in uns selbst, haben wir die Möglichkeit klarer zu sehen. Denn wenn man genauer darüber nachdenkt, kommt man relativ schnell an den Punkt, an dem man merkt: In der Schublade sind ja eine ganze Menge verschiedene Leute drin. Und das sind nicht nur Nazis, Rechtsextreme, Kader und Funktionäre, sondern eben auch die ältere Dame mit Hund, die nach dem Wocheneinkauf auf einer Pegida-Demo steht. Oder der ältere Mann, der täglich für zu wenig Geld arbeitet und sich abends mit Freunden in der Kneipe trifft. Die einzige Möglichkeit, mit rechten Einstellungen umzugehen und sie auszuhebeln, ist Kommunikation. Und das mittelfristig. Ich brauche nicht erwarten, dass sich nach nur einem Gespräch etwas im Kopf ändert, so etwas passiert kleinschrittig.

Aber verschafft man Menschen so nicht ein Bühne für ihr Gedankengut?

Der Linguist Victor Klemperer hat 1947 die Sprache des Dritten Reichs auseinandergenommen. Er sagte: „Worte können wie winzige Arsendosen sein: Sie werden unbemerkt verschluckt; sie scheinen keine Wirkung zu tun – und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Ich stimme ihm da zu, aber es gibt auf der anderen Seite keinen anderen Weg, etwas zu verändern, als Sprache. Ich selbst war vor zwei Jahren bei einer Veranstaltung der AfD. In der Nacht zuvor wurden die Scheiben der Veranstaltungsstätte eingeworfen. Das ist die perfekte Vorlage für ein Opfer-Framing. Sie konnten auf der Veranstaltung Dinge sagen wie „Die Wahrheit darf nicht ausgesprochen werden“, „man lässt uns nicht“, später wurde mit einer Kollekte herumgegangen, um Geld für neue Scheiben zu sammeln. Ich war perplex, wie viel da zusammenkam, von Leuten, die augenscheinlich nicht gerade viel hatten. Doch diese Situation hat sie unglaublich stark zusammengeschweißt. Und da habe ich gemerkt, wie stark dieser Opfer-Frame wirklich ist. Das war auch bei der Situation an diesem Wochenende so. Das war mein Antrieb, ich habe mir gesagt: Dass sie hier als Opfer abziehen, gönne ich ihnen nicht. Ich lade sie ein, sie sollen sprechen.

Worte können Gift sein, aber Worte können auch Medizin sein.

Linke haben eigene Frames im Kopf, „nie wieder“, oder das Toleranz-Prinzip von Karl Popper, nach dem die Intoleranz insgesamt zunimmt, wenn man sie toleriert. Das ist ja auch richtig. Aber richtig ist auch, dass wir Einstellungen und Vorurteilen nur durch Kommunikation beikommen. Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel hatte in der Geschichte des Menschen lange Zeit durchaus eine hilfreiche Funktion. Aber heute ist er nachweislich schädigend. In den letzten Jahren haben sich die Einstellungen bereits gravierend verändert, wir müssen immer wieder etwas dagegen tun. Nehmen Sie das Zitat von Klemperer: Ja, Worte können Gift sein, aber Worte können eben auch Medizin sein. Wir müssen nachschauen, wer sind denn diese Rechten überhaupt. Wir geben sonst zum Teil ein Viertel unserer Gesellschaft auf, und die rennen dann mit dem Klingelbeutel rum, das dürfen wir nicht zulassen. Genau deshalb werden wir uns mit ihnen auseinander setzen müssen.

Sich mit ihnen auseinander zu setzen wird helfen, rechtsgesinnte Menschen umzustimmen?

Es helfen zumindest keine dicken Bücher der Bundeszentrale für politische Bildung. Die liest im Zweifel nämlich niemand durch, der vor Geflüchteten Angst hat oder glaubt er hätte den Anschluss verloren. Am Ende helfen nur einzelne Gespräche, viele davon, winzige Dosen. Es ist an jedem von uns, mit Familie und Bekanntenkreis zu reden, oder auf Demos mit der älteren Frau mit Hund die Kommunikation aufzunehmen, sie ehrlich zu fragen: Was treibt sie hierher? Sich der Menschen anzunehmen, da sind wir alle gefragt. Natürlich muss man differenzieren. Bei rechten Funktionären auf offener Bühne funktioniert das nicht. Da gewinnt immer die Einstellung, die auf Vorurteilen beruht, das ist wissenschaftlich belegt. Aber es geht gar nicht darum, diese Leute zu kriegen. Sondern die 20 Prozent, die sie gewählt haben. Bei der AfD sind ja auch viele abgewanderte Menschen, von CDU, von SPD, sogar von den Linken. Sehen Sie, wenn wir die alle in einen Topf werfen, dann entspricht unser Verhalten ihrem Opfer-Topos. Zurück zu meiner Vorlesung und den sogenannten Identitären: Wären die drin geblieben, ja, dann hätten wir ihnen zuhören müssen, aber sie hätten auch uns und unseren Befürchtungen zuhören müssen. Und eins ist sicher: Wer anderen nicht zuhören kann, der wird auch der eigenen Zielgruppe und Leuten, die Hoffnungen in die neuen Rechten setzen kaum Gehör schenken.

Sie raten demnach, Rechten in alltäglichen Situationen zu begegnen, als würde man ein ganz normales Gespräch mit ihnen führen?

Exakt. Der Beginn einer Kommunikation ist, sich erstmals auf die klassische Struktur einlassen: das Sprecher-Empfänger-Prinzip. Jemand sagt etwas, ich höre zu, ich antworte, das Gegenüber hört zu, und so weiter. Die ganz simplen Gesprächsgrundlagen achten, das ist etwas, das sehen Sie ja zum Beispiel in Talkshows gar nicht mehr. Da rattern die Leute einfach ihre Positionen runter, das sind keine wirklichen Gespräche. Das treibt natürlich die Leute kommunikativ auseinander, wenn sie so was ständig sehen. Ich habe selbst erlebt, wie Menschen bei Bürgerversammlungen ihre Meinung geändert haben. Das war in einem kleinen Ort, in dem 20 geflüchtete Afghanen unterkommen sollten. Anfangs ging es darum, „warum die einen Kühlschrank bekommen sollen, wenn wir doch selbst nichts haben“. Diese Menschen wurden dann gefragt: „Wie bekommen wir das hin?“ Wir. Gemeinsam. Das ist wichtig. So startete ein Diskurs darüber, wie man gemeinsam mit der neuen Situation umgehen möchte.

Die Rechten sprechen ja gerne von der Elite und „denen da oben“. Gleichzeitig entmündigt genau dieser Frame die Bürgerinnen und Bürger. Es ist ja nicht nur Angela Merkel der Staat, wir alle sind der Staat. Wir alle haben eine Mitverantwortung. Das gestehen die Rechten ihren Leuten, die sie wählen, ja gar nicht zu, sie missbrauchen sie im wahrsten Sinne als Stimmvieh. Das ist schon skurril auf eine Art, da fällt einem eigentlich nichts mehr ein.

Wie macht man Menschen das klar, dass sie quasi erst durch die, die sie wählen, entmündigt werden?

Das Paradoxon, das Rechte schaffen, ist ja zuerst den Frame zu setzen, „die da oben sind schuld“ und dann „wir machen euch stark“. Aber dadurch macht man sie ja schwächer als sie sind, das würde ja bedeuten, sie könnten selbst nicht stark sein, bräuchten Anführer. Man muss sie ihrer demokratischen Selbstverantwortung bewusst machen: Du selbst bist auch verantwortlich für das, was in deinem Dorf oder in diesem Land passiert.

Man muss die Dinge außerdem konstant in Relation setzen. Allein der Begriff „Kontrollverlust in Deutschland“ ist ja schon so unverhältnismäßig extrem. Solche Frames haben sicher immer eine Grundlage, zum Beispiel kriminelle Ausländer. Weil es aber eben nicht der Normalfall ist, weil Deutschland nicht in Schutt und Asche liegt, ist der Begriff Kontrollverlust hochgradig unangemessen. Auch Friedrich Merz sprach kürzlich im Fernsehen von Kontrollverlust, das ist völlig unverantwortlich, so politisch aufgeladen wie das Wort mittlerweile ist. Den letzten echten Kontrollverlust in Deutschland sahen wir im Zweiten Weltkrieg. Dieser Sprachgebrauch macht Menschen Angst.

… und Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Durch Angst werden Menschen steuerbar. Das ist ja das Kalkül hinter diesen ganzen Begriffen. Was glauben Sie, warum die AfD auf Twitter und Facebook jedes kleine Kriminaldelikt bedient? Weil sie so alte Verhaltensmuster in den Menschen wachrufen, Angst, Gefahrenabwehr, Schutz. Ich sage es noch mal: Die einzige Chance, die uns bleibt, ist, solche Dinge im Gespräch zu dekonstruieren. Die einzige Chance die uns bleibt ist, um Einstellungen zu ändern, ist und bleibt miteinander zu reden.