Wie Marcel Instagram und Facebook löschte und wieder zu sich selbst fand

Marcel löschte seine Social-Media-Accounts, weil er das Gefühl hatte, dort sein Leben zu verplempern. Seitdem geht es ihm besser. Warum das nicht zwangsläufig für alle gilt, erklärt ein Forscher. 

Wie Marcel Instagram und Facebook löschte und wieder zu sich selbst fand

"Die Hälfte meines Lebens ist vorbei, ich will lieber meine Kinder aufwachsen sehen, als auf mein Handy zu starren." Foto: Jenner VandenHoek / Unsplash | CC0

In seinem früheren Leben genügte Marcel ein Blick auf sein Smartphone, um sich bestätigt zu fühlen. Marcel heißt in Wahrheit anders, hat aber darum gebeten, für diesen Artikel anonym zu bleiben. In seiner Freizeit macht er Skatefotos. Im Schnitt einmal pro Woche lud er sie auf Instagram oder Facebook und schaute besonders in den ersten Stunden danach, was sich dort tat. Jede Benachrichtigung auf dem Homescreen gab ihm ein kleines wohliges Gefühl. Einmal teilte eine große Skateboard-Bekleidungsfirma eines seiner Fotos und sein Handy blinkte stundenlang wie verrückt. An diesem Tag bekam er fast hundertmal so viele Reaktionen wie sonst. „Es war schon eine Ehre, eine Art Bestätigung für meine Arbeit“, sagt er.

Wenn Marcel, 38, heute zu Hause auf der Couch sitzt und seine Familie schon im Bett ist, schaut er aus dem Fenster, anstatt durch Instagram und Facebook zu scrollen. Vor etwa zwei Monaten hat er sein Profil auf beiden Plattformen gelöscht. „Das tut mir sehr gut“, sagt Marcel über seinen Entschluss. „Ich habe wieder mehr zu mir selber gefunden und bin weniger abgelenkt.“ Er liest mehr, macht wieder öfter Musik und verbringt die Zeit mit Freund*innen und Familie bewusster und intensiver.

Die Hälfte meines Lebens ist vorbei, ich will lieber meine Kinder aufwachsen sehen, als auf mein Handy zu starren.

Marcel

Dazwischen lagen einige Jahre, es gab nicht den einen Moment, in dem er entschied, Social Media hinter sich zu lassen. Was hat ihn dazu veranlasst? Und ist sein Schritt einer, den wir alle gehen sollten, um zufriedener und bewusster zu leben? Gerade in Deutschland ist die Haltung populär, dass uns zu viel Zeit auf Social Media unglücklich macht. Forscher*innen wie Manfred Spitzer füllen große Säle mit ihrer These, dass digitale Medien vor allem Kinder dumm und einsam machen.

Der Medienpsychologe Tobias Dienlin, 31, von der Universität Hohenheim widerspricht. Seit etwa zwei Jahren forscht er zum Thema Wohlbefinden und soziale Medien. Vor gut einem Jahr überraschte er mit einer Studie, die zeigen konnte, dass uns soziale Medien sogar minimal glücklicher machen können.

Der Like auf Instagram – eine Pseudobestätigung?

Es kommt allerdings darauf an, wie wir sie nutzen. Dienlin und seine Kolleg*innen blickten nur auf die aktive Nutzung von Social Media, also vor allem das Chatten. Sie fanden heraus, dass solche Menschen, die online viel mit Freund*innen schrieben, diese später häufiger auch im realen Leben kontaktierten – was ihre Zufriedenheit leicht steigerte.

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Tobias Dienlin forscht an der Universität Hohenheim im Süden von Stuttgart unter anderem über die Psychologie der Privatsphäre im Internet. Foto: © Philipp Masur

Was Dienlins Meinung nach aber tatsächlich leicht negative Effekte auf die Lebenzufriedenheit hat, ist die zu starke passive Nutzung von Social Media, also das stundenlange Durchscrollen von Posts anderer. „Das fördert Neidgefühle und das Gefühl, etwas zu verpassen, beziehungsweise ein nicht so tolles Leben zu haben wie die anderen“, sagt er.

Auch Marcel nutzte Facebook in seinem letzten Jahr auf der Plattform vor allem passiv und war zunehmend genervt vom Netzwerk. Früher hatte er das Gefühl, von allen mitzubekommen, was sie machten. Jetzt waren Posts von Freund*innen die Ausnahme und es wurden ihm immer wieder dieselben Leute gezeigt. „Ich hatte mehr und mehr das Gefühl, dass es mich ablenkt.“ Zudem beginnt er, vor allem nach der Wahl in den USA, sich Gedanken darüber zu machen, welche Macht Facebook über uns hat und wie leicht es sich manipulieren lässt.

In einem Urlaub lässt er das Telefon eine Woche im Flugmodus und merkt, wie sehr er schon auf soziale Medien konditioniert ist. Der erste Griff morgens: zum Handy; schauen, was in der Nacht so passiert ist. „Ich fand es anstrengend, mich mit mir selbst zu beschäftigen“, sagt Marcel. Als er aus dem Urlaub zurückkommt, hat er zwei Bücher gelesen und ist stolz darauf. Doch nur wenige Stunden nach Urlaubsende ist sein Handy wieder im normalen Modus und Marcel zurück in seinem alten Social-Media-Leben. Zwei bis drei Stunden pro Tag verbringt er im Schnitt auf Instagram und Facebook – ein durchaus durchschnittlicher Wert.

Er macht also weiter wie zuvor und fühlt sich dennoch oft leer. Schließlich kommt er an einen Punkt, an dem er sich Zeit nimmt, über sein Leben nachzudenken. „Was bleibt davon, wenn ich den 170. Post eines Freundes gelikt habe?“, denkt er sich. Ist das nicht nur eine Art Pseudobestätigung? Er ist nun 38 Jahre alt, Vater eines dreijährigen Sohnes und einer sieben Monate alten Tochter. „Die Hälfte meines Lebens ist vorbei, ich will lieber meine Kinder aufwachsen sehen als auf mein Handy zu starren“, sagt er. Dabei beschreibt er sich nicht als einen Vater, der am Handy hängt, während die Kinder spielen. Aber die Zeit, die er vor allem in sozialen Medien verbringt, fehlt ihm, um einkaufen zu gehen oder sonstige Dinge zu erledigen.

„See you soon in real life“

Dann fasst er einen Entschluss. Facebook und Instagram sollen aus seinem Leben verschwinden. Die Berufsportale Linkedin und Xing möchte er aber behalten. Alle Jobs, die er bis jetzt hatte, wurden ihm über diese Plattform angeboten. Auch dort sammelt man Kontakte und kann Fotos und Links posten, doch für Marcel haben sie kein Suchtpotenzial. Im Schnitt ruft er sie einmal pro Woche für etwa fünf Minuten auf.

Marcel postet seinen Entschluss auf beiden Plattformen. „Wow!“ oder „krass radikaler Schritt“ lauten die Kommentare. „Ich hatte das Gefühl, dass es manchen zu weit geht, aber dass einige schonmal darüber nachgedacht hatten, etwas ähnliches zu tun“, sagt er.

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Mit diesem Foto kündigte Marcel seinen Abschied von Facebook und Instagram an. Foto: Screenshot Facebook

Am 13. August, dem ersten Tag ohne Facebook und Instagram passiert: nichts. Obwohl er sein Telefon sonst weiter normal benutzt und auch Nachrichtenapps darauf liest, sagt er: „Es war schwer, diese Ruhe auszuhalten.“ Die eingeübten Rituale sitzen. An der Haltestelle bewegen sich seine Hände automatisch zum Smartphone. Doch nach einigen Tagen fällt ihm eine Veränderung an ihm selbst auf: Er hat wieder Tagträume.

Soziale Medien sind nicht wie Kalorien, bei denen man sagen kann, wer mehr isst, nimmt zu, und wer weniger isst, nimmt ab.

Medienpsychologe Tobias Dienlin

„Mir war gar nicht klar, dass ich das nicht mehr hatte“, sagt er. Nun sitzt er teilweise auf der Couch in seinem Wohnzimmer und schaut einfach aus dem Fenster, schweift mit den Gedanken ab oder rekapituliert das am Tage Erlebte nochmal. „Ich habe wieder zu mir selbst gefunden“, sagt Marcel. „Ich werde nicht mehr abgelenkt, weil ich mich ständig auf das Vier-auf-vier-Zentimeter-Quadrat von Instagram konzentriere.“

Auch wenn Marcel die vollständige Abstinenz von Facebook und Instagram als eine Bereicherung für sein Leben empfindet – das muss nicht zwangsläufig für alle gelten. Dienlin sagt: „Soziale Medien sind nicht wie Kalorien, bei denen man sagen kann, wer mehr isst, nimmt zu, und wer weniger isst, nimmt ab.“ Die Wirkung von sozialen Medien sei wesentlich komplexer: „Während manche von der Nutzung profitieren, macht sie anderen eher zu schaffen“, sagt Dienlin.

Persönliche Treffen werden wichtiger

Unter anderem spielt das Alter eine wichtige Rolle: „Wenn jemand wie Marcel mit 38 Jahren kein Social Media mehr nutzt, hat das weniger Konsequenzen, als wenn ein*e Jugendliche*r das macht“, sagt Dienlin. Die Vernetzung untereinander, der Grundgedanke von sozialen Medien, sei in diesem Alter viel wichtiger. Zudem würde der Vergleich untereinander in jungen Jahren eine noch größere Rolle spielen. Auch die Dauer, die wir mit sozialen Medien verbringen, hat Einfluss auf unsere Zufriedenheit. Menschen, die gar keine nutzen, sind im Schnitt etwas unzufriedener als solche, die ein bis zwei Stunden am Tag mit ihnen verbringen. Personen, die Instagram und Co. mehr als diese Zeit widmen, sind dann wieder etwas unzufriedener.

Marcel bereut seine Entscheidung bis jetzt nicht, auch wenn er merkt, dass es ruhiger um ihn wird. Er hat nun keinen leicht verfügbaren Ort mehr, um seine Arbeit als Fotograf zu präsentieren, bekommt weniger mit, was alte Freund*innen in der Heimat in der Nähe von Freiburg treiben. Er hat sich nun vorgenommen, viele von ihnen persönlich zu treffen, wenn er das nächste Mal nach Hause fährt. „Von so einem Treffen kann ich dann ein Jahr zehren“, glaubt er. Dass er eines Tag zurückkommt, will er nicht ausschließen. „Ich lehne die Digitalisierung nicht ab“, sagt er. „Im Moment vermisse ich es nicht, aber sag niemals nie.“