Was unser Milchkonsum für Kühe und ihre Kälber bedeutet

Kühe, die gemeinsam mit ihren Kälbern auf der saftig grünen Almwiese grasen? Die Realität der Milchindustrie sieht oftmals anders aus. Was man wissen sollte, bevor man sich das nächste Mal Kuhmilch in den Kaffee oder das Müsli gießt.

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"Die Trennung von ihrem Kalb ist für die Kuh sehr schmerzhaft", sagt Tierärztin Marietheres Reinke. Theo leconte / Unsplash | CC0

9.000 Liter. Manchmal auch 10.000 Liter. In Ausnahmefällen sogar 12.000 Liter. So viel Milch geben Hochleistungskühe in Deutschland im Jahr. „Richtige Umsatztypen“ seien das, deren Stoffwechsel komplett auf die Milchproduktion getrimmt sei, meint Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Johannes Isselstein von der Universität Göttingen.

Wichtigstes Körperteil der Hochleistungskuh: das Euter. „Es gibt einen sehr starken züchterischen Fokus auf das perfekte Euter“, sagt Tierärztin Marietheres Reinke von der Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt. „Branchenintern bezeichnet man die Milchkühe schon fast abfällig als Kleiderständer mit Euter.“ Bedeutet: Der Körper der idealen Hochleistungskuh ist möglichst dünn, ihr Euter möglichst groß. „Das soll den Käufer*innen suggerieren: Das ist eine gute Kuh, die gibt alles von ihrem Körper in die Milch“, erklärt die Tierärztin.

Milchkühe bezeichnet man schon fast abfällig als Kleiderständer mit Euter.

Marietheres Reinke, Tierärztin

Die Milchproduktion einer Kuh hat sich seit den 1950ern fast verdreifacht

In den letzten Jahrzehnten habe sich die jährliche Milchleistung je Kuh enorm gesteigert: „1950 waren es durchschnittlich 3.700 Kilogramm Milch“, sagt Reinke: „Heute haben wir Hochleistungstiere, die zum Teil schon 10.000 Kilogramm Milch im Jahr produzieren.“ Die Expertin hält fest: „Wir haben eine enorme Milchsteigerung.“

Hinter dieser erheblichen Steigerung stünden in erster Linie wirtschaftliche Interessen, meint Agrarwissenschaftler Johannes Isselstein. „Jede Kuh verursacht natürlich auch Kosten: Man muss einen Stall bauen, man muss einen Stallplatz haben und so weiter“, sagt Isselstein. „Deswegen haben Landwirt*innen immer den Antrieb, möglichst viel Milch pro Kuh zu produzieren, weil sie so die Stückkosten reduzieren können.“

Das Leben der Milchkühe ist gezeichnet von Überzüchtung.

Marietheres Reinke, Tierärztin

Zwar sei die Hochleistungsmilchkuh perfektioniert für die Bedürfnisse der Milchindustrie, ihre eigenen Bedürfnisse stünden dabei jedoch hintenan, so Marietheres Reinke. Die Tierärztin findet: Das Bestreben, möglichst viel Milch pro Kuh zu produzieren, gehe auf Kosten der Tiere. „Die Überzüchtung der Milchkuh ist ein sehr, sehr starkes Problem“, sagt sie. Bei sehr großen Eutern sei die Beweglichkeit der Kühe deutlich eingeschränkt. Habe die Kuh ein zu großes Euter, könne sie nur mit gegrätschten Hinterläufen gehen. Hinzu kämen oftmals Klauenverletzungen, verursacht durch die Haltung auf Spaltenböden. Somit würden sich Hochleistungskühe häufig nur unter erheblichen Schmerzen fortbewegen können.

Männliche Kälber: Ein Abfallprodukt der Milchwirtschaft

Aber nicht nur die Milchkuh selbst, sondern auch ihr Nachwuchs ist von den negativen Auswirkungen des züchterischen Perfektionswahns an Milchrindern betroffen. Denn während die weiblichen Kälber zur Remontierung, das heißt zum Ersatz der Milchviehherde, verwendet würden, sei es für die Landwirt*innen schwierig, einen ökonomischen Nutzen aus den männlichen Kälbern zu ziehen, so Agrarwissenschaftler Isselstein. In den letzten Jahren hätten Landwirt*innen große Schwierigkeiten gehabt, ihre männlichen Kälber zu verkaufen: „Weil die kein*e Mäster*in haben wollte.“

Auch Branchenaussteiger Jan Gerdes berichtet, dass männliche Kälber für den*die Landwirt*in oftmals ein Verlustgeschäft bedeuten. Der ehemalige Milchbauer erklärt: Bevor ein Kalb zur Mast verkauft werden könne, müsse es der*die Bäuer*in die ersten 14 Tage versorgen. Das verursache Kosten: „So ein Kalb braucht in den ersten 14 Tagen etwa zehn Liter Milch am Tag. Das wären dann, grob gerechnet, 140 Liter Milch. So, die kosten natürlich.“

Gerdes hält fest: „Man ist schnell bei über 100 Euro, die so ein Kalb an Kosten verursacht.“ Kosten, die der*die Landwirt*in beim Verkauf des Kalbes nicht wieder reinbekäme: „Die Bäuer*innen bekommen, wenn sie ganz schlechte Zeiten erwischen, nur zehn Euro für ein Kalb. Das heißt: pro Kalb ein Verlust von 90 Euro.“

Die Bäuer*innen bekommen, wenn sie ganz schlechte Zeiten erwischen, nur zehn Euro für ein Kalb.

Jan Gerdes, ehemaliger Milchbauer

Diese Ramschpreise für männliche Kälber wirken sich massiv auf das Wohlergehen der Tiere aus: „Manche Landwirt*innen versorgen ein männliches Kalb erst gar nicht, sondern lassen es sterben“, sagt Branchenaussteiger Jan Gerdes: „Die Kälber landen dann irgendwo in der Gülle.“ Gerdes ist überzeugt: „Das passiert extrem häufig.“ In den letzten Jahren habe es mehrfach Skandale gegeben, weil öffentlich wurde, dass Landwirt*innen männliche Kälber unmittelbar nach der Geburt getötet hätten, berichtet auch Johannes Isselstein: „Weil sie die nicht mehr verwerten konnten und auch kein Geld dafür bekommen haben.“

Milchkühe und ihre Kälber sind ungeeignet für die Fleischindustrie

Warum bekommen Landwirt*innen für ihre männlichen Kälber kein Geld? „Die männlichen Tiere sind für die Mast im Grunde gar nicht geeignet“, erklärt Jan Gerdes. „Die fressen im Laufe ihres Lebens, bis sie geschlachtet werden, viel zu viel und machen zu viele Unkosten.“ Der ehemalige Milchbauer sagt: „Das Geld, was man da reinsteckt, kriegt man so gut wie gar nicht mehr raus.“

Eine Folge der Überzüchtung und zunehmenden Spezialisierung der Tiere. Vor der Industrialisierung der Nutztierhaltung seien Rinder gleichermaßen für die Milch- wie auch für die Fleischproduktion geeignet gewesen, erläutert Johannes Isselstein. „Dann haben sich mit der Industrialisierung der Nutztierhaltung Spezialisierungen ergeben“, so der Agrarwissenschaftler. Heute gebe es einerseits die sogenannten Fleischrinder. Diese seien perfektioniert für die Fleischerzeugung: „Die Fleischrinder sind kräftig und haben dicke Muskelpakete.“

Andererseits gebe es die sogenannten Milchrassen, spezialisiert auf die Milcherzeugung. Diese Tiere würden zwar unglaublich viel Milch geben, seien aber nicht besonders gut für die Fleischerzeugung geeignet, so Isselstein: „Die Bemuskelung ist nicht so, wie man sich das für die Fleischerzeugung wünschen würde.“ Isselstein erklärt: „Was wir als Fleisch ernten, ist im Wesentlichen Muskelfleisch.“ Und genau von dem haben Milchkühe nicht viel. „Das sind ganz klapprige Tiere, die kein Gramm ansetzen“, so Isselstein.

Lässt sich dieses Dilemma lösen? Ja, sagt Isselstein. „Es gibt da einen Ausweg“, betont der Agrarwissenschaftler. „Manche Landwirt*innen – das ist eigentlich ganz vernünftig – paaren ihre Hochleistungskühe mit Bullen von Fleischrassen.“ Das Ergebnis: „Die Kälber sind Kreuzungen aus Milch- und Fleischrassen und erreichen dann deutlich bessere Mastleistungen als reinrassige Kälber des Milchtyps.“

Eine gute Lösung? Aus ökonomischer Sicht ja: Die Landwirt*innen machen keinen Verlust mit ihren männlichen Kälbern. Aus Tierschutzsicht? Nur bedingt. Zwar würden die Kälber nicht mehr unmittelbar nach ihrer Geburt getötet, aber lägen dennoch weiterhin deutlich vor ihrer natürlichen Lebenserwartung, betont Branchenaussteiger Jan Gerdes: „So ein Rind kann ohne Probleme 16, 17 Jahre alt werden. Viele Rinder können auch 20, 30 Jahre alt werden.“ Das Leben eines männlichen Kalbs in der Nutztierhaltung endet dagegen schon nach wenigen Monaten – das Kalb ist bei seiner Schlachtung in der Regel kein Jahr alt.

Mutterkuh und Kalb werden meist schon am Tag der Geburt voneinander getrennt

Ein Kälberleben sei ohnehin kein besonders glückliches, betont auch Marietheres Reinke von der Albert-Schweitzer-Stiftung: Denn das Leben eines Kalbes beginne in aller Regel mit der Trennung von der Mutter. „Es geht jetzt sogar schon so weit , dass das Kalb direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt und einzeln aufgestallt wird“, berichtet die Tierärztin.

Die Trennung von ihrem Kalb ist für die Kuh sehr schmerzhaft.

Marietheres Reinke, Tierärztin

Warum diese frühe Trennung? „Rein betriebswirtschaftlich gesehen muss das Kalb so schnell wie möglich von der Mutter weg“, erklärt der ehemalige Milchbauer Jan Gerdes, „damit man die Milch vermarkten kann.“ Würde das Kalb bei der Mutter bleiben, würde es zu viel von der Milch trinken, die der*die Landwirt*in verkaufen möchte.

„Die Trennung von ihrem Kalb ist für die Kuh sehr schmerzhaft“, sagt Reinke. „Mental ist diese Trennung natürlich eine enorme Belastung – gerade wenn es sich um eine junge Kuh handelt, die das erste Mal durch diesen Prozess geht, dass ihr das Kalb weggenommen wird.“ Jan Gerdes erinnert sich an die Nächte, in denen seine Milchkühe nach ihren Kälbern riefen: „Die können so laut schreien – das kann man kilometerweit hören.“ Auch Tierärztin Marietheres Reinke weiß von den Rufen der Mutterkühe nach ihren Kälbern: „Immer wieder höre ich von Milchkuhhalter*innen, dass man bei der Züchtung von Milchkühen bitte weniger Mütterlichkeit in den Vordergrund stellen soll, damit ihre Rufe leiser werden.“

Aber nicht nur für die Mutterkuh, auch für das Kalb sei die Trennung belastend, so Branchenaussteiger Jan Gerdes: „Für das Kalb, das wenige Minuten nach Geburt der Mutter weggenommen wird, ist das Leben eine Hölle.“ Das Kalb würde überall in seiner Umgebung nuckeln, an jedem Finger und jeder Metallstange. Was von außen niedlich aussehe, sei für das Kalb pure Verzweiflung – es suche vergeblich nach dem Euter seiner Mutter.

Die muttergebundene Kälberaufzucht: Eine Alternative?

Für Gerdes kostete es immer mehr Überwindung, die Trennung von Mutterkuh und Kalb durchzuführen: „Irgendwann habe ich beschlossen: Das Kalb soll bei der Mutter Milch haben.“ Zu dieser Zeit hatte Gerdes seinen Betrieb bereits auf Bio umgestellt. Ihm war am Wohl der Tiere gelegen. „Als Biobauer hat man ja den Anspruch, dass die Tiere glücklich sind und artgerecht gehalten werden“, erinnert er sich. Teil dieser Bestrebungen hin zu einer tierfreundlicheren Milchwirtschaft war die Umstellung auf eine muttergebundene Kälberaufzucht.

„Normalerweise ist es in der Landwirtschaft so: Das Kalb wird der Mutter weggenommen und bekommt dann zwei, drei Mal am Tag eine Portion Milch aus der Flasche“, sagt Gerdes. Seine Kälber sollten es nun anders, besser haben: Seine Kälber blieben bei ihren Müttern und konnten, wann immer sie wollten, ein paar Schlucke warme Milch direkt von der Mutter trinken. „Das ist eine viel gesündere Geschichte, viele kleine Portionen über den Tag verteilt als zu bestimmten Zeiten große Portionen“, meint Gerdes.

Je länger man damit wartet, Kuh und Kalb zu trennen, desto schlimmer wird es.

Jan Gerdes, ehemaliger Milchbauer

Und doch konnte er mit der neuen Form der Kälberaufzucht das zentrale Problem der Trennung von Mutterkuh und Kalb nicht lösen. Am Ende, wenn auch später als in der regulären Aufzucht, musste Gerdes die beiden Tiere trennen. „Weil ich ja die Milch der Mutter haben wollte“, erklärt Gerdes. Und die lasse sich nun mal übers Melken besser vermarkten als über den Magen des Kalbes.

Die spätere Trennung von Mutterkuh und Kalb, die als emotionale Entlastung für ihn und die Tiere gedacht war, erwies sich für Gerdes als noch belastender als die unmittelbare Trennung nach der Geburt: „Wenn man erst einmal bemerkt, dass die beiden sich kennen, dann ist eine Trennung so was von brutal“, sagt Gerdes. Er zieht das Fazit: „Je länger man damit wartet, Kuh und Kalb zu trennen, desto schlimmer wird es. Und lauter.“

Auch Tierärztin Marietheres Reinke ist der Meinung: „Je länger das Kalb bei der Mutter bleibt, desto stärker ist dann natürlich auch das Gefühl des Kalbes, dass die Mutter fehlt.“ Ohnehin seien die paar Wochen, die Mutter und Kalb in der muttergebundenen Kälberaufzucht gemeinsam hätten, verglichen mit der natürlichen Mutter-Kind-Beziehung bei Rindern ein Tropfen auf den heißen Stein. Unter naturnahen Bedingungen halte die Beziehung zwischen Mutterkuh und Kalb oftmals viele Jahre an: „Das geht bis ins hohe Erwachsenenalter, dass die Mütter ihre ausgewachsenen Kälber pflegen, umsorgen und umhegen.“ Die muttergebundene Kälberaufzucht versuche ein Dilemma zu lösen, das aus Sicht der Tierärztin eigentlich nicht lösbar sei.

Wie sollen wir in Zukunft Milch produzieren?

Extensiv. Das heißt: Weniger Intensiv. Mit Kühen auf der Weide. Auf dem Grünland. So sieht es Agrarwissenschaftler Johannes Isselstein. Derzeit hätten noch zu wenig Kühe Zugang zu Grünland. Auf der Webseite der Albert-Schweitzer-Stiftung ist zu lesen: „Laut Statistischem Bundesamt erhalten nur knapp 42 Prozent aller Milchkühe Zugang zu einer Weide, häufig nur in den Sommermonaten (Stand 2010).“ Isselstein meint: „Ziel ist es, die Kuh wieder auf das Grünland zurückholen.“

„Der Weidegang ist für Kühe ein Haltungssystem, das den natürlichen Bedürfnissen der Tiere sehr nahe kommt“, sagt Isselstein. „Kühe sind von Haus aus Graser und nicht dafür gemacht, Futter aus einem Trog zu fressen.“ Tierärztin Marietheres Reinke bestätigt: Eine Kuh fräße natürlicherweise im langsamen, gemächlichem Vorwärtsschritt und nicht im Stehen an einem Futtertisch.

Kühe sind von Haus aus Graser und nicht dafür gemacht, Futter aus einem Trog zu fressen.

Marietheres Reinke, Tierärztin

Aber nicht nur wie die Kühe auf der Weide fressen, ist besser als im Stall, sondern auch was sie fressen: Gras. Reines Gras. Dem Futter, der sogenannten Silage, die die Kühe im Stall zu sich nähmen, seien dagegen oftmals allerhand Kraftfuttermittel wie Soja und Getreide beigemischt, berichtet Isselstein.

Diese proteinreichen Kraftfuttermittel, die der Leistungssteigerung dienen sollen, entsprechen in keiner Weise der natürlichen Ernährung eines Rindes. „Gräser, Pflanzenstängel und Blätter sind ursprünglich die Hauptnahrungsquelle für Kühe“, meint auch die Albert-Schweitzer-Stiftung auf ihrer Webseite. Dahin müsse man wieder zurück, findet Isselstein. Das wäre nicht nur gesünder für die Tiere, sondern mache auch volkswirtschaftlich Sinn, so der Agrarwissenschaftler.

Weidehaltung ökologisch von Vorteil

Denn Kraftfuttermittel wie Soja und Getreide seien „Futtermittel, die wir im Prinzip selber essen könnten“, so Isselstein. Es habe keinen Sinn, auf den Ackerflächen Ressourcen anzubauen, die wir auch selber essen könnten, um diese dann an die Kühe zu verfüttern, findet der Experte. „Volkswirtschaftlich gesprochen wäre eine Landwirtschaft vernünftig, die die Kühe weitgehend mit den Ressourcen versorgt, die wir nicht nutzen können, und den Acker für die Erzeugung von Lebensmitteln nutzt, die wir direkt verwerten können.“

Auch für die Umwelt sei eine weitgehende Fütterung auf der Weide, dem Grasland, von Vorteil, meint Johannes Isselstein. Denn: „Das Grünland trägt einen großen Teil der ökologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft.“ Zum Beispiel habe das Grünland „eine ganz spezifische und sehr artenreiche Insektenfauna“, meint der Agrarwissenschaftler.

Außerdem sei das Grünland gut fürs Klima, so Isselstein: „Das CO2-Bindungsvermögen des Bodens unter dem Grünland ist etwa doppelt so hoch wie unter dem Ackerland.“ Isselstein sagt: „Das Grünland trägt dazu bei, dass wir in der Klimabilanz ein bisschen besser dastehen.“ Und es brauche die Kühe, um das ökologisch so wertvolle Grünland zu erhalten: „Wenn wir die Nutzung des Grünlandes aufgeben würden, dann würde sich die Vegetation ändern.“ Ohne Kühe würde das Grünland verbuschen und verwalden.

Ist die Weidehaltung also die Zukunft der Milchwirtschaft? Ökonomisch und ökologisch sicherlich. Für die Tiere? Marietheres Reinke hat da Zweifel. Zwar würden tierfreundlichere Haltungsbedingungen zu einer Leidminderung führen. Aber auch Milchkühe aus alternativen Haltungsformen würden meist deutlich vor ihrer natürlichen Lebenserwartung geschlachtet. „Die Lebensdauer von Kühen ist sehr kurz“, sagt Reinke: In Deutschland würden Milchkühe circa 5,3 bis 5,4 Jahre alt werden. Das entspreche zwei bis drei Laktationen beziehungsweise zwei bis drei Geburten. „Dann werden die Tiere meistens aufgrund von verschiedenen Erkrankungen zum Schlachten abtransportiert“, so Reinke.

Unter den hiesigen wirtschaftlichen Bedingungen gibt es aus meiner Sicht keine Milchproduktion, die frei von Tierleid ist.

Marietheres Reinke, Tierärztin

Die Tierärztin lehnt jegliche Form der Tierhaltung ab, bei der die Produktgewinnung und Tötung der Tiere im Vordergrund steht: „In England gibt es einen einzigen kleinen Betrieb, der Milch erzeugt, ohne dass die Tiere getötet werden“, erzählt sie. Ein Konzept für weitere Betriebe? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein wirtschaftlich tragbares Konstrukt ist.“ Reinke kommt zu dem Schluss: „Unter den hiesigen wirtschaftlichen Bedingungen, dem Wettbewerb, gibt es aus meiner Sicht keine Milchproduktion, die frei von Tierleid ist.“

Und Jan Gerdes, der Branchenaussteiger: Kann er sich eine Milchproduktion ohne Tierleid vorstellen? „Ich lehne mittlerweile jegliche Nutzung und Züchtung von Tieren ab“, sagt Gerdes. Seinen Hof, den Hof Butenland, hat er gemeinsam mit seiner Partnerin in ein Kuhaltenheim für von der Milchindustrie ausrangierte Tiere umgewandelt. „Wir versuchen, den Tieren noch etwas zurückzugeben, ihnen noch einen schönen Lebensabend zu geben“, erzählt er und fügt hinzu: „Und gleichzeitig wäre es mir lieber, die Tiere würde es gar nicht geben, weil die Gesellschaft auf das Züchten von Tieren verzichten würde.“ Dann bräuchte es die Arbeit, die seine Partnerin und er tun, erst gar nicht.

„Und überhaupt“, fragt er, „wer braucht denn Milch? Welches erwachsene Lebewesen braucht denn Milch?“