Mattis, 17 – „Ich wollte nie ein Scheidungskind sein“

Der 17-jährige Mattis ist durch die Trennung seiner Eltern früh selbstständig geworden und möchte später unbedingt Vater sein – aber seine Kinder lieber adoptieren.

In der Serie Youthhood porträtieren wir junge Menschen zwischen 17 und 20 Jahren. Sie erzählen bei ze.tt, wovor sie Angst haben, wie ihr erster Kuss war, wie sie arbeiten wollen und was für sie Familie bedeutet. Wir wollen wissen, wie es ihnen geht.

Ralf_Obergfell_Youthhood_ze.tt_Mattis_Burkert14
Foto: © Ralf Obergfell

Steckbrief

Name: Mattis Burkert
Alter: 17
Schule: Merian Oberschule
Geburtsort: Berlin
Wohnort: Berlin-Friedrichshagen
Gender: männlich

ze.tt: Mattis, wie bist du aufgewachsen?

Mattis: Meine frühe Kindheit verbrachte ich mit meinen Eltern und meiner Schwester im Kleinfamilienstil in Hamburg: Draußen alles erforschen, zanken und toben mit meiner Schwester und geborgene Momente mit meiner Mutter und meinem Vater. Nachdem wir nach Berlin zurückgezogen waren, wurde ich mit acht Jahren zu einem Scheidungskind und meine Familie entwickelte sich durch neue Partner meiner Eltern schnell zu einer großen Patchworkfamily. Ich hatte nun fünf Schwestern und pendelte zwischen meinen Eltern am Ostrand von Berlin hin und her.

Nach der Scheidung meiner Eltern stand ich zwei unterschiedlichen Welten gegenüber: Auf der einen Seite ein alternativer und naturbewusster Lifestyle und eine für mich neue Verantwortung als großer Bruder bei meiner Mutter und auf der anderen Seite ein technologie- und naturwissenschaftsorientiertes Leben bei meinem Vater.

Ich wollte nie ein Scheidungskind sein, aber ich habe nie bedauert, dass ich eines bin.

Mattis, 17

Ich bekam  von beiden Seiten komplett unterschiedliche Ansichten zu hören und distanzierte mich, um meinen eigenen Weg zu finden. Die enormen Unterschiede zwischen meinem wöchentlich wechselnden zu Hause machten das nicht leicht für mich und ich habe mich oft verschlossen. Ich wollte nie ein Scheidungskind sein, aber ich habe nie bedauert, dass ich eines bin. Es ist ein Teil von mir und ohne diese Umstände wäre ich nicht ich.

Mit meiner Mutter habe ich heute eine sehr gute Beziehung. Mit meinem Vater ist mir das leider nicht gelungen. Er ist vor einigen Jahren ans andere Ende von Berlin gezogen und momentan habe ich gar keinen Kontakt mit ihm. Es ist eine schwierige Situation, in der sich meine drei Jahre ältere Schwester auch wiederfindet. Wir beide entwickelten uns aufgrund der Scheidung unserer Eltern schnell von Kampfhähnen zu einem Geschwisterpaar, das sich gegenseitig respektiert und vertraut. Wir haben eine besondere Beziehung zueinander.

Außerdem auf ze.tt: Diese Fotos zeigen die besondere Dynamik zwischen Schwestern

In welchen Momenten legst du dein Handy beiseite?

Nachdem ich mein erstes Handy mit 13 bekommen hatte, hing ich unglaublich viel davor. Ich habe schnell realisiert, wie viel Zeit das ganze frisst und und wie unsozial es mich macht. Heute bin ich ich nicht mehr besonders handyaffin und in keinem sozialen Netzwerk angemeldet. Ich hatte lange ein Tastenhandy, da mir all die überflüssigen Funktionen auf dem Smartphone und der damit verbundene Stress auf die Nerven gingen. Leider habe ich dadurch den Kontakt zu einigen Freunden verloren, die lieber schreiben als telefonieren.

Ich hatte lange ein Tastenhandy, da mir all die überflüssigen Funktionen auf dem Smartphone und der damit verbundene Stress auf die Nerven gingen.

Mattis, 17

Ich bin der Meinung, die Politik sollte für einen angemesseneren Umgang mit modernen Medien sorgen. Solange das noch dauert, sollten wir bei uns selbst anfangen. Ich weise die Leute, die immer am Handy daddeln, darauf hin und versuche, sie zum Nachdenken zu bringen. 

Wie siehst du die Welt 2050?

Ich glaube, die Welt wird in 30 Jahren nicht sehr gut aussehen. Ich glaube, es wird erst einmal bergab gehen. Damit sich wirklich etwas verändert, müssen die Menschen meiner Meinung nach eine Katastrophe erleben. Beispielsweise die ersten überfluteten Großstädte oder weltweite Hungerkrisen, bis die Weltpolitik wirklich etwas gegen den Klimawandel unternimmt. Wir Menschen sind einfach zu ignorant.  Abgesehen davon, dass wir immer denken, dass es niemals uns selbst betreffen wird. Sodass wir eine Katastrophe brauchen, die uns vor Augen führt, wie schlimm die derzeitige Situation wirklich ist und was für schwere Folgen unsere Taten haben.

Ich hoffe, dass wir uns dann zu einer sozialeren Gesellschaft entwickeln, weil das unseren menschlichen Grundsätzen entspricht und wir alleine unglücklich werden. Ich hoffe, dass dies 2050 in der Politik mehr zu sehen ist. Ein Anfang könnte die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens sein. Vielleicht kommen wir sogar weg vom Kapitalismus und damit verbundener Ausbeutung und probieren ein nachhaltigeres und gerechteres System. Die Entwicklung in den nächsten Jahren wird auf jeden Fall sehr spannend und ich freue mich darauf, so gut es geht daran mitzuwirken.

Ab wann sind Menschen für dich alt?

Die Perspektive von Kindern sowie die Sicht von Erwachsenen helfen mir dabei, mein Bild vom Leben und der Welt zu vervollständigen. Mit manchen 60-Jährigen kann ich mich stundenlang unterhalten und andere gehen mir nach zwei Minuten auf die Nerven. Ich habe es immer als gesellschaftliche Norm gesehen, älteren Menschen mit Respekt zu begegnen. Ich glaube, das hat sich verändert. Mit älteren Menschen zu sprechen, war der beste Weg, sich zu bilden und zu informieren. 

Heute hat das Internet diese Rolle übernommen. Viele Jüngere schauen sich direkt Videos an, um an Wissen zu kommen, statt sich mit Älteren auseinanderzusetzen. Auf diese Weise können sie sich das Respekt-erweisen sparen und die Beziehung zwischen den einzelnen Generationen leidet. 

Wovor hast du Angst?

Ich bin mir keiner rationalen Angst bewusst. Da ich ein sehr logisch denkender Mensch bin, versuche ich alles zu hinterfragen und zu verstehen. Bei diesem Prozess sind bei mir Ängste abhanden gekommen. Ich hatte zum Beispiel mal Höhenangst, doch konnte die durch physikalisches Verständnis ablegen. 

Das Einzige was übrig bleiben könnte, wäre das Ungewisse. Wohin wird es mich treiben? Wie wird sich die Welt um mich herum verändern? Wie gehe ich mit dem Tod um? Das sind Fragen, die mich beschäftigen, doch ich sehe das Ungewisse das eher als Herausforderung und potenzielle Freude. 

Was gibt dir Hoffnung?

Ich möchte mein Abitur gut meistern, sodass mir danach alle Türen offen stehen. Ich habe vor drei Monaten angefangen zu kellnern, um etwas Geld zu sparen, um bald in eine Wohnung oder ein WG-Zimmer zu ziehen. Ich bin bereits seit fünf Monaten auf der Suche, aber weil ich erst 17 bin, gestaltet sich das schwerer als gedacht. Ich habe keinen Druck, von zu Hause wegzuziehen, sondern will das Ganze aus Lust auf die Erfahrung und die Selbstständigkeit machen. 

Neben der Schule bringe ich mir viel selbst bei: Gitarre spielen, Singen oder Spanisch und Französisch lernen. Außerdem zeichne ich, komponiere, programmiere, schneide Filme und nähe und schreibe Poetry Slams und Kurzgeschichten. Ich will mit Interrail in den nächsten Sommerferien durch Europa reisen und mich auf Stipendien für internationale Universitäten bewerben.

Wie gehst du mit Einsamkeit um?

Ich hatte nur einige Situationen während meines Auslandsjahres in den USA, in denen ich mich einsam gefühlt habe. Als ich zum Beispiel zu Weihnachten meiner Familie in Deutschland per Video beim Festessen zusah und selber aber alleine in meinem Zimmer saß, da in meiner Gastfamilie nicht wirklich Weihnachten gefeiert wurde. Ich lege keinen besonderen Wert auf Traditionen, aber in solchen Momenten habe ich realisiert, wie wichtig das heimische und vor allem familiäre Gefühl ist.

Wie möchtest du arbeiten?

Durch ein Praktikum bei Rewe habe ich gelernt, wie schnell arbeiten monoton und langweilig werden kann. Ich möchte gerne möglichst selbstbestimmt und kreativ arbeiten und mich selbst organisieren, um dies zu vermeiden. 

Ich finde es schade, dass Arbeit so negativ besetzt ist, da sie eine so zentrale Rolle in unserem Leben spielt. Momentan arbeite ich als Kellner in einem vietnamesischen Restaurant und es macht mir wirklich sehr viel Spaß, mit den verschiedensten Gästen umzugehen und in einem kleinen Team zu arbeiten. Nebenbei arbeite ich ab und zu als Komparse am Set, was immer wieder unglaublich viel Spaß macht und ich gehe gelegentlich babysitten und gebe Nachhilfe. 

Durch ein Praktikum bei Rewe habe ich gelernt, wie schnell arbeiten monoton und langweilig werden kann.

Mattis, 17

Momentan würde ich gerne Mathe und Physik, Chemie und Neurologie und Psychologie und Informatik studieren. Zum Glück habe ich noch etwas Zeit, um mich zu entscheiden. Ein Traum von mir ist es, in einem Team zu forschen oder als Dozent mit Studierenden zu experimentieren und zu arbeiten. 

Was setzt dich unter Druck?

Momentan sehr Vieles. Ich denke oft an die Zukunft und plane sehr viele Projekte. Ich bin dem Gedanken verfallen, dass ich in meiner momentanen Lebensphase den Grundstein für mein späteres Leben lege. Daher möchte ich so viel wie möglich ausprobieren und erlernen, um breit aufgestellt zu sein. Ich bin bemüht, alles, was mir zur Verfügung steht, aufzusaugen und zu speichern. Nebenbei versuche ich, einen Sinn hinter alledem zu finden und trotzdem eine schöne Zeit zu haben, da ich nur diese eine Jugend habe. 

Ich weiß, dass ich mir diesen ganzen Stress selbst mache und er daher kommt, dass ich mir zu viel vornehme und zu hohe Erwartungen an mich habe. Um runterzukommen, gehe ich im Wald spazieren, lese fesselnde Bücher oder meditiere. 

Wie war dein erster Kuss?

Tatsächlich nichts besonders. Mir fällt es eher schwer genau festzulegen, was mein erster Kuss war: Mit 6 mit meiner ersten „Freundin“ in der Vorschule? Oder die ersten peinlichen Küsse in der Grundschule? Keine Ahnung.

Was bedeutet für dich Familie?

Familie sind für mich die Menschen, die mich kennen, akzeptieren und wertschätzen – genau so, wie ich bin. Die tatsächliche Verwandtschaft spielt dabei für mich keine Rolle. Ich habe einige Freunde mit denen ich aufgewachsen bin, die ich als unverzichtbaren Teil meiner Familie bezeichnen würde. Ich möchte irgendwann eine eigene Familie mit meinem Partner gründen. Momentan denke ich, dass ich keine eigenen Kinder zeugen werde, sondern eher welche adoptiere. Es macht für mich keinen Unterschied, ob meine Kinder von mir sind oder nicht, da ich glaube, dass Liebe nicht genetisch ist.

Ein Kind aufzuziehen gehört für mich zum Leben dazu.

Mattis, 17

Ein Kind aufzuziehen gehört für mich zum Leben dazu und ich freue mich darauf, irgendwann mein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Das ist etwas, das Familie schon immer ausgemacht hat: voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam wachsen.

In welchen Momenten fühlst du dich nicht ernst genommen?

Es passiert mir selten, dass ich das Gefühl habe nicht ernst genommen zu werden. Abgesehen vielleicht  von meinen kleinen Schwestern, wenn sie mich nicht verstehen wollen oder wenn ich Freunden von meinen Zukunftsplänen erzähle: wenn ich über das Aussteigen aus unserer Gesellschaft spreche, das Gründen einer kleinen unabhängigen Gesellschaft, über ein sich selbst versorgendes Mehrgenerationenhaus, abgeschieden von allem, oder die Organisation einer Demonstration.

Wann hast du dich das letzte Mal so richtig glücklich gefühlt?

Als ich vor ein paar Monaten aus Minnesota in Amerika zurückkam. Anstelle von Weltoffenheit fand ich bei meiner Gastfamilie nationales Denken. Umso mehr bewegte es mich, meine Freunde in Berlin wiederzusehen, Geschichten zu erzählen und durch die Stadt zu fahren. Kurz nach meiner Ankunft bin ich mit ihnen in den Urlaub nach Brandenburg an einen kleinen See gefahren. Ich war die ganze Woche einfach nur glücklich und genoss es sehr, endlich meine Gruppe wieder um mich zu haben und sie neu kennenzulernen.


Teil 1: Sebastian, 19 – „Manchmal fühle ich mich einsam, wenn ich auf einer Party bin“
Teil 2: Feline, 17 – „Über meinen ersten Kuss habe ich mir viel zu viele Gedanken gemacht“
Teil 3: Evan, 18 – „Ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht available bin“
Teil 4: Pauline, 17 – „Alle zwei Tage höre ich dumme Kommentare von Männern“
Teil 5: Felix, 20 – „Ich bin mal im Kleid zu einer Familienfeier gegangen und war barfuß in der Schule“
Teil 6: Nesrien, 19 – „Mein größter Traum ist es, eine eigene Strandbar im Süden zu eröffnen“
Teil 8: Lilli, 19 – „Ich finde es schlimm, dass in Berlin so viel Kiez zerstört wird“