Mauscheln, Mischpoke, Semit*innen: Wie judenfeindlich ist unsere Sprache?

Die deutsche Sprache enthält viele jiddische Slangwörter wie „mauscheln“ oder „Mischpoke“. Einige davon sollten wir besser nicht verwenden, sagt Autor Ronen Steinke. Ein Interview

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Mischpoke, mauscheln, Ische – die deutsche Sprache ist gespickt mit antisemitischen Begriffen. Autor Ronen Steinke hat sie untersucht. Foto: © Markus Schreiber / AP Photo

Antisemitismus äußert sich nicht nur in Taten wie der Attacke auf die Synagoge in Halle vergangenes Jahr oder dem Angriff auf einen jüdischen Studenten am vergangenen Wochenende in Hamburg. Auch unsere Sprache ist von judenfeindlichen Wörtern durchzogen – die wir häufig verwenden, ohne dass uns deren antisemitische Bedeutung bewusst ist.

Der Journalist und Autor Ronen Steinke veröffentlichte im September sein Essay Antisemitismus in der Sprache beim Duden-Verlag. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum vielen die Bezeichnungen „Jude“ oder „Jüdin“ so schwer über die Lippen kommen und warum wir Begriffe wie „mauscheln“ oder „Mischpoke“ besser nicht verwenden sollten.

ze.tt: Ronen Steinke, Sie beginnen Ihr Buch mit den folgenden Worten: „Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, jüdisch, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jude, Jüdin, Jude“. Warum fällt es uns so schwer, das Wort auszusprechen?

Ronen Steinke: Wenn Leute das Wort „Jude“ nicht über die Lippen bekommen, kann das ein Zeichen für eine hohe Sensibilität für das Thema sein. In dem Wort „Jude“ haben sich über Jahrhunderte Vorurteile und Stereotype angereichert. Nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern buchstäblich in dem Wort selbst hat sich etwas abgelagert. Schon im 19. Jahrhundert wurde „Jude“ als Negativwort ganz losgelöst von realer jüdischer Religion oder Herkunft verwendet. In Grimms Wörterbuch von 1877 steht etwa, dass das Wort „Jude“ in Ostfriesland auch für eine fleischlose Mahlzeit verwendet wurde, was damals als Zeichen von Armut galt. Solche sprachlichen Praktiken waren natürlich Folge gesellschaftlicher Diskriminierung – aber auch ihr Instrument.

In jüdischen Filmen, beispielsweise dem Kurzfilm Masel Tov Cocktail, wird sich immer wieder über nicht-jüdische Deutsche lustig gemacht, die das Wort „Jude“ nicht aussprechen können. Nach dem Motto: „Macht euch doch mal locker.“ Können Sie Menschen verstehen, die das Wort meiden?

Ich finde es erst mal nicht verurteilenswert, wenn jemandem der Klang der eigenen Stimme nicht gefällt, wenn er*sie das Wort „Jude“ ausspricht. Ich wünschte, mehr Menschen würden sich in dieser Form kritisch hinterfragen. Das ist ja geradezu das Gegenstück zu den Leuten, die bis heute „Jude“ als Schimpfwort verwenden. Die habe ich auch vor Augen. Ich kann mich beispielsweise daran erinnern, dass es während meines Zivildienstes einen schiefen Kickertisch gab, der die Spielergebnisse verfälschte. Der wurde der “jüdische Tisch” genannt. Oder an einen meiner Kommiliton*innen, der einen Fußballspieler der Nationalelf bei einem Spiel als “der Jude” beschimpfte, als dieser einen Fehler machte.

Ich kenne auch in der jüdischen Community genügend Leute, die Schwierigkeiten haben, das Wort auszusprechen. Viele ältere jüdische Menschen vermeiden es. Sie verwenden stattdessen das Adjektiv „jüdisch“, das weniger negativ behaftet ist. Charlotte Knobloch macht das zum Beispiel, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in München. Als Kind musste sie sich vor den Nazis verstecken. Dass „Jude“ ein Schimpfwort war, geht ihr nicht aus dem Kopf. Was heißt das jetzt? Sollen wir Nachgeborene hergehen und das unlocker finden und Frau Knobloch zurufen: Entspann dich! – Ernsthaft?

Äußert sich Antisemitismus heutzutage nicht meistens viel subtiler, als jemanden als „Jude“ zu beschimpfen?

Ja, Antisemitismus wird heute meist verschleiert und codiert, zum Beispiel in Formeln wie „die internationale Finanzelite“ oder „Ostküste“. Aber diese Wörter an sich sind nicht vergiftet. Da kommt der antisemitische Unterton eher aus dem Kontext. Ich bin Autor und arbeite mit der deutschen Sprache. Dabei stoße ich immer wieder auf Wörter, denen eine Erniedrigung, eine angereicherte Giftigkeit, immanent ist. Das interessiert mich viel mehr. Vielen Menschen, die diese Wörter verwenden, ist diese Ebene überhaupt nicht bewusst.

In Ihrem Buch untersuchen Sie insbesondere jiddische Begriffe, die im Deutschen auf eine problematische Art und Weise verwendet werden. Können Sie ein Beispiel nennen?

„Mauscheln“ ist ein interessanter Fall. Heute ist das ein in den Medien gängiges Wort für korruptes, heimliches Absprechen. „Mauschelei bei der Bankenfusion“, könnte eine Schlagzeile lauten. Dabei muss man wissen: Mauschel ist die jiddische Form des jüdischen Vornamens Moses. Im 17. Jahrhundert bürgerte es sich ein, dass man Mauschel als Spottnamen für arme Juden, für Lumpensammler verwendete. Mauschel wurde zum Übernamen – vergleichbar mit Ali als Übername für Menschen mit türkischen Wurzeln. Aus Mauschel wurde ein Verb, „mauscheln“, was im Grunde abfällig gemeint war und bedeutete: reden wie ein Jude. Heutige Journalist*innen wissen das womöglich nicht, wenn sie das Wort in ihrer Schlagzeile verwenden. Aber eigentlich verbietet sich das Wort.

Sie schreiben, dass es auch ein „gutes“ Jiddisch gibt. Was meinen Sie damit?

Es gibt sogar ein ausgezeichnetes Jiddisch. Es gibt viele jiddische Ausdrücke, die heute im Deutschen verwendet werden. Zum Beispiel Schlamassel, Tacheles, schmusen, Chuzpe. Viele Begriffe haben einfach einen schöneren Klang als die deutschen Pendants, bedeuten aber dasselbe. „Meschugge“ ist so ein hervorragendes Wort. Es klingt einfach besser als „verrückt“, dieser deutsche Konsonantensalat. Ein Wort aus diesem ästhetischen Grund zu entlehnen, ist im Grunde ein schönes Kompliment an die Sprache, aus der dieses stammt.

Es gibt Wörter, denen der Antisemitismus einverleibt ist.

Ronen Steinke

Es gibt aber, und das ist die Unterscheidung, manche jiddische Lehnwörter, die nicht einfach übernommen, sondern im Deutschen verdreht und verbogen wurden. Sie werden auf eine ungute Weise verwendet, die dem ursprünglichen jiddischen Wort nicht gerecht wird – und die das Jiddische abwertet. Zum Beispiel „Mischpoke“. Das heißt auf Jiddisch einfach nur Familie. Ohne irgendeinen negativen Beiklang. Im Deutschen wird es aber als etwas Dubioses, als Begriff für eine üble Gesellschaft verwendet. Das ist dann nicht mehr charmant, sondern eine Herabwürdigung.

Das ist für mich der Unterschied zwischen „guten“ und „unguten“ jiddischen Slangwörtern: Ob sie so verwendet werden, wie sie auch von Jiddischsprechenden verwendet werden – oder ob sie im Deutschen eine abgewandelte, negative Bedeutung haben.

Woher kommen diese negativen Assoziationen mit jiddischen Begriffen?

Entgegen dem bis heute existierenden Klischee waren Jüdinnen*Juden jahrhundertelang meistens bitterarm und am unteren Ende der Gesellschaft situiert. Jüdinnen*Juden waren viele gängige Berufe verboten, sie wurden in bestimmte Berufe gedrängt. Das bekannteste Beispiel sind Geldverleiher – viel häufiger waren sie aber beispielsweise Lumpensammlerinnen. Jüdinnen*Juden mussten in ghettoartigen Stadtvierteln in beengten Judengassen oder außerhalb der Stadttore leben.

Man führt die Diskriminierung fort, wenn man Wörter wie ‚Mischpoke‘ verwendet.

Ronen Steinke

In diesem sozialen Elend gab es auch viel Kriminalität. Es entwickelte sich ein Dialekt der Unterwelt, Rotwelsch genannt. Das war eine Mischung aus Jiddisch, aber auch aus Wörtern, die von Sint*izzi und Rom*nja verwendet wurden. Das heißt, nicht nur Jüdinnen*Juden wurden mit negativen Dingen wie Armut oder Kriminalität verbunden, sondern auch die jiddische Sprache an sich wurde als Gauner*innensprache verstanden. Die Wörter selbst wurden mit Unehrlichkeit, Verschlagenheit und lichtscheuem Verhalten assoziiert. Diese Diskriminierung führt man fort, wenn man beispielsweise Wörter wie „Mischpoke“ verwendet.

Was entgegnen Sie Leuten, die sagen, dass sie Wörter wie „Mischpoke“ mit einem Augenzwinkern verwenden?

Das mag ja sein und das will ich auch gar nicht bestreiten – nur, warum verwende ich es denn mit einem Augenzwinkern? Das ist so, als wenn ich über meine Verwandtschaft sage: Da kommt die Bagage. Das ist auch ein negatives Wort, das ich augenzwinkernd verwende. Aber dafür muss ich ja erst mal anerkennen, dass es ein negatives Wort ist. Nur dann wird es ein Augenzwinkern, nur dann entsteht die Ironie. „Mischpoke“ kann man nicht ironiefrei für Familie verwenden. Die Makkabiade, die jüdische Olympiade, die 2015 in Berlin stattfand, schrieb als Gag auf ihr Plakat: „Die ganze Mischpoke ist am Start“. Warum war das ein Gag? Weil es geläufig ist, dass das Wort negativ besetzt ist. Wenn man es ironisch bricht, wunderbar. Trotzdem ist das Wort negativ belegt.

Wenn die ursprüngliche Bedeutung von Begriffen wichtig ist, um einzuschätzen, ob sie antisemitisch sind oder nicht, ist das Wort „antisemitisch“ dann nicht auch problematisch?

Stimmt. Das Wort „Antisemitismus“ ist ein antisemitisches Wort. Der Begriff entstand im Umfeld des Publizisten Wilhelm Marr. Er wurde bewusst neugeschöpft, um einen moderneren Klang für alte Ressentiments zu schaffen.

In den Jahrhunderten zuvor wurde Jüdinnen*Judenhass überwiegend religiös begründet. Religion lässt sich aber ablegen. Im 19. Jahrhundert kam dann die pseudowissenschaftliche Rassentheorie auf. Der Hass auf Jüdinnen*Juden wurde fortan nicht mehr religiös, sondern rassistisch begründet. Um dem Ganzen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, entnahmen Jüdinnen*Judenfeinde aus der Linguistik das Wort „semitisch“.

„Semitisch“ bezeichnet eigentlich eine Sprachfamilie. Sie umfasst Aramäisch, Arabisch und Hebräisch. Jüdinnen*Judenfeinde bezeichneten aber nie alle Menschen, die Teil der semitischen Sprachfamilie sind, als „Semit*innen“ – es ging ihnen nur um jüdische Menschen. Sie machten aus dem sprachwissenschaftlichen Begriff eine Rassenkategorie. „Antisemit*innen“ war fortan die stolze Selbstbezeichnung von jüdinnen*judenhassenden Rassist*innen – der modern klingende Begriff diente als Werbung für ihre Ideen.

Heutzutage wird der Begriff aber ja nicht mehr als Werbebegriff verwendet. Inwiefern ist die Verwendung dann noch problematisch?

Das Problem an der heutigen Verwendung des Begriffs „Antisemitimus“ ist, dass dadurch das Missverständnis weiter gefüttert wird, dass „semitisch“ oder „Semit*innen“ eine ethnografische Personengruppe statt eine Sprachfamilie bezeichnet.

Im Englischen gibt es die Diskussion, ob man das Wort „anti-Semitism“ mit großem S schreiben soll, weil Nationalitätenbezeichnungen wie German, Jewish, Australian und so weiter im Englischen immer großgeschrieben werden. Erst seit Kurzem gibt es eine Rebellion dagegen. Die englische Ausgabe von Haaretz und auch die New York Times verwenden jetzt nicht mehr das große S, um nicht implizit ihre Zustimmung zu der These aus dem 19. Jahrhundert abzugeben, dass „Semit*innen“ eine Ethnie seien.