Noch nie sind so wenige Menschen von Ost- nach Westdeutschland gezogen

Laut einer neuen Statistik des Bundesinstituts für Bevölkerungsentwicklung sei der Trend der Abwanderung von Ost nach West endlich gestoppt. Das ist so nicht ganz richtig.

Ost_West_Abwanderung

Go East? Illustration: Elif Küçük / ze.tt

Es klingt nach der langersehnten Wiedervereinigung, was das Bundesinstitut für Bevölkerungsentwicklung (BiB) kürzlich verkündete: Erstmals sind 2017 mehr Menschen aus dem Westen Deutschlands in die ostdeutschen Bundesländer gezogen als umgekehrt. Der seit dem Mauerfall währende Trend der Abwanderung von Ost nach West sei damit gestoppt, so die Geografin und Forschungsdirektorin des Bundesinstituts Nikola Sander. Sie spricht von „Go East“.

Entdecken also Westdeutsche nun Ostdeutschland für sich?

Nicht ganz. Denn schaut man sich die Statistik genauer an, wird klar: Es sind nicht signifikant mehr Menschen aus den westdeutschen Bundesländern nach Berlin, Brandenburg, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Sachsen gezogen – sondern es sind vor allem weniger Menschen aus dem Osten in den Westen Deutschlands gezogen.

Ursächlich, so heißt es weiter in der Pressemitteilung, sei für die Trendwende nämlich der kontinuierliche Rückgang der Abwanderung aus dem Osten. So verließen 2001 noch über 190.000 Menschen Ostdeutschland, 2017 waren es weniger als 90.000. Schaut man sich zudem die Abwanderung vom Westen in den Osten an, fällt auf, dass dort seit Jahren keine nennenswerte Zunahme zu verzeichnen ist. Im Gegenteil: 2017 nahm auch dieser Wert ab – nur eben nicht so stark, wie die Abwanderung von Ost nach West.

Ost-West_Datenquelle Statistisches Bundesamt_Berechnungen BiB

In der Wanderungsbilanz führt das dazu, dass sich beide Seiten annähern und die ostdeutschen Bundesländer 2017 nun sogar einen Wanderungsgewinn verzeichnen: ein Plus von rund 4.000 Menschen. Nimmt man Berlin noch hinzu, sind es sogar 13.000 Personen. Grundsätzlich lässt sich diese Entwicklung positiv bewerten: Menschen in Ostdeutschland finden dort mittlerweile Möglichkeiten und Perspektiven für sich – und bleiben, wenn sie wollen. „Wir sehen, dass die Zahl der Beschäftigten im Osten in den letzten Jahren stetig gestiegen ist, dass die Universitäten sehr attraktiv sind, und die Angebotsmieten im Durchschnitt im Osten einen Euro günstiger als in Westdeutschland sind, auch günstiger als in Berlin“, sagte Forschungsdirektorin Nikola Sander dem RBB-Inforadio.

Ostdeutschland verliert weiterhin junge Menschen

Ein paar Ausnahmen gibt es aber schon, und die sind zentral. Zum einen profitieren nicht alle ostdeutschen Bundesländer gleichermaßen. So gehören Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zu den Gewinnern, während in Sachsen-Anhalt und Thüringen die Wanderungsbilanz immer noch negativ ist. Und:

Wanderungsverluste haben die ostdeutschen Flächenländer weiterhin bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren.

Nikola Sander, Forschungsdirektorin des BiB

Dass junge Menschen den Osten verlassen, darauf deuten auch die Ergebnisse einer weiteren Studie hin, die Anfang 2019 von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young veröffentlicht wurde. 2.000 Studierende in 27 deutschen Universitätsstädten wurden darin zum Einstieg ins Berufsleben befragt. Auf die Frage, welche Bundesländer die besten Berufschancen bieten, antworteten die meisten westdeutschen und auch ostdeutschen Studierenden: Bayern.

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Es folgen Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Als erstes ostdeutsches Bundesland taucht auf Platz 4 Berlin auf. Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern teilen sich den letzten Platz. Und ein weiteres Ergebnis liefert die Studie von Ernst & Young: Ostdeutsche Studierende sind mobiler, heißt, stärker als westdeutsche Berufsanfänger*innen darauf eingestellt, für den Jobeinstieg umzuziehen – in eine andere Region Deutschlands oder auch ins Ausland.

Bis wir nicht mehr von west- und ostdeutschen Bundesländern sprechen

Die Schlagzeile „Erstmals ziehen mehr Menschen aus dem Westen in den Osten“ trifft den Kern der Sache also nicht ganz. Denn was es unter anderem für eine gelungene Wiedervereinigung wirklich bräuchte, wäre Austausch, von beiden Seiten und in beide Richtungen. Dass nicht nur Ostdeutsche gern im Osten bleiben, weil sie dort nun Jobperspektiven und vergleichsweise günstige Mieten vorfinden, sondern dass auch mehr Menschen aus Westdeutschland ein Interesse daran entwickeln, in Brandenburg, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Sachsen zu leben und zu arbeiten. Und dann müssen wir vielleicht irgendwann auch nicht mehr von west- und ostdeutschen Bundesländern sprechen.


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