Mein Handy als Auge: Fünf Apps für blinde Menschen im Test

Wie viel Verspätung hat mein Zug? Ist die Milch noch gut? Solche Alltagsfragen stellen blinde Menschen oft vor Herausforderungen. Smartphone-Apps sollen helfen. Wie gut funktioniert das?

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Apps wie Seeing AI sollen blinden Menschen etwa anhand der Smartphone-Kamera die Umgebung beschreiben. Wie gut das funktioniert, zeigt unser Test. Foto: Wendy Wei / Pexels

Wir treffen uns an der Bushaltestelle, Franziska Sgoff wartet schon auf mich. Sie ist 22, blind und wird mit mir heute eine Reihe von Blinden-Apps testen.

In der Hand hält Franzi unser Testwerkzeug: ihr Handy. Dieses bedient sie mit einer Sprachsteuerung, die man im Betriebssystem einstellen kann. Das ist der erste Schritt, damit sie überhaupt Apps nutzen kann. Meins stellt sie auch um, mich interessiert, wie das funktioniert. Das Resultat: Ich kann mein Handy nicht mehr bedienen, Franzi muss mir dabei helfen. Denn das Smartphone reagiert nun nicht mehr, wenn ich auf die App klicke, sondern auf den reinen Kontakt mit dem Bildschirm.

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Franzi testet Apps mit unserer Autorin. Foto: © Laura Dahmer

Wischt man von links nach rechts, liest es Zeile für Zeile den abgebildeten Text vor. Beim Home-Bildschirm also der Reihe nach die einzelnen Apps, wie sie dort nebeneinander stehen. Doppelklick in der jeweiligen Zeile, in der sich die Sprachsteuerung gerade befindet, ist dann gleich dem Klick auf die jeweilige App. Für mich ist das zu kompliziert, Franzi jedoch manövriert sich so schnell durch ihr Smartphone.

1. Ein Auto im Café? So gut funktioniert Seeing AI

Franzi öffnet die erste App, die wir testen wollen: Seeing AI. Sie bietet viele Funktionen. So soll sich unter anderem jeder beliebige gedruckte Text lesen lassen, ob auf einer Speisekarte oder einer Werbetafel, und durch die Kamera etwa die Umgebung beschreiben lassen. Die Funktionen heißen Kurztext, Dokumente, Produkte, Person, Szene, Währung, Licht, Farbe, Handschrift. Wir fangen mit der Kurztext-Funktion an und probieren es mit einem Kaffeebecher.

Franzi hält die Kamera ihres Smartphones auf den Becher. Dabei muss ich ihr allerdings noch sagen, wo auf dem Becher der Text steht. Die App liest uns vor, was sie sieht: „Ganze, frisch. Aus, frisch. Aus, der, gemahlen. Frisch, Bohnen“, sagt die Computerstimme, schnell, abgehackt. „Frisch gemahlene Bohnen?“, fragt Franzi. Eigentlich steht auf dem Becher: „Frisch gemahlen aus der ganzen Bohne.“ Die App erkennt also nicht alles, man versteht nicht Wort für Wort den ganzen Text – aber zumindest, was gemeint ist. 

Wir probieren die weiteren Funktionen von Seeing AI nacheinander aus. Das Ergebnis: Viele sind unterhaltsam, die einen funktionieren mehr, die anderen weniger gut. Wirklich gut klappt die Dokumente-Funktion. Seeing AI sucht dabei die Kanten des vorgehaltenen Blattes und erfasst so den gesamten Text, den sie ein- und dann vorliest. Viel Spaß haben wir bei der Gesichtserkennung: Franzi knipst ein Foto von mir, das erste Urteil der App: „No person in the picture.“ Danach bin ich 26 Jahre alt, trage eine Brille, habe schwarze Haare und gucke glücklich. Mehr oder weniger, aber passt. „Ich kann dein Gesicht in der App einspeichern, dann erkennt sie dich wieder.“

Mit der Szene-Funktion versucht Seeing AI, die Umgebung zu beschreiben – mal mehr, mal weniger nah an der Realität. Laut der App stand so zum Beispiel ein Auto auf unserem Tisch im Café. „Das ist noch ausbaufähig“, sagt Franzi lachend. Die Idee der Szenenbeschreibung findet sie aber an sich gut: „Fürs Museum zum Beispiel könnte das cool sein.“ Franzis Gesamtfazit für Seeing AI: „Die App ist wirklich super, weil alles ganz gut funktioniert und sie viele Funktionen in einem bündelt. Man kommt mit der App alleine schon recht weit.“

2. Be my eyes: Leih mir deine Augen, nur kurz

Ihren Kaffeebecher hat Franzi mittlerweile ausgetrunken. Die perfekte Gelegenheit, um die nächste App auszuprobieren: Be My Eyes. Blinde Menschen können hier einen Pool von Freiwilligen anrufen, wenn sie vor einem Problem stehen. Wer annimmt, kann durch die Handykamera des blinden Menschen sehen und ihm so helfen. Wir suchen jemanden, der*die Franzi hilft, den Becher im richtigen Mülleimer zu entsorgen. Sie startet die App und meldet sich an.

„Bist du noch hier?“, fragt sie mich unsicher. Franzi ist nervös, es ist ihr erster Anruf. Dann wählt sie. Es tutet einige Male, dann meldet sich die Stimme einer jungen Frau. „Hallo? Ich bräuchte bitte Hilfe. Ich bin gerade im Café, da sind verschiedene Mülleimer. Ich bräuchte den Papiermüll, für meinen Kaffeebecher. Sehen Sie den?“, fragt Franzi und zeigt den Becher. Die junge Frau bejaht. Gemeinsam versuchen sie, den Weg zum Mülleimer zu finden. Was nicht so einfach ist, denn Franzi weiß nicht, was sie ihrer anonymen Helferin zeigt. Sie filmt Richtung Boden, für die junge Frau ist lange Zeit nicht viel zu erkennen. 

Dann sind sie am Müll, es bleiben drei Möglichkeiten: Papier, Kunststoff und Restmüll. Da ergibt sich das gleiche Problem. Jetzt aber hat Franzis Gegenüber eine Idee, sie gibt ihr Anweisungen: „Kannst du das Handy etwas weiter nach links halten und zehn Zentimeter weiter nach unten?“ „Hier? Hier ist doch ein Eimer, kann das sein?“, fragt Franzi, die parallel mit der Hand fühlt. Nach längerem Hin und Her landet der Becher im Müll. Zwar im Restmüll, aber immerhin.

Franzi bedankt sich bei der jungen Frau und beendet das Gespräch. Das Problem mit dem Kamerabild sehen wir beide. „Aber sie war sehr geduldig.“ Später merkt Franzi noch an: „Das hat ja jetzt ganz gut funktioniert, aber ich glaube, in so einer Situation würde ich doch lieber jemanden fragen, ohne App.“ Für Situationen, in denen man alleine zu Hause ist, findet sie es trotzdem sinnvoll.

3. DB Barrierefrei: Kommt mein Zug zu spät? Und auf welchem Gleis?

Als nächstes ist DB Barrierefrei dran. Wir gehen auf ein Bahngleis, weil wir denken, man könne mit der App die Anzeigetafel einlesen. Das geht aber nicht. Der Sinn für blinde Menschen leuchtet uns nicht sofort ein, als wir die App öffnen. Aber nachdem wir der App verraten, an welchem Bahnhof wir sind, liest sie Franzi mit der Sprachsteuerung die virtuellen Bahnhofstafeln der einzelnen Gleise vor. Eigentlich viel einfacher, als wieder die Kamera draufhalten und die Anzeigetafel erst einlesen zu müssen.

Die App sagt uns auch, dass die nächste S-Bahn 20 Minuten zu spät kommt – Stellwerkstörung. „Das wüsste ich sonst nicht unbedingt“, sagt die 22-Jährige. Die App sagt einem auch direkt die Zwischenstopps der Züge an. „Das macht der DB Navigator nicht.“ Ansonsten scheinen die Funktionen allgemein für Menschen mit Behinderung ausgerichtet zu sein. DB Barrierefrei weiß zum Beispiel, welche Aufzüge es in der Nähe gibt und ob die Rolltreppen funktionieren. Durch die Bahnhofstafel-Funktion erscheint sie uns aber auch für Blinde hilfreich.

4. Greta: Echtes Kinofeeling – ohne Bild

Wir reden noch über eine andere App, auf die ich bei der Recherche gestoßen bin: Greta. „Funktioniert super“, lautet Franzis Urteil. Sie benutzt die App bereits regelmäßig. Greta bietet Audiodeskriptionen für Kinofilme. Vor dem Film kann man so eine beliebige Tonspur auswählen und herunterladen. Zu Beginn muss man die Spur mit dem Film synchronisieren, danach macht Greta das immer wieder selbst und geht so sicher, dass sie in Echtzeit beschreibt, was alle anderen im Kinosaal gerade auf der Leinwand sehen.

Franzi geht dank der App mittlerweile häufig ins Kino, mehr als früher. „Ich habe, glaube ich, mittlerweile fast die Hälfte der verfügbaren Tonspuren bei Greta benutzt.“ Sie nutzt die App auch beim Streaming. Das einzige Problem: Da läuft der Film oft schneller als die Audiodeskription, weil man dort die DVD-Version sieht, nicht die Kinoversion. Greta kann dann nicht selber synchronisieren.

Ohne die App ist der Kinobesuch für Franzi eher schwierig. „Dann muss mir meine Begleitung erzählen, was da gerade passiert.“ Je nach Genre ist das schwer und bedarf viel Erklärung. „Da wurden wir auch schon mal aufgefordert, leise zu sein.“ Es gibt nicht jeden aktuellen Kinofilm auf Greta – dann muss Franzi zwangsläufig auf die altbewährte Methode zurückgreifen.

5. Rot heißt stehen, grün heißt gehen – Straßen überqueren mit Ampel-Pilot

Am Ende, bevor ich Franzi zurück zu ihrem Bus begleite, probieren wir den Ampel-Pilot aus. Franzi sagt ganz klar: „Bisher war es mir zu unsicher, das alleine zu probieren, an einer Ampel ohne Piepsignal.“ Auch zusammen kriegen wir es nicht wirklich hin. Wieder ist es das gleiche Problem wie vorher: Ohne meine Hilfestellung weiß Franzi nicht, wohin sie die Kamera halten muss. Und obwohl wir die Ampel mehrmals im Visier haben, passiert genau: Gar nichts.

Mittlerweile ist es dunkel draußen, vielleicht liegt es daran. Wir basteln ein bisschen an den Einstellungen herum, versuchen es noch einmal. Dann stürzt ihr Handy ab, die Batterie ist leer. Das ist auch schon das Ende unseres Experiments. Vielleicht hätte es mit der Zeit noch geklappt, aber auch ich bin nicht sicher, ob ich ein gutes Gefühl hätte, wenn sie mit dem Ampel-Piloten alleine über die Straße ginge. Die App selbst weist auch darauf hin, sich nicht zu 100 Prozent auf sie, sondern weiter auf die eigene Wahrnehmung zu verlassen.

Blinden-Apps: Ein Leben mit mehr Unabhängigkeit?

Auf dem Weg zum Bus diskutieren wir noch über den Sinn solcher Apps ganz generell. Franzi hat die meisten zum ersten Mal probiert, die anderen benutzt sie ab und an. Ihre Einschätzung: Wenn sie mehr damit üben würde, könnten die Apps ihr wahrscheinlich viel Unabhängigkeit geben, die sie ohne das Smartphone nicht hat. Franzi will das jetzt vielleicht auch öfter mal tun.