„Meine Angst ist nicht meine Erzfeindin“ – Wie Antonia lernte, mit ihrer Angststörung umzugehen

Seit ihrer Jugend überkommt die Journalistin und Autorin Antonia Wille immer wieder die Angst. Sie beschließt, ihre Erkrankung öffentlich zu machen und ihr einen Namen zu geben: Katja. Ein Interview

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Das ist Antonia – mit im Gepäck: Katja. Foto: © Stefanie Müller

„Wovor hast du eigentlich Angst?“ Fragen wie diese lassen sich für Antonia kaum beantworten. Rational weiß auch sie, dass sie oft keine Angst haben muss. Zum Beispiel davor, mit der U-Bahn zu fahren. Aber emotional fühlt sich das ganz anders an. Der Drang, nur noch wegzuwollen, fühlt sich ganz real an. Der Körper ist im Fluchtmodus.

Antonia Wille ist heute Anfang 30. Seit ihrem elften Lebensjahr leidet sie an einer Angststörung. Darüber gesprochen hat sie lange nicht. Lieber hat sie die Angst ignoriert oder verdrängt – aber die Angst kam wieder. Damit ist sie nicht allein. 25 Prozent aller Menschen in Deutschland erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Angststörung.

Mit ihrem Buch Angstphase geht Antonia mit ihrer psychischen Erkrankung an die Öffentlichkeit und schreibt darüber, wie sie nach und nach einen anderen Umgang mit ihrer Angst gefunden hat. Antonia hat sie Katja genannt. Die Angst brauchte einen Namen. „Ich will sie anschreien können.“ Mit ze.tt hat Antonia darüber gesprochen, wie man zwar kein Leben komplett ohne Angst führen kann, aber zumindest ein Leben ohne Angst, die komplett lähmt.

ze.tt: Antonia, du hast deiner Angst einen Namen gegeben: Katja. Klingt wie eine gute Freundin.

Antonia Wille: Als gute Freundin würde ich die Angst nicht bezeichnen, aber ich wollte sie ein bisschen aus dem feindlichen Lager rausholen, indem ich ihr einen Namen gebe und mit ihr in den Dialog trete: Warum bist du da? Was willst du von mir? Jahrelang habe ich die Angst ignoriert und gehofft, dass sie dann schon weggeht – was sie eben nicht getan hat. Also habe ich geschaut, wie ich die Angst zu meiner Verbündeten machen kann; sie nicht mehr nur wegzustoßen, sondern ihr zuzuhören und ihr auch ihre Grenzen aufzuzeigen. So, dass Katja im Zweifel neben mir geht, aber mich nicht mehr übermannt.

Wie ist Katja so?

Sie ist jemand, der eher kalt und unangenehm ist und einem kein gutes Gefühl vermittelt. Sie kündigt sich ganz leise an, aber ich höre sie oft erst, wenn sie mitten im Raum steht. Eigentlich will sie mir nicht zwingend etwas Böses. Manchmal kommt sie und sagt „Jetzt musst du Angst haben“, weil etwas Ungewohntes ansteht und sie gar nicht weiß, dass ich das kann. Manchmal will sie mich auch bewahren: „Hey, du bist heute nicht so fit, vielleicht machen wir das lieber wann anders.“ Sie ist nicht per se schlecht, sondern auch eine kleine Beschützerin, die mir sagt: Achte mehr auf dich, arbeite nicht so viel, stress dich nicht so sehr.

Ich gestehe der Angst einen gewissen Platz in meinem Leben zu, aber nicht den größten.

Was hat diese Namensgebung für dich verändert?

Seitdem ich Katja eher zuhöre und sie auch ernst nehme, hat sich mein Umgang mit der Angst verändert und damit auch der Umgang mit mir. Ich gehe viel liebevoller mit mir selbst um, gucke, was tut mir gut und was nicht. Ich gestehe mir ein, dass es auch mal okay ist, die Angst zuzulassen und zu sagen: Heute mache ich eine Pause und konfrontiere mich nicht mit einer Situation, die mich krass ängstigt. Dafür habe ich vielleicht morgen die Kraft. Ich gestehe der Angst einen gewissen Platz in meinem Leben zu, aber nicht den größten.

Du sagst, du wolltest nicht „die mit der Angststörung“ sein. Was hat dich doch dazu bewogen, deine Erkrankung öffentlich zu machen?

Für mich ist wichtig, dass ich sehr viel mehr als die Angst bin. Die Angst gehört zwar dazu, aber ich bin auch Journalistin, ich bin Freundin, ich bin Familienmitglied. Ein Mensch mit so vielen Facetten. Die Angst macht mich nicht alleine aus.

Was mich am Ende dazu bewogen hat, darüber zu sprechen, ist, dass die Angst nun mal ein Teil von mir ist und ich anderen Menschen Mut machen wollte. So viele Menschen kennen Ängste und Panikattacken, aber es wird so gut wie nicht darüber gesprochen. Und wenn das Thema in der Öffentlichkeit auftaucht, dann sind es oft die extremen Fälle, die davon erzählen, dass jemand seit Jahren nicht mehr aus dem Haus gehen kann. Aber Ängste haben viele Facetten.

Ich wollte zeigen: Ich bin ganz „normal“, ich habe einen Job, ich bin sogar selbstständig, ich habe ein soziales Leben, ich gehe raus, auf Konzerte, mache Sport. Und trotzdem gibt es Momente in meinem Leben, in denen ich Angstzustände habe oder eine Panikattacke und das ist nichts Schlimmes. Es mindert mich in meinem Wert als Mensch nicht. Und ich glaube, so geht es eben ganz vielen Menschen da draußen. Ich hoffe, dass ich damit am Ende die bin, die auch manchmal Angst hat – und nicht nur die mit der Angststörung.

Klingt nach Selbstermächtigung.

Genau, der Angst nicht einfach ausgeliefert sein, sondern aktiv vorangehen. Ja, ich habe Angst, das ist aber auch okay. Ganz viele meinten zu mir: Du wirkst so stark, das hätte ich bei dir gar nicht gedacht. Aber Stärke und Schwäche schließen sich nicht aus. Ich habe schon vor 100 Leuten gesprochen, Seminare gehalten und trotzdem kann ich davor im Bad stehen und mich übergeben, weil mich die Angst im Griff hat. Ich glaube, die Verurteilung von außen hält viele davon ab, offen damit umzugehen. Sie haben Angst, als schwach angesehen zu werden. Aber es ist menschlich, auch mal schwach zu sein.

Nun ist Angst ja etwas, das jeder Mensch kennt. Wann und wie hast du realisiert, dass die Angst, die du spürst, etwas anderes ist?

Mir war ganz lange nicht klar, dass es eine Angststörung ist. Ich wusste nur, irgendwas stimmt nicht. Das hat als Teenie angefangen, Ende der 90er, Anfang der 2000er, als das Thema mentale Gesundheit so noch gar nicht im öffentlichen Diskurs vorhanden war. Auf Klassenfahrten konnte ich zum Beispiel nicht schlafen, weil mir schlecht war oder ich musste mich schon Tage vorher übergeben. Ich konnte aber nicht fassen, was das ist. Dann kam das Internet und ich habe angefangen, zu googlen, und auch mit meiner Familie darüber gesprochen. Letztlich hat dann eine Therapeutin, als ich 16, 17 war, diagnostiziert, dass es eine Agoraphobie, eine Angststörung ist. Mir hat es geholfen, endlich zu wissen, was ich habe.

Was hat die Therapie für dich geleistet?

Sie hat mir dabei geholfen, Werkzeuge an die Hand zu bekommen, mit denen ich die Angst im Zaum halte oder überwinden kann. Die Therapie hat mir nicht nur beigebracht, mit meiner Angst klarzukommen, sondern auch mich und andere Menschen besser zu verstehen. Ich bin dadurch viel verständnisvoller geworden. Jeder hat ja sein Päckchen und man ist gnädiger, wenn man weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt und dass man manchmal eben auch nicht anders kann. Ich glaube, dass es jedem, der Strukturen hat, aus denen er nicht heraus kann, helfen kann, mit jemandem zu sprechen, der nicht zum Umfeld gehört, der nicht bewertet.

Rational weiß ich auch, dass ich keine Angst vor der U-Bahn haben muss. Aber auf emotionaler Ebene fühlt es sich furchtbar an.

So wie es dir schwer gefallen ist, über deine Erkrankung zu sprechen, fühlen sich vermutlich oft auch Menschen im Umfeld von psychisch Erkrankten überfordert oder unbeholfen. Gab es unsensible Fragen oder Sprüche, die dich verletzt haben?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man offen darüber spricht, die Reaktion eigentlich immer positiv ist. Die Menschen freuen sich, dass du ihnen gegenüber offen und ehrlich bist. Jemand, der noch nie eine Panikattacke hatte, tut sich natürlich wahnsinnig schwer damit, diesen Zustand nachzuvollziehen. Ich erwarte nicht, dass andere das verstehen.

Was dennoch wichtig ist: Immer erst mal zuhören. Und die Sache ernst nehmen, auch wenn man selbst nicht betroffen ist. Dass, wenn ich sage „Ich fühle mich heute nicht gut, ich glaube, ich kann nicht mit der U-Bahn fahren“, nicht jemand sagt „Wieso, ist doch nicht schlimm?“ Rational weiß ich auch, dass ich keine Angst vor der U-Bahn haben muss. Aber auf emotionaler Ebene fühlt es sich furchtbar an. Deswegen ist es wichtig, dass Leute das ernst nehmen und lieber fragen: Was kann ich tun, damit es dir besser geht?

Mit welchen Gefühlen blickst du darauf, dass du auch mal auf Dinge verzichten musstest und musst?

Manchmal wünsche ich mir mehr Freiheit. Wie cool wäre mein Leben, wenn ich keine Angststörung hätte? Ich bin aber niemand, der mit Reue zurückblickt. Es bringt mir ja nichts, ständig zu sagen, dass ich noch nie in Amerika war und auch nicht weiß, ob ich mir jemals einen Langstreckenflug zutraue. Dann würde ich die ganze Zeit mit schlechter Laune rumlaufen. Aber klar wäre ich zum Beispiel gerne dabei gewesen, als meine Freundinnen nach dem Abi weggefahren sind und ich das in dem Moment nicht konnte.

Ich arbeite daran, möglichst viel Freiheit zu erlangen und die Angst mit einzupacken. Ich gucke lieber nach vorn. Alles was klappt, ist toll, und wenn ich Dinge verpasse, dann ist es nicht meine Schuld. Ich bin aber auch von Grund auf ein sehr fröhlicher und optimistischer Mensch, vielleicht hilft das.

Eine gute Freundin wird sie sicherlich nie ganz, aber meine Angst ist auch nicht mehr meine Erzfeindin.

Dein Buch heißt Angstphase. Da schwingt ein bisschen mit, dass die Angst vorbeigehen kann. Ist das so? Und ist das überhaupt das Ziel?

Bei mir tritt die Angst phasenweise auf. Es gab immer wieder auch Phasen, in denen sie so gut wie keine Rolle in meinem Alltag gespielt hat. Bei mir gibt es aber ganz große Triggerpoints, beispielsweise Stress oder Überarbeitung, zu diesen Zeiten rutsche ich schnell mal in ein Muster rein und die Angst kommt.

Ohne Angst zu leben, ist für niemanden von uns möglich, aber ohne Angst zu leben, die einen beeinträchtigt. Und trotzdem glaube ich nicht, dass ich jemals die Person sein werde, die völlig angstfrei in ein Flugzeug steigt. Ich denke, ich werde immer eine gewisse Grundnervosität und Katja im Gepäck haben. Es ist nur die Frage, ob sie dabei nur stumm neben mir sitzt oder mich versucht, zu ersticken. Ersteres ist das Ziel.

Wie geht es dir denn heute mit Katja?

Gut. Ich versuche, ihr öfter zuzuhören. Wenn die Angst kommt, ist es nicht mehr so, dass ich sie einfach wegschubse und sie als meine Feindin sehe. Heute ist Katja vielleicht eher eine Beraterin, die auch manchmal falsch liegt. Wenn sie kommt, höre ich mir an, was sie zu sagen hat und gucke für mich: Hat sie recht? Ist das eine Situation, die mir Angst machen sollte oder eine, die ich gut meistern kann? Warum kommt Katja ausgerechnet jetzt? Habe ich mich in den vergangenen Wochen übernommen? Habe ich ihre kleinen Klingelstreiche nicht gehört?

Eine gute Freundin wird sie sicherlich nie ganz, aber meine Angst ist auch nicht mehr meine Erzfeindin. Und ich glaube, dass, wenn man liebevoll mit sich und der Angst umgeht, die Angst einen auch in Ruhe lässt.


Das Buch Angstphase von Antonia Wille ist im Piper Verlag erschienen.