Meine Angst vor dem Brustkrebs

Der Oktober war der Monat des Brustkrebsbewusstseins. Auf Instagram erkannte unsere Autorin, dass die Angst sie beherrscht. Sie beginnt sich zu informieren. Ein Essay

Meine Angst vor dem Brustkrebs

Schon als Kind und Teenager war Brustkrebs zwangsläufig ein Thema in meiner Familie. Foto: Gabrielle Cole / Unsplash CC0

Wenn ich an Brustkrebs denke, denke ich an Krankenhaus, Chemotherapie, Tränen, Kampf und Verzweiflung. Ich denke an meine Unfähigkeit, diese Krankheit zu verstehen. Ich denke an den Tag, als einem geliebten Menschen in meiner Familie die Brust entfernt wurde. An den Tag, als sie mit Perücke durch die Tür ging, und niemand drüber sprechen durfte. Als die Therapie als überstanden und der Krebs als vorüber galt. Ich denke an eine Frau, die so toll und so viel stärker als der beschissene Krebs in ihrer Brust war und die trotzdem daran sterben musste.

Wie es ist, Teil der Risikogruppe zu sein

Ich zähle zur Risikogruppe für Brustkrebs, da dieser auf mütterlicher Seite in meiner Familie auftrat. Bei jedem Termin bei meinem*meiner Gynäkolog*in muss ich auf die Frage, ob es in meiner Familie spezielle Erkrankungen gebe, ja sagen und erstmal die Verwandtschaftsgrade und Krankheiten erklären. Konkret bedeutet es für mich, dass ich mich jedes halbe Jahr kontrollieren lassen soll. Ich kenne die Prozedur dazu mittlerweile auswendig, hebe und verschränke meine Arme beim Abtasten ganz von allein. Obwohl ich schon oft untersucht wurde, halte ich jedes Mal wieder meinen Atem an und meine Kehle schnürt sich zusammen, bis ich die erlösenden Worte höre: Alles okay! Puh, ausatmen, ruhig wieder einatmen, kurz entspannen, bis zur nächsten Kontrolle.

Schon als Kind und später als Teenager war Brustkrebs zwangsläufig ein Thema in meiner Familie. Als ich meinen ersten BH kaufen wollte, natürlich mit krasser Polsterung und Snoopy vorne drauf, legte meine Mutter ihr Veto ein. Die Metallbügel derartiger BHs würden Brustkrebs fördern, erklärte sie mir damals. Ich hatte wenig Verständnis dafür und war sauer. Als sich eine Bekannte entschied, ihre Brüste durch eine OP von Größe B auf D vergrößern lassen zu wollen und mir davon erzählte, reagierte ich scharf und verständnislos. Ich fand es dumm und unüberlegt. Schrie ihr irgendwas im Sinne, sie sei ein Opfer des Patriarchats, entgegen – anstatt ihr zuzuhören.

Heute ist mir klar, dass es damals weder um den Snoopy-BH noch die Brustvergrößerung ging, sondern um meine Angst vor dem Brustkrebs. Mir fällt es schwer, mich von meiner Erfahrung mit Brustkrebs in der Familie nicht beherrschen zu lassen. Krebs als eine Krankheit wahrzunehmen und nicht als ein Schicksal, das auf uns alle wartet. Die Gedanken an damals schmerzen, auch wenn ich mittlerweile gelernt habe, sie einzuordnen. Geht es um meine eigene Brust, verfalle ich aber total in Panik. Schließlich drehen sich diese Ängste nicht um meinen kleinen Finger, sondern um meine Brüste: die ich liebe, die ein Teil von mir sind und vielleicht irgendwann mal ein Kind versorgen sollten.

Brustkrebs in Zahlen

Es ist für mich an der Zeit, mich mit Fakten auseinanderzusetzen. Im Jahr 2013 erkrankten laut der Deutschen Krebsgesellschaft 71.640 Frauen sowie 700 Männer an Brustkrebs. 43 Prozent der deutschen Frauen werden im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken. Brustkrebs ist in Deutschland für 18 Prozent aller Krebstodesfälle bei Frauen verantwortlich. Damit steht Brustkrebs als krebsbedingte Todesursache an erster Stelle, noch vor Darm- und Lungenkrebs, das ergeben die Zahlen des Berichts zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016 des Robert Koch-Instituts.

43 Prozent der deutschen Frauen werden im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken.

Die Zahl an Frauen, die an Brustkrebs erkranken, steigt kontinuierlich an. Seit den 1990er-Jahren sterben jedoch weniger Frauen an der Krankheit. Laut Prognosen des Robert Koch-Instituts  werden im Jahr 2020 rund 77.600 Frauen an Brustkrebs erkranken – das wären im Vergleich zu 2013 fast 6.000 mehr Frauen. Den Anstieg von Brustkrebs begründet der Bericht so: „Der gestiegene Anteil kinderloser Frauen, eine Zunahme des Alters bei der ersten Geburt, der Rückgang der Stillzeiten sowie zumindest bis zur Jahrtausendwende die vermehrte Einnahme von Arzneimitteln zur Hormonersatztherapie und hormonaler Schwangerschaftsverhütung (…) haben vermutlich ebenso dazu beigetragen wie Veränderungen der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten.“

Je mehr ich über Brustkrebs, Risiken und Prävention lese, desto wütender werde ich. Denn viele maßgebliche Faktoren sind jene, mit denen nur Frauen in unserer Gesellschaft zu kämpfen haben. Ein Grund warum viele, gerade junge Frauen hormonell verhüten, ist die Tatsache, dass Verhütung in der Gesellschaft immer noch vorrangig den Frauen zugeschoben wird. Ebenso wirkt sich die Entscheidung, ob und wann man ein Kind will, immens auf das Risiko Brustkrebs zu bekommen aus. Während Männer einfach entscheiden können, ob sie ein Kind wollen oder nicht, ist es bei Frau maßgeblich mit ihrer Gesundheit verbunden.

Warum diskutieren wir nicht schon lange über die Auslöser von Brustkrebs?

Brüste sind überall, außer dort wo sie sein sollten. Wir sehen pralle Dekolletees auf Werbebannern. Frauen mit Brüsten wie Melonen in der Pornografie. Aber abgesehen von der sexualisierten Brust wird viel zu wenige über das Thema Brust und ihre Gesundheit gesprochen. Erst in den vergangenen Jahren wird das Thema medial behandelt.

Ich hörte vom sogenannten BRACA-Gen beispielsweise erstmals dieses Jahr in der Serie The Bold Type. Neben LGBTQ-, Identitäts- und Rassismus-Themen greift die US-amerikanische Fernsehserie über drei junge Frauen in New York City in einer Folge das Thema Brustkrebs auf. Jane, eine der Protagonistinnen, hat ihre Mutter durch Brustkrebs verloren und muss sich die Frage stellen, ob sie wissen will, ob auch ihre Gene auf ein Krebsrisiko hinweisen. Das Gen BRCA 1 und 2 ist eigentlich dafür zuständig, Erbgutschäden zu reparieren und Krebs zu verhindern. Verändert es sich aber, kann es seiner Aufgabe nicht mehr nachgehen und das Risiko auf Krebs steigt.

Wissen ist Macht.

Angelina Jolie

Angelina Jolie schaffte vor fünf Jahren einiges an Aufmerksamkeit, als sie in den New York Times darüber schrieb, dass sie ihre Großmutter und eine Tante wegen Krebs verloren hatte und nun auch sie, aufgrund von auffälligen Bluttests auf die BRCA-Genmutationen hin untersucht worden sei. Ihr Test zeigte ein erhöhtes Risiko. Jolie entschied sich daraufhin, ihre beiden Brüste abnehmen zu lassen, sowie ihre Eierstöcke und die Eileiter zu entfernen. „Es ist nicht leicht, diese Entscheidungen zu treffen (…) Sie können sich beraten lassen, sich über die Optionen informieren und die für Sie richtige Wahl treffen. Wissen ist Macht“, schrieb Jolie. Ihr offener und mutiger Umgang damit, motivierte viele andere Frauen ebenfalls ihre Geschichten zu teilen.

Fasst euch selbst an! Alle! Gleich heute Abend!

Gerade weil die Sexualisierung der weiblichen Brüste so präsent ist wie noch nie zuvor, wissen nur wenige Frauen, wie sie ihre Brüste abtasten können, wie sich ein Knoten anfühlt, welchen und ob sie einen BH tragen sollten. Neben dem jährlichen Besuch bei dem*der Gynäkolog*in, sollten wir alle ein besseres Gefühl für unsere Brüste bekommen und sie abtasten. Wie genau, könnt ihr hier nachlesen und im Video sehen:

Prävention ist sehr wichtig, aber nicht in Panik zu verfallen auch.

Angst ist der schädlichste Begleiter im Kampf gegen Brustkrebs. Und wie meine Frauenärztin sagt: Prävention ist sehr wichtig, aber nicht in Panik zu verfallen auch. Wer sich jährlich untersuchen lässt und selbst immer wieder abtastet, tut in Sachen Prävention schon sehr viel. Denn wer in der direkten Familie keine Brustkrebserkrankung hat, wird meist von einer Mammographie sowie von einem Gentest abgeraten.

Studien konnten bislang keinen ausreichend eindeutigen Nutzen des Mammographie-Screenings für Frauen unter 50 Jahren nachweisen, somit würde es ihnen eher schaden, als helfen. Gentests werden von Ärzt*innen ebenfalls nur bei Erkrankungen in bestimmten Familienkonstellationen empfohlen und selbst wenn der Test ein hohes Risiko aufzeigt, an Krebs zu erkranken, heißt das noch nicht, dass der Krebs auch eintritt. Darum sprechen sich manche Mediziner*innen auch für das Recht des Nichtwissens aus.

Lasst uns mehr über Brüste sprechen!

Wir sollten alle viel mehr über Brüste sprechen. Und zwar nicht darüber, ob sie groß, straff und schön genug sind, sondern wie sie sich anfühlen und wie es uns mit ihnen geht. Der Gedanke daran, irgendwann eine meiner Brüste wegen Krebsrisiko entfernen lassen zu müssen, treibt nach wie vor Panik in meinen Körper. Ich kann mittlerweile aber über den Monat des Brustkrebsbewusstseins nachdenken, mich durch die Fotos klicken und Studien darüber lesen, ohne in Panik zu verfallen oder zu weinen. Ich kann gefasster zur Untersuchung gehen und mir selbst die Fragen stellen, was wäre wenn. Auch wenn ich sie nicht alle beantworten kann, gibt mir persönlich Wissen das Gefühl von Kontrolle. Ich habe das Gefühl, alles dagegen zu tun, was ich kann. Aber ich weigere mich, meine Lebensentscheidungen vom Risiko auf Brustkrebs abhängig zu machen.


Möchtest du über Krebs sprechen oder eine persönliche Beratung, kannst du den Informations- und Beratungsdienstes der Deutschen Krebshilfe unter der kostenlosen Rufnummer 0800 / 80708877 nutzen.