Meine Bilanz nach einem halben Jahr als alleinerziehender Vater

Johnny ist seit sechs Monaten allein für seine dreijährige Tochter verantwortlich – und lernt gerade, was eigentlich mit „persönlicher Belastungsgrenze“ gemeint ist.

Alleinerziehender Vater

Persönliche Grenzen? Johnny weiß jetzt, was damit gemeint ist. Quelle: Steven Van Loy I Unsplash

Es gibt Leben, die sind anstrengender als andere. Schön anders, aber eben auch anstrengend. Seit mehr als einem halben Jahr bin ich alleinerziehend. Ohne familiäres Netzwerk und ohne einen Plan B bleiben die Dreijährige und ich im Alltag allein. Und sollte ich mal krank werden, so, nein, Moment, ich werde ja gar nicht krank. Wie auch und wann überhaupt? Schlaf, wenn das Kind schläft, sei krank, wenn das Kind krank ist – wer das allen Ernstes von sich gibt, hat wahrscheinlich das Kind auch gerade bei der Großmutter geparkt.

Seit einigen Wochen übernachtet meine Tochter übrigens tatsächlich dann auch mal bei ihrer Mutter. Vornehmlich am Wochenende. Erst war es eine Nacht, nun nähern wir uns den maximal zwei Nächten. Eine echte Erleichterung ist dies indes jedoch nicht – im Gegenteil. Das kinderfreie Leben erkaufe ich mir durch Stunden, in denen meine Tochter ihren Frust und Ärger an mir auslässt. Ich muss sie auffangen, mit ihr den Platz in der Welt finden. An mir probiert sie sich aus und arbeitet sich ab. Und das gerne auch mal über meine persönliche Belastungsgrenze hinaus.

Belastungsgrenzen sind schnell erreicht

Früher habe ich bei dem Thema persönliche Grenzen noch mit den Schultern gezuckt. Zu selten und zu wenig habe ich erfahren, wo die bei mir eigentlich genau liegen sollen. Ich bin ziemlich belastbar, wenn auch, offen gestanden, nicht stressresistent. Ich kann trotz augenscheinlicher Ruhe sehr schnell in Konfusion verfallen, finde aber auch schnell wieder aus dieser Situation heraus. Auch bin ich nicht der Typ, der Urlaub braucht, um sich zu entspannen.

Wenn ich vor einem Jahr bei anderen Alleinerziehenden, vorrangig Müttern, still heimlich mitlas, ahnte ich zwar schon, dass dieses Alleinerziehendendings schwerer sein könnte als angenommen. Was sie jedoch genau meinten, wenn sie von Belastbarkeitsgrenzen und Erschöpfung sprachen und schrieben, von der Stille und dem Alleinsein, das wusste ich hingegen nicht.

Jetzt soll ich mich auch noch entspannen?

Mittlerweile habe ich eine wesentlich bessere Idee davon. Umso wichtiger also, wenn man zwischendurch mal entspannen kann.

Moment, entspannen? Ja, denn die Wege zwischen Arbeit, Haushalt und Kind sind in Wirklichkeit nichts weniger als ein Tanz auf dem eigenen Vulkan. Nur, dass dieser nicht ausbricht, sondern es im schlimmsten Fall zu einer Dampfexeplosion kommt – und der Berg in sich zusammenstürzt, bevor alles wieder still wird. Keine Feuerwalze, kein großer Knall. No alarm and no surprises, das Leben ist Lava.

Ja, heute spüre ich meine Grenzen deutlich. Zum Beispiel dann, wenn ich vormittags an der Ampel stehe und tief durchatme. Oder wenn es mir im Supermarkt zu laut wird und ich mich beeile, der Kaufhölle zu entkommen. Unterwegs oder auch zu Hause am Arbeitstisch. Mein Leben ist Ausnahmezustand, und ich merke es jeden einzelnen Tag.

[Außerdem bei ze.tt: Ich bin keine Mami, ich habe ein Kind]

Was wäre wohl, wenn das, was ich fühle, in Wahrheit nicht immer meine persönlichen Belastungsgrenzen sind, sondern schlichtweg starke, teils unverarbeitete Gefühle? Gefühle, die ich bisher nicht kannte oder einfach nur verdrängt habe? Was, wenn die manchmal aufkommende Wut, die mich dann erfasst, wenn das Kind neben mir gerade herumwütet, eben genau das ist? Stark und unverarbeitet, wenn auch natürlich niemals ausgelebt.

Ich weiß es also nicht, ob es die fehlende Erfahrung im Umgang mit wirklich starken Gefühlen ist oder schon eine Grenze meiner Belastbarkeit – oder doch etwas ganz anderes. Ich führe Selbstgespräche. Klar, wen wundert’s als Alleinerziehender, ist ja sonst niemand da. Das Kind ist eben kein Gesprächspartner – das vergisst man bloß allzu schnell. Vornehmlich unterhalte ich mich in Rechtfertigungen – für alles mögliche, manchmal real oder manchmal eben auch nicht.

Freizeit allein auf zwei Quadratmetern

Meine Freizeit lässt sich auf zwei Quadratmeter zusammenfassen: die Couch. Addiert man weitere zwei Quadratmeter, so wird daraus Couch und Netflix. An guten Abenden mit dem Smartphone in der Hand, denn fremde Menschen an fremden Orten unterhalten sich mit mir. An guten Abenden reicht mir das. Nicht alle Abende sind gut.

An anderen guten Abenden empfange ich Besuch – während das Kind im Nebenraum schläft. Doch auch so lässt es sich nur bedingt erholen. Was, wenn das Kind aufwacht? Selbst in den Momenten, in denen ich mich eigentlich entspannen könnte, vielleicht sogar fallen lassen sollte, ist die Anspannung greifbar. Ein rotes Licht, dass irgendwo immer aufleuchtet und mich daran hindert, gänzlich loszulassen. Wer immer auf dem Gaspedal steht …

Plot Twist: Was meine Tochter mir bei alledem beigebracht hat

Und während ich selbst noch mit dem Erkenntnisgewinn oder wahlweise der Entspannung verhandle, erinnere ich mich an eine Lektion, die mir meine Dreijährige erst kürzlich mit auf den Weg gab – en passant im Weihnachtsurlaub, wenn man so will. Nach einer Nacht, in der wir uns erst bitter stritten und ich dann mehr als die halbe Nacht auf dem Badezimmerboden lag.

Sich selbst zu hinterfragen, ohne zu zweifeln, obgleich ein wenig Zweifel immer auch erlaubt sein muss. Und das in wirklich jeder Situation, zu jedem Moment. Dass das nicht bedeutet, dass alles falsch ist oder dass alles zu schwer ist, sondern dass man manchmal auch erkennen muss, warum man keine Geduld mehr hatte. Warum man unfair geworden ist. Und warum meine Tochter eigentlich wirklich geweint hat, was ihr eigentliches Bedürfnis war? Und das diese Fragen und Freiräume auch für das Kind gelten:

[Außerdem bei ze.tt: Der zweijährige Elmo soll vegan aufwachsen]

„Papa, ich wollte dich gar nicht anmeckern!“ – „Ich weiß, Schatz. Wenn man wütend ist, sagt man manchmal Sachen, die man gar nicht sagen will. Ich wollte dich auch nicht anmeckern!“ Und dann halten wir eben doch wieder zusammen. Weil das Leben zu zweit sehr viel verwirrender und fordernder ist als man denkt – und man daran aber auch unglaublich wachsen muss.

Ohne Pointe, ohne guten Ratschlag und ohne dass man wüsste, wohin das alles führen wird.


von Johnnys Papablog auf EDITION F

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