Netflix-Doku „Crip Camp“: Menschen mit Behinderung, vereinigt euch!

Der Film über das inklusive Sommercamp Jened in den USA der 70er zeigt, wie wichtig das Erleben von Gemeinschaft ist, um Diskriminierung politisch zu bekämpfen. Eine Kritik

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Im US-amerikanischen Camp Jened wurden die Grenzen zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen verwischt. Filmstills: © Netflix, Collage: © ze.tt

„Stell dir einen Ort vor, an dem es keinen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung gibt.“ Einen solchen Ort müsste ich mir wohl in meiner Phantasie zusammenbauen. Denn kennengelernt habe ich ihn noch nicht.

Sicher, ich habe mich in Zusammenhängen bewegt, in denen man diesem Ziel näher war als in anderen. Ich lebe seit meiner Geburt mit einer Körperbehinderung und habe viel Zeit in inklusiven oder integrativen – wie sie früher genannt wurden – Projekten verbracht. Aber noch nie war ich an einem Ort, an dem die Trennlinien zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen wirklich aufgehoben waren.

Eine inklusive Utopie in den USA

Die neue Netflix-Doku Crip Camp: A Disability Revolution zeigt jedoch einen Ort, der genau das sein wollte: Das Camp Jened, ein Sommercamp von jungen Menschen mit und ohne Behinderung im US-Bundesstaat New York in den 1970er-Jahren. Drei Autostunden entfernt von Manhattan in den Catskill Mountains, fußläufig entfernt von der Dorfgemeinde White Lake, dem Veranstaltungsort des legendären Woodstock-Festivals, wurde in der Hitze der Gebirgssonne und zwischen Pinien für einige Jahre jeden Sommer eine inklusive Utopie entworfen.

James LeBrecht, Camper sowie neben Nicole Newnham Co-Autor und Co-Regisseur der Dokumentation, beschreibt seine Ankunft im Camp Jened so: „Ich war mir nicht sicher, wer Camper und wer Betreuer war.“

Im Camp Jened wurden die Grenzen verwischt, und zwar nicht nur die Grenze zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen. Auch viele andere Einteilungen verschwammen: Zwischen Betreuer*innen und Camper*innen, zwischen Camper*innen mit körperlichen und kognitiven Behinderungen, Jugendlichen mit angeborenen und später erworbenen Beeinträchtigungen.

Es sei darum gegangen, Jugendlichen mit Behinderung einen Raum und eine Zeit zu geben, einfach Teenager sein zu können, sagt der Leiter des Camps Larry Allison in der Doku.

Was soll daran eine Utopie sein, mag sich manch eine*r fragen. Aber genau das, einfach ganz durchschnittliche*r Teenager*in sein zu können, war das, was die meisten Camp-Teilnehmer*innen außerhalb Jeneds nicht so einfach erleben konnten. „Außerhalb des Camps habe ich mich nicht als cooler Junge gefühlt. In Jened war ich es“, sagt James LeBrecht. „Dort gab es viele hübsche Mädchen.“

Außerhalb des Camps hatte ich keine Dates.

Judy Heumann

In Jened konnten die Camper*innen, wenn sie es wollten, ihre Sexualität entdecken und leben. „Romantik lag in der Luft“, beschreibt Judy Heumann die Atmosphäre im Camp. „Außerhalb des Camps hatte ich keine Dates.“

Auch Neil Jacobson erinnert sich an seine ersten sexuellen Erfahrungen: „In meinem ersten Jahr im Camp erteilte mir eine der Betreuerinnen eine Lektion im Küssen.“ Eine neue und ungewohnte Situation für viele der Camper*innen.

Mehr als der perfekte Sommer für einige Teenager

„There’s something happening here (…). Young people speaking their minds“, singt Buffalo Springfield im Intro der Doku. Schon diese Songwahl macht deutlich: Das Camp Jened war nicht nur ein aufregender Sommer für ein paar Teenager, die sich das erste Mal verliebten und an lauen Sommerabenden miteinander rumknutschten. Das war es auch. Aber es war noch viel mehr. Es war die Geburtsstunde der Behindertenrechtsbewegung in den USA.

Die Protagonist*innen der Doku, die ehemaligen Camp-Teilnehmer*innen, allen voran Judy Heumann, gründeten die Menschenrechtsorganisation Disabled in Action. Sie wurden zu wichtigen Kämpfer*innen für die Rechte von behinderten Menschen in den USA und beeinflussten durch ihre Arbeit den Kampf für die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung weltweit. Viele ihrer Forderungen, die nach langer und zäher Arbeit Einzug in US-amerikanische Gesetzestexte erhielten, finden sich heute auch in der internationalen UN-Behindertenrechtskonvention und nationalen Gesetzgebungen anderer Länder wieder.

Menschen mit Behinderung müssen stolz darauf sein, wer wir sind. Wir müssen aufhören, uns zu schämen.

Judy Heumann

Wie war das möglich? Wie konnte ein Sommercamp von einigen Teenager*innen, die mit Gitarre und Blumenkranz im Haar auf der Veranda ihrer Bungalows abhingen, den Grundstein legen für eine so wichtige Menschenrechtsbewegung? Der Grund dürfte in einem interessanten Entwicklung liegen, von der Crip Camp ganz wunderbar erzählt:

Einerseits sieht man, wie sich die Camper*innen in Jened endlich frei von Stigmatisierungen als Teenager*innen erleben.

Andererseits stiftete das Camp aber auch ein Gemeinschaftsgefühl. Es begann sich eine Community behinderter Menschen zu bilden, in der Erfahrungen und Anliegen geteilt wurden. Während sich die Teilnehmer*innen des Camps auf der sozialen Ebene als Teenager erlebten, die in der Sonne musizierten oder im Pool abhingen oder einfach im Gras chillten, begannen sie sich auf der politischen Ebene immer mehr als Teil einer Gemeinschaft behinderter Menschen zu begreifen.

Ein soziales Verständnis von Behinderung rückte in den Fokus

Außerhalb des Camps bedeutete behindert zu sein, sozial separiert zu sein. Judy Heumann erinnert sich an ihre Schulzeit: „Die Klassen für behinderte Kinder waren im Keller. Die anderen waren oben. Wir nannten die nicht-behinderten Kinder upstairs kids.“ Im Camp bedeutete behindert zu sein, nicht mehr downstairs zu leben, sondern einer Gemeinschaft anzugehören.

Die Beeinträchtigungen der Camper*innen, also ihre körperlichen Einschränkungen, verloren in Jened an Bedeutung, wie James LeBrecht berichtet: „Im Camp hatten alle etwas Körperliches. Es war keine große Sache.“

Doch die sozialen Barrieren, auf die jede*r von ihnen tagtäglich stieß, wurden in regelmäßigen Gesprächsrunden diskutiert. Die Teilnehmer*innen vom Camp Jened fanden heraus, dass viele ihrer Probleme nicht ihre individuellen Schwierigkeiten und nicht medizinischer Ursache waren, sondern strukturelle Hürden. „So haben wir erkannt, dass wir versuchen mussten, Dinge zusammen zu tun“, sagt Judy Heumann.

Crip Camp: A Disability Revolution zeigt Menschen mit Behinderung, die sich nicht auf ihre Behinderung reduzieren lassen und sich gleichzeitig einer Gemeinschaft behinderter Menschen zugehörig fühlen. Ein Gefühl, das auch heute wichtig sei, um politisch etwas zu bewegen, wie Judy Heumann kürzlich in der Fernsehsendung The Daily Show with Trevor Noah sagte: „Menschen mit Behinderung in den Vereinigten Staaten und weltweit müssen stolz darauf sein, wer wir sind. Wir müssen aufhören, uns zu schämen. Wir müssen uns als Menschen mit Behinderung zusammenschließen und uns gegen Unterdrückung wehren.“

Von dieser Notwendigkeit, eine Gemeinschaft zu bilden, um politische Ziele zu erreichen, erzählt Crip Camp sehr eindrücklich.

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