Mesut Özil: Einer von uns?

Gestern gab Mesut Özil seinen Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bekannt. Unser Autor findet: Es gibt noch viel zu tun – auch für Özil. Ein Kommentar

Gestern gab Mesut Özil seine Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bekannt. Unser Autor findet: Es gibt noch viel zu tun – auch für Özil. Ein Kommentar

Nach Özils Rücktritt: Unser Autor findet, es gibt noch einiges zu tun. Foto: Catherine Ivill / Getty Images

Eigentlich wollte ich Mesut Özil für seine letzte Pressemitteilung, sein Verhalten vor, während und nach der WM und das Foto mit Erdoğan kritisieren. Ich war noch nie großer Fan von ihm. Das meine ich nicht fußballerisch, denn ich denke er ist ein großes Talent und jedes Team kann froh sein, ihn als Spieler zu haben. Aber ich konnte immer wieder feststellen, dass sein Bezug zu Religion, der Türkei und ihrem Staatsoberhaupt etwas anders war als ich nachempfinden konnte und wollte. Und das war okay. Ich glaube auch, dass er kein Problem damit hat, auf mich als Fan zu verzichten.

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Nun eskalierte die Situation jedoch auf eine dramatische Art und Weise. Die Statements von Özil auf Twitter zeigen auf, was er fühlt, denkt und wie er behandelt werden möchte. Özil ist jetzt nicht mehr der Multimillionär-Fußballer, der für sehr viel Geld Kleidung von großen Marken trägt, er ist plötzlich „einer von uns“.

Özil, der Vorzeige-Deutsche

Mit „einer von uns“ meine ich sicherlich nicht dasselbe, wie viele seiner Fans es gerne meinen. Denn ich beziehe mich hier nicht auf seinen Hintergrund und wie er es geschafft hat, erfolgreicher Fußballer zu werden, sondern dass er Deutscher sein möchte. Deutscher. Kaum zu glauben, dass wir an dem Punkt angelangt sind, dass Mesut Özil Sprachrohr für türkischstämmige Deutsche sein könnte, in ihrem Verlangen nach gesellschaftlicher Akzeptanz. Wer hätte das erwartet? Ich nicht.

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Denn war er es nicht, der es ablehnte, die deutsche Nationalhymne zu singen? Oder der sich gemeinsam mit Ilkay Gündogan mit Präsident Erdoğan ablichten ließ? Ersteres ist jetzt nicht der wichtigste Indikator, um Deutscher zu sein, ich weiß. Aber er ist einer. Und letzteres ist ein bisschen schräg, denn wir haben ja auch einen Präsidenten. Ich will auch noch mehr Kontroverse hervorrufen. Ich meine ja nur. Eigentlich wollte ich ihn ja auch nicht kritisieren. Was für ein Dilemma.

Wir wollen auch wie Julia und Michael sein

Ich schrieb schon einmal darüber, dass ich es nicht ausstehen kann, immer wieder über die türkische Politik zu reden, weil ich merkte, dass mich Menschen in Deutschland nicht als Deutschen akzeptierten. Ich bin doch deutscher Staatsbürger und lebe, arbeite und zahle Steuern hier und ärgere mich eventuell über die gleichen Dinge wie andere Deutsche. Zum Beispiel über Seehofer. Unser Drang als vollständiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert zu werden ist nicht neu. Wir studieren, machen eine Lehre, arbeiten, stellen ein, wählen, werden gewählt – so wie Julia oder Michael von nebenan.

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Mesut Özil konnte mit seinem Talent zeigen, dass er gebraucht wird und deswegen gefördert werden muss. Anders kann man das was der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als „Talentförderprogramm“ bezeichnet, nicht erklären. Und so war es auch. Er hat es bis ganz nach oben geschafft und bescherte Deutschland viele Erfolge. Anders als Michael und Julia kann Mesut sich nicht darauf verlassen, dass seine Fehler nur Fehler sind. Dass sie nicht gleich dazu führen, ein gesamtes (Fußball-)System infrage zu stellen oder ob er tatsächlich an Demokratie und Menschenrechte glaubt. Wie absurd.

Aufwachsen mit zwei Kulturen ist doppelt so schwer

Anders als Julia und Michael muss sich Mesut über seine kulturelle Außenwirkung Gedanken machen. Er möchte nicht eine Seite von sich ausblenden, nur damit die andere nicht gefährdet wird. Das ist sein Recht. Denn er hat es sich nicht ausgesucht, mit zwei Kulturen und Sprachen aufzuwachsen. Niemand hätte ihm erklären können, wie es ist, ein deutsches Trikot zu tragen, nach Hause zu kommen, Türkisch zu sprechen, Erdoğan im Fernseher zu sehen und Tee zu trinken, um dann wieder ein deutsches Trikot zu tragen. Noch nicht einmal das Talentförderprogramm vom DFB hätte dies erklären können. Er musste es selbst lernen.

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Ich glaube immer noch, dass es ein Fehler war, sich mit Erdoğan auf diese Weise ablichten zu lassen. Das ist meine Meinung. Sie wird von vielen geteilt, von anderen nicht. Als türkischstämmiger Deutscher begrüße ich es aber außerordentlich, dass eine Persönlichkeit wie Mesut Özil sich dazu bekennt zu sagen, dass er als Deutscher akzeptiert werden will. Wir wollen es auch.

Es gibt viel zu tun!

Nun reicht es aber nicht mit diesen Abschieds-Statements. Viele werden ihm vorwerfen, dass er gute PR-Manager hat und sie diese ganze Debatte clever inszenieren, um ihn als Opfer darzustellen. Deswegen muss mehr folgen als nur dieser Abschied. Wenn Mesut Özil sich tatsächlich ungerecht behandelt fühlt, wenn er denkt, dass Rassismus das Motiv für die Reaktionen gegenüber seiner Person war, dann wird es Zeit, dass er sich bereit erklärt, dagegen aktiv zu werden. Wir sind es. Täglich. Ohne Millionen-Deal mit Adidas. Sondern in täglichem Austausch mit Julia oder Michael. Und wir laden dich, Mesut, dazu ein. Vielleicht bist du ja doch „einer von uns“?


Korrektur: Wir bitten den Fehler in der ersten Fassung des Textes zu entschuldigen. Es war nicht Mesut Özil, der dem türkischen Präsidenten ein Trikot mit der Aufschrift „für meinen Präsidenten“ schenkte, sondern Ilkay Gündogan.