#MeToo: Es geht um sexuelle Belästigung, nicht um einen Geschlechterkampf

In der aktuellen ZEIT sieht sich Autor Jens Jessen von einem männerhassenden Feminismus angegriffen. Als Auslöser dafür versteht er die #MeToo-Debatte. Dabei deutet er die Anliegen der Debatte grundlegend falsch und inszeniert einen Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau. Ein Kommentar 

metoo-jens-jessen

Viele Frauen werden auf der Straße sexuell belästigt. Foto: Unsplash | CC0

Es geht bei #MeToo nicht um Geschlechterkampf, es geht um sexuelle Belästigung. Es geht von Beginn an um das Sichtbarmachen sexualisierter Gewalt – in Form von Belästigungen, Grenzüberschreitungen intimer Bereiche –, ausgelöst von der Bemühung zu zeigen, wie allgegenwärtig diese Problematik in unserer Gesellschaft ist. Egal in welcher Bildungsschicht, in welchem Berufsfeld, in welchem Alter. Es geht darum, den von sexualisierter Gewalt Betroffenen zuzuhören und veraltete Machtstrukturen zu überwinden.

Wer #MeToo, wie Jessen in seinem Artikel Der bedrohte Mann, instrumentalisiert, als „Hexenlabyrinth“ bezeichnet oder zu Männerhass umdeutet, verfehlt den Kern der Debatte. Der entzieht sich der Selbstreflexion, die von allen Seiten nötig wäre, um die sexistischen Strukturen unserer Gesellschaft aufzudröseln, abzuschaffen.

Jessen sieht alle Männer unter Generalverdacht gestellt, jede Nacht wachgehalten von der Angst, fälschlicherweise eines sexualisierten Übergriffes beschuldigt zu werden. Man möchte ihn gerne beruhigen, stellt sich doch bei genauerer Betrachtung heraus, dass die Zahl der fälschlich beschuldigten sexualisierten Übergriffe in Deutschland bei etwa 3 Prozent liegt. Mal als Vergleich: Laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird jede siebte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens Opfer sexualisierter GewaltAngezeigt werden 5 Prozent aller Fälle. Es ist somit sehr viel wahrscheinlicher, als Frau sexualisierte Gewalt zu erleben, als als Mann falsch beschuldigt zu werden. Bevor man sich also darüber amüsiert, dass Frauen beim Ausgehen ihre Drinks im Auge behalten, um sich vor K.-o.-Trop­fen zu schützen, sollte man diese Zahlen im Kopf behalten.

Dabei wäre der Ursprung von Jessens Wut eigentlich nachvollziehbar. Was als heilende #MeToo-Debatte begann, wurde mancherorts aus allen Proportionen gerissen und hat dort Gräben aufgetan, wo keine waren. Natürlich sind falsche Anschuldigungen fehl am Platz, egal welches Geschlecht sie betreffen. Natürlich ist es übertrieben, jeden Flirt mit einem Akt der Belästigung gleichzusetzen. Natürlich ist nicht jede erklärende Hilfestellung ein Man- oder Womansplaining. 

Diese Fehlentwicklungen gibt es und diese Fehlentwicklungen sind wohl tatsächlich die extreme Folge der #Metoo-Debatte. Wären diese sehr raren Beispiele alltäglicher Normalzustand, wäre auch Jessens Kritik berechtigter. Sie sind es aber nicht. Stattdessen kritisiert er etwas, woran er sich selbst nicht hält und es nicht mal merkt.

Er pauschalisiert, er generalisiert. Nicht jeder Mann fühlt sich durch den neuen, starken Feminismus bedroht. Nicht jede Frau hat einen in die Wiege gelegten Männerhass, vor dem sich Jessen so sehr fürchtet. Wir brauchen eine Sexismus-Debatte, die ohne das Geschlechter-Bashing auskommt. Eine reißerische Tonalität ist dabei kontraproduktiv.

Jens Jessen kann genauso wenig für das männliche Geschlecht sprechen, wie er über alle Autofahrer*innen oder Hundebesitzer*innen sprechen kann. Er mag sich berufen fühlen, seine Geschlechtsgenossen zu repräsentieren, aber damit ist er um keinen Deut besser als eine der von ihm so bezeichneten „totalitären Feministinnen“. Man muss sich beim Lesen des Artikels schon wundern, warum er auch allen Männern gleichzeitig untersagt Feminist zu sein, indem er bei seiner Beschreibung des Totalitären die rein weibliche Form der Feministinnen wählt.

Alles in allem scheint es momentan so, als würde sich die #MeToo-Debatte nunmehr hauptsächlich in den Feuilletons der Meinungsmedien als Journalist-gegen-Journalistin-Debatte auf einer derartigen Metaebene zerflattern, dass sie für kaum jemanden außerhalb der Medienblase greifbar zu sein scheint. Um das zu ändern und um #MeToo wieder zu seinen Wurzeln zurückzuführen, haben wir ein öffentlich einsehbares Google-Doc aufgesetzt. In diesem dokumentieren alle ze.tt-Redakteur*innen ein Jahr lang, welche sexuellen Belästigungen sie im Alltag ausgesetzt waren. Nach 365 Tagen, im April 2019 werden wir Resümee ziehen und können dann – aus Sicht unserer Redaktion – transparent nachvollziehbar machen, wer welchen Geschlechts, was erlebt hat – oder eben nicht.