#MeToo: Warum es in Deutschland so lange gedauert hat, einen mutmaßlichen Täter zu nennen

Vier Monate nach dem Weinstein-Skandal in den USA wird nun auch in Deutschland ein namentlicher Missbrauchsvorwurf in der Filmbranche erhoben. Eine Wissenschaftlerin erklärt, warum die Auswirkungen von #MeToo hier so viel zögerlicher ausfallen als in den USA. 

Sprich darüber!

Sprich darüber! © BERTRAND GUAY/AFP/Getty Images

Vergangene Woche veröffentlichten die Journalistinnen Annabel Wahba und Jana Simon im ZEITMagazin ein Dossier, in welchem drei Schauspielerinnen dem Regisseur Dieter Wedel sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung vorwerfen. In einer schriftlichen Stellungnahme wies der Regisseur die Anschuldigungen von sich.

Zum ersten Mal im Verlauf der deutschen #MeToo-Debatte wurden sowohl die mutmaßlichen Opfer als auch der mutmaßliche Täter direkt genannt. Juristisch kann Wedel nicht mehr belangt werden, da die Taten bereits verjährt sind. In den USA wurde der Produzent Harvey Weinstein bereits im Oktober 2017 mit den Vorwürfen von Schauspielerinnen konfrontiert. Es dauerte vier Monate, bis auch in Deutschland ein konkreter Fall öffentlich gemacht wurde.

[Außerdem auf ze.tt: #MeToo: Drei Schauspielerinnen beschuldigen Regisseur Dieter Wedel der sexuellen Nötigung]

Bloß keine Namen nennen

Ende vergangenen Jahres hatten sich zwar einige Schauspielerinnen zu diesem Thema zu Wort gemeldet, doch wenn es um konkrete Erfahrungen sexueller Übergriffe in der Branche ging, hieß es immer „ein Regisseur“ oder „ein einflussreicher Produzent“. Als jetzt der erste Name fiel, wurde zuallererst diskutiert, ob es von den Journalistinnen überhaupt in Ordnung gewesen sei, den Namen Wedel im Zusammenhang mit den schwerwiegenden Vorwürfen ohne konkrete Beweislage in den Raum zu stellen.

Wahba und Simon rechtfertigten sich daraufhin gegenüber dem Meedia Magazin und machten deutlich, dass sie während der dreimonatigen Recherche Wert darauf gelegt hätten, die Glaubwürdigkeit der Frauen zu überprüfen. Sie hätten außerdem versucht, immer auch den Beschuldigten zu Wort kommen zu lassen.

[Außerdem auf ze.tt: Politikerin prangert Sexismus in Berliner CDU an – die Reaktion eines Parteikollegen: „Mimimi“]

Die Genderstudies-Forscherin Eva Boesenberg, die an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt, erklärt die Frage nach der Belegbarkeit der Vorwürfe zu einem „klassischen Abwehrmoment”. Sie verweist auf den Fall der jungen CDU-Politikerin Jenna Behrends, die 2016 gegenüber Politikern der eigenen Partei Sexismus-Vorwürfe erhoben hatte.

Immer wieder hieß es, wie auch in Behrends Fall, der Vorwurf könne nicht nachgewiesen werden. „Während mit diesem Verhalten diejenigen, die solche Übergriffe begehen, geschützt werden, wird den Opfern, denen in der Öffentlichkeit zumeist die dünne Beweislage vorgehalten wird, der Mut genommen, ihre Erlebnisse mitzuteilen“, erklärt Eva Boesenberg.

Was Trump mit den starken Reaktionen in den USA zu tun hat

Dass #MeToo in den USA so viel schneller als in Deutschland zu konkreten Vorwürfen gegenüber einzelnen Personen führte, erklärt die Forscherin folgendermaßen: Die US-Amerikaner*innen seien durch den Skandal um den US-amerikanischen Präsidenten, ausgelöst durch seine frauenfeindliche Äußerung „Grab ‚em by the pussy!“, bereits für das Thema um sexuellen Missbrauch in einer öffentlichen Debatte sensibilisiert worden.

„Der Kenntnisstand um die Frage ,Was heißt sexuelle Belästigung überhaupt?‘ war zum Zeitpunkt des Weinstein-Skandals in den USA bereits deutlich höher, als er es heute in Deutschland ist“, erläutert Eva Boesenberg. Generell ließe sich sagen, dass in den USA der Forschungsstand zum Thema Women- und Genderstudies bereits deutlich institutionalisierter sei und dadurch auch der öffentliche Diskurs stärker stattfinden könne.