Mexiko: Wie Felina aus ihrem Frisörsalon ein Wahlkampfbüro machte

Mitten im Macholand Mexiko gibt es eine queere Insel: In der Stadt Juchitán sind nicht-binäre Menschen seit Jahrhunderten Teil der Kultur. Trotzdem setzt Felina im blutigen Wahlkampf ihr Leben für LGBTQ-Rechte aufs Spiel. Warum?

Felina Santiago Valdivieso schminkt sich vor einem Spiegel.

Felina Santiago Valdivieso setzt sich in Mexiko für LGBTQ-Rechte ein. Foto: © Rebecca Seror

Felina räumt die Shampooflaschen zurück ins Regal. Ihre Klient*innen hatten es ohnehin nicht verstanden: Von einem Tag auf den anderen waren die Föhne und Haarbürsten aus ihrem Schönheitssalon in der südmexikanischen Stadt Juchitán verschwunden, das Shampoo weggeräumt. Stattdessen hing ein großes Wahlplakat an der Wand, das sich in den vielen Spiegeln vervielfachte. Darauf zu sehen: Felina Santiago Valdivieso in der typischen Tracht der Region, die durch Frida Kahlo weltbekannt wurde. Die traditionelle Linkspartei PRD hat Felina zur Landtagswal im Bundesstaat Oaxaca aufgestellt. Und weil Felinas Schönheitssalon strategisch gut im Zentrum der Stadt liegt, hat sie ihn kurzerhand in ihr Wahlbüro verwandelt.

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Vergangene Woche hat Mexiko mit Andrés Manuel López Obrador, dem Kandidaten der linksnationalen Morena-Partei, nicht nur einen neuen Präsidenten gewählt. Es wurden auch über 3.400 weitere Posten besetzt, die meisten auf lokaler Ebene. Es waren die umfassendsten Wahlen in der Geschichte des Landes. Und der blutigste Wahlkampf: Seit Beginn im September 2017 wurden über 130 Politiker*innen ermordet. In Mexiko werden immer wieder Kandidat*innen bedroht und Politiker*innen unter Druck gesetzt, weil Drogenkartelle ihren Einfluss nicht verlieren wollen. In Juchitán wurde gerade erst die 28-jährige Lokalpolitikerin Pamela Terán erschossen, als sie eine Bar verließ. „Im Wahlkampf hat die Gewalt neue Rekorde erreicht“, sagt auch Felina.

Felina wollte Geschichte schreiben: als erste Transfrau im Parlament

Es gehört also viel Mut dazu, in Mexiko ein Amt in der Lokalpolitik zu übernehmen. Felina ist das Risiko eingegangen. Weil sie für ein faires Mexiko kämpft. Und weil sie Geschichte schreiben wollte – als erste Transfrau überhaupt in einem mexikanischen Parlament.

Felina ist Muxe. So werden im Süden Mexikos Menschen genannt, die sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde. Felina lebt heute als Frau. Doch die Muxes von Juchitán bewegen sich jenseits geschlechtlicher Stereotype: Manche lieben Männer, andere Frauen. Einige haben Kinder und eine feste Beziehung, andere wechselnde Partner*innen und wieder andere arbeiten als Prostituierte. „Wir sind weder Frau noch Mann, wir sind Muxe“, sagt Felina.

Wir müssen nicht warten, dass sich etwas verändert. Wir können selbst etwas verändern.“ – Felina Santiago Valdivieso

Am Morgen nach der Wahl herrscht Katerstimmung im Schönheitssalon. Felina streicht mit dem Finger über ein Wandregal und bläst sich den Staub von der Fingerspitze. Dann holt sie die Kisten mit Haarbürsten, Föhnen und Handtüchern aus dem Nebenzimmer. Bald kommen die ersten Kunden. Felina hat gekämpft. Und verloren. Niedergeschlagen aber ist sie nicht: „Ich bin von Tür zu Tür gelaufen, habe mir jede einzelne Stimme verdient – und dabei viel Aufmerksamkeit auf die Themen der LGBTQ-Community gelenkt“, sagt sie. Vom neuen Präsidenten erwartet Felina nicht viel: López Obrador hat sich mit der ultrakonservativen PES zusammengetan, die sich offen gegen Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe ausspricht. Umso dringender braucht es lokale LGBTQ-Aktivist*innen, glaubt Felina. „Wir müssen nicht warten, dass sich etwas verändert. Wir können selbst etwas verändern.“

Mexiko verzeichnet die zweithöchste Zahl an homophob motivierten Morden in Lateinamerika

Felinas Einsatz, ihre Risikobereitschaft, stößt in Juchitán bisweilen auf Unverständnis – auch in den eigenen Reihen. Denn in Juchitán sind Muxes seit Jahrhunderten anerkannter Teil der Gesellschaft, die von westlichen Anthropolog*innen auch als Matriarchat bezeichnet wird. „Ich selbst habe nie Diskriminierung erlebt, meine Familie hat mich immer akzeptiert und auch in der Gesellschaft habe ich einen angesehenen Platz“, erzählt Felina nicht ohne Stolz.

Doch mit dieser hohen Akzeptanz gegenüber einem dritten Geschlecht bildet die Region um Juchitán eine Ausnahme. Das weiß auch Felina: „Mexiko ist ein stark patriarchal geprägtes Land, voller Trans- und Homophobie.“ Vergangenes Jahr wurden 95 Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ermordet, berichtet die Menschenrechtsorganisation Comisión Ciudadana de los Crímenes de Odio por Homofobia (Bürgerkomitee gegen homophobe Hassverbrechen). Damit weist Mexiko nach Brasilien die zweithöchste Zahl homophob motivierter Morde in Lateinamerika auf. Zwar ist die Rechtslage in Mexiko auf dem Papier sogar besser als in einigen europäischen Staaten. Die mexikanische Verfassung schützt jede Form sexueller Orientierung, Diskriminierung ist per Gesetz verboten. Doch die Realität sieht oft anders aus.

Muxes sind akzeptiert, doch viele haben Angst vor einem Zuviel an Muxe“ – Felina Santiago Valdivieso

Selbst in Juchitán, dass vielen Mexikaner*innen früher als queeres Paradies galt, haben Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTQ-Menschen zugenommen. Das dritte Geschlecht mag Teil einer jahrhundertealten Kultur sein – und trotzdem zeigen auch hier moderne Einflüsse der Gesellschaft die Grenzen ihrer Toleranz auf. „Muxes sind akzeptiert, doch viele haben Angst vor einem Zuviel an Muxe“, versucht Felina den Konflikt zu umschreiben. Geschlechts- und Namensänderungen seien mit hohen Hürden verbunden, genauso wie eine Hormonbehandlung. „Und auch die gleichgeschlechtliche Ehe ist in Oaxaca erst seit wenigen Monaten legalisiert.“

Felina macht sich schon seit Jahren für die LGBTQ-Community stark. Sie ist Teil der von Muxes gegründeten Gruppe Die unerschrockenen wahren Gefahrsucherinnen. In die Politik wollte sie eigentlich nie. Zu korrupt die Politiker*innen, zu gefährlich das öffentliche Engagement. Die großen Parteien würden Wähler*innenstimmen einfach einkaufen, ist sich Felina sicher: „In Juchitán kostet eine Stimme nur 500 Pesos.“ Das sind umgerechnet gerade einmal 20 Euro. Hinzu kommt: Polizei und Militär, sowie große Teile des Staatsapparats sind von der Mafia unterwandert. Unliebsame Kandidat*innen leben gefährlich.

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Doch dann kam das schwere Erdbeben im September 2017. Nirgendwo sonst kamen so viele Menschen ums Leben wie in Juchitán. Felina erinnert sich noch gut: „Nach nur wenigen Minuten lag die halbe Stadt in Trümmern.“ Bis heute sind die Spuren der Verwüstung deutlich zu sehen, die Straßen voller Geröll. Während die Erdbebenopfer vergeblich auf Hilfe warteten, da sich Politiker*innen die Spendengelder in die eigene Tasche steckten, half Felina aus: Sie verteilte Lebensmittel, hörte zu, trieb Spenden ein. Ihr Bekanntheitsgrad wuchs – und sie wurde von der traditionellen Linkspartei PRD zur Wahl aufgestellt. Mit ihrem Engagement verkörpert sie genau das, was sich viele Mexikaner*innen wünschen: Politiker*innen jenseits des Establishments, die konkrete Hilfestellungen bieten.

Jetzt steht Felina wieder in ihrem Schönheitssalon. Zufrieden streicht sie über einen ihrer Friseurtische. „Es geht ja trotzdem weiter, auch im Kleinen kann man viel erreichen“, meint sie. Gerade in einem Land wie Mexiko. Das Wahlplakat hat sie abgehängt. Im Spiegel vervielfacht sich nun wieder die alte Felina: pinker Lippenstift, schulterfreies Sommerkleid, auf der Schulter ein großes Tattoo. Es ist ein Leopardenmuster. Das passt zu ihr, denn „Felina“ bedeutet „raubkatzenartig“ auf Spanisch. Und vielleicht ist der Hintergrund ja ihre eigentliche Angriffsposition. Als Nächstes möchte Felina Workshops organisieren und mit Muxes am eigenen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis arbeiten. Empowerment als Strategie. Und schließlich bleibt ja auch beim Haareschneiden genug Zeit, um mit den Klient*innen über wichtige Dinge ins Gespräch zu kommen.