Michael-Jackson-Doku: Was das Schweigen mit den mutmaßlichen Missbrauchsopfern machte

In Leaving Neverland sprechen zwei Männer über den vermeintlichen Missbrauch durch den Weltstar. Ein Psychologe erklärt, warum ihr langes Schweigen nicht ungewöhnlich ist.

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Wade Robson (l.) und James Safechuck (r.). Screenshots: HBO/Youtube

Auf allen Vieren sollte sich Wade auf das Bett knien. Vor ihm stand eine große Peter Pan-Figur. Hinter ihm lag Michael Jackson. Der selbst ernannte „King of Pop“ befriedigte sich mit Blick auf den nackten 7-Jährigen. „Ich konnte ihm entweder dabei zusehen, wie er masturbierte, oder nach vorne zu Peter Pan sehen“, sagt Wade Robson. Szenen wie diese schildern er und James Safechuck in der vierstündigen Dokumentation „Leaving Neverland“. Sie sollen sich auf Jacksons Neverland-Anwesen abgespielt haben. Die Dokumentation wurde im Januar 2019 auf dem US-amerikanischen Sundance Film Festival erstmals gezeigt und läuft am 6. April auf ProSieben.

Robson (36) und Safechuck (41) erzählen darin, wie sie als Kinder den Weltstar Michael Jackson kennenlernten, sich mit ihm anfreundeten und über Jahre von ihm sexuell missbraucht wurden. Beim Schildern ihrer Schicksale wirken die beiden Familienväter mitgenommen und glaubhaft.

Dennoch ist die vierstündige Dokumentation des US-TV-Senders HBO umstritten. Schließlich erheben die beiden Männer Vorwürfe gegen den bereits 2009 verstorbenen Jackson, der sich selbst nicht mehr zu den Vorwürfen äußern kann. Jackson-Fanclubs klagen vor Gericht gegen Robson und Safechuck: Die beiden Männer würden das Andenken des verstorbenen Jackson verunglimpfen.

„Er war für mich wie ein Sohn. Ich liebte ihn.“

Auch verschiedene Familienangehörige von Robson und Safechuck schildern in der Dokumentation, wie sie Jackson kennenlernten und wahrnahmen. Laut Safechucks Mutter verhielte er sich wie ein „kleines, kicherndes Kind“. „Er war für mich wie ein Sohn. Ich liebte ihn“, sagt sie. Von den sexuellen Übergriffen wollen die Familien Safechuck und Robson nichts gemerkt haben.

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Bei Auftritten umgab sich Michael Jackson oftmals mit Kindern auf der Bühne. Foto: ALAIN FULCONIS / AFP / GettyImages

Dass sich die beiden Männer erst im Erwachsenenalter äußern, ist für Peter Ellesat vom Kinderschutzzentrum Berlin durchaus plausibel. „Für Kinder, die in einem solchen Umfeld aufwachsen, ist der Missbrauch möglicherweise etwas, was sie ’normal‘ und gar nicht absonderlich finden“, sagt er. Seit über 25 Jahren berät der Psychotherapeut Helfer*innen, Erzieher*innen und Ärzt*innen, wie Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung zu deuten sind. Ellesat vermutet, dass Jacksons Prominenten-Status dazu führte, dass die Mütter von Robson und Safechuck nicht so genau hinsahen. „Es ist für die Eltern vielleicht auch eine narzisstische Bestätigung, wenn die Kinder solche Freunde haben“, sagt Ellesat.

Nach Angaben der MiKADO-Studie der Universität Regensburg machen 8,5 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch. Von jenen Vorfällen ist aber gerade mal ein Prozent den Ermittlungsbehörden oder Jugendämtern bekannt. In der 2015 veröffentlichten Studie untersuchten Forscher*innen in Deutschland und Finnland mithilfe von Befragungen von 28.000 Erwachsenen und über 2000 Kindern und Jugendlichen die Dunkelziffer und Bedingungen von Kindesmissbrauch. Der MiKADO-Studie nach zeichnen sich die primär männlichen Täter etwa durch antisoziale Merkmale aus und waren häufig selbst Opfer sexuellen Missbrauchs.

Robson beschreibt, dass während einer seiner ersten Übernachtungen auf der Neverland-Ranch Jackson mitten in der Nacht in einer Ecke gekauert und geweint hätte. Jackson wäre traurig darüber gewesen, dass Robson und seine Familie am nächsten Tag abreisen würde und er wieder alleine wäre, schildert Robson. Der damals 7-Jährige hätte sich daraufhin schuldig gefühlt und wäre daher ohne seine Familie für einige Tage bei Jackson geblieben. Weder die Jungen noch ihre Familien hätten begriffen, was da genau vor sich ging: sexueller Kindesmissbrauch.

Robson und Safechuck glaubten Jackson, ihrem besten Freund und Idol, wenn er ihnen versicherte, dass ihre sexuellen Handlungen ein „Ausdruck ihrer Liebe“ zueinander seien und „von Gott gewollt“ waren. Gleichzeitig schüchterte er die Jungen damit ein, dass sie ins Gefängnis kämen, wenn andere davon erfahren würden.

Jackson wird vor Gericht freigesprochen

Neben Robson und Safechuck sollen auch andere Jungen Opfer des Weltstars geworden sein: So etwa erhob 1993 der Vater des damals 13-jährigen Jordan Chandler Klage gegen Michael Jackson wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. Robson und Safechuck sagten damals zu Gunsten Jacksons vor Gericht aus.

Psychotherapeut Peter Ellesat erklärt sich das Verhalten der beiden so: „Kinder sind sehr egozentrisch und denken, dass wenn etwas schief läuft, dass es an ihnen liegt“, sagt Ellesat. Auch würden Kinder, die Vorwürfe gegen Erwachsene erheben, häufig als unglaubwürdig dargestellt werden. „Daher ist es in der Kindheit oft nicht möglich, den sexuellen Missbrauch zu eröffnen, sondern erst im Erwachsenenalter“, erklärt Ellesat.

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Jackson-Fans lesen in einer Sonderausgabe der Santa Maria Times-Zeitung von dem Freispruch des Musikers vor Gericht. Foto: Christina Barany / Getty Images

Vor Gericht gewann Jackson jeden Prozess wegen sexuellen Missbrauchs. Den Jackson-Opfern, die sich öffentlich zu den Missbräuchen bekannten, wurden Geldgier und Aufmerksamkeitsgeilheit vorgeworfen. Andere mutmaßliche Betroffene wie Robson und Safechuck schwiegen jahrzehntelang. Das Schweigen aber hätte bei ihnen dazu geführt, dass sie unter Depressionen leiden. „Die Zeit heilt alle Wunden, aber ich glaube nicht diese Wunde. Sie wird nur schlimmer“, sagt Safechuck.

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