Michaela Dudley über Tone Policing: „Manchmal muss man sich im Ton vergreifen dürfen“

Wer laut und emotional argumentiert, gilt schnell als unkonstruktiv. Die Kabarettistin Michaela Dudley erklärt, warum Wut in Diskussionen berechtigt ist.

Tone-Policing-Michaela-Dudley
Wut ist für Kabarettistin Michaela Dudley ein Ventil, um ihre Emotionen zu verarbeiten. Foto: © Michaela Dudley

Wenn kontrovers diskutiert wird, taucht ein Phänomen immer wieder auf: Tone Policing. Mit dem Begriff wird die Art und Weise kritisiert, wie ein Standpunkt geäußert wird. „Kannst du das auch ein wenig freundlicher sagen?“, heißt es dann zum Beispiel, oder: „Beruhig‘ dich erst mal und dann reden wir weiter.“ Suggeriert wird: Wer sein Anliegen vernünftig und ruhig vorträgt, werde gehört. Wer laut und wütend kritisiert, sei unkonstruktiv und irrational. Auf die eigentlichen Argumente wird nicht eingegangen.

Typische Figuren, die von Tone Policing betroffen sind, sind zum Beispiel vermeintlich aggressiv auftretende Feministinnen oder die Angry Black Woman, das rassistische Stereotyp der wütenden Schwarzen Frau. Mit der Kabarettistin und Diversity-Beraterin Dr. Michaela Dudley haben wir darüber gesprochen, wie Tone Policing funktioniert und wann eine unsachliche Wortwahl berechtigt sein kann. Als Schwarze trans Frau ist Dudley mehrfach von Tone Policing betroffen.

ze.tt: Frau Dudley, wie würden Sie Tone Policing definieren?

Michaela Dudley: Tone Policing ist eine Art zu sagen: Ich höre dir nicht zu. Die Debatte wird quasi wegen Formalitäten vertagt: Diese Diskussion führen wir heute nicht, weil du das Formular nicht richtig ausgefüllt hast.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet dann gar nicht statt.

Genau, Tone Policing ist in dem Sinne ein Abwehrreflex von Menschen, die sich mit bestimmten Themen nicht auseinandersetzen wollen. Man unterbindet die Auseinandersetzung, indem man sagt: Dein Ton passt nicht. Der Fokus wird auf die schiere Emotionaliät des Anderen gelenkt – die nun mal oft mit einer unsachlichen Wortwahl verbunden ist – in der Hoffnung, dass er oder sie das Diskutieren aufgibt. Es geht dann um Kosmetik, nicht mehr um Inhalte.

Können Sie ein Beispiel nennen, das diese Praxis verdeutlicht?

Nehmen wir mal an, eine Frau berichtet in den sozialen Medien von einer Rassismuserfahrung. Sie ist emotional sehr aufgebracht und verwendet in ihrer Kritik teils beleidigende Sprache. In den anschließenden Kommentaren schreiben Nutzer: „Beruhige dich doch erst mal“ oder „Warum schreibst du denn so respektlos?“

Das wäre Tone Policing. Die Rassismuserfahrung der Frau wird nicht beachtet und ebenso wenig ihr emotionaler Zustand. Ich selbst kenne das. Als Schwarze Transfrau, die sich aktiv für LGBTQIA-Rechte einsetzt, bin ich oft mit Tone Policing konfrontiert. Einmal war ich auf einer Kunstvernissage in Berlin, als mich eine Frau fragte: „Warum müsst ihr immer so laut sein?“ Sie meinte das nicht allein akustisch, sondern auch „laut“ im Sinne von grell oder bunt wie beim Christopher Street Day. Dabei ging es in unserem Gespräch überhaupt nicht um diese Themen.

Wir landen schnell in einer Dynamik des Aneinander-Vorbeiredens, weil der Ton vermeintlich nicht passt.

Dr. Michaela Dudley

Womit wir bei der Debatte über Cancel Culture in linken Kreisen wären.

Ich glaube, dass Tone Policing ideologieübergreifend angewendet wird. Sowohl links als auch rechts der Mitte kann es grundsätzlich eine wirksame Technik sein, sich unangenehme Themen vom Leibe zu halten. Auch deshalb landen wir schnell in einer Dynamik des Aneinander-Vorbeiredens, weil der Ton vermeintlich nicht passt.

Woher rührt dieser Abwehrreflex?

Eine gute Frage. Wovor hat er Angst, wenn er mir sagt, mein Ton sei nicht angemessen in seinem Gedankengebäude? Was ich sage, wird ja nicht richtig dadurch, dass ich es laut oder wütend sage. Wovor hat er also Angst? Davor, dass andere mich hören. Dass andere merken, dass ich etwas zu sagen haben. Sein Tone Policing, seine vermeintliche Kritik an meiner Wortwahl, wirkt zensierend, weil sie mich und andere abhalten soll, aufzubegehren. Dieses Verweigern von Auseinandersetzungen ist gefährlich: Auf Makroebene wirkt es desintegrierend und begünstigt Parallelkulturen. Auf Mikroebene erleiden die Betroffenen psychische Schäden, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen. Viele reagieren darauf mit Rückzug.

Welche Rolle können Emotionalität und unsachliche Wortwahl in einer Debatte spielen?

Natürlich brauchen wir eine zivilisierte, salonfähige Kommunikation, um unterschiedliche Meinungen zu verhandeln. Niemand sollte ständig herumbrüllen – zumal auch das am Ende eintönig ist. Allerdings gibt es Themen, zum Beispiel Rassismus oder Transphobie, die gehen einfach an die Substanz. Wie könnte man da auf Zimmertemperatur bleiben? Wenn der Schmerz tief sitzt, ist es wichtig, auch mal hemmungslos emotional zu sein und Tacheles zu reden.

Oft sind People of Color betroffen. Das liegt daran, dass sie als Unterprivilegierte sehr viel zu fordern und zu erzählen haben, was der Mehrheitsgesellschaft nicht gefällt.

Dr. Michaela Dudley

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen berechtigter unsachlicher Wortwahl und tatsächlichem Im-Ton-Vergreifen?

Das lässt sich pauschal nicht sagen. Sie ist fließend und hängt vom Kontext und Gegenüber ab. Einerseits geht es, denke ich, um den emotionalen Zustand. Wie bereits gesagt: Manchmal muss man sich im Ton vergreifen dürfen. Andererseits kommt es darauf an, was wichtiger ist: Der Ton der Aussage oder das, worum es geht? Beim Anblick eines FUCK NAZIS-Shirts kommen wohl die Wenigsten auf die Idee, die Wortwahl zu kritisieren. Weil die Aussage in der Klarheit akzeptiert wird. Nicht zuletzt kann der unsachliche Ton zu größerer Aufmerksamkeit oder stärkerer Wirkung führen, auch dann halte ich ihn für legitim.

Und wann ist die Kritik an der Wortwahl berechtigt?

Es kommt darauf an, worauf sie abzielt. Wenn es darum geht, zu mehr Netiquette und einer sachgerechteren Debatte beizutragen, kann sie sinnvoll sein. Aber oft wirken solche Vorwürfe als Zensur, als grundsätzlicher Ausschluss aus einer Debatte beziehungsweise als Ablehnung der Debatte selbst.

Gibt es Gruppen, die stärker von Tone Policing betroffen sind als andere?

Auf jeden Fall: die Marginalisierten, die Minderheiten, oft sind People of Color betroffen. Das liegt daran, dass sie als Unterprivilegierte sehr viel zu fordern und zu erzählen haben, was der Mehrheitsgesellschaft nicht gefällt. Ich sehe hier die ganze Zeit eine weiße Karen vor mir, die mir sagt: „So redet man nicht!, damit sie sich nicht mit ihrer Privilegiertheit auseinandersetzen muss. Das kann eine bewusste Taktik sein, aber genauso auch unbewusst.

Vor allem Schwarze Frauen gelten als Betroffene von Tone Policing. Stichwort: Angry Black Woman.

Das kann ich absolut bestätigen. Seit ich das „Ufer“ gewechselt habe und eine Transfrau bin, sehe ich mich öfter mit Tone Policing konfrontiert. Ich habe seither umso mehr Verständnis für die Benachteiligung Schwarzer Frauen. Selbst weniger privilegierte Menschen, zum Beispiel Schwarze Männer, fühlen sich berechtigt, uns zu sagen, worüber und wie wir zu reden haben.

Ich bin manchmal eine Angry Black Woman, Gott sei Dank! Für mich ist es ein Ventil, um meine Emotionen zu verarbeiten.

Dr. Michaela Dudley

Wie kommt das?

Wer hat es in der Geschichte der Menschheit so schlimm gehabt wie eine Schwarze Frau? Man denkt immer, der Schwarze Mann sei am Ende der Hierarchie. Aber unter ihm gibt es die Schwarze Frau, die nicht atmen kann, weil sie – auch von Schwarzen Männern – unterdrückt und marginalisiert wird. Insofern sehe ich beim Stereotyp der Angry Black Woman auch einen wahren Kern: In der Tat gibt es bei uns mehr Wut, einen Stau an Emotionen, erwachsen aus der modernen Geschichte der Sklaverei und den misogynen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Ich bin manchmal eine Angry Black Woman, Gott sei Dank! Für mich ist es ein Ventil, um meine Emotionen zu verarbeiten. Zugleich braucht die Welt manchmal sichtbare Wut, um Aufmerksamkeit für Probleme zu erzeugen. Viele andere Schwarzen Frauen werden allerdings zu Unrecht in die Schublade der Angry Black Woman gesteckt, etwa Michelle Obama. Haben Sie sie jemals schreien gehört? Trotzdem wurde sie von vielen so bezeichnet.

Wie können Schwarze Frauen und andere Betroffene auf Tone Policing reagieren?

Ich bleibe bei Michelle Obama, die einmal sagte: „When they go lower, we go higher.“ Sie meinte damit, dass wir gerade dann salonfähig und respektvoll handeln sollen, wenn man uns aus Diskussionsräumen exkludieren will.

Man soll den Tätern also beipflichten?

Im Endeffekt heißt es nur, dass ich zivilisierter agiere als zuvor. Ich betrachte das nicht als nachgebend, eher als deeskalierend. Denn auch wenn ich ruhiger und sachlicher rede, kann ich spitz, dreist oder beharrlich im Ton bleiben. Ich könnte der Tone Policing betreibenden Karen beispielsweise mit süffisantem Grinsen erwidern: „Na, wie hätten Sie es denn gerne?“ Dann liegt der Ball wieder auf ihrer Seite und sie muss beweisen, dass es wirklich mein Ton ist, der sie stört – und nicht etwa der Inhalt. Indem ich ihr eine Brücke baue, eine wackelige, verschaffe ich mir Gehör. Natürlich klappt das nicht immer, nicht jeder ist Michelle Obama. Mit dem Alter habe ich aber gelernt, dass das besser funktioniert als noch lauter zurückzubrüllen. Da werde ich nur heiser und bediene umso mehr das Stereotyp der Angry Black Woman, die alle fürchten, aber niemand ernst nimmt.

Wie sollten umgekehrt Menschen reagieren, denen Tone Policing vorgeworfen wird?

Im Optimalfall mit Reflexion. Wenn Karen den Vorwurf des Tone Policing empfängt, sollte sie sich fragen, ob da nicht etwas dran ist. Ob sie die Person nicht doch besser reden lassen sollte. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, was da kommt? Vielleicht kann sie sich sogar damit identifizieren. Nur wenn sie sie aussprechen lässt, kann sie feststellen, ob sie tatsächlich etwas zu kritisieren hat. Zugleich finde ich es nicht immer leicht festzustellen, wo Tone Policing wirkt, wer Protagonist ist und wer Antagonist. Denn auch der reine Vorwurf, dass jemand Tone Policing betreibt, kann eine Gelegenheit sein, berechtigte Diskussionen von sich wegzulenken. Anstatt sich vielleicht zu Recht mit seinem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen, attackiert man den anderen. Es lohnt sich daher für beide Seiten, das eigene Verhalten zu reflektieren und sich zu fragen: Bin ich gerade zu weit gegangen?