„Micro-Cheating“: Wenn man nur ein bisschen betrügt

Wann beginnt eigentlich Untreue? Und gehören geheimgehaltene Chats mit der Ex-Liebe schon dazu? Über Micro-Cheating und wann es zum Problem werden kann

„Waren doch nur ein paar Nachrichten."

„Waren doch nur ein paar Nachrichten." Unsplash I CC0-Lizenz

Vor mir steht ein Häufchen Elend. „Er hat ihr über Wochen geschrieben, ohne dass er das mir gegenüber jemals erwähnt hätte. Das fühlt sich scheiße an.“ Sie haut mit der Hand auf den Tisch: „Er sagt, ich übertreibe total. Kannst du mich wenigstens verstehen?“ Puh. „Wenn sonst nichts gelaufen ist, dann ist das doch eigentlich nicht so wild, oder?“, versuche ich die Wogen etwas zu glätten. Ich musste erst einmal darüber nachdenken, bevor ich mehr dazu sagen konnte. „Doch, natürlich ist etwas passiert! Geheimnisse. Vor mir, mit seiner Ex, das geht gar nicht! Ich fühle mich betrogen.“

Betrug, war es das wirklich? Und wann beginnt Fremdgehen überhaupt, wenn nichts Körperliches im Spiel ist? Gar nicht so einfach zu bewerten, auch wenn die Verletzung nachzuvollziehen ist.

[Außerdem auf ze.tt: Wie wir Betrug definieren, sagt viel über unsere Beziehung aus]

Denn natürlich fühlt es sich nicht gut an, wenn der Mensch, der einem am nächsten ist, etwas vor einem verheimlicht. Jemanden verheimlicht – auch wenn es zu nicht viel mehr kommt, als zu Unterhaltungen und ein paar geteilten Momenten. Aber, ist das wirklich schon Untreue? Und muss man seinem Herzensmenschen tatsächlich alles erzählen, auch wenn man es selbst als nicht so wichtig betrachtet und keine Gefahr für die Beziehung sieht, außer dass den*die andere*n die Wahrheit womöglich verletzen würde? Wann wird ein harmloser, unbedeutender Flirt zu einem Akt der Untreue, zu emotionalem Betrug?

Wenn in Beziehungen Geheimnisse entstehen

Die australische Psychologin Melanie Schilling nennt das, was in der Beziehung meiner Freundin passiert ist, Micro-Cheating. Also einen kleinen Betrug, der, so erzählte sie in einem Interview, immer häufiger vorkomme, da soziale Netzwerke eine ideale Plattform dafür bieten.

Micro-Cheating lässt sich nach ihrer Aussage im Grunde folgendermaßen herunterbrechen: Es ist eine eigentlich harmlose Serie an kleinen, verheimlichten Handlungen, die darauf hinauslaufen, dass der*die Partner*in sich auf eine Person außerhalb der Beziehung emotional konzentriert. Etwa, dem*der Expartner*in über einen längeren Zeitraum zu schreiben und eine emotionale Bindung mit jemandem aufzubauen beziehungsweise wiederzubeleben, die vor dem*der Partner*in geheim gehalten wird. Oder auch mit jemandem zu chatten und die eigene Beziehung zu verschweigen. Der gefühlte Betrug liegt also letztlich vor allem in der Geheimhaltung und nicht so sehr in dem, was getan wird.

Der gefühlte Betrug liegt in der Geheimhaltung.“

Eine interessante Überlegung über emotionales Fremdgehen und doch stellt sich die Frage, wo berechtigtes Verletzungsgefühl durch ein Ausgeschlossensein aufhört und ein für Beziehungen eventuell ziemlich ungesunder Kontrollmechanismus beginnt? Der Wunsch, dass sich der*die Partner*in voll und ganz auf nur eine Person, und zwar einen selbst fokussiert, kann erst mal harmlos, ja, fast selbstverständlich klingen. Auch dass man gerne alles über den*die andere*n und seine*ihre Gefühlswelt wissen möchte.

Aber kann und sollte man das tatsächlich von jemandem verlangen oder sollten nicht auch alle ihren Raum haben, auch den für Geheimnisse – zumindest wenn sie die aktuelle Beziehung nicht bedrohen? Und ist es nicht viel normaler, auch mal mit etwas Wehmut im Herzen an eine vergangene Liebe zurückzudenken und sich dann bei dieser Person melden zu können? Ebenso menschlich wie ein harmloser Flirt?

Tja, und schon ist man mittendrin in einer Beziehungsgrauzone, die nicht anders als individuell bewertet werden kann. Denn die Frage nach Betrug oder nicht Betrug ist doch vielmehr eine von Grenzen, die von einem selbst und in einer Beziehung gemeinsam entschieden und gesetzt werden müssen. Was brauche ich, was brauchst du und was funktioniert für uns beide so, dass wir uns aufgehoben und wohl in einer Beziehung fühlen?

Wichtiger als das Was und Wie: das Warum

Aber grundsätzlich sollte doch gelten: Eine Beziehung, so ernsthaft und wichtig sie sein mag, muss nicht das gesamte emotionale Leben, das ganze emotionale Sein einer Person bestimmen. Und es ist doch letztlich ein für beide Seiten ungesunder Besitzanspruch, zu verlangen, dass es im Leben nur einen Menschen geben kann, mit dem man kleine, persönliche Dinge teilt – oder an den man denkt.

Und doch ist ebenso richtig: Wenn es sich nach Betrug anfühlt, dann ist auch dieses Gefühl ernst zu nehmen und es ist wichtig, gemeinsam darüber sprechen, was los ist. Wie immer sowieso der beste Rat: sich austauschen, bevor es irgendwann noch wirklich kompliziert und ungewollte Verletzungen zu groß werden. Und vor allem sollte man gemeinsam über die Bedingungen sprechen, die für diese individuelle Beziehung gelten müssen. Denn das kann niemand anderes entscheiden als die Personen, die diese Beziehung führen.

[Außerdem auf ze.tt: Über das beschissenste Gefühl der Welt: Diese verdammte Einsamkeit]

Vielleicht geht es in der Frage aber auch weniger um ein Wie und Was, sondern um das Warum. Warum verheimlicht man seinem*r Partner*in jemanden oder etwas? Oder warum fühlt es sich wie ein emotionaler Betrug an, wenn man nicht über alles Bescheid weiß? Ich glaube, diesem Gefühl zu folgen, ist wichtiger als der Vorgang des Minibetruges an sich. Schweigen entsteht doch meist aus Angst heraus, und Angst nicht selten aus mangelndem Vertrauen, oder auch, weil grundsätzlich Verlustängste aus früheren Erfahrungen bestehen.

Möglicherweise ist es also an der Zeit darüber zu reden, warum man nicht offen miteinander sein kann oder warum es Angst macht, dass möglicherweise noch jemand anderes eine platonische und dennoch intime Beziehung mit dem Herzenschmenschen haben könnte. Mit klaren Regeln wird es jedenfalls für alle entspannter.


von Silvia Follmann auf EDITION F

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