Microdosing: Leon nimmt regelmäßig vor der Arbeit ein bisschen LSD

Mikrodosierer*innen nehmen geringe Mengen psychedelischer Drogen im Alltag. Die Gründe dafür sind vielseitig. Ein Konsument erzählt von seinen Erfahrungen.

lsd-microdosing-drogen

"Microdosing gibt mir das Gefühl, dass mein Chaos im Kopf ein bisschen aufgeräumter ist." Foto: Oziel Gómez / Unsplash | CC0

Leon* ist 40 Jahre alt und nimmt seit drei Jahren regelmäßig geringe Mengen Pilze und LSD ein. Momentan nimmt er etwa jeden dritten Tag eine Mikrodosis LSD. „Ich stehe morgens auf, ziehe mich an, putze mir die Zähne, wasche mein Gesicht, nehme die Mikrodosis und dann gehe ich ins Büro“, erzählt er. Leon arbeitet als Analyst im Finanzmarkt. In seinem Job hat er täglich mit Zahlen zu tun, erstellt Modelle und programmiert. Das LSD helfe ihm dabei, sich zu konzentrieren und fokussiert zu bleiben. „Ich habe das Gefühl, dass mein Chaos im Kopf ein bisschen aufgeräumter ist“, sagt er. „Es ist relativ gut vergleichbar mit diesem schönen Gefühl, wenn man das erste Mal im Frühling durch den Wald läuft oder barfuß am Strand geht.“

In letzter Zeit hat sich in der Drogenszene ein neuer Trend entwickelt: das Microdosing. Sogenannte Microdoser konsumieren extrem kleine Mengen LSD oder andere psychedelische Drogen. Bei der Mikrodosierung mit LSD schlucken die Konsument*innen ein Stück Pappe, auf der zehn bis 20 Mikrogramm pro Dosis verteilt sind. Das ist eine so geringe Menge, dass die psychedelische Wirkung ausbleibt. Stattdessen wirkt es angeblich entspannend, reduziert Ängste, steigert die Konzentration und löst Glücksgefühle aus.

Für einen richtigen Trip braucht man das fünffache

Zum Vergleich: Um einen richtigen LSD-Trip zu erleben, muss man zwischen 50 und 100 Mikrogramm LSD nehmen, also die fünffache Dosis. Nicht selten halluzinieren die Menschen nach der Einnahme. Die Blätter der Bäume leuchten unglaublich hell, Muster verändern sich plötzlich und Formen lösen sich auf. Durch die Droge Lysergsäurediethylamid, kurz: LSD, verändert sich die räumliche und zeitliche Wahrnehmung. Gegenstände verformen sich, Farben und Geräusche werden intensiver wahrgenommen. Es kann auch zu einer vorübergehenden Synästhesie kommen. Hierbei verschmelzen verschiedene Sinneseindrücke und die Konsument*innen haben beispielsweise das Gefühl, Farben hören oder schmecken zu können.

Die Struktur der psychedelischen Droge ähnelt dem körpereigenen Neurotransmitter Serotonin und bindet sich im Gehirn an einen Serotonin-Rezeptor. Neben unkontrollierbaren Angstattacken kann es allerdings auf einem LSD-Trip auch zu Störungen des Gleichgewichts- und Orientierungssinnes kommen. Zudem besteht die Gefahr eines sogenannten Bad Trips und noch Jahre später auftretenden Flashbacks.

LSD statt Ibuprofen?

Die Gründe, mit Microdosing anzufangen, sind vielseitig: stressiger Job, Neugierde oder Kopfschmerzen. Die Wissenschaft forscht an der heilenden Wirkung von LSD bei Migräne und Clusterkopfschmerzen, also extrem starken Schmerzattacken. Auch Autor, Drogenforscher und Ethnobotaniker Markus Berger beschäftigt sich mit diesem Thema. „Viele Menschen, die unter solchen speziellen Kopfschmerzen leiden und geringe Dosierungen LSD einnehmen, haben damit erfolgreich ihre Schmerzen behandelt. Eine akute Migräne- oder Clusterattacke kann durch die Einnahme beendet werden. Manche berichten auch von Beschwerdefreiheit bis zu einem Jahr, es gibt aber auch User, die nach ein bis zwei Mal nie wieder Migräne erlitten haben. Wieder andere User versuchten es und berichteten über keinerlei Effekte.“

Leon hat aus reiner Neugierde angefangen und um im Job erfolgreicher zu sein. „Es hilft mir in der Arbeit, aber ich mache es nicht primär deswegen“, sagt er. Wenn er am Morgen eine niedrige Dosis LSD genommen hat, fühlt er sich den Tag über aktiver und ist auch nach Feierabend noch unternehmungslustig. „Es gibt mir schon eine leichte gute Stimmung, aber es ist schwer zu sagen, was davon nur Placeboeffekt ist und was tatsächlich von der Mikrodosis kommt“, gibt er zu. Auch in der Wissenschaft ist man sich da nicht ganz sicher. Markus Berger sagt dazu: „Wenn jemand eine Substanz einnimmt, können natürlich verschiedene Wirkungen resultieren, die aber eventuell auf das Konto einer Autosuggestion gehen könnten. In diesem Fall erwartet man eine gewisse Wirkung, die sich dann auch einstellt.“ Auch bei Patient*innen mit Kopfschmerzen kann die heilende Wirkung von LSD auf einen Placeboeffekt zurückzuführen sein. „Wenn jemand von heilsamen Effekten nach Microdosing profitiert, dann kann es ihm herzlich egal sein, ob das nun dem Placeboeffekt geschuldet ist oder ob eine nachweisbare pharmakologische Wirkung die Linderung induziert“, sagt Markus Berger. Leon sieht das ähnlich. „Mir ist es im Grunde egal. Ob es ein Placeboeffekt oder echt ist, macht für mich keinen großen Unterschied.“

Seinen ersten LSD-Trip hatte Leon erst vor wenigen Wochen

Leon vergleicht die nachhaltige Wirkung von niedrig dosiertem LSD mit einer Reise nach Afrika. Wer gesehen hat, wie andere Kulturen zusammenleben, kommt vielleicht offener und toleranter zurück nach Hause. Die gemachten Erfahrungen und Eindrücke können noch Jahre später einen positiven Einfluss haben.

Seine ersten Erfahrungen mit Drogen machte Leon als Teenager. Damals rauchte er ab und zu Joints, mit etwa 30 Jahren entdeckte er dann chemische Drogen wie MDMA. Das Mikrodosieren fing er erst mit Pilzen an, später stieg er auf LSD um. Einen LSD-Trip mit voller Dosis hatte er auch schon, aber erst vor wenigen Wochen. Leon beschreibt den Trip als wunderschön, obwohl er sich vorher aufgrund der höheren Dosis Gedanken über eine mögliche Psychose machte. „Man weiß ja nicht, was in einem schlummert“, sagt er.

Am Anfang des Microdosing hatte Leon Probleme, die für ihn richtige Dosis im Alltag zu finden. „Manchmal war die Dosis viel zu stark für mich. Wenn ich eine leichte berauschende Wirkung hatte, habe ich mich nicht so wohlgefühlt.“ In seinem Büro gibt es noch einen weiteren Kollegen, der ebenfalls niedrig dosierte Psychedelika im Alltag nimmt. Mit ihm tauscht Leon sich oft über dieses Thema aus. Fremden Leuten würde Leon nicht direkt davon erzählen. Auch sein Chef weiß nichts davon. „Ich denke, ich könnte theoretisch mit ihm darüber sprechen, aber es hat sich nie ergeben“, sagt er. Ähnliches gilt für seinen Vater. „Er ist relativ konservativ, was Drogen angeht. Ich denke, dass er das direkt mit etwas Negativem verbindet“, erklärt Leon. Auch seine Freundin ist stark gegen Drogen. Dennoch: „Sie hat kein Problem damit, wenn ich das mache. Sie ist nur nicht begeistert, wenn ich ihr empfehle, es gegen ihre Migräne auszuprobieren.“

Leon jedenfalls möchte auch in Zukunft weiterhin niedrig dosierte psychedelische Substanzen im Alltag nehmen. „Ich denke, ich werde das wahrscheinlich immer wieder mal machen und dann wieder phasenweise gar nicht. Vielleicht kann es irgendwann mal sein, dass ich aus welchen Gründe auch immer keine Lust mehr darauf habe. Aber das lasse ich auf mich zukommen“.

*Name geändert

Außerdem auf ze.tt: Wenn du schon Drogen nimmst, dann so


Hol dir hier Hilfe

Bist du drogenabhängig und weißt nicht, an wen du dich wenden kannst? Hier findest du eine Datenbank mit bundesweiten Hilfsangeboten. Möchtest du lieber mit jemandem persönlich sprechen, kannst du zum Beispiel bei der Telefonseelsorge unter: 0800 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 rund um die Uhr jeden Tag kostenlos anrufen.