Minimalistisch leben: „Ich habe den Kopf frei für wichtige Entscheidungen“

Minimalistisch zu leben bedeutet nicht nur, seinen Konsum einzuschränken: Die YouTuberin Minimal Mimi erzählt, wie sich auch ihre Hobbys und digitalen Routinen verändert haben. Ein Interview 

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Die YouTuberin Minimal Mimi hat ihr Leben vereinfacht, auch ihre Hobbys und ihren Digitalkonsum. Foto: privat

Bereits der Philosoph Diogenes hatte sich um die 400 v. u. Z. nach einem reduzierten und einfachen Leben gesehnt. Diogenes habe Glück und innere Freiheit in der größtmöglichen Wunschlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber materiellen Gütern gesucht, wie im Standardwerk der Philosophiegeschichte Philosophie des Abendlandes von Bertrand Russell nachzulesen ist.

Auch heute sehnen sich immer mehr Menschen nach einem einfachen, reduzierten Leben. Sie nennen sich Minimalist*innen. Die Minimalist*innen unserer Tage gehen nicht ganz so weit wie Diogenes. Während der Philosoph aus der Antike erklärte, er wolle leben „wie ein Hund“, wie Russell über Diogenes schreibt, geht es den heutigen Minimalist*innen nicht um eine komplette Entsagung von materiellen Gütern, sondern um eine Reduktion dieser. Es geht darum, nur noch Lieblingsstücke und Dinge um sich zu haben, die einem am Herzen liegen, und alles Überflüssige abzuschaffen.

Der Minimalismustrend, der seit einigen Jahren zu beobachten ist, hat wohl in den USA begonnen, so wie in einigen Berichten zum Thema zu lesen ist. Ein Trend, der auch Netflix und Amazon Prime erreicht hat. Dort ist zum Beispiel die Doku Minimalism: A Documentary About the Important Things zu streamen, deren Protagonisten sich The Minimalists nennen: Zwei Freunde in ihren Dreißigern aus den USA, die zugunsten eines einfachen, aber erfüllten Lebens ihre finanziell vielversprechenden Karrieren an den Nagel gehängt haben und seitdem andere Menschen mit ihrer einfachen Lebensweise inspirieren wollen.

Aber nicht nur in den USA gibt es immer mehr Anhänger*innen eines minimalistischen Lebensstils, sondern auch in Deutschland viele, die mit ihrer erklärt minimalistischen Lebensweise sich selbst und andere Menschen zu einem erfüllteren Leben inspirieren wollen. So zum Beispiel die YouTuberin Minimal Mimi, die eigentlich Ekatarina Polyakova heißt. Seit sechs Jahren reduziert die 31-jährige gebürtige Russin, die seit zehn Jahren in Berlin lebt, die Dinge um sich herum – in ihrem Kleiderschrank, in dem nur noch 20 Anziehsachen hängen, in ihrem WG-Zimmer, in dem nur noch vier Möbel stehen, und überhaupt in ihrem Leben.

Auf ihrem YouTube-Kanal gibt sie in ruhigen und reduzierten Videos, die mit wenigen Schnitten, langen Takes und ohne Spezialeffekte auskommen, Einblick in ihr vereinfachtes Leben. Ihre Zuschauer*innen schätzen die Ruhe und Klarheit, die von ihren Videos und ihrem Kanal ausgehen. „Herrlich unaufgeregt. Tut fast schon gut im YouTube-Sensationsdschungel …“, schreibt eine Zuschauerin unter einem der Videos. Eine andere kommentiert: „Ich fühle mich nach deinen Videos jedes Mal so geerdet.“ „Deine Videos sind total beruhigend“, findet auch ein anderer Zuschauer.

Wir haben mit Minimal Mimi darüber gesprochen, wie sie durch den Minimalismus zu mehr Klarheit in ihrem Leben gefunden hat, warum Minimalismus für sie mehr bedeutet, als sich materiell zu reduzieren, und darüber, inwieweit es ein Privileg ist, minimalistisch zu leben.

ze.tt: Minimal Mimi, wie bist du dazu gekommen, als Minimalistin zu leben?

Minimal Mimi: Das kam vor etwa sechs Jahren. Ich war damals Mitte 20, habe studiert, war aber ziemlich unzufrieden mit meinem Leben. Ich wusste nicht so recht, wo ich hin will. Ich hatte kein größeres Ziel vor Augen. Mir hat es an Klarheit gefehlt. In dieser Zeit ist mir dann irgendwann aufgefallen, dass ich um mich herum lauter Dinge habe, die ich gar nicht brauche, die mein Leben nicht bereichern, sondern ganz im Gegenteil: die mich nur belasten. Um eine größere innere Klarheit zu erhalten, wollte ich diese Klarheit erst einmal um mich herum schaffen.

Ich habe dann ganz intuitiv begonnen, zu reduzieren. Angefangen hat es damals bei meinem Kleiderschrank, bei der Büchersammlung und es ging dann immer weiter, weil ich gemerkt habe, wie gut das eigentlich tut. Ich habe mich direkt freier gefühlt. Die äußere Ordnung um mich herum hat mir tatsächlich diese innere Klarheit gebracht, nach der ich mich gesehnt habe.

Wie definierst du Minimalismus?

Minimalismus bedeutet für mich, dass man sich auf das Wesentliche konzentriert. Am Anfang bedeutet eine minimalistische Lebensführung vielleicht, dass man sich materiell reduziert, darauf schaut, was man wirklich braucht und was einen wirklich glücklich macht. Aber eine minimalistische Lebensweise muss nicht nur auf das Materielle bezogen sein. Bei mir ist der Minimalismus auch in andere Lebensbereiche übergegangen.

Welche Lebensbereiche hast du noch minimiert?

Ich habe auch meinen digitalen Konsum minimiert. Ich habe irgendwann gemerkt, dass bestimmte Plattformen und Apps einfach nur Zeitfresser sind, die mich sehr abhängig machen, sobald ich sie nutze. In Wirklichkeit sind sie nur Zeitverschwendung und geben mir nichts. Ich habe versucht, das bewusst zu reduzieren, dass ich eben nicht ständig diese Reizüberflutung habe. Für bestimmte Zeiträume lösche ich die entsprechenden Apps einfach von meinem Handy.

Meine Hobbys haben sich teilweise verändert. Früher hing ich zum Beispiel regelmäßig mit meiner besten Freundin bis spät in die die Nacht in irgendeiner verrauchten Kneipe ab. Obwohl das eigentlich nichts ist, was uns gutgetan hat. Irgendwann haben wir dann in einem Gemeinschaftsgarten in Spandau eine Parzelle gepachtet und angefangen, zu gärtnern und unser eigenes Bio-Gemüse anzubauen.

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Ich habe festgestellt, dass ich vieles nur gekauft habe, um irgendeine Unzufriedenheit in mir zu korrigieren.

Minimal Mimi

Wie hat sich durch deinen minimalistischen Lebensstil dein Kaufverhalten verändert?

Mein Kaufverhalten ist achtsamer geworden. Einerseits in Bezug auf mich selber. Ich habe festgestellt, dass ich vieles nur gekauft habe, um irgendeine Unzufriedenheit in mir zu korrigieren. Man denkt dann in dem Moment, das mache einen glücklich, aber in Wirklichkeit hält das nicht lange an. Und dann möchte man schon wieder die nächste Sache haben. Diesen automatisierten Kaufimpuls habe ich dann sehr schnell abgestellt.

Andererseits ist mein Kaufverhalten bewusster geworden in Bezug auf die Umwelt. Ich achte bei den Dingen, die ich kaufe – nicht nur bei den Lebensmitteln, sondern auch bei allen anderen Konsumgütern, die ich so kaufe –, darauf, wie sie produziert wurden und frage mich: Wo kommen die eigentlich her? Wie wurden die hergestellt? Welche Auswirkungen hat das auf die Umwelt? Ich mache mir mehr Gedanken darüber, dass mein Konsum nachhaltig ist. Dass ich Ressourcen spare.

Wie viel geht es dir bei deinem minimalistischen Lebensstil um dich, wie viel um die Umwelt?

Ich versuche, da immer einen gesunden Mittelweg zu finden. Beides ist mir sehr, sehr wichtig. Aber ich möchte nicht zugunsten der Nachhaltigkeit auf alles verzichten. Das heißt, ich gehe auch Kompromisse ein. Ich mache nicht alles zugunsten der Nachhaltigkeit. Ich versuche das schon so zu machen, dass es für mich praktikabel bleibt. Ansonsten würde ich irgendwann Gefahr laufen, alles aufzugeben und zu meinen alten Verhaltensmustern zurückzukehren.

Wie hat der Minimalismus dein Leben bereichert?

Durch den Minimalismus habe ich gelernt, die Besitztümer, die ich noch habe, viel mehr wertzuschätzen. Ich bin viel dankbarer für alle guten Dinge in meinem Leben.

Der minimalistische Lebensstil erleichtert meinen Alltag. Ich muss weniger kleine, alltägliche Entscheidungen treffen. Ich stehe morgens nicht mehr vor einem vollen Kleiderschrank und weiß nicht, was ich anziehen soll, weil ich einfach zu viele Optionen habe, sondern ich kann einfach irgendetwas rausnehmen, ohne zu überlegen, und es passt zusammen und ich fühle mich wohl darin. Ich habe den Kopf frei für wichtige Entscheidungen.

Ich bin mehr im Kontakt mit mir selber. Ich höre mehr auf meine eigenen Bedürfnisse. Das hat sich auch aufs Berufliche ausgewirkt. Dass ich eben nicht mehr versuche, so zu funktionieren, wie das von mir erwartet wird. Ich mache halt einfach das, was mir Spaß macht, und habe Vertrauen, dass das funktioniert.

Ist es manchmal schwierig, dein Sozialleben mit deiner minimalistischen Lebensweise unter einen Hut zu bringen?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin generell so – das liegt an meiner Persönlichkeit –, dass ich eher wenig Freund*innen habe und eher zurückgezogen lebe. Es ist jetzt nicht so, dass meine Freund*innen damit irgendwie ein Problem hätten. Die einzige Person, mit der es immer etwas schwierig ist, ist meine Mutter.

Warum?

Meine Mutter ist in der Sowjetunion aufgewachsen und es hat in ihrer Kindheit einfach schon am Nötigsten gefehlt. Dadurch kann sie es nicht verstehen, dass ich eigentlich die Möglichkeit hätte, einfach so in ein Geschäft reinzugehen und mir was zu kaufen, und das nicht nutze. Ich glaube, Menschen, die Not erfahren haben, haben meistens einen anderen Bezug zu Besitztürmern. Meine Mutter sieht in allem noch einen Wert. Sie hebt wirklich alles auf, egal ob sie es braucht oder nicht. Bei mir ist das anders, denn ich konnte mich freiwillig dafür entscheiden, ob ich reduziert leben möchte oder nicht.

Minimalismus sollte eine Bereicherung sein und nichts, was man sich auferlegt. Ich verzichte nicht krampfhaft. Ich verbiete mir auch nichts.

Minimal Mimi

Welche Klischees über den Minimalismus gehen dir am meisten auf die Nerven?

Es gibt immer diese Vorstellung, dass Minimalismus etwas damit zu tun hätte, dass man nur 100 Dinge besitzen dürfte. Minimalismus ist kein festes Konzept, das man sich auferlegt. Minimalismus sieht bei jeder*m anders aus. Jede*r braucht andere Dinge, um glücklich zu sein. Minimalismus sollte eine Bereicherung sein und nichts, was man sich auferlegt. Ich verzichte nicht krampfhaft. Ich verbiete mir auch nichts.

Es gibt Stimmen, die sagen, Minimalismus sei ein Lebenskonzept nur für Privilegierte. Stimmt das?

Es ist insofern natürlich ein Privileg, als dass man sich frei entscheiden kann. Aber meiner Meinung nach muss man nicht unbedingt eine Überflusserfahrung gemacht haben, um Minimalist*in werden zu wollen. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass man durch eine minimalistische Lebensweise tatsächlich Geld sparen kann.

Würdest du dir wünschen, dass mehr Menschen minimalistisch leben würden?

Ich glaube, Minimalismus ist nichts für jede*n. Es gibt Menschen, die haben viel, die sammeln gerne und die sind glücklich damit. Warum sollten die minimalistisch leben? Ich würde mir eher wünschen, dass alle Menschen etwas bewusster konsumieren würden und eben mehr achtgeben würden, welche Auswirkungen ihr Konsum auf die Umwelt hat. Aber ein nachhaltiger und umweltbewusster Konsum muss ja nicht unbedingt gleichstehend sein mit Minimalismus, also damit, dass man wenig besitzt.