Misophonie: Wenn Geräusche wie Schmatzen, Schniefen, Schnarchen krank machen

Seit ihrer Kindheit belasten Nici (30) bestimmte Geräuschen extrem. Erst vor drei Jahren fand sie einen Namen dafür – und weiß, dass sie als Misophonikerin nicht allein mit ihren Symptomen ist.

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Bitte iss leiser, um Gottes Willen! Foto: Rawpixel | CC0

Wenn Nici in der U-Bahn sitzt und ihr Gegenüber mit offenem Mund Kaugummi kaut, beschleunigt sich ihr Puls innerhalb von Sekunden. Wenn die Person auch noch anfängt, munter zu schmatzen oder sogar eine Kaugummiblase zerploppt, steigt ihre Aggressivität ins Unermessliche. Klar, das ist unangenehm – würden viele sagen, die schon einmal in einer ähnlichen Situation waren. Für Menschen wie Nici ist das aber nicht nur unangenehm, sondern eine Qual. Sie leidet unter Misophonie und verspürt eine hohe Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Alltagsgeräuschen. Sie lösen bei ihr heftige Emotionen aus.

Jedes Schniefen, Schnarchen oder Schmatzen wird für Nici zum auditiven Folterinstrument, das sich über ihren Gehörgang einen Weg in ihr Gehirn ebnet, einen Schalter umlegt und ihre Gefühlswelt zum Explodieren bringt. Seit sie denken kann, kennt sie diese Gefühle, die nur schwer zu kontrollieren sind. „Von Null auf gleich schießt eine Wut in mich hinein und ich werde ein ganz anderer Mensch“, erzählt die 30-Jährige. Das führt nicht selten zu Problemen mit ihrer Familie, engen Freund*innen oder ihrem Partner. Denn wenn sie versucht, sich zu erklären, ist Misophonie nur den wenigsten ein Begriff.

Heftige Reaktionen auf Geräusche

Der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Hass auf Geräusche“. Betroffene beschreiben sogenannte Trigger, etwa Essgeräusche, lautes Nasehochziehen oder Husten. „Ich hasse lautes Atmen oder Schnarchen. Und ich kann es kaum ertragen, wenn sich jemand mit der Zunge Essensreste aus den Zähnen pult oder mit vollem Mund spricht“, erklärt Nici, deren Liste von Störgeräuschen über die Jahre immer länger geworden ist.

Auffällig ist dabei, dass Nici und andere Betroffene vor allem von ihren Angehörigen, etwa den Eltern oder Geschwistern, mit bestimmten Geräuschen gestört werden, da Misophonie meist in der Kindheit beginnt. Typisch sind Reaktionen wie Wut, Aggression und Ekel. Aber auch körperliche Symptome sind nicht ausgeschlossen: Bei Nici schießt der Puls in die Höhe, andere Betroffene beginnen am ganzen Körper zu schwitzen oder zu zittern.

Ich hasse lautes Atmen oder Schnarchen. Und ich kann es kaum ertragen, wenn sich jemand mit der Zunge Essensreste aus den Zähnen pult oder mit vollem Mund spricht.

Nici

Kaum Studien zu Misophonie

Obwohl es nicht nur in Deutschland, sondern weltweit viele Menschen gibt, die ähnliche Symptome beschreiben, gibt es noch immer nur sehr wenig Forschung zu dieser extremen Form der Geräuschempfindlichkeit. Deshalb sind Betroffene wie Nici oftmals jahrzehntelang ahnungslos und stolpern nur zufällig über Berichte zu Misophonie. „Mein Freund hat mich vor drei Jahren unter einem Facebook-Post über Misophonie markiert – plötzlich hatte ich einen Namen dafür und wusste, ich bin nicht allein“, erinnert sich Nici. Sie suchte weiter und stellte schnell fest, dass es nur wenige Quellen zum Thema gibt. Denn bis heute beschäftigen sich nur eine Handvoll Forschungsinstitute weltweit mit Misophonie. Nachdem der Begriff in den 1990er-Jahren von Hörspezialist*innen in den USA eher als abstraktes Konzept geprägt wurde, häuften sich im vergangenen Jahrzehnt in Amsterdam Berichte von Personen, die von einer extremen Intoleranz gegenüber bestimmten Geräuschen berichteten.

„Da waren zwei Frauen, die in meine Praxis kamen und sich über bestimmte Geräusche beschwerten, ihre extremen Gefühle beschrieben“, erinnert sich der niederländische Psychiater und Professor Damiaan Denys von der Universität Amsterdam. „Sie erzählten von unterschiedlichen Störgeräuschen und wir konnten keinen Zusammenhang feststellen. Aber wir wollten das Phänomen weiter erforschen und fanden immer mehr Patienten, die Ähnliches durchmachten.“ Sein Institut begründete die europäische Forschung zur Misophonie und stuft sie seither als psychische Störung ein.

Unklarheit über Status der Misophonie

Über diese Klassifizierung herrscht bis heute Uneinigkeit: „Unsere Kolleg*innen in den USA sind nicht glücklich damit. Sie befürchten, dass Betroffene durch diese Einordnung stigmatisiert werden“, sagt Denys, der diese Bedenken nachvollziehen kann. Seine Studien mit Patient*innen aus ganz Europa untermauern jedoch seine These: „Ich glaube nicht, dass es sich nur um ein auditives Problem, etwa eine Missempfindung von Geräuschen, handelt. Betroffene bilden sich ihre Gefühle ja nicht ein. Das können wir auch nachweisen – etwa mit EEGs, die Reaktionen im Gehirn von Misophonikern sichtbar machen.“

Weil die Studien von Denys und anderen europäischen Forscher*innen jedoch noch immer in den Kinderschuhen stecken, steht eine offizielle Anerkennung als Krankheit noch aus. Zu viel bleibt offen, unerforscht, bestätigt auch Hanna Kley, Psychologische Psychotherapeutin und Leiterin der Hochschulambulanz der Uni Bielefeld, die sich seit 2014 mit dem Phänomen beschäftigt: „Wir müssen noch besser verstehen, was die Problematik der Misophonie genau ausmacht und auch, ob und wie sie sich von anderen Krankheiten, wie Tinnitus oder psychischen Erkrankungen, abgrenzen lässt.“ Erst seit wenigen Jahren gäbe es überhaupt Vorschläge für Kriterien, die eine Misophonie definieren sollen, außerdem seien Forschungsgelder knapp, die Sichtbarkeit in der Gesellschaft noch zu gering.

Auf der Suche nach einer Lösung

Eine Situation, die Betroffene wie Nici immer wieder vor Probleme stellt. „Wenn Misophonie als Krankheit anerkannt wäre, würde ich mich wohler fühlen, anderen davon zu erzählen“, sagt Nici. Derzeit käme das aber für sie nicht infrage. Zu groß ist die Angst davor, nicht ernst genommen zu werden. Darüber hinaus fehlen laut Nici auch Behandlungs- und Beratungsmöglichkeiten: „Meine Ärztin hat noch nie etwas von Misophonie gehört. Als ich ihr davon erzählte, hat sie eine Depression diagnostiziert und mir Antidepressiva verschrieben.“ Für eine kurze Zeit versuchte Nici es mit den Tabletten. Doch sie fühlte sich damit wie betäubt und setzte sie wieder ab. Seitdem flüchtet sie einfach, wenn ein Geräusch sie stört.

Wenn Misophoniker Geräuschen aus dem Weg gehen, werden ihre negativen Gefühle nur stärker, die Geräusche kontrollieren sie und ihren gesamten Alltag.

Damiaan Denys

Eine Reaktion, die aus Sicht des Psychiaters Denys die Symptome eher verschlimmern könnte: „Wenn Misophoniker Geräuschen aus dem Weg gehen, werden ihre negativen Gefühle nur stärker, die Geräusche kontrollieren sie und ihren gesamten Alltag.“ Stattdessen rät er, den Spieß umzudrehen und als Betroffene*r selbst die Kontrolle zu übernehmen. In Therapiesitzungen empfiehlt er etwa, unangenehme mit ähnlichen, angenehmen Geräuschen zu mischen: „Einer meiner Patienten hasst das Geräusch, wenn jemand Chips isst. Gemeinsam haben wir das Geräusch aufgenommen. Darüber haben wir das Geräusch von Schritten in Neuschnee gelegt. Eine Manipulation, die hilft.“

Eine so strukturierte Herangehensweise empfiehlt auch der Misophoniker Patrick Crauser, der sich seit drei Jahrzehnten mit seinen eigenen Triggergeräuschen auseinandersetzt und das Buch Ich hasse Geräusche! geschrieben hat. „Je mehr man das Problem reflektiert, desto besser“, findet der 33-Jährige, der negative Emotionen mit Meditation, Sport und Umgebungsgeräuschen kontrolliert. Für ihn ist es wichtig, andere an seinen Strategien teilhaben zu lassen und das Thema bekannter zu machen: „Betroffene sollen verstehen, dass sie nicht verrückt sind. Dass es andere Menschen gibt, die das gleiche Problem haben. Dass es Lösungen gibt und sie nicht ihr Leben lang vor den Geräuschen flüchten müssen.“

Genau diese Art von Engagement befürworten auch Forscher*innen wie Damiaan Denys und Hanna Kley. Sie wissen, dass ein Fortschritt in der Misophonie-Forschung auf lange Sicht nur durch ein wachsendes Problembewusstsein in der Gesellschaft und mehr Aufmerksamkeit in den Medien erreicht werden kann. Das hilft auch Betroffenen wie Nici, die sich verstanden fühlen und im Kontakt mit anderen Betroffenen Stück für Stück lernen, den störenden Geräuschen und Emotionen in ihrem Leben Herr*in zu werden.


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