“Ich möchte das Vorbild sein, das ich nicht hatte”

Vorurteile gegenüber dicken Menschen halten sich hartnäckig. Bloggerin Julia Kremer will das ändern: als das erste Plus-Size-Model in 60 Jahren Miss Germany.

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Julia Kremer ist Bloggerin und Plus-Size-Model. Foto: © Stefanie Thiele

60 Jahre lang kürte Horst Klemmer aus Oldenburg die Miss Germany – Frauen, die einem klassischen Schönheitsbild entsprechen. Seit der Wahl 2020 will sein Enkel Max Klemmer vieles anders machen: Die Miss Germany ist nun ein Personality-Wettbewerb, es soll um Charakter und Lebensgeschichten gehen.

2021 ist mit Julia Kremer zum ersten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs ein Plus-Size-Model dabei. Auf ihrem Blog SchönWild schreibt die 31-Jährige aus Hamburg über Mode und setzt sich gegen die Diskriminierung von dicken Menschen ein. Im Interview mit ze.tt spricht Kremer über hartnäckige Vorurteile, Essstörungen und was sie sich von ihrer Teilnahme an der Miss-Germany-Wahl erhofft.

ze.tt: Frau Kremer, Sie nehmen an der Miss-Germany-Wahl 2021 teil. Warum?

Julia Kremer: Der Wettbewerb wird mittlerweile anders aufgezogen, es gibt keine Restriktionen mehr bei Körper- oder Kleidergröße. Es geht um Frauen mit einer Mission. Da habe ich mir gedacht: Ich probiere es einfach mal. Nun bin ich unter den letzten 32 Frauen. Viele Menschen aus meiner Community, aber auch darüber hinaus, feiern das, weil sie verstehen: Ich stehe für so viele Frauen, wir schreiben gerade Geschichte. Ich bin das erste Plus-Size-Model in 60 Jahren Miss Germany.

Was erhoffen Sie sich davon?

Ich möchte das Vorbild sein, das ich in meiner Jugend nicht hatte. Mir ist wichtig, dass Frauen selbstbewusst sind, egal welche Kleidergröße sie tragen, und dass dicke Menschen, alle Menschen, respektiert werden. Wir sind immer noch sehr oft struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Beim Arzt wird einem oft gesagt, dass man mehr Sport machen und weniger essen soll, wenn man eine kurvige Statur hat. Krankheiten können dadurch unentdeckt bleiben. Beim Dating bekommen kurvige Frauen oft zu hören, dass Männer erst mit ihnen zusammen sein wollen, wenn sie schlank sind, oder die Männer sie nur heimlich treffen wollen, weil ihnen unangenehm sei, was andere darüber denken könnten.

Ich möchte auch über Essstörungen sprechen, die sich daraus ergeben können, dass sich immer noch so ein einseitiges Schönheitsideal in der Öffentlichkeit und in den Medien zeigt. Bei vielen jungen Frauen entsteht dadurch der Eindruck, sie könnten nur erfolgreich sein oder geliebt werden, wenn sie dünn sind. Da braucht es Aufklärung.

Sie haben früher selbst unter einer Essstörung gelitten.

Ja, ich habe schon früh ein gestörtes Verhältnis zu Essen entwickelt. Mit 12 Jahren wurde ich auf meine erste Diät gesetzt. Und Diäten, das wissen wir mittlerweile, funktionieren in der Regel nicht, weil sie nicht nachhaltig sind. Da kommt immer wieder der Jojo-Effekt. Viel wichtiger wäre, nach den Ursachen zu schauen. In meinem Fall entwickelte sich die Essstörung durch Traumatisierungen in der Jugend und Mobbing in der Schule. Der Sportunterricht war für mich besonders schlimm. Ich wurde nicht in Gruppen gewählt, saß alleine weinend auf der Bank. Lehrer haben das zugelassen oder sogar unterstützt.

Das alles sind Mikro-Traumatisierungen, die sich summieren. Als Kind konnte ich das nicht reflektieren, sondern dachte: Ich muss falsch sein. Ich habe mich viele Jahre selbst gehasst. Dabei habe ich einfach andere Talente. Ja, ich bin nicht sportlich, aber dafür sehr kreativ. Mir wurde aber auch jede Chance genommen, im Jugendalter Spaß an Sport zu entwickeln. Das musste ich mir als Erwachsene wieder erkämpfen.

Wir sollten uns nicht anmaßen, jemanden auf sein Gewicht oder Äußeres anzusprechen.

Julia Kremer

Wie haben Sie sich davon befreit?

Mir hat geholfen, mir Unterstützung von außen zu holen. Ich war zwei Jahre in Traumatherapie. Und ich habe mir ein Umfeld geschaffen, in dem ich so sein darf, wie ich bin. Vor acht Jahren habe ich meinen Blog SchönWild gestartet und darüber viele junge Frauen kennengelernt, die so aussehen wie ich und die dieselbe Leidenschaft haben: Mode. Es tat unheimlich gut zu sehen, dass ich nicht alleine bin. Diese Solidarität erlebe ich gerade auch bei Miss Germany, selbst wenn die anderen Teilnehmerinnen nicht dasselbe durchgemacht haben wie ich. Sie hören zu und fühlen sich ein in das, was ich erzähle. Das ist für mich sehr wertvoll.

Welche Vorurteile begegnen Ihnen trotzdem immer wieder?

Ich werde immer noch in Gesprächen gefragt, wie viel ich wiege. Bin ich ein Zirkuspferd? Das würde man eine schlanke Frau oder einen Mann doch niemals fragen. Ich achte sehr auf meine mentale und physische Gesundheit. Und auch wenn nicht: Das geht niemanden außer mir etwas an. Wir sollten uns nicht anmaßen, jemanden auf sein Gewicht oder Äußeres anzusprechen. Wir wissen nicht, was das möglicherweise bei der Person triggert.

Wo ich aber wirklich fassungslos werde, ist die Unterstellung, dass Plus-Size-Models wie ich Dicksein promoten oder glorifizieren würden. Im Gegenteil! Ich sage ja eben nicht: Werdet alle dick, weil Dicksein ist cool. Sondern ich spreche darüber, wie schwierig es ist, in dieser Gesellschaft dick zu sein. Immer wieder wird man darauf reduziert, dass man ungesund und unästhethisch sei. Wenn ein dicker Mensch etwas isst, egal ob gesund oder ungesund, wird ihm direkt eine Diät empfohlen, ihm gesagt, wie es besser geht. Warum sollte ich das anderen Menschen nahelegen? Vielmehr müssten wir kritisieren, dass Schlanksein und Diäten glorifiziert werden – dafür gibt es einen riesigen Markt. In solchen Momenten merke ich, dass viele Menschen nicht zuhören wollen, sondern einfach nur verurteilen.

Wir müssen lernen, dass dick nicht automatisch ungesund und dünn nicht automatisch gesund bedeutet.

Julia Kremer

Was müssten diese Menschen aus Ihrer Sicht begreifen?

Viele unterschätzen, wie mächtig Worte sind. Wenn jemand dir immer wieder unterstellt, dass du ungesund, faul und hässlich bist, dann setzt sich das fest und löst Stress aus. Der Körper ist in permanenter Alarmbereitschaft, das kann krank machen. Wir müssen lernen, dass dick nicht automatisch ungesund und dünn nicht automatisch gesund bedeutet.

Ich habe zum Beispiel mit 16 Jahren stark abgenommen, als es mir psychisch so schlecht wie noch nie in meinem Leben ging. Ich hatte Normgewicht, aber ich war krank. In dieser Zeit habe ich viele Komplimente für meine Figur bekommen. Das kann sich zu einem Teufelskreis entwickeln, weil diese negative Phase von außen positiv bewertet und bestärkt wird.

Als Plus-Size-Model gilt man schon ab Kleidergröße 38. Was halten Sie von dieser Kategorisierung?

Die Modewelt ist etwas sehr Eigenes. Das Problem ist, dass wir das oft auf unsere Realität übertragen. Das sorgt dafür, dass wir Schönheitsnormen unterliegen, die nur sehr schwer zu erreichen sind. Nur eine von 40.000 Frauen sieht so aus wie das Ideal, dem wir unbewusst hinterher eifern. Wenn jemand als dick bezeichnet wird, ist das oft beleidigend gemeint und viele empfinden das auch so. Dabei sollten Worte wie dick oder auch fett nicht als Beleidigung gelten, sondern einfach eine Beschreibung des Körpers sein, so wie groß oder klein.

Früher haben mich Labels in der Kleidung total irritiert: Wenn da 44 drin stand und ich eigentlich eine 40 trug, dachte ich: Oh Gott, wie schlimm. Ich kenne viele Frauen, die dann das Kleidungsstück einfach nicht kaufen. Ich habe geschafft, mich davon frei zu machen – von der Zahl auf dem Etikett und von der Zahl auf der Waage. Ich bin so viel mehr als diese Zahlen. Das zu begreifen, wünsche ich allen Frauen.

Viele Frauen in Deutschland tragen Größe 42 oder mehr. Wir sind Normalität und trotzdem werden wir kaum abgebildet.

Julia Kremer

Sie engagieren sich seit vielen Jahren gegen Fatshaming. Steht Ihre Teilnahme an der Misswahl, die über Jahrzehnte genau dieses einseitige Schönheitsideal unterstützt hat, dazu nicht im Widerspruch?

Ich sehe es vielmehr als Chance zu zeigen: Hier sind wir, wir sind viele und wir sind laut. Viele Frauen in Deutschland tragen Größe 42 oder mehr. Wir sind Normalität und trotzdem werden wir kaum abgebildet. Als Jugendliche hatte ich nur schlanke Vorbilder, weil es kaum Personen mit abweichenden Körperbildern in der Öffentlichkeit gab. Das hätte ich aber gebraucht, um mich gesehen und wohl zu fühlen.

Trotzdem könnte man solche Wettbewerbe auch einfach ignorieren und seine Botschaft stattdessen über Social Media und andere Kanäle verbreiten, so wie Sie es ja auch schon lange tun.

Ja, aber das reicht nicht. Ich merke immer wieder: Man muss aus seiner eigenen Bubble ausbrechen, sonst kommt man nicht weiter. Klar, die Menschen dort akzeptieren und verstehen dich und die Community wächst auch. Aber entscheidend ist doch, dass auch andere Menschen, schlanke Menschen und insbesondere auch Männer einem zuhören. Ich sehe mich dafür bei Miss Germany als Sprachrohr.