Mit Borderline auf Instagram: „Ich dachte gerade, ich sterbe“

Jennifer Wrona lebt mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung. Auf Instagram sensibilisiert die 24-Jährige für psychische Erkrankungen, eine Therapeutin will sie aber nicht sein. Ein Porträt

"Instagram ist Selbsthilfe für mich", sagt Jennifer Wrona. Foto: Mareice Kaiser

Der folgende Artikel thematisiert Suizidgedanken. Wenn du selbst betroffen bist, erhältst du unter 0800-1110111 oder online kostenlose Hilfe von Berater*innen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.


Mit 14 merkte Jennifer Wrona, dass irgendwas nicht stimmt, grundlegend, mit sich und ihrem Leben. Heute hat sie Worte dafür: Depression, Borderline, emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Heute lebt sie gern – auch, weil sie auf Instagram über ihr Leben mit psychischen Erkrankungen spricht. „Dinge aussprechen macht’s leichter“, sagt die Studentin. Das macht Jennifer mittlerweile in den sozialen Medien und auf Bühnen.

„Dass ich mit dem Thema psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit stehe, ist zufällig passiert“, erzählt Jennifer Wrona im Hinterhof der Konferenz tincon in Berlin. Gleich wird sie auf der Bühne sprechen, Let’s talk about mental health heißt ihr Vortrag. Sie macht damit das, was sie selbst sich gewünscht hätte, vor ziemlich genau zehn Jahren: Eine Person, die ehrlich erzählt vom Leben mit einer psychischen Erkrankung. Eine Person, die nahbar ist. Eine Person, die zeigt, dass es besser wird. „Ich bin sowas wie eine Representerin für Mental Health“, sagt sie. Ihr Ziel: Das Stigma brechen.

Ihr Schritt in die Öffentlichkeit begann mit einem Podcast. Jennifer hörte eine Folge über Depressionen. Die fand sie gut, aber etwas fehlte ihr. Also schrieb sie der Redaktion eine Nachricht und diese fragte sie, ob sie selbst über ihre Erkrankung sprechen will. Zwei Tage später drehten sie zusammen ein Video, das viral ging. Heute hat es über 600.000 Aufrufe. Jennifer erzählt darin über ihr Leben mit Borderline und auch über ihre Gedanken an Suizid. „Ich dachte, nach dem Abitur ist mein Leben zu Ende“, sagt sie im Video. Als Teenagerin sah sie keine Perspektive, die darüber hinaus ging.

Das Video war für Jennifer ein großer Schritt. „Ich habe nie ein Geheimnis aus meinen Erkrankungen gemacht, aber nach dem Video wussten es alle“, sagt Jennifer. Nicht nur enge Freund*innen, sondern auch Menschen, die sie gar nicht kannte. Also sah sie zwei Möglichkeiten: Entweder den Kopf einziehen – oder weiter öffentlich darüber sprechen. Sie entschied sich für das Sprechen und nimmt auf Instagram als @limelu mittlerweile rund 3.000 Follower*innen mit durch ihren Alltag.

Dass sie heute lebt, beschreibt sie als „großes Glück“. Möglich sei das vor allem durch eine Therapie und den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik geworden – und auch die Verarbeitung auf Instagram hilft ihr dabei. „Instagram ist für mich Selbsthilfe“, sagt sie. Heute kann sie nicht mehr nachempfinden, dass sie als Jugendliche nicht mehr weiterleben wollte. „Es bricht mir selbst das Herz, wenn ich daran denke und ich möchte mich selbst in den Arm nehmen.“

Ihr habt Hilfe verdient.

Jennifer Wrona in einer Instagram-Story

In ihrem Vortrag zeigt sie Fotos aus der Zeit: „Ich war ein sehr trauriger Teenager.“ Eine Instagram-Story nennt Jennifer „Suizidprävention“, darin schreibt sie: „Psychische Erkrankungen sind behandelbar, man kann glücklich sein, man kann am Leben teilnehmen. Es muss sich nicht immer so unfassbar schlimm anfühlen. Ihr seid nicht allein und ihr habt Hilfe verdient.“

Heute lacht Jennifer auf ihren Fotos bei Instagram, aber nicht ausschließlich. In ihren Stories erzählt sie auch immer wieder von schlechten Tagen, von ihrem Leben mit Aufs und Abs, von ihrem Leben mit Borderline. „Ich dachte gerade, ich sterbe. Ich bin aber nicht gestorben“, sagt sie in die Kamera, nachdem sie in mehreren Videos darüber spricht, wie schlecht es ihr gerade geht.

Wichtig ist Jennifer, darüber aufzuklären, dass sie kein Einzelfall ist. „Es ist ein Thema, das eigentlich fast jeden betrifft“, sagt sie in ihrem Vortrag. Sie nennt Zahlen: Zehn bis zwanzig Prozent aller Jugendlichen weisen eine psychische Krankheit auf, bei 75 Prozent würde das bereits vor dem 25. Lebensjahr klar.

Mit ihrem Instagram-Account wird Jennifer auch Ansprechpartnerin für junge Menschen, die Hilfe suchen. Die Funktion einer Therapeutin kann und will sie nicht übernehmen. „Ich antworte, dass die Menschen sich professionelle Hilfe suchen müssen, das kann ich nicht übernehmen“, sagt die 24-Jährige, die auf Instagram neben ihrem Studium aktiv ist.

Auf dem Hof der tincon wird sie angesprochen. „Wir haben uns Jahre nicht gesehen!“ ruft ihre Bekannte, beide umarmen sich. „Wie geht es dir?“ wird Jennifer gefragt. Ihre Antwort: „Sehr gut.“


HILFE HOLEN

Fühlst du dich antriebslos und plagen dich vielleicht sogar Suizidgedanken? Bei der Telefonseelsorge findest du online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen, welche Form der Therapie dir helfen könnte.