Mit dem Afrozensus sollen Schwarze Lebensrealitäten in Deutschland erfasst werden

Anti-Schwarzer Rassismus ist nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland ein Problem. Die Daten, um das festzuhalten, fehlen größtenteils. Das soll sich mit dem Afrozensus ändern.

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Der Afrozensus wurde von Each One Teach One e. V. und Citizens For Europe konzipiert. Foto: © Jurien Huggins / Unsplash / Collage: © ze.tt

„Der Afrozensus ist die erste groß angelegte Onlinebefragung von Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen in Deutschland über 16 Jahren“, erklärt Teresa Bremberger vom Verein Each One Teach One (EOTO). Er ist in Zusammenarbeit mit der Organisation Citizens For Europe entstanden. Noch im Juni soll die erste deutschlandweite Befragung dieser Art an den Start gehen.

Im Gespräch mit ze.tt erklären Teresa Bremberger und ihre Kollegin Muna Aikins, warum der viel genannte Migrationshintergrund nicht ausreicht, um Rassismuserfahrungen zu erfassen. Und wie sich die Leben Schwarzer Menschen in diesem Land verändern könnten, sobald ihre Lebensrealitäten mit Zahlen untermauert sind.

ze.tt: Teresa, Muna, warum braucht es den Afrozensus in Deutschland?

Teresa Bremberger: Es gibt bis jetzt kaum Daten zu unseren Lebenssituationen. Das Statistische Bundesamt erhebt Daten zu Menschen mit Migrationshintergrund. Das Konzept Migrationshintergrund greift aber nicht alle Lebensrealitäten von Menschen auf, die Rassismus in Deutschland erleben. Viele Schwarze Personen fallen durchs Raster. Wir plädieren dafür, sich von diesem Begriff zu entfernen und wollen uns im Afrozensus spezifisch die Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Schwarzen Menschen anschauen.

Wir können den Zusatz „mit Migrationshintergrund“ nicht als wissenschaftliche Grundlage nutzen, um über Menschen zu sprechen, die Rassismuserfahrungen machen.

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Du sprichst es gerade an: In Deutschland werden Daten nach der Einteilung mit oder ohne Migrationshintergrund erhoben. Warum ist das unzureichend?

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Teresa Bremberger von EOTO. Foto: © privat

Teresa: Nach der jetzigen rechtlichen Definition haben Menschen einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens eines ihrer Elternteile nach Deutschland migriert sind. Eine weiße deutsche Person, die einen österreichischen und einen deutschen Elternteil hat, die beide weiß sind, hat einen Migrationshintergrund. Diese Person macht aber in Deutschland keine Rassismuserfahrung. Gleichzeitig gibt es beispielsweise Kinder von Afrodeutschen, die Schwarz sind. Sie haben keinen Migrationshintergrund mehr, wenn die Eltern nicht migriert sind, machen aber sehr wohl Rassismuserfahrung.

Muna Aikins: Grundsätzlich ist die Idee gut, dass eine Person nach der dritten Generation nicht mehr als Migrant*in oder als Person mit Migrationshintergrund gilt. Gleichzeitig ist es aber schwierig, wenn dir aufgrund einer rassistischen Zuschreibung eine bestimmte Behandlung zuteil wird, die im Konzept Migrationshintergrund nicht erfasst wird. Wir können den Zusatz „mit Migrationshintergrund“ nicht als wissenschaftliche Grundlage nutzen, um über Menschen zu sprechen, die Rassismuserfahrungen machen.

Obwohl das natürlich oft versucht wird.

Muna: Das Problem ist, dass wir in Deutschland keine differenzierte Erfassung von Rassismus haben wie in anderen Ländern. Aufgrund der Historie Deutschlands werden deshalb andere Konzepte herangezogen. Ganz weit verbreitet ist der Migrationshintergrund. Dieser Begriff reduziert aber in manchen Kontexten so sehr, dass es nicht mehr nur um den Hintergrund geht.

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Muna Aikins von EOTO. Foto: © privat

Was bringt der Afrozensus Schwarzen Menschen in Deutschland?

Muna: Wir betrachten das aus zwei verschiedenen Perspektiven: Einmal intern, also innerhalb der Communitys. Für Schwarze Menschen dienen die Daten als Grundlage. Sie können mehr über sich selbst herausfinden und ihre Empowerment-Arbeit gezielter ausrichten. Aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive geht es dann darum, die Benachteiligungen festzuhalten, um die strukturellen Defizite zu beseitigen. Wir wollen das, was Schwarze Menschen seit Jahrzehnten sagen, mit einer Datengrundlage unterstützen.

Also geht es euch auch darum, Schwarzen Menschen in Diskussionen um Rassismus beispielsweise Argumente zu liefern?

Teresa: Ja. Diese Lebensrealitäten werden ständig geäußert und es gibt beispielsweise qualitative Studien dazu. Diese verfallen aber oft ins Anekdotische. Eine quantifizierbare Datengrundlage gibt uns eine andere Basis. Es ist das, was die Politik immer wieder von uns verlangt, wenn wir Forderungen stellen: Zahlen. Da zählt nicht, dass Tausende von Schwarzen Menschen seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Geschichten erzählen. Sie verlangen „Beweise“. Mit dem Afrozensus können wir mehr Druck aufbauen.

Auf was für Fragen können sich Schwarze Menschen einstellen?

Teresa: Es gibt einen Teil zu Diskriminierungserfahrungen, aber es wird auch Teile geben dazu, wie Schwarze Menschen in Deutschland aufgestellt sind. Fragen zu unserem Engagement beispielsweise, sowohl in Deutschland als auch unsere Unterstützungsleistungen im Ausland. Das spiegelt eine Realität von vielen Schwarzen, afrikanischen, afrodiasporischen Menschen wider.

Es wird auch Fragen zu politischen Einstellungen geben. Sowohl Fragen, die sich spezifisch auf die Community und aufs Schwarzsein in Deutschland beziehen als auch Fragen zur deutschen Politik allgemein.

Wie viele Menschen haben sich bisher für den Afrozensus angemeldet und habt ihr ein konkretes Ziel im Kopf, wie viele es sein sollten?

Muna: Jetzt sind es fast 5.000. Je mehr Menschen teilnehmen, desto tiefgründigere Analysen können wir machen. Ein endgültiges Ziel gibt es aber nicht. Es gilt: je mehr, desto detaillierter, desto besser.

Gibt es eine Unterscheidung innerhalb des Fragebogens zu Menschen, die zum Beispiel geflüchtet sind und andere Erfahrungen machen als Leute, die innerhalb Deutschlands geboren sind?

Teresa: Es gibt sehr wenige Fragen, die spezifisch auf Geflüchtete abzielen, aber diese in Kombination mit den allgemeinen Fragen lassen später auch Aussagen zu unterschiedlichen Erfahrungshorizonten zwischen Schwarzen Menschen zu, die hier geboren wurden und Menschen mit einer Fluchtgeschichte.

Muna: Wir haben leider begrenzte Ressourcen und versuchen, das Maximum aus der ersten Umfrage herauszuholen. Auf dieser Datengrundlage lässt sich aufbauen. Mit mehr Fördermitteln wollen wir genau solche spezifischen Realitäten noch einmal genauer erfassen.

Schwarze Menschen gehören zu den Jüngsten in Deutschland, das bedeutet, viele von uns erleben Diskriminierung im Bildungssystem.

Muna

Welche Rolle spielt das Thema Bildung im Afrozensus?

Muna: Es wird eine qualitative Analyse geben, in der Bildung eines der großen Themen ist. Dort wird es verschiedene Fokusgruppen geben: Schüler*innen, Eltern, Lehrkräfte, Menschen, die in der Verwaltung des Bildungsapparats arbeiten.

Warum ist dieser Bereich so wichtig?

Muna: Weil Schwarze Menschen zu den Jüngsten in Deutschland gehören. Das bedeutet, viele von uns erleben Diskriminierung im Bildungssystem. Außerdem ist unsere Organisation Each One Teach One eine bildungspolitische Akteurin. Wir bieten viele außerschulische Angebote für Schwarze Kinder und Jugendliche an und bekommen mit, wie schwierig die Schule für sie sein kann. Es liegt uns am Herzen, dass wir die Erfahrungen der jüngeren Generationen im Afrozensus abbilden.

Teresa: Schon in der Schule wird der Grundstein für das spätere Leben gelegt. Schwarze Kinder werden dort strukturell benachteiligt. Welche Schulen dürfen sie besuchen, wie werden sie eingestuft im Vergleich zu anderen Mitschüler*innen, wie werden sie in der Schule wahrgenommen? Wir möchten auf die Benachteiligung und den Ausschluss aufmerksam machen.

Wie stellt ihr sicher, dass die erhobenen Daten nicht in fremde Hände gelangen?

Teresa: An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass wir ein Team bestehend aus Schwarzen Menschen sind. Das bedeutet, Schwarze Menschen analysieren diese Daten. Und diese Daten werden nicht auf irgendeinem Server liegen, sondern auf einem verschlüsselten Server von EOTO, einer Schwarzen Selbstorganisation. Dabei erfüllen wir alle Anforderungen des europäischen und deutschen Datenschutzrechts.

Generell zum Datenschutz kann ich sagen: inhaltliche Angaben einer Person werden getrennt von der E-Mail-Adresse, die diese Person bei der Anmeldung angegeben hat, gespeichert. Das heißt, dass einzelne Antworten nicht einzelnen Personen zugeordnet werden können. Die Ergebnisse der Studie werden zusammengefasst dargestellt, da uns nicht einzelne Antworten interessieren, sondern Zusammenhänge und das große Ganze.

Ihr fahrt viele Kampagnen über Social Media. Das zielt eher auf jüngeres Publikum ab. Wie versucht ihr, ältere Generationen zu erreichen?

Muna: Das geht über Multiplikator*innen, über Community Center, Kirchen. Wir versuchen, das so breit zu streuen, wie es geht und beauftragen jeden Menschen, der davon weiß, es weiterzugeben und andere anzuwerben.

Teresa: Wir haben unterschiedliche Outreach-Partner*innen, die mit uns den Afrozensus bewerben. Da sind Organisationen dabei, die ältere Menschen ansprechen. Das Coronavirus hat uns die Planung erschwert. Wir wollten eigentlich viel mehr persönliche Treffen organisieren. Das ist jetzt nicht möglich.

Wann werdet ihr den Abschlussbericht zum Afrozensus veröffentlichen?

Teresa: Vor Corona hatten wir mit dem Ende des Jahres geplant. Jetzt kann es sein, dass sich die Veröffentlichung auf 2021 verschiebt.

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