Mit dem Tod leben: „Mein Sohn hat sich erschossen. Für mich ist er nicht gestorben“

Ilses Sohn wählte mit 26 Jahren den Freitod. Seine Mutter trauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis sie ihn gehen lassen konnte. Ein Protokoll

Mit dem Tod leben: "Mein Sohn hat sich erschossen. Aber für mich ist er nicht gestorben"

Ilse entwickelte kleine Rituale, die ihr halfen, mit dem Tod ihres Sohnes fertig zu werden. Quelle: Unsplash | CC0

In der zehnteiligen Serie „Mit dem Tod leben“ protokollieren wir die Erfahrungen von Menschen, die den Tod von Nahestehenden verarbeiten mussten. Was hat ihnen während der Trauer geholfen, und haben sie durch den Verlust etwas für sich selbst gelernt?

Ilse, 63, Wien

Am Morgen des 20. Januars 2004 stand ich mit einem seltsamen Gefühl auf. Irgendetwas stimmte nicht. Um halb acht versuchte ich das erste Mal, meinen 26 Jahre alten Sohn Michael anzurufen, aber er hob nicht ab. Das mulmige Gefühl blieb und begleitete mich zur Arbeit. Am Abend zuvor hatte ich noch mit Michael telefoniert. Mir war aufgefallen, dass es ihm nicht gut ging und vorgeschlagen, zu ihm zu fahren. Er lehnte es ab.

Es war zwölf Uhr mittags, ich befand mich im Gespräch mit einem Klienten, als mein Telefon klingelte. Es war meine Schwiegermutter. Ich hörte sie am anderen Ende der Leitung genau das sagen, wovor ich mich so gefürchtet hatte. Michael liege regungslos im Bett. Mehrmals fiel das Wort „Schuss“, viel mehr verstand ich nicht. Ich schrie. Ich schrie, so laut ich konnte.

Weder meine Schwiegermutter noch ich waren in der Lage, den Rettungsdienst zu rufen. Das musste meine Arbeitskollegin erledigen. Ich ließ alles fallen. Rein ins Auto. Zur Wohnung. Erster Bezirk, Herrengasse. Hin zum Lift. Die Türen gingen auf, drinnen stand der Notarzt. Er kam gerade aus dem fünften Stock, aus der Wohnung meines Sohnes. Ich sah ihm in die Augen und befahl: „Sagen Sie mir, dass mein Sohn lebt!“ Er entgegnete: „Es tut mir leid.“

Ich wollte mich verabschieden

Ich sackte vor dem Haus zusammen, nahm alles nur noch wie durch einen weißen Schleier wahr. Die Polizei lief an mir vorbei, meine Schwester kam dazu, ich sah meinen Exmann und meine Schwägerin herbeieilen, genauso wie meine Arbeitskollegin. Sie halfen mir hoch in Michaels Wohnung und setzten mich in seine Küche. Dort saß ich und wusste nicht mehr, was mit mir geschah. Nur eines wusste ich genau: Einen Raum weiter liegt mein Sohn tot auf dem Boden. Alles, was ich denken konnte, war: Ich will mein Kind sehen! Um mich zu verabschieden, um ihn einfach anschauen zu können, um ihn ein letztes Mal berühren zu können. Aber die anderen erlaubten es mir nicht. Stattdessen legte ihm eine Polizistin mein Halstuch mit einer großen, gelben Sonne auf die Brust. Der Arzt gab mir starke Beruhigungsmittel, ich war völlig lethargisch. Dass ich ihn nicht mehr sehen durfte, würde mich die darauffolgenden zehn Jahre beschäftigen.

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Ich saß ungefähr 20 Minuten in seiner Wohnung. Für mich fühlte es sich wie Stunden an, bis mich der Notarzt gemeinsam mit meiner Schwester nach Hause schickte. Natürlich habe ich zwischendurch immer wieder geweint. Ich war wütend. Ich war verzweifelt. Ich warf ich mich immer wieder auf den Boden, krümmte mich und schrie mir die Seele aus dem Leib. Ich suchte die Schuld an Michaels Tod bei mir selbst, machte mir Vorwürfe und versuchte, meine Fehler zu finden. Erst abends kam das große Weinen. Als ich mit meiner Schwester im Bett lag und einzuschlafen versuchte, wurde mir klar, dass ich mein Kind nie wieder in den Arm nehmen kann.

Er hatte den Suizid lange vorbereitet

Michael war ein geplagter Mensch. Nach der Pubertät stellten Ärzte bei ihm Schizophrenie fest. Ich gab ihn zwar in psychologische Behandlung, Medikamente nahm er aber nie. Einmal sagte er zu mir: „Du hast mich nicht als Sohn ausgesucht, ich habe mir dich als Mutti ausgesucht. Weil das, was du mit mir erlebt hast und das, was du noch mit mir erleben wirst, braucht deine Stärke.“ Ich entgegnete: „Red nicht so einen Blödsinn!“

Er war ein Philosoph, lebte in einer Welt zwischen Genie und Wahnsinn. Er las ständig Kant, Nietzsche und Reich, aber hielt sich selbst für einen Versager. Wir versuchten alles, damit es ihm besser ging, waren immer für ihn da. Aber er wollte in eine andere Welt. In eine Welt, in der er glücklich und frei sein konnte. Das hatte er selbst gesagt. In Briefen hatte er schon Jahre zuvor seinen verstorbenen Großvater oder Onkel angefleht, ihn auch in ihre Welt zu holen, weil er glaubte, dass es ihm da besser gehen würde.

Du hast mich nicht als Sohn ausgesucht, ich habe mir dich als Mutti ausgesucht. Weil das, was du mit mir erlebt hast und das, was du noch mit mir erleben wirst, braucht deine Stärke.“

In den Tagen nach seinem Ableben erfuhr ich langsam mehr über die Umstände von Michaels Tod. Da eine Schusswaffe gefunden wurde, untersuchten kriminaltechnologische Ärzte meinen Sohn. Sie bestätigten: Es gab kein Fremdeinwirken, es handelte sich eindeutig um Suizid – und Michael hatte ihn genau geplant. Am Abend des 20. Januars befand er sich alleine in der Wohnung. Seine Frau hatte gerade die Stadt verlassen, auf ihren gemeinsamen Hund passten Bekannte auf, den Schlüssel zur Wohnung hatte er unter der Türmatte versteckt. Tage zuvor hatte er sich bereits ein großkalibriges Gewehr samt Munition gekauft. An diesem Abend hatte er es verkehrt herum an die Wand neben dem Bett abgestützt und sich gegen den Lauf gelehnt, der direkt auf das Herz gerichtet war. Er schloss die Augen und feuerte einen einzelnen Schuss ab.

Laut den Kriminaltechnologen hatte er darauf geachtet, möglichst sauber vorzugehen. Daher auch die Entscheidung, auf das Herz statt auf den Kopf zu zielen. Er blieb komplett angezogen und hatte sich zusätzlich eine Decke um den Körper gewickelt. Ich glaube, er wollte der Nachwelt einen schrecklicheren Anblick ersparen. Als meine Schwiegermutter ihn fand, dachte sie anfangs sogar, er würde bloß schlafen. Später erfuhr ich, dass die Kugel knapp an seinem Herzen vorbeiging. Nach dem Schuss lebte er noch eine halbe Stunde und verblutete langsam. Davon erfuhr ich erst zwei oder drei Jahre später, es rutschte meiner Schwägerin im Gespräch heraus. Ich wünschte, ich hätte das nie gehört.

Trauerbewältigung ist harte Arbeit

Zweieinhalb Monate nach Michaels Tod ging ich für die Trauerbewältigung zu einer Psychologin. Neun Monate, jede Woche. Mit ihr konnte ich zum ersten Mal offen darüber sprechen. Sie war der neutrale, objektive Mensch, den ich brauchte. Innerhalb der Familie war eine Bewältigung nicht möglich, denn alle blockten ab, alle waren zu betroffen. Meiner Mutter konnte nichts anderes mehr tun, als um ihr geliebtes Enkelkind zu weinen, meine Schwester versuchte, die Starke zu sein und ließ die Trauer nicht zu, mit meinen Neffen und Nichten wollte ich nicht darüber sprechen, weil sie zu sensibel waren. Meine Freunde meinten, sie hörten mir zwar gerne zu, aber wirklich helfen könnten sie mir nicht. Ich war allein.

Die Psychologin erleichterte mir das Trauern sehr. Jeden Montag regte sie mich mit offenen Aussagen über Michaels Tod zum Nachdenken an, die mich unter der Woche beschäftigt hielten. Die Wochenenden waren für mich dafür umso schwerer durchzuhalten. Alles in mir verlangte nach der nächsten Sitzung und der nächsten Denkaufgabe.

Die Ärztin half mir auch, mit meinen Schuldgefühlen umzugehen. Sie gab mir zu verstehen, dass jemand immer selbst den Freitod wählt, weil die Person Sehnsucht danach hat. Michaels Tod war weder meine Schuld noch die Schuld eines anderen gewesen. Jemand, der zu einer Schusswaffe greift, um sein Leben zu beenden, möchte wirklich sterben. Das ist kein Hilferuf, kein Schrei nach Aufmerksamkeit, wie es bei anderen Suizidmethoden manchmal der Fall ist. Michael wollte seinem Leben ein Ende bereiten. Ich hätte es nicht verhindern können.

Ich sprach viel mit ihm. So, als würde er neben mir stehen.“

Ich entwickelte kleine Rituale, die mir teils über Jahre hinweghalfen, mit seinem Tod fertig zu werden. Wenn mich die Trauer überkam, streichelte ich den einzigen Gegenstand, den er mir hinterlassen hatte. In seinem Wohnzimmer lagen eine Notiz und ein kleines Ding für mich. Auf dem Zettel stand „Mutti“, daneben lag dieses goldene Dupont-Feuerzeug.

Im ersten Jahr fuhr ich täglich zum Friedhof und putzte wie ein Verrückte seinen Grabstein, so wie ich früher das schmutzige Geschirr in seiner Wohnung gewaschen hatte. Ich sprach viel mit ihm. So, als würde er neben mir stehen. Da er leidenschaftlicher Raucher war, brachte ich ein Jahr lang wöchentlich Rosen zu seinem Gab und erzählte ihm, jede Rose stünde für eine Stange Zigaretten. Und schaffte ich es einmal nicht, entschuldigte ich mich bei ihm mit den Worten: Michael, sei mir bitte nicht böse, dass ich heute nicht gekommen bin.

Das große Loch, das mir mein Sohn hinterlassen hat, füllte ich mit beruflichen Aus- und Fortbildungen. In meinen Träumen sah ich Michael immer in glücklichen Situationen vor mir, mit einem lachenden Gesicht und seinen großen Zähnen. Es war ein herrliches Gefühl. Während ich tagsüber trauerte, war in meinen Träumen alles gut. So gut, dass wir uns über banale Dinge wie seinen Hund unterhielten. Und nach dem Aufwachen wusste ich: Es geht ihm gut.

Ich stand mir selbst im Weg

„Ilse, ich fahre gerne mit dir zum Friedhof“, sagte meine Schwester einmal zu mir, „aber da unten liegt nur der Mantel, Michaels menschliche Hülle. Seine Seele wohnt in dir drinnen.“ Es war dieser Satz, der es mir langsam ermöglichte, Michael loszulassen. Ich erkannte, dass ich mir viele Jahre nach seinem Tod selbst im Weg stand, dass ich mich selbst und mein Umfeld, meine Freunde, die es sicher nicht leicht mit mir gehabt haben, gefesselt hatte. Es wurde Zeit, diese Fesseln und damit mein Kind loszulassen.

[Außerdem auf ze.tt: Deine Trauer ist so einzigartig wie das, was du verloren hast]

Natürlich habe ich die Trauer heute noch nicht ganz bewältigt. Es gibt viele Tage, an denen ich ihn vermisse. Das sind speziell die wichtigen Festtage wie Weihnachten, Geburtstage oder auch sein Todestag. Dass er nicht mehr da ist, tut auch nach 14 Jahren noch so weh wie am ersten Tag. Ob der Schmerz jemals verebbt, kann ich nicht sagen. Aber ich habe akzeptiert: Dieses schreckliche Ereignis gehört auch zu meinem Leben dazu.

Heute bin ich froh, Michael nicht selbst mitsamt seiner Schusswunde gefunden zu haben, auch wenn ich mir lange gesagt hatte, es wäre „richtiger“ gewesen. Ich bin froh, dass mir dieser schmerzhafte Anblick erspart blieb. Ich bin froh über die Zeit, die wir gemeinsam hatten. Ich durfte 26 Jahre lang mein Kind begleiten, das ich geliebt habe und das mich geliebt hat. Wenn ich heute über ihn spreche, sehe ich wieder sein lachendes Gesicht vor mir. Für mich ist mein Sohn nicht gestorben, sondern lebt in meinem Herzen weiter.


Teil 1: „Meine Familie starb an Krebs, und ich habe Sinn darin gefunden“

Teil 2: „Ich trage jeden Tag ein Schmuckstück meiner verstorbenen Oma“

Teil 3: Wann uns Trauer reifen lässt

Teil 4: „Seit mein Papa tot ist, hat sich Angst in mein Leben gefressen“

Teil 5: „Omas Versicherungen abzuwickeln war wie ein zweiter Abschied“

Teil 6: Wie ich den Verlust meines Sohnes bewältigt habe

Teil 7: „Nachdem mein Papa starb, ritzte ich mich und schlief mit älteren Männern“

Teil 8: „Mein Onkel war Zeuge Jehovas und verzichtete auf lebensrettendes Blut“

Hilfe holen

Falls du unter Depressionen leidest und dich Suizidgedanken plagen, findest du bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen. Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.