Mit dem Tod leben: Wann uns Trauer reifen lässt

Der Tod einer nahestehenden Person kann uns langfristig persönlich reifen lassen. Wie kommt es dazu? Teil 3 der Serie Mit dem Tod leben.

Ob sich jemand später weiser fühlt oder nicht, hat nichts damit zu tun, ob der Verlust erfolgreich verarbeitet wurde.

Ob sich jemand später weiser fühlt oder nicht, hat nichts damit zu tun, ob der Verlust erfolgreich verarbeitet wurde. Quelle: Unsplash | CC0

Die Trauer über den Tod eines geliebten Menschen ist sehr individuell. Wie und wie lange jemand trauert, hängt von Faktoren wie der Todesursache, dem Verhältnis zu der verstorbenen Person und der eigenen Persönlichkeit ab. Der Schmerz von Trauernden kann sich dabei unterschiedlich äußern. Ob jemand Wut, Sehnsucht, Verzweiflung, Schuldgefühle, Verbitterung oder Angst empfindet, ob jemand viel weint, schreit oder apathisch reagiert, eine richtige Art zu trauern gibt es nicht. In erster Linie dient das Trauern dazu, den Verlust auf persönliche Art und Weise zu bewältigen.

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Viele überwinden diese Zeit leicht, sagt Heidi Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Trauerzentrum Frankfurt. In der Wissenschaft spricht man in diesem Fall von einem resilienten Trauerverlauf. Etwa die Hälfte aller Menschen trauern so, erklärt sie. Den Hinterbliebenen gelingt es schon früh nach dem Verlust, zurück in den Alltag zu finden. Sie gehen bald wieder ihrer Arbeit nach und leben ihr Leben genauso wie vor dem Verlust weiter. Sie verändern sich nicht langfristig.

Resilienz ist die Fähigkeit, mit Schicksalsschlägen umzugehen, Krisen zu bewältigen und daraus zu lernen. Resilienz bedeutet jedoch nicht, dass die Betroffenen überhaupt keine emotionale Erschütterung erfahren. „Etwa 50 Prozent der Resilienz sind genetisch veranlagt“, sagt Isabella Helmreich, wissenschaftliche Leiterin des Deutschen Resilienz-Zentrums (DRZ) in Mainz. Der Rest ist erlernt.

Neue Lebensziele

Manche Menschen berichten auch davon, durch die Trauer reifer geworden zu sein. Sie haben mehr über sich gelernt oder Fähigkeiten entdeckt, die ihnen zuvor nicht bewusst waren. Manche stecken sich sogar neue Lebensziele.

Veränderung bedeutet aber nicht gleichzeitig Reifung. Verliebt sich jemand nach dem Tod seines*r Partner*in neu, ist das zwar positiv. Es sagt allerdings noch nichts darüber aus, ob jemand reifer geworden ist. Der Psychologe Christopher Davis von der Universität Carleton in Kanada nennt zwei Aspekte, bei denen man von einer sogenannten posttraumatischen Reifung ausgehen kann:

  1. eine wesentliche, nachhaltige und beobachtbare Veränderungen von Werten und Zielen und
  2. ein vertieftes Verständnis über den eigenen Charakter

Gehen Hinterbliebene also eine neue Beziehung ein, bleibt das Lebenskonzept einer festen Partnerschaft bestehen. Sie passen sich an eine Situation an, bei der Rollen und Ziele weitgehend gleich bleiben. Sie sind nicht gereift.

Oder sie kommen zu dem Schluss, das Leben als Alleinstehende*r in einem anderen, positiveren Licht zu sehen. Sie haben damit ihr Lebenskonzept überdacht und sind an dieser Entscheidung gewachsen.

Wann kommt es zu einer Reifung?

Weil der Trauerprozess individuell ist und von vielen Faktoren abhängt, lässt sich nicht vorhersagen, wer durch Trauer reift und wer nicht. Es gibt jedoch Indizien dafür, wann es wahrscheinlicher ist.

Kurz nach dem Tod überwiegen meistens Schmerz oder Sehnsucht nach der verstorbenen Person. Man kann also nicht sofort reifen, das Trauern braucht Zeit. Das dauert oft noch länger, als Betroffene annehmen, sagt Müller.

Eine Reifung tritt eher ein, wenn sich jemand zum Beispiel schon vor einem Verlust mit persönlicher Reifung und Weisheit auseinandergesetzt, sie vielleicht sogar zu einem wichtigem Lebensziel erklärt hat. Das schreiben Müller und ihre Kollegin Hildegard Willmann in einem Beitrag für die Seite gute-trauer.de. Die Auseinandersetzung mit der Trauer bringt diese Veranlagung dann stärker an die Oberfläche.

Ob jemand an einem Verlust reifen kann, hängt auch davon ab, wer stirbt und wie. Verliert eine Mutter ihr Kind bei einem Autounfall wird sie in der Regel mehr über den Sinn des Todes und des eigenen Daseins nachdenken als jemand, dessen Großmutter im hohen Alter stirb. Es ist wahrscheinlicher, dass sich das Weltbild der Mutter verändert und sie es mit neuen Werten und Zielen ausstattet. Die Wege dorthin können so individuell sein wie die Trauer selbst: Tagebuch schreiben, therapeutische Begleitung, Gespräche mit Freund*innen und Familie, Sport.

[Außerdem auf ze.tt: Nach schwerem Verlust: Warum ein Trauerjahr nicht ausreicht]

Auch wenn es unmöglich scheint, einen tieferen Sinn im Tod des eigenen Kindes zu finden, kann sich dennoch eine Reifung einstellen. Das zeigte eine Untersuchung mit 41 Eltern, die ihr Kind durch einen vier bis sieben Jahre zurückliegenden Verkehrsunfall verloren hatten. 74 Prozent der Befragten gaben an, zumindest eine positive, langfristige Veränderung an sich wahrgenommen zu haben. Am häufigsten wurden ein höheres Selbstvertrauen und mehr Achtsamkeit für den jetzigen Moment genannt.

Wann und ob eine Reifung eintritt, liegt alleine bei den Hinterbliebenen. Es kann ihnen helfen, die Verarbeitung des Verlustes als Entwicklungsaufgabe zu sehen. „Sie sollten sich diese Reifung oder positive Veränderung jedoch niemals von Außenstehenden auferlegen lassen oder sich selbst dem Druck aussetzen, wachsen zu müssen“, sagt Müller.

Ob sich jemand später weiser fühlt oder nicht, hat nichts damit zu tun, ob der Verlust erfolgreich verarbeitet wurde. Es kann also zur Reifung kommen, muss aber keineswegs.


In der Serie „Mit dem Tod leben“ protokollieren wir die Erfahrungen von Menschen, die den Tod von Nahestehenden verarbeiten mussten. Was hat ihnen während der Trauer geholfen und haben sie durch den Verlust etwas für sich selbst gelernt?

Teil 1: „Meine Familie starb an Krebs und ich habe Sinn darin gefunden“

Teil 2: „Ich trage jeden Tag ein Schmuckstück meiner verstorbenen Oma“

Teil 3: Wann uns Trauer reifen lässt