Mit dem Tod leben: Warum es sinnvoll ist, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen

Wir alle wissen, dass wir irgendwann sterben werden. Dennoch schieben viele den Gedanken an den eigenen Tod weit von sich. Dabei kann es helfen, sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu sein.

Memento mori. Quelle: Unsplash | CC0

In der zehnteiligen Serie „Mit dem Tod leben“ protokollieren wir die Erfahrungen von Menschen, die den Tod von Nahestehenden verarbeiten mussten. Was hat ihnen während der Trauer geholfen, und haben sie durch den Verlust etwas für sich selbst gelernt? Im letzten Teil geht es um die eigene Sterblichkeit.

Hildegard Willmann hat bis jetzt noch keine Erfahrungen mit dem Verlust nahestehender Menschen. Mit ihrem damaligen Mann führte die 51-jährige Diplom-Psychologin ein Bestattungsunternehmen, machte eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und arbeitete als Rednerin auf nicht religiösen Trauerfeiern. Nach der Trennung von ihrem Mann schied sie aus dem Unternehmen aus. Seit zwei Jahren arbeitet sie in einem Krankenhaus als Palliativpsychologin mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen. Gemeinsam mit Heidi Müller hat sie das Buch Trauer: Forschung und Praxis verbinden geschrieben. ze.tt hat mir ihr über den Umgang mit dem eigenen Tod gesprochen.

Herausgeberin des Newsletters Trauerforschung im Fokus“: Hildegard Willmann. © privat

ze.tt: Was bringt es, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen?

Hildegard Willmann: Es baut Berührungsängste ab. Kaum jemand beschäftigt sich gerne von alleine mit dem Thema Sterben und Tod. Das ist natürlich und nachvollziehbar, aber ich glaube, wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir das bis zum Schluss aufschieben.

Warum?

Die Endlichkeit, die der Tod unserem Leben vorgibt, ist eine wichtige Richtschnur für unsere Entscheidungen. Wenn ich weiß, dass das Leben endlich ist, bekommt es eine andere Gewichtung. Je früher ich darauf achte, desto zufriedener kann ich am Ende sein. Außerdem ist es eine große Lebensaufgabe zu sterben. Meiner Meinung nach ist das ein genauso großes Ziel, wie einen Beruf zu lernen oder eine Familie zu gründen. Diese Aufgabe kann gut gelingen, sie kann aber auch zu einer riesigen Katastrophe werden.

Haben Sie ein Beispiel, in dem jemand die Aufgabe gut gemeistert hat?

Ich habe mich heute auf der Palliativstation mit einer 90-jährigen Frau unterhalten, die Krebs hat, der nicht mehr therapierbar ist. Sie hat heiter darüber gesprochen, dass es eben kommt, wie es kommt. Irgendwann sei es vorbei und der da oben habe sie nun bestellt. Das ist für mich ein Vorbild. Diese Frau weiß, dass sie nicht mehr viel Zeit hat. Dennoch war sie so gelassen, froh und dankbar. Auch das ist Sterben. Es muss nicht immer schrecklich sein.

Was hat es dieser Frau so leicht gemacht loszulassen?

Die Frage ist: Ist sie so ein positiver Mensch, dass sie das Glas immer halbvoll sieht? Oder hatte sie so ein gutes Leben, dass sie mit Zufriedenheit darauf zurückblicken kann? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem. Sie hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie froh ist, keine Kinder zu haben. Andere Menschen würden sagen: Ich bereue, dass es mir nicht vergönnt war, Kinder zu bekommen. Diese Frau hat die Fähigkeit, auch das positiv zu deuten. Sie sagte: „Ich hab keine Kinder und das ist jetzt gut. Ich mache ihnen keinen Kummer und sie mir auch keinen.“

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, dass wir den eigenen Tod so oft von uns fernhalten?

Es ist die Angst vor dem Unbekannten: Was passiert da? Wenn ich hier nicht mehr bin, wo bin ich dann? Das ist ein Thema, das Menschen seit Urzeiten beschäftigt und das die Religionen versuchen zu beantworten. Die Angst vor dem Tod ist aber auch kulturell bedingt. Wir sind geprägt durch unsere Eltern oder Großeltern, die Krieg erlebt haben. Sie waren damit sehr allein und sie verbinden mit dem Tod Horrorszenarien – können das aber nicht aussprechen. Unsere Generation hingegen ist mit Wirtschaftswunder und medizinischem Fortschritt aufgewachsen. Alles wird vermeintlich immer besser und schöner. Zugleich haben wir Eltern, die uns ohne Worte vermittelten, dass Krankheit und Tod etwas Furchtbares sind.

Ist der eigene Tod denn nicht furchtbar?

Nicht unbedingt. Ich selbst habe keine Angst vor dem Tod, ich habe aber Angst vor dem Sterben. Das höre ich auch oft von Menschen auf der Palliativstation. Ich habe Angst davor, dass ich leide, hilflos bin und mir niemand hilft. Gegen diese Angst hilft mir mein Wissen über die Versorgungsstrukturen. Ich weiß, dass es Palliativmediziner gibt und ein Hospizteam. Mir ist klar, dass ich diesen Weg nicht komplett alleine gehen muss und das beruhigt mich. Ich habe auch Angst vor der eigenen Psyche: Werde ich loslassen können? Wie werde ich auf mein Leben zurückschauen? Das kann ich jetzt noch nicht sagen.

Lässt sich so was denn simulieren?

Es gibt Übungen. Einer meiner Komillitonen hat eine Sterbemeditation gemacht. In ihr visualisiert man zum Beispiel auch seine eigene Beerdigung. Das hat ihn auch dazu bewogen, schneller zu heiraten und Kinder zu bekommen. Das wollte er auch vor der Meditation, aber er hätte es eher auf die lange Bank geschoben. Die Meditation hat ihm verdeutlicht, dass er nicht unbegrenzt Zeit hat und nicht zu lange zögern sollte.

Wie sollte ich vorgehen, wenn ich mich mit meinem eigenen Tod auseinandersetze?

Das erste, was ich empfehlen kann, ist dem Tod da, wo er im Leben auftritt, nicht aus dem Weg zu gehen. Wenn die Tante im Sterben liegt, sollte man sich die Zeit nehmen und sie besuchen – auch wenn einem mulmig ist und man nicht weiß, ob sie überhaupt noch sprechen kann oder ob sie mich überhaupt noch erkennt. Das andere ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Es gibt eine gute Übung dafür. Überlege dir, dass du nur noch einen Monat zu leben hättest: Was würdest du unbedingt noch machen wollen, mit wem würdest du unbedingt noch sprechen wollen? Das klingt vielleicht etwas buddhistisch, aber das Wissen darüber, dass alles vergänglich ist, macht uns gelassener. Es hilft, jeden Tag wie einen kleinen Tod zu sehen. Wir müssen lernen, uns von Dingen und Menschen zu verabschieden. Alles im Leben ist vergänglich und wir muss immer wieder loslassen und irgendwann müssen wir alles loslassen – eben dann, wenn wir sterben.

Gibt es einen richtigen Zeitpunkt, sich damit zu beschäftigen?

Eigentlich kann man nicht früh genug damit anfangen. Ich spüre da auch einen gewissenen gesellschaftlichen Wandel. Während in der Generation unserer Eltern oft nicht gerne über den Tod gesprochen wurde, merke ich, dass jüngere Menschen damit heute offener umgehen. Ich bin auch der Meinung, dass man schon mit Kindern darüber sprechen sollte.

Kann die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod helfen, mit dem Tod Angehöriger besser umzugehen?

Bestimmt. Weh tun wird es dennoch, denn der Verlust bleibt, egal wie gut ich mich vorbereitet habe. Die Beziehung wird mir trotz allem fehlen. Aber vielleicht bin ich weniger verunsichert über meine eigene Reaktion. Hinterbliebene sind oft über ihre Trauer irritiert und darüber, ob sie richtig trauern. Ein großer Teil von Verlustverarbeitung ist auch die Auseinandersetzung mit dem Schock. „Wie kann das sein, das ist unfair, warum gerade ich?” Wer sich mehr mit dem Thema Endlichkeit und Tod auseinandersetzt, ist weniger erschrocken.

Gibt es etwas, was Sie durch Ihren Umgang mit dem Tod anderer und ihrem eigenen für sich gelernt haben?

Mein Lebensgefühl hat sich erweitert. Ich glaube, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht. Das kann ich mit Worten nicht gut beschreiben, weil es dann abstrus klingt. Ich glaube nicht unbedingt an Wiedergeburt, aber ich nehme mich, mein eigenes Scheitern und meine unerfüllten Pläne nicht mehr so wichtig. Manches im Leben klappt, manches nicht. Und das ist in Ordnung. Es gibt einen Vers von Rainer Maria Rilke, den ich mir oft sage. Ich finde ihn eine schöne Haltung für mein eigenes Leben.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Das finde ich eine sehr schöne Haltung für mein eigenes Leben.


Teil 1: „Meine Familie starb an Krebs, und ich habe Sinn darin gefunden“

Teil 2: „Ich trage jeden Tag ein Schmuckstück meiner verstorbenen Oma“

Teil 3: Wann uns Trauer reifen lässt

Teil 4: „Seit mein Papa tot ist, hat sich Angst in mein Leben gefressen“

Teil 5: „Omas Versicherungen abzuwickeln war wie ein zweiter Abschied“

Teil 6: Wie ich den Verlust meines Sohnes bewältigt habe

Teil 7: „Nachdem mein Papa starb, ritzte ich mich und schlief mit älteren Männern“

Teil 8: „Mein Onkel war Zeuge Jehovas und verzichtete auf lebensrettendes Blut“

Teil 9: „Mein Sohn hat sich erschossen. Für mich ist er nicht gestorben“