Mit der Asche von Holocaust-Opfern vor der AfD warnen? Das kommt nicht bei allen gut an

Vor dem Bundestag hat die Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit ein Mahnmal errichtet. Die Säule enthält angeblich echte Asche von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden.

Zentrum für Politische Schönheit vor Reichstagsgebäude

Schockierend, pietätlos, wichtig? Das Mahnmal vor dem deutschen Reichstag von der Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit. Foto: © Christophe Gateau/dpa

Was hat das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) genau gebaut?

Die Installation ist insgesamt 2,5 Meter hoch und vier Tonnen schwer. Sie besteht aus einem Gerüst, mehreren Scheinwerfern, Transparenten, PVC-Platten, Kerzen und Blumen. In der Mitte befindet sich eine Gedenkstele, in der sich eine bräunliche, von innen erleuchtete Masse bewegt.

Laut ZPS handelt es sich bei der sogenannten Widerstandssäule um einen konservierten Bohrkern aus Asche und Knochenresten von Jüd*innen und anderen Menschen, die in der NS-Zeit ermordet wurden. Am Ende des Mahnmals ist eine Grabplatte in die Wiese eingelassen, „Hier liegt die deutsche Diktatur im Frieden“, ist darauf zu lesen. Die Installation ist Teil der neuen Aktion Sucht nach uns! und soll eine „Gedenkstätte gegen den Verrat an der Demokratie“ darstellen.

Wo steht die Widerstandssäule?

Die Stele steht direkt zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt, dort, wo früher die Krolloper stand.

Warum ausgerechnet da?

Nach dem Reichstagsbrand 1933 diente die Krolloper als Ersatzherberge für das Parlament. Dort unterschrieben die bürgerlichen Parteien noch im selben Jahr das sogenannte Ermächtigungsgesetz und übergaben somit aus freien Stücken sämtliche gesetzgebende Gewalt an Adolf Hitler. Das Ermächtigungsgesetz ermöglichte alle folgenden Maßnahmen zur Festigung der nationalsozialistischen Diktatur.

Welche Botschaft soll das Mahnmal vermitteln?

„Bis heute erinnert nichts an diesen hinterhältigen Verrat der Konservativen an der Demokratie“, schreibt das ZPS auf ihrer Webseite. Die Gedenkstätte solle die Menschen daran erinnern, dass die Konservativen nicht, niemals, mit den Faschist*innen kooperieren dürften. Der Widerstand gegen jede faschistische Machtergreifung sei oberste Bürger*innenpflicht in einer freien Gesellschaft.

Damit warnt das ZPS vor einer Koalition mit der AfD, die offen rechtsextreme Mitglieder hat. Vor allem aus den Reihen der CDU habe es nach der Thüringer Landtagswahl bereits genügend Stimmen diesbezüglich gegeben.

Was ist in Thüringen los?

Die Landtagswahl in Thüringen im Oktober 2019 hat keine klaren Mehrheiten ergeben. Für eine Mehrheitsregierung müsste entweder die Linkspartei mit der CDU oder die CDU mit der AfD regieren. Mehrere CDU-Parteifunktionäre signalisierten daraufhin, dass man für eine Koalition mit der AfD bereit wäre – darunter auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, Michael Heym. Von der Parteiführung wird eine solche Koalition bislang ausgeschlossen.

Am Montag einigten sich Linke, Grüne und SPD auf eine Minderheitsregierung. Ob CDU und FDP diese tolerieren werden, bleibt abzuwarten.

Ist das wirklich echte Asche?

Ob es sich tatsächlich um echte Asche handelt, ist nicht bewiesen. Die Aktivist*innen des ZPS teilten bei der Mahnmal-Enthülllung eine Pressemitteilung aus. Darauf stand, dass es zwei Jahre lang erforscht habe, wo die Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands liege. Sie liege an insgesamt 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine, in der Nähe einstiger Vernichtungslager und Erschießungsplätze, überall da, wo die Ermordung von Menschen industrielle Ausmaße angenommen hatte.

In zwei Jahren habe das ZPS mehr als 200 Bodenproben genommen, beinahe überall sei Asche zu finden gewesen. Als Beweis ist auf der ZPS-Webseite ein Laborbericht (PDF) einsehbar.

Was sind die Reaktionen auf die Aktion?

Die Reaktionen sind gespalten. Die Berliner Zeitung schreibt: „Die Säule sollte bleiben. Wir brauchen sie.“ Der Tagesspiegel nennt die Aktion „drastisch – und notwendig“. Auch Publizistin Lea Rosh – sie hatte 1988 den Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas angeregt – hält die Gedenkstele für unglaublich und „tiefer, als unser Holocaustmahnmal es ist“. Sie sei bewegt und angefasst von der Idee und Ausführung.

Andere wiederum, darunter auch viele Jüd*innen, werfen dem ZPS Pietätlosigkeit und Respektlosigkeit vor:

Was sagt das ZPS zu der Kritik, dass es sich um Grabschändung handle?

„Es gibt dort kein Grab, wo wir gesucht haben“, schreibt das ZPS auf seiner Homepage. „Es gibt dort nur verscharrte Überreste, weggeschwemmte oder sedimentierte angekohlte Glieder, Finger, Hände, Teile von Armen, Beinen und Füßen. Menschen wurden in Dämmen verscharrt, in Flüsse gekippt, auf Felder gestreut. Sie wurden vergessen, verdrängt oder nie gesucht. Die Überreste – man hätte sie seit 74 Jahren nur suchen müssen.“

Das ZPS weist außerdem darauf hin, dass viele der Ermordeten gewollt hätten, dass man nach ihnen sucht. Dabei beziehen sie sich auf Zitate aus archäologischen Funden sowie auf Aussagen von Überlebenden der Shoah.

Seit wann steht das Mahnmal vor dem Reichstag und wie lange soll es bleiben?

Die Installation wurde am Montagmorgen der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Säule ist bis Samstag, den 7. Dezember genehmigt und müsste spätestens dann wieder entfernt werden. Um das zu verhindern, setzt das ZPS auf Spenden. Wird bis zur Deadline genug Geld gesammelt, will das ZPS die Säule in ein festes Betonfundament eingießen.

Was ist das Zentrum für politische Schönheit?

Das ZPS ist ein Künstler*innenkollektiv und bekannt für seine politische Aktionskunst. Das Kollektiv besteht aus etwa 70 Personen, die Leitung hat der Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch inne. Das ZPS macht mit seinen Aktionen regelmäßig Schlagzeilen. Beispielsweise eröffnete es 2016 zur Fußball-Europameisterschaft eine Art Arena mit vier lebendigen Tigern und forderte Flüchltinge dazu auf, „sich im Widerstand gegen Deutschlands tödlichstes Gesetz“ fressen zu lassen. Die Aktion richtete sich gegen einen Paragrafen im deutschen Aufenthaltsgesetz, der es Menschen auf der Flucht verbieten sollte, ein Flugzeug nach Europa zu besteigen.