Mit ihren Beleidigungen gegenüber Greta Thunberg entlarven sich ihre Gegner nur selbst

Erwachsene Männer, teils mit großer Reichweite, fahren eine regelrechte Hetzkampagne gegen die 16-jährige Schwedin. Das ist unerträglich und vielsagend zugleich. Ein Kommentar

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Greta Thunberg am vergangenen Freitag am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Foto: © Gettyimages

Greta Thunberg, Schwedin, 16 Jahre jung, kämpft für eine bedachte Klimapolitik. Am Wochenende sprach sie auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, sie sieht das Weltklima in einem fatalen Zustand, plädierte auf sofortiges Handeln von Politik, Medien, Wissenschaft. Die Klimaziele müssten eingehalten werden. „Ich will nicht eure Hoffnung, ich will, dass ihr in Panik geratet“, sagte sie an die Zuhörenden gewandt.

Das ist doch eine tolle Sache, sollte man denken: ein junger Mensch macht sich Gedanken über Zustand und Zukunft unseres Planeten, rüttelt auf, findet auf einem wichtigen Kongress eindringliche Worte.

Doch einige Reaktionen darauf, insbesondere auf Twitter, sind eigentlich unfassbar: Dutzende erwachsene Männer halten es für angebracht, Thunberg und ihre Eltern persönlich anzugreifen und öffentlich zu diskreditieren.

Altersdiskriminierung, Sexismus, Ableismus

Allen voran ein Rechtsanwalt, Blogger und Ex-Moderator nutzt seine Reichweite, um die 16-Jährige an den Onlinepranger zu stellen. Sowas käme dabei heraus, wenn Eltern Kindern keine Gute-Nacht-Geschichten vorläsen, schreibt er in einem Tweet, in einem anderen nennt er Thunberg altklug und verhaltensgestört und fantasiert davon, wie die Grünen sie für ihre Sache instrumentalisieren würden.

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Screenshot: Twitter

Diese Tweets wurden jeweils von mehreren Tausend Menschen gelikt und retweetet. Und so steht da tausendfache Diskriminierung gegen eine Jugendliche im Netz, frei zugänglich für alle.

Dass so viele Menschen seine Auffassung zu teilen scheinen und andere, wie etwa der Welt-Chefredakteur oder weitere, eigentlich gemäßigtere Journalisten auf den Anti-Greta-Zug aufspringen, offenbart einige tief sitzende Charakterschwächen in der (männlichen) Gesellschaft. Sie betreiben freimütig Altersdiskriminierung, Thunberg ist 16; Sexismus, Thunberg ist ein Mädchen; Ableismus, Thunberg hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus. Sie führen diese Dinge an, um Thunberg als Person und Individuum abzuwerten und wollen verhindern, dass ihre Argumente ein Gehör finden.

Ihre Tweets sagen dadurch natürlich mehr über den mentalen Zustand dieser Männer aus als über Thunberg. Wer mit solchen Methoden die Deutungshoheit für sich konstatiert, entlarvt sich selbst als Paradebeispiel der Rückständigkeit.

Auch der Blog Salonkolumnisten – hier finden sich in der Regel spannende Beiträge zu gesellschaftlichen Debatten – liefert einen fragwürdigen Beitrag zum Thema, indem er die Einflussnahme durch Organisationen auf Thunberg zum Thema macht und sie „psychisch krank“ nennt. Der Autor will offensichtlich moralisieren, schlägt aber in dieselbe problematische Kerbe: Er spricht Thunberg ebenso ab, dass sie zu eigenständigen, bedachten Gedanken und Entscheidungen fähig ist. Oh Himmel, das arme Kind, „missbraucht“ durch Eltern und „Organisationen“!

Thunberg sitzt auf dem Weltklimagipfel und in Davos, sie bringt, unterstützt und bekräftigt durch ihre Eltern, junge Menschen auf die Straße, um für eine bessere Klimapolitik einzustehen. Sie inspiriert Menschen zu Diskussionen.

Thunberg hat einen Umgang auf Augenhöhe verdient

Würde man all die persönlichen Angriffe der Twitter-Schreihälse auf Thunberg von ihren Argumenten subtrahieren, blieben also keine mehr übrig. Die eigentliche Frage ist ohnehin, wieso all diese Männer konstant über Thunbergs vermeintlich fehlende Eignung zur Debatte schwadronieren, anstatt auf ihre Gedanken einzugehen.

Die Profilierungssucht Erwachsener gegenüber jungen Menschen ist schon lange ein Problem, letztens auch zu sehen bei der Diskreditierung von Kevin Kühnert aufgrund seines Alters. Wie allen anderen Menschen könnte man Thunberg ja alternativ auch aktiv zuhören, widersprechen, wenn sie falsch liegt, Gegenargumente, ja sogar Kritik an ihren Aussagen oder den Menschen im Hintergrund hervorbringen. Ruhig und auf Augenhöhe einfach das tun, was einen respektvollen Diskurs ausmacht. Aber jungen Menschen, noch dazu einem Mädchen mit Autismus, mit Argumenten zu widersprechen, das würde ja bedeuten, man müsste offener denken, über seinen Schatten springen, sein stereotypes Weltbild hinterfragen – Dinge, die insbesondere Männern schwer fallen (PDF).

Es wäre wünschenswert, wenn Twitter solchen Posts eine weniger hohe Reichweite verschaffen würde. Wer es nötig hat, öffentlich derart gegen ein 16-jähriges Mädchen Stimmung zu machen, hat sein Teilnahmerecht am Diskurs verwirkt. Doch abgesehen davon wird Thunberg so ein Gegenwind wohl nicht abbringen: Die Zeit der alten Männer ist bald vorüber, allein aufgrund der Demografie. Die Zukunft gehört glücklicherweise jungen, engagierten Menschen, mit all ihren Gedanken, Visionen und auch Fehlbarkeiten.

Update: Der Artikel wurde am 28. Januar um 16:15 aktualisiert. Wir haben den Begriff „Hetze“ durch „Beleidigungen“ ersetzt.