Mit Klopapier gegen Kapitalismus: Wie diese Firma unseren Konsum verändern will

Viele junge Unternehmen wollen nicht mehr nur der Logik von maximalem Gewinn folgen. In der Post-Corona-Zeit könnten die sogenannten Social Entrepreneur*innen eine prägende Rolle einnehmen.

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Malte Schremmer, Mitbegründer und Geschäftsführer von Goldeimer, oder wie er es nennt: der Chief Shit Advisor. Foto: © Christopher Große-Cossmann

Wer sich mit Klopapier von Goldeimer den Hintern abwischt, tut etwas für den guten Zweck. Denn für jede verkaufte Rolle fließt Geld in Projekte, um Menschen mit sauberem Wasser zu versorgen und ihnen Zugang zu Toiletten zu ermöglichen. Wie hoch der Betrag ist, lässt sich nicht genau sagen. Denn im Unterschied zu PR-Aktionen anderer Unternehmen – erinnert sei an einen Kasten Bier für einen Quadratmeter Regenwald – ist der Einsatz von Goldeimer nicht zeitlich und finanziell begrenzt. Die Gemeinnützigkeit ist hier der Unternehmenszweck. „Die Firma wurde gegründet, um Gelder zu generieren, um Wasser-, Sanitär- und Hygieneprojekte in der Entwicklungszusammenarbeit zu finanzieren“, erklärt Malte Schremmer, Mitbegründer und Geschäftsführer von Goldeimer.

Malte Schremmer und seine acht Mitarbeitenden wissen um ihre Doppelrolle: „Wir sind Aktivisten, die versuchen, gesellschaftlich-ökologische Probleme zu lösen – und wir sind ein klassisches Unternehmen, das Gewinne erzielen möchte“, sagt er, der sich selbst als Chief Shit Advisor bezeichnet. Im Unterschied zu herkömmlichen Firmen gebe es bei Goldeimer keine profitorientierten Gesellschafter*innen oder private Gewinnausschüttungen, erläutert Schremmer. Damit verliere auch die Bilanzsumme am Ende des Jahres an Bedeutung. „Für uns ist es auch in Ordnung, wenn wir plus minus null rauskommen, aber viel Geld in Wasser- und Sanitärprojekte gesteckt haben.“

Die Forderung nach einer anderen Form der Wirtschaft, des Konsums, wird lauter. Unternehmen werden sich darauf einstellen müssen, damit sie langfristig am Markt bestehen.

Malte Schremmer, Gründer von Goldeimer

Firmen mit unklarer Definition

Firmen wie Goldeimer tragen inzwischen verschiedene Bezeichnungen. Teils ist von gemeinwohlorientierten Unternehmen oder Sozialunternehmen die Rede. Die Branche selbst gibt sich international und spricht von Social Entrepreneur*innen oder Social-Start-ups. Die Zahl der Unternehmen wächst. Zu diesem Ergebnis kommt ein im Januar 2020 veröffentlichter EU-Bericht über „Sozialunternehmen und ihre Ökosysteme in Europa“. Die Sozialunternehmen hätten zudem an Relevanz gewonnen.

Es ist jedoch schwierig, den Trend mit Zahlen zu untermauern. Der EU-Bericht meldet beispielsweise für Deutschland 77.000 Sozialunternehmen, für Österreich aber lediglich rund 1.500 solcher Firmen. Es ist unklar, auf welcher Grundlage die Mitgliedsstaaten die Daten zusammengestellt und wie sich diese im Zeitverlauf entwickelt haben. Werden zum Beispiel andere Berichte herangezogen, etwa die Fachpublikation Datenreport Zivilgesellschaft, so ist es plausibel, dass für die hohe deutsche Zahl alle bestehenden gemeinnützigen GmbHs sowie sämtliche Stiftungen und Genoss*innenschaften zusammengezählt wurden. Doch viele Stiftungen verfolgen keine wirtschaftlichen Zwecke. Und Genoss*innenschaften agieren zwar stets zum Vorteil der Mitglieder, aber nicht zwangsläufig für das Allgemeinwohl.

Im Grunde ist das schon fast Mainstream. Auch viele große Unternehmen stellen ihre Werteorientierung oder die Nachhaltigkeit ihrer Lieferketten stark heraus.

Markus Beckmann, Wirtschaftswissenschaftler

Markus Beckmann, Professor für Nachhaltigkeitsmanagement von Unternehmen an der Universität Erlangen-Nürnberg, ringt schon seit Jahren mit dem Problem, dass es keine Umsatz- oder Mitarbeitendenzahlen für den gesamten Bereich gibt. „Das liegt vor allem an der fehlenden Definition davon, was Sozialunternehmen sind“, sagt Beckmann. Weitgehende Einigkeit bestehe allerdings darüber, dass solche Unternehmen auf die Verbesserung gesellschaftlicher Probleme abzielen und sich dafür unternehmerischer Mittel bedienen. „Aber nach dieser Definition könnte sich auch ein DAX-Konzern wie Bayer als Sozialunternehmen sehen. Gesundheit ist Teil des Gemeinwohls und Bayer fördert das im eigenen Verständnis über die Entwicklung von Medikamenten“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler.

Jenseits aller definitorischen Probleme ist aber auch Beckmann der Ansicht, dass die Branche an Bedeutung gewinnt: „Die Zahl der Gründungen, die die Welt mit einem nachhaltigen, fairen Geschäftsmodell verändern wollen, wächst.“ Zugleich habe auch die Sichtbarkeit solcher Unternehmen zugenommen. „Im Grunde ist das schon fast Mainstream. Auch viele große Unternehmen stellen ihre Werteorientierung oder die Nachhaltigkeit ihrer Lieferketten stark heraus.“

Goldeimer-Chef Malte Schremmer geht es indes nicht um die eigene Außendarstellung oder persönliche Rendite, sagt er. „Eigentlich ist ja klar, dass wir in allen Sektoren einen Wandel brauchen, ob das nun Verkehr, Energie oder die Gesundheit ist“, so Schremmer mit Blick auf die Wertedebatte in Zeiten von Corona und die Forderung nach mehr Klimagerechtigkeit.

Geändertes Konsumverhalten

Die Zahl der Menschen, die umweltbewusst leben möchten und einen Fokus auf Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit legen, wachse. „Die Forderung nach einer anderen Form der Wirtschaft, des Konsums, wird lauter. Unternehmen werden sich darauf einstellen müssen, damit sie langfristig am Markt bestehen“, sagt Firmengründer Schremmer.

Auf die Frage, warum er sich dem sanitären Bereich verschrieben habe, hat dieser eine einfache Antwort: „Ich hatte Durchfall.“ Die längere Erklärung lautet, dass Schremmer ab 2011 für die Organisationen Viva con Agua und die Welthungerhilfe auf Projektreise in Nicaragua war. Als er selbst an Diarrhö litt, stimmte ihn die schlechte Sanitärversorgung vor Ort nachdenklich. In Deutschland habe er sich dann weiter mit dem Thema befasst. Schremmer sieht darin eine „maximale globale Relevanz“: „Zwei Drittel aller Menschen haben keine gesicherte Sanitärversorgung. Nicht nur keine Toiletten, sondern vor allem keine Entsorgung oder Verwertung der Fäkalien im Anschluss. Es geht dabei um die Gesundheit ganzer Bevölkerungen.“

Aus dem Interesse entstand die unternehmerische Idee, der Komposttoilette zu einer Renaissance zu verhelfen, wie es auf der Unternehmenswebsite heißt. Mit befreundeten Menschen entwickelte Malte Schremmer 2013 einen Prototypen. Im folgenden Sommer setzte die Gruppe zwei Kompostklos auf mehreren Musikfestivals ein. Im Jahr darauf erfolgte schließlich die Gründung von Goldeimer – angedockt an Viva con Agua. Das dazugehörige Klopapier gibt es seit 2016. „Heute machen wir ungefähr ein Drittel des Umsatzes mit den Kompostklos auf Festivals, ein Drittel durch die Lizenzeinnahmen beim Klopapier und ein Drittel durch den Direktvertrieb von weiteren Produkten über unseren Onlineshop, zum Beispiel Komposttoiletten für Kleingärten“, sagt Schremmer.

Viele sind beim Konsum nicht konsequent. Sie kaufen zwar gerne den fair gehandelten Bio-Fruchtjogurt, fahren aber ein großes Auto.

Markus Beckmann, Wirtschaftswissenschaftler

Wie viel Goldeimer seit der Gründung erreicht hat oder wie viel Geld in den Bau von Brunnen oder Toiletten geflossen ist, kann das Unternehmen jedoch nicht beziffern. Erst seit 2019 seien die Erträge nennenswert. Das fügt sich ins Bild der gesamten Branche: Wo es keine Umsatzzahlen gibt, existieren auch keine Studien zum Einfluss der Unternehmen.

Wirtschaftswissenschaftler Markus Beckmann ist mit Blick auf das allgemeine Kaufverhalten skeptisch: „Der Wunsch, mit seinem Konsum Gutes zu tun, ist heute ausgeprägter als früher. Sozialunternehmen ermöglichen das. Viele sind beim Konsum aber nicht konsequent. Sie kaufen zwar gerne den fair gehandelten Bio-Fruchtjogurt, fahren aber ein großes Auto.“ Auch volkswirtschaftlich vermutet der Experte gemischte Effekte. Produktionsbedingungen und Lieferketten der globalen Wirtschaft seien so komplex, dass ungewollte und womöglich unsichtbare Nebeneffekte aufträten. „Ein Beispiel wäre, dass ich ein Produkt von einem Sozialunternehmen kaufe, das weniger nachhaltige Produkt einer konkurrierenden Firma durch die sinkende Nachfrage im Preis senkt und dann anderswo auf der Welt etwas billiger verkauft wird“, erklärt Beckmann.

Politik diskutiert Veränderung

Die Politik schreibt den Sozialunternehmen gleichwohl eine positive Wirkung zu. So heißt es im aktuellen Koalitionsvertrag von SPD und CDU/ CSU dazu: „Social Entrepreneurship spielt bei der Lösung aktueller gesellschaftlicher und sozialer Herausforderungen eine zunehmend wichtige Rolle.“ Dies wolle die schwarz-rote Koalition noch stärker als bisher fördern und unterstützen.

Die Unternehmen, die engagiert sind, sollten niedrigere Sätze zahlen, weil sie auf andere Weise ihren Beitrag leisten.

Malte Schremmer, Gründer von Goldeimer

Angesichts der Corona-Krise erinnerte sich jüngst die SPD an dieses Vorhaben. „Die Zeit ist reif, dass über neue Wirtschaftsformen geredet wird und dass wir in der Politik auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen“, sagte Generalsekretär Lars Klingbeil im Mai. Wie das aussehen kann, dazu haben die Parteien aber wohl mehr Fragen als Antworten: „Muss es immer höher, schneller, weiter, noch globaler, noch mehr Profit, noch mehr Rendite sein? Oder kann wirtschaftliche Stärke und gesundes Wachstum stärker zum Wohle der gesamten Gesellschaft eingesetzt werden?“, fragte Lars Klingbeil öffentlich.

Goldeimer-Chef Malte Schremmer dagegen hat klare Vorstellungen: Steuersenkungen. „Es gibt Unternehmen, die nehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr, und solche, die maximal auf Profit aus sind. Trotzdem zahlen alle die gleichen Steuersätze. Da würde ich sagen: Die Unternehmen, die engagiert sind, sollten niedrigere Sätze zahlen, weil sie auf andere Weise ihren Beitrag leisten.“ Auch der Ökonom Markus Beckmann findet diese Forderung berechtigt: „Das Steuersystem sollte die soziale und ökologische Bilanz von Unternehmen viel stärker berücksichtigen als bisher.“


Dieser Text von Alexander Laboda erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des Veto Magazins.

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