„Mom Guilt“: Von dem Gefühl, niemandem gerecht zu werden

Oft haben Eltern das Gefühl, Idealen entsprechen zu müssen. Und wenn die nicht erreicht werden, meldet sich das schlechte Gewissen. Wie können wir damit umgehen?

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Ab und zu ein schlechtes Gewissen zu haben, ist ganz normal. Foto: Katie E / Pexels | CC0

Als Kate Middleton vor einiger Zeit ein Podcast-Interview gab, horchten viele Mütter auf. Nicht nur, weil es die Duchess von Cambridge war, die dort sprach, sondern auch wegen dem, was sie sagte. Ob sie jemals sogenannte Mom Guilt verspüre, wollte die Interviewerin von ihr wissen. „Die ganze Zeit. Ich glaube, wem es nicht so geht … der*die lügt in Wirklichkeit“, antwortete Middleton und erzählte, dass ihre Kinder morgens oft enttäuscht seien, wenn sie sie nicht selbst zur Schule bringen könne. Sie hadere aber nicht nur in solchen Situationen mit sich als Mutter: „Du zweifelst deine eigenen Entscheidungen die ganze Zeit an und dein eigenes Urteilsvermögen und solche Sachen. Ich glaube, das fängt in dem Moment an, in dem du ein Baby bekommst.“

Dieses Gefühl, nie allem gerecht werden zu können und deshalb ein schlechtes Gewissen zu verspüren, kennen viele Eltern. Isabel Huttarsch ist Psychologin und hat sich auf Mütter spezialisiert. Auch sie ist regelmäßig mit dem Thema konfrontiert: „Es begegnet mir in 80 bis 90 Prozent meiner Beratungen.“ Trotzdem, so Huttarsch, glaubten die Mütter immer, sie seien die Einzigen, die dieses Gefühl hätten. Denn darüber zu sprechen, bedeute auch, sich verletzlich zu machen: „Muttersein ist etwas ganz Großes und, evolutionär betrachtet, ist es lebensnotwendig, dass wir unseren Job da gut machen. Wenn wir als Mutter merken, wir bekommen etwas nicht hin, führt das zur (lebens-)bedrohlichen Angst, wir würden unserer ureigenen Aufgabe als Mutter vielleicht nicht gerecht werden – mit allen Konsequenzen.“

Woher kommt die Mom Guilt?

Dass Mütter Mom Guilt verspüren, ist laut Huttarsch von der Natur durchaus so gewollt: „Das schlechte Gewissen oder die Schuldgefühle, die Mamas plagen, sind etwas total Normales und auch eine sinnvolle Emotion. Sie wollen, dass wir dahin schauen, wo es wehtut und ob wir etwas verändern oder besser machen können.“ Im 21. Jahrhundert passiere es aber nicht mehr, dass wir nur mal gelegentlich ein konstruktives schlechtes Gewissen hätten, so die Psychologin. Mom Guilt kann zu einer dauerhaften Begleiterin werden.

Wir sind eigentlich dafür gemacht, dass wir einen Clan haben, dass wir ein Dorf haben, das uns unterstützt.

Isabel Huttarsch

Doch woher kommt dieses schlechte Gewissen überhaupt? Sind wir einfach sehr streng mit uns, sind es die Kinder oder sind es doch eher äußerliche Erwartungen? Laut Huttarsch sind vor allem die gesellschaftlichen Ansprüche ans Muttersein in der heutigen Zeit enorm hoch: „Die Gesellschaft weiß, was eine Mutter tun muss oder darf oder eben nicht. In dieser Welt mit vermeintlich allen Möglichkeiten, in der wir alles tun können, müssen wir dann auch alles tun und schaffen: der Arbeitswelt gerecht werden, dem Wunsch, eine gute Mutter zu sein, gerecht werden, dem Partner oder der Partnerin gerecht werden, dem Freundeskreis gerecht werden.“ Das könne zu einem Teil den eigenen Bedürfnissen entsprechen, aber auch einfach von außen erwartet werden, die eigenen Bedürfnisse überlagern und uns erdrücken.

So stellte auch eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung 2018 fest, dass sich das mentale Wohlbefinden von Frauen nach der Geburt eines Kindes häufiger verschlechtert als verbessert. Während sich bei knapp 20 Prozent eine deutliche Verbesserung abzeichnete, gab etwa jede Dritte eine Verschlechterung an, die laut Bericht unter anderem auf die Spannungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Mutterschaftsidealen und die damit verbundenen ambivalenten Erwartungshaltungen zurückzuführen sei.

Selbst in Beziehungen, die sehr gleichberechtigt sind, tritt mit der Geburt des Kindes ein sogenannter Traditionalisierungseffekt ein.

Isabel Huttarsch

Durch die sozialen Medien werde dieses Mutter-Bild der Alleskönnerin zusätzlich verstärkt, findet Psychologin Huttarsch. Sowohl durch Mama-Bloggerinnen, die nur dann draufhalten, wenn es super läuft als auch durch solche, die Tipps für den Umgang mit Kindern geben – schlimmstenfalls beides: „Das ist diese Kombination aus: Die kriegen es hin und sagen mir sogar noch, wie es geht und trotzdem kriege ich es nicht hin. Das ist fast nicht auszuhalten.“

Dabei müsse man sehen, dass die Gegebenheiten in der heutigen Zeit häufig nicht ideal sind, um Kinder großzuziehen. Nicht umsonst heißt es: „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“. Denn Mutterschaft sei eigentlich nicht als Einzelkampf gedacht: „Wir sind heute oft im Kleinfamilienverband unterwegs, leben abgekapselt mit Partner*in und Kind zusammen, aber wir sind eigentlich dafür gemacht, dass wir einen Clan haben, dass wir ein Dorf haben, das uns unterstützt und die Last, die Mutterschaft teilweise ist, auch mitträgt.“

Kinder als Auslöser

Die Kinder selbst sind also weniger Ursache als Auslöser für ein schlechtes Gewissen. Als Beispiel nennt Huttarsch folgende Situation: „Wenn dein Sohn oder deine Tochter fragt: ‚Warum hat denn Kind XY immer ein Brot mit ausgestochenen Elefantenohren dabei und ich nicht?‘, dann ist es die eigene Unsicherheit, die das Gefühl hervorruft, ich müsste irgendwelchen Kriterien entsprechen.“ Statt mit dem eigenen Kind darüber zu sprechen, wie wichtig ihr*ihm das wirklich ist und inwiefern man Ressourcen dazu hat, reflektiert man gar nicht mehr, sondern fühlt sich bereits verurteilt.

Doch es sind nicht nur die Mütter, die Schuldgefühle in der Elternschaft verspüren. Auch Väter fühlen sich davon geplagt. Hallo, Dad Guilt. „Selbst in Beziehungen, die sehr gleichberechtigt sind – das zeigen auch ganz viele Studien – tritt mit der Geburt des Kindes ein sogenannter Traditionalisierungseffekt ein“, erklärt die Psychologin. Wenn der Mann arbeiten gehe und die Frau zu Hause bleibe, steige der Druck für die Männer an. „Sie sind für die Versorgung zuständig, gleichzeitig fordert die Gesellschaft, dass sie auch fürsorglich sind – was ja auch gut und wichtig ist. Aber auch das führt zu Druck und sie fühlen sich, als könnten sie dem niemals gerecht werden.“ Laut Isabel Huttarsch sprechen Männer aber schlichtweg weniger über diese Gefühle als Frauen.

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Wie können wir mit Mom Guilt umgehen?

Akzeptanz

Um zu lernen, mit dem schlechten Gewissen besser umzugehen, kann als Allererstes helfen, das Gefühl genauer anzuschauen und zu akzeptieren, so die Psychologin: „Es ist total okay, dieses Schuldgefühl zu haben. Wir haben diese genetische Disposition, dass wir als Mutter wachsen wollen, aber wir dürfen auch sehen, was von außen an Rahmenbedingungen und Erwartungen dazukommt.“ Dabei sei ganz wichtig, zu schauen, was tatsächlich die eigenen Werte und Wünsche seien und warum. „Je besser ich das weiß, desto besser kann ich mich abgrenzen von dem, was da von außen kommt.“

Erfolge feiern

Gleichzeitig sollten Mütter sich daran erinnern, was sie alles schaffen. Dabei helfe beispielsweise, ein Erfolgstagebuch zu führen, in dem sich Mütter täglich drei Dinge notieren, die sie gut gemacht haben – definiert nach ihren eigenen Kriterien: „Dabei geht es nicht um die Leistung von außen betrachtet, die in der Wirtschaft zählt, sondern darum, was ich heute geschafft habe.“

Unterstützung holen

Isabel Huttarsch rät außerdem dazu, sich generell Unterstützung zu holen, sich ein eigenes „Dorf“ aufzubauen, sei es durch Babysitter*innen oder ein gutes Netzwerk aus Freund*innen: „Das ist das Wertvollste, was Frauen an dieser Stelle derzeit tun können. Alles, was diese herausfordernden Situationen entlastet, ist Gold wert.“

Mehr Selbstfürsorge

Zudem sei es wichtig, dass Mütter auch ihre eigenen Bedürfnisse beachteten und sich darum kümmerten. Das heißt: eine Haltung sich selbst gegenüber zu entwickeln, die alle Bedürfnisse und Empfindungen wertschätzt: „Damit stärken wir uns ungemein und können dort geben, wo wir geben wollen. Dazu gehört auch, zu den Dingen ja zu sagen, zu denen wir ja sagen wollen und nein zu denen zu sagen, zu denen wir nein sagen wollen.“

Mehr für die eigenen Bedürfnisse einstehen

Gerade auf der Arbeit ist es für Mütter oft schwierig, Ansprüche zu stellen – auch aus Angst davor, den Job zu verlieren. „Es ist ganz wichtig, dass wir das aber sichtbar machen und mit unseren Chefs und Partnern sprechen“, so Isabel Huttarsch. So könne bestenfalls eine Lösung gefunden werden, die den Alltag entstresst.

Professionelle Hilfe suchen

Durch den großen Druck, den es in der Gesellschaft und innerhalb der eigenen Kernfamilie gibt, kann Mom Guilt laut Isabel Huttarsch auch in eine klinische Depression und Angststörung abgleiten. „Das sollte man total ernst nehmen. Dann bringt es natürlich nichts mehr, nur Tagebuch zu schreiben oder sich reflektiert mit eigenen Gedanken auseinanderzusetzen.“ In diesem Fall bräuchte es Hilfe von außen durch eine*n Therapeut*in.

Mehr Anerkennung für Mütter

Doch auch gesamtgesellschaftlich helfe Müttern vor allem eines: „Das klingt immer so, als wollte man Orden umgehangen bekommen, aber: Anerkennung.“ Denn so könnte der äußere Druck von ihnen genommen werden: „Durch den gesellschaftlichen Stempel, was wichtig und richtig ist, werden Mütter teilweise auch zu Entscheidungen gedrängt und denken, sie müssten Dinge tun, die sie nicht wollen. Sei es drei Jahre zu Hause bleiben, weil man denkt, man sei sonst eine schlechte Mutter, oder nach sechs Monaten arbeiten gehen, wenn man eigentlich nicht will.“ Ein Anfang wäre, Care-Arbeit als die wertvolle Arbeit wahrzunehmen, die sie ist. So könnten Frauen und Männer viel freier entscheiden, in welchem Bereich sie was geben wollen.

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