„Mütter machen Porno“: Wer muss hier wen aufklären?

Auf Sat.1 wollen Mütter einen „Aufklärungsporno“ für ihre Kinder drehen. Für Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming, die zu Pornografie forscht, zeigt die Doku vor allem eins: überforderte Eltern.

Mütter machen Porno
Immer wieder fehlt den Müttern eine Sprache für das, was sie sehen oder sagen wollen. Stattdessen: Entsetzte Blicke und angewidertes Wegsehen. Foto: © Sat.1 / Marvin Kochen

„Sprechen Sie mit Ihrem Kind über Sexualität und Pornografie“, prangt es in großen pinken Lettern auf dem Bildschirm bevor das neue Sat.1-Format Mütter Machen Porno beginnt. Grundsätzlich ein unterstützenswerter Appell. Denn jedes Kind, dem ein eigenes Smartphone in die Hand gedrückt wird, kann theoretisch problemlos auf Pornos zugreifen. Die Zahlen sind uneindeutig, aber wir können davon ausgehen, dass etwa ein Drittel der heute 14-Jährigen bereits mit Onlinepornografie in Kontakt gekommen ist.

Gleichzeitig fehlt es aber – in der Schule wie zu Hause – an Aufklärung und Dialog darüber. Dass die Sendung dieses Schweigen brechen will, ist erfreulich. Sie zeigt aber auch: nicht jedes Sprechen über Pornografie ist automatisch ein Fortschritt.

Schon in den ersten Minuten der Moderation von Paula Lambert klingt der alarmistische Ton an, der das Projekt begleitet. Unterlegt von theatralischer Klaviermusik fallen Worte wie Angst, Sexobjekt, degradieren, verstört. „Schützen“ wollen die Mütter ihre Kinder vor alledem. Ihr Ansatz: den ihrer Meinung nach von Pornos vermittelten Fehlvorstellungen entgegenwirken, indem sie selbst einen „Aufklärungsporno“ drehen, der die Art Sex zeigt, die sie sich für ihre Kinder wünschen.

Und genau hier liegen eigentlich schon alle Probleme begraben.

Wiederholt fehlt es den fünf Frauen an einer Sprache für Sex, Praktiken, Genitalien. Es wird gestammelt und gekichert.

Madita Oeming

Pornografie ist nicht Realität, sondern bewusste Grenzüberschreitung

Die Beobachtung, dass im professionell produzierten Mainstreamporno kein realistisches Bild von Sexualität gezeichnet wird, ist selbstverständlich richtig. Im echten Leben ist nicht jeder Penis derart groß, dauerhart und durchhaltevermögend. Nicht jede Frau stöhnt so schnell und so laut los. Nicht jeder Reifenwechsel oder Ärzt*innenbesuch endet in Sex.

Aber: Das Pornografische ist ja auch etwas anderes als das Dokumentarische. Es mag zwar mit Authentizität spielen, aber funktioniert vor allem über die Übertreibung, die Überbietung, die Grenzüberschreitung. Pornos sind ein Unterhaltungsmedium, ihr Ziel ist die Erregung und das ist auch völlig okay. Von Pornos zu verlangen, dass sie alles erklären, was Jugendliche über Sex wissen sollten, ist so, als würden wir von Actionfilmen erwarten, dass sie sicheres Autofahren vermitteln.

Es ist bezeichnend, wie oft das Wort „normal“ fällt und dass alles außerhalb der eigenen Lebensrealität der fünf Mütter für sie nicht als solches zu gelten scheint.

Madita Oeming

Anstatt also Pornos realistisch zu machen, sollten wir lieber jungen Menschen beibringen, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Das schaffen sie bei den Actionfilmen schließlich auch.

Im Verlauf der Sendung entsteht allerdings der Eindruck, dass es den besorgten Müttern selbst an dieser Medienkompetenz fehlt. Nahezu jede Pornoszene wird von ihnen zur Vergewaltigung erklärt, das Element der Inszenierung null mitgedacht. Auf den verschiedenen Stationen ihrer Entdeckungsreise klaffen immer wieder eigene Wissenslücken auf. Wiederholt fehlt es den fünf Frauen an einer Sprache für Sex, Praktiken, Genitalien. Es wird gestammelt und gekichert. Entsetzt der Kopf geschüttelt oder angewidert weggeschaut.

Besonders auffällig ist ihre Ignoranz gegenüber dem Thema BDSM. Harmlose Spanking-Szenen oder Latex-Outfits werden als „widerlich“ bezeichnet, Bondage mehrfach mit Gewalt gleichgesetzt. Junge Menschen würden bei so einem Anblick „gestört im Kopf“, heißt es.

Zu dem anhaltenden Kink-Shaming kommt noch eine ohrenbetäubende Heteronormativität. Queeres Begehren bleibt nahezu unsichtbar. Dass der Satz „Ich hab nichts gegen Schwule, aber …“ fällt, sagt eigentlich schon alles. An Transsichtbarkeit ist nicht einmal zu denken. Es ist bezeichnend, wie oft das Wort „normal“ fällt und dass alles außerhalb der eigenen Lebensrealität der fünf Mütter für sie nicht als solches zu gelten scheint. Sei es Latex, Sex zu dritt oder Homosexualität. In Sachen Diversität brauchen sie zweifelsohne noch Nachhilfe.

Überforderte Eltern statt übersexualisierte Jugendliche

Lichtblick der Sendung sind die Kinder und Jugendlichen. In den Familien begegnen sie dem Vorhaben ihrer Mütter scheinbar offen und wertfrei. Der Umgang mit dem Thema wirkt in den Szenen zu Hause am entspanntesten.

Die jungen Menschen, die als Konsument*innen zu Wort kommen, wirken größtenteils befreit, identifizieren sich selbstbewusst als bisexuell, benennen FemDom offen als ihr Lieblingspornogenre, reflektieren gekonnt die Auswirkungen auf ihr Körperbild.

Beim Zuhören drängt sich die Frage auf, ob es nicht das bessere Sendungskonzept gewesen wäre, wenn die Kinder ihre Mütter aufklären? Statt einer übersexualisierten verlorenen Jugend zeigt das Format eigentlich eher eine überforderte Elterngeneration, die von der Digitalisierung und einer immer diverser werdenden Gesellschaft abgehängt wurde. Also, liebe Kinder, sprecht mit euren Eltern über Sex und Pornografie – und über das Internet.

Außerdem auf ze.tt: „Frauen gehören nicht aus der Pornografie heraus, sondern hinein“

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