Musiktipps der Woche: So klingt der neue Song von „Toni Erdmann“-Schauspielerin Sandra Hüller

Unter anderem Nora Tschirner hat es vorgemacht: Schauspieler*innen können auch Sänger*innen sein. Wie das bei Toni-Erdmann-Hauptdarstellerin Sandra Hüller klingt? Das und mehr hört ihr in den musikalischen Neuerscheinungen der Woche.

International Jury Press Conference - 69th Berlinale International Film Festival
Sandra Hüller kennen viele aus dem Film Toni Erdmann. Foto: © Thomas Niedermueller / Getty Images

Ihr habt in Sachen musikalische Neuerscheinungen völlig den Überblick verloren? Wir bringen zusammen mit detektor.fm und deren Podcast Keine Angst vor Hits etwas Licht in den Musikdschungel: Jede Woche servieren wir euch hier jeweils drei hörenswerte frische Alben und Songs.

Sandra Hüller beweist: das Projekt „singende Schauspielerin“ kann auch gelingen, Gorillaz zollen dem Schlagzeuger Tony Allen Tribut und Little Simz vertont die Corona-Isolation auf einer neuen EP. Außerdem: der nicht zu unterschätzende Einfluss von Kraftwerk-Gehirn Florian Schneider. All das und mehr in der neuen Folge von Keine Angst vor Hits:

Empfehlenswerte neue Alben

Little Simz – Drop 6

Die britische Rapperin Simbiatu Ajikawo alias Little Simz hat letztes Jahr mit ihrem dritten Album Grey Area einige Aufmerksamkeit bekommen, unter anderem war es für den Mercury Prize nominiert. Überraschend hat sie jetzt eine EP veröffentlicht, die nach dem Veröffentlichungsdatum Drop 6 heißt. Die Songs hat Little Simz alle im April aufgenommen, während sie aufgrund der Corona-Pandemie zu Hause war. Die Selbstzweifel, Langeweile, Prokrastination, aber auch die meckernden Nachbar*innen (Stichwort: Lärm) thematisiert sie in den fünf Tracks, die gerade durch die schlichte Produktion und ihre kaltschnäuzige Vortragsweise Eindruck machen.

Buscabulla – Regresa

Buscabulla bedeutet im puerto-ricanischen Slang Unruhestifter und ist das Projekt von Raquel Berrios und Luis Alfredo Del Valle. Sie leben schon einige Jahre in New York und haben dort auch ihre ersten beiden EPs aufgenommen. Für das Debütalbum sind sie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Und das 2017 nach dem Hurricane Maria, also zu einem Zeitpunkt, als viele Menschen Puerto Rico den Rücken gekehrt haben. Sie haben sich von Traditionen und Vorfahr*innen inspirieren lassen und verbinden in ihrer Musik Salsa, Reggaeton und House-Beats zu latino-eingefärbtem Pop. Mit tropischen und urbanen Sounds erzeugen sie melancholische Lebensfreude.

Drei frische Songs für eure Playlist

Cass McCombs – The Wine of Lebanon

2003 hat der kalifornische Musiker und Songwriter Cass McCombs sein erstes Album A herausgebracht, das klanglich im LoFi-Folkrock angesiedelt ist. Seitdem hat er die unterschiedlichsten Genres angefasst, von Punk über Psychedelic Rock bis Soul, Pop, Blues und Country. Aber er spielt diese Stile nicht einfach nur, sondern lotet ihre Grenzen aus. Das aktuelle Album Tip of the Sphere ist 2019 erschienen. Sein neuer Song The Wine of Lebanon ist eine schön instrumentierte, satt produzierte Reflexion über Anfänge und Enden, Geburt und Tod, der Wein steht sinnbildlich für das Leben. Wie hat es schon John Peel so treffend formuliert: unaufdringlich brillant.

Gorillaz – How Far? feat. Tony Allen & Skepta

Gorillaz sind eine virtuelle Band, ins Leben gerufen von Damon Albarn (Blur) und dem Comiczeichner Jamie Hewlett (Tank Girl). Unter dem Label Song Machine veröffentlicht das Kollektiv aktuell spontan wirkende YouTube-Musikvideos und Sketche aus einer Art mixed-reality-Kosmos: halb gezeichnet, halb mit echten Musiker*innen. Der Track How Far? fällt ein wenig aus der Song-Machine-Reihe, denn er hat kein eigenes Video. Die Rap-Parts kommen vom Grime-Rapper Skepta, die Drum-Spur von Jazzdrummer Tony Allen. Allen gilt als einer Mitbegründer des Afrobeat und ist vergangene Woche in Paris gestorben. Mit Damon Albarn verband ihn eine langjährige Freundschaft, die schon seit 2002 immer wieder in gemeinsamen Songs mündete. How Far? ist ein postumes Tribut an Allen und trägt außerdem weiter zum globalen, kollaborativen Pop-Ansatz der Gorillaz bei.

Sinead O’Brien – Roman Ruins

Das Londoner Musikmagazin Loud and Quiet nennt das, was Sinead O’Brien macht „irischen Sprechgesangs-Punk“. Besser kann man’s eigentlich nicht sagen. Die Modedesignerin und Punk-Poetin orientiert sich an Menschen, die den Punk in andere Kontexte getragen haben, nennt Vivienne Westwood als Mentorin und Mark E. Smith als eine ihrer wichtigsten musikalischen Referenzen. Auch die Attitüde eines James Murphy scheint gelegentlich durch. Allerdings wirken ihre Texte weniger sarkastisch, stattdessen persönlicher, unmittelbarer. Auch in der Aufnahmetechnik mag es O’Brien direkt: Die ersten Songs sind aus spoken-word-Auftritten erwachsen. Einen Song hat sie beim Spontan-Label Speedy Wunderground aufgenommen, das für Produktionen immer maximal einen Tag veranschlagt. Die EP Drowning in Blessings soll im Sommer erscheinen, nun gibt es schon zwei Songs daraus zum Nachhören.

Sandra Hüller – The One

Sandra Hüller haben viele im Film Toni Erdmann gesehen. Außerdem hat sie in letzter Zeit einige Preise für ihre Schauspielerei bekommen. Und nun betritt sie auch noch die Musikbühne, beziehungsweise das Tonstudio und hat bislang zwei Songs veröffentlicht. Musizierende deutsche Schauspieler*innen – das geht nicht immer gut. Bei Hüller ist das anders. Sie wirkt eben nicht wie eine Touristin der künstlerischen Form, wie eine begabte Schaupielerin, die auch mal was in einem Tonstudio ausprobieren wollte. Stattdessen ist The One ein spärlich arrangierter Gitarrensong und die Lyrics und das Musikvideo sind achtsam eingefangene Verlorenheit im Scheitern. Ihre Debüt-EP Be Your Own Prince soll im Herbst kommen.

Hier könnt ihr euch die Playlist des Podcasts noch mal anhören.