Muskelsucht: Wenn Sport zum Problem wird

Poserfotos vor dem Spiegel, Bilder von Proteinshakes und Videos vom Pumpen. Die sozialen Medien sind voll von Fitnessfotos, Sport längst ein Geschäftsmodell. Ein Experte erzählt, ab wann es ungesund wird.

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Muskelaufbau kann zur Sucht werden. Foto: Andrea Piacquadio / Pexels | CC0

Wenn man Instagram öffnet, schlagen einem oft eine Vielzahl von Fitnessfotos und -videos entgegen. Die eine macht eine „Seven-Day-Challenge“ für den perfekten Sommerbody, der andere flext auf einem Video seinen Bizeps oder zeigt sich auf der Hantelbank. Wieder jemand postet die zehn besten Low Carb-Rezepte. Die einen motiviert es, die anderen stresst es. Denn mit dem Hype auf Fitness steigt auch der Druck, einen perfekten Körper zu haben.

Dieser Druck kann problematisch werden. Ein Problem, was daraus erwachsen kann: Muskelsucht, oder medizinisch: Muskeldysmorphie. Betroffen sind davon vor allem Männer, die immer und immer muskulöser werden wollen. Eine von den National Health Institutes finanzierte Langzeitstudie in den USA zwischen 1999 und 2010 fand sogar heraus, dass knapp 18 Prozent der befragten jugendlichen Männer sich Gedanken über ihren Muskelaufbau machten. Diese 18 Prozent hatten eine deutlich höhere Tendenz zu Essstörungen, Sucht und Depression. Außerdem gaben 2,9 Prozent von ihnen an, schon mal Steroide oder andere Wachstumshormone genommen zu haben.

Wenn Muskelaufbau ein Problem wird, schaltet sich Christian Strobel ein. Der Psychotherapeut leitet die Spezialberatung Muskelsucht an der Fachambulanz für Essstörungen der Caritas München und hilft Betroffenen, ihre Muskeldysmorphie zu überwinden.

ze.tt: Herr Strobel, Muskelsucht – was genau bedeutet das?

Christian Strobel: Vor allem ist es der Gedanke, nicht muskulös genug zu sein. Egal, wie sehr ich trainiere, egal, wie überproportional muskulös ich schon bin – es reicht nicht. Es ist eine sehr männerspezifische Krankheit, sie gilt deshalb als männliche Form der Anorexie. Tatsächlich ist die Muskelsucht, oder Muskeldysmorphie, ein in der Wissenschaft relativ junges Störungsbild. Es befindet sich in einer Art Vakuum zwischen Essstörung und Verhaltenssucht, man weiß nicht so recht, wo es hingehört. Schlussendlich hat man es jetzt als Teil einer körperdysmorphen Störung klassifiziert, was eben für eine gestörte Selbstwahrnehmung steht.

Der Drang nach mehr und mehr Muskeln, da kommt fast zwangsläufig das Bild eines*einer Bodybuilder*in in den Kopf. Haben sie alle Muskelsucht?

Bodybuilder*innen sind eine absolute Risikogruppe. Auch Leistungssportler*innen können zu Dysmorphien neigen, es gibt dazu viele Studien mit Balletttänzer*innen und Skispringer*innen. Am Ende ist es eine psychische Störung, und Störung kommt von stören: Muskelaufbau wird dann zum Problem, wenn es die Betroffenen stört. Wenn es ihr Leben in keinerlei Hinsicht beeinträchtigt, dann ist es keine Störung. Oft ist es aber auch, wie bei Anorexiepatient*innen so, dass Betroffene ihre Grenzen nicht mehr sehen und nicht mehr einschätzen können, ob es ihnen mit der Lebensweise gut oder schlecht geht. Die meisten haben lange keine Krankheitseinsicht und „leiden still vor sich hin“.

Christian Strobel
Christian Strobel ist Psychotherapeut und hat sich auf das Thema Muskelsucht spezialisiert.
Foto: privat

Woran leidet jemand, der*die Muskelsucht hat?

Was viele meiner Patient*innen erzählen: Sie haben oft über Erschöpfungserscheinungen hinaus trainiert, sie sind ins Fitnessstudio, obwohl sie krank oder emotional völlig ausgelaugt waren. Daraus resultieren Krankheitsanfälligkeit und Ermüdungsbrüche. Ich hatte einen Patienten, der war sogar noch mit angebrochenem Sprunggelenk Joggen. Im Verlauf dieser Sucht – und das ist dann meist auch der Grund, warum Patient*innen zu mir kommen – wird das soziale Umfeld beeinträchtigt. Menschen mit Muskeldysmorphie ziehen sich zurück, gehen nicht mehr zu Partys oder Geburtstagen. Einer meiner Patient*innen konnte zwei Mal nicht mit in den Urlaub fahren, weil es da kein Fitnessstudio gab. Viele gehen zum Beispiel mit Tupperdose zu einem Date und gehen zwischendurch raus, um ihr Hähnchen mit Reis zu essen. Irgendwann kann solch ein Verhalten zu sozialer Isolation führen.

Woher kommt denn dieses Bedürfnis, immer und immer muskulöser zu werden?

In der Literatur ist man sich ziemlich einig, dass dieser Gedanke, nicht muskulös genug zu sein, viel mit Mobbing und Viktimisierung zu tun hat. Meistens leiden unter Muskeldysmorphie tatsächlich eher die unsicheren, ängstlichen Typen. Sie bauen sich die Muskeln sozusagen als Schutzpanzer auf. Oder es sind Menschen, die schlecht mit ihren Gefühlen umgehen können. Ihnen dient der Sport als Emotionsregulator. Nach einem Streit zum Beispiel sind sie sauer und angespannt, aber anstatt sich der Situation zu stellen, gehen sie drei Stunden lang ins Fitnessstudio. Danach geht es ihnen besser. Die Gefühle haben sie aber dabei nicht verarbeitet, sondern einfach von sich weggeschoben. Das merke ich, wenn ich den Patient*innen in der Behandlung empfehle, den Sport langsam etwas zurückzuschrauben. Dann kommen diese Gefühle zurück.

Meistens leiden unter Muskeldysmorphie die unsicheren, ängstlichen Typen. Sie bauen sich die Muskeln sozusagen als Schutzpanzer auf.

Christian Strobel

Sind denn auch die zahllosen Fitnesskanäle auf Youtube und Influencer*innen auf Instagram, die Sport zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben, problematisch?

Auf jeden Fall, es ist ganz klar in unserem Zeitgeist verankert. „Low Carb, High Protein“. Strenge Trainings- und Ernährungspläne. Von Fitnessgurus und -studios wird das als völlig unbedenklich verkauft, auf Social Media wird es abgefeiert. Aber dahinter steht eigentlich ein essgestörtes Verhalten. Essgestörtes Verhalten bedeutet: Ein Essverhalten ohne Hunger und Sättigung. Das ist ja genau das, was da oft passiert.

Müsste die Muskeldysmorphie als Krankheitsbild da vielleicht noch bekannter werden?

Definitiv. Wir sind deutschlandweit die einzige Spezialberatung für Muskeldysmorphie, wir machen genau deshalb auch viel Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe tatsächlich auch viele Fitnessstudios angefragt, es ist bis jetzt keine einzige Kooperation zustande gekommen. Ich konnte noch so charmant nachfragen, die meisten hatten maximale Berührungsängste mit dem Thema. Aus Sorge, schätze ich, dass ihnen dann Mitglieder abspringen könnten. Und sicher, dahinter steht auch eine Industrie, die Interesse daran hat, dass Patient*innen generiert werden. Die sind natürlich extrem gute Abnehmer*innen von Kreatin und diesen ganzen Eiweiß- und Fitnessprodukten. Da wäre es fast so, als würde ein Zigarettenhersteller Nichtraucher-Kampagnen machen. Natürlich sind Fitness und Sport erst mal gut und gesund, aber auch die negativen Aspekte davon müssen berücksichtigt werden. Da schauen einige glaube ich noch gerne weg.

Von Fitnessgurus und -studios wird es als unbedenklich verkauft, auf Social Media wird es abgefeiert. Dahinter steht eigentlich ein essgestörtes Verhalten.

Christian Strobel

Kann man nach einer Muskelsucht noch mal ein gesundes Verhältnis zum Sport aufbauen?

Das ist sehr ähnlich zu Essstörungen und tatsächlich so ein Problem der Verhaltenssüchte: Das Suchtmittel wird eine*n ein Leben lang begleiten, man muss lernen, damit umzugehen. Ein*e Alkoholiker*in darf keinen Alkohol mehr trinken, Punkt. Sport ist gesund, deshalb versucht man, danach wieder ein gutes Verhältnis zu Sport und dem eigenen Körper zu entwickeln. Ich habe auch einige Patient*innen, bei denen das gut funktioniert. Aber klar, es können immer wieder mal kritische Phasen kommen. Wer einmal Muskeldysmorphie hat, muss ständig daran arbeiten.

Außerdem auf ze.tt