Mysophobie: Wie Julia es schaffte, ihre Ansteckungsangst zu überwinden

Du legst großen Wert auf gründliches Händewaschen? Das ist völlig unbedenklich – anders als die Ansteckungsangst, eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung. Julia* erzählt von ihrer Mysophobie und wie sie diese überwand.

Bild Mysophobie

Mysophobie, die Angst vor Viren und Bakterien, ist weit verbreitet und gut behandelbar. Foto: Anthony Tran / Unsplash | CC0

Julia ist 20 und zieht zum Studieren in eine andere Stadt. Eine Einzimmerwohnung mit direkter Busverbindung zur zentralen Haltestelle in nur acht Minuten. Danach sind es noch weitere zehn Minuten zur Universität. „Alles perfekt“, denkt sich Julia. Sie lebt sich schnell ein, nach zwei Wochen fühlt sie sich relativ wohl in ihrer neuen Umgebung. Wir sitzen in einem Café ihrer Wahl. Jede von uns hat sich einen Cappuccino bestellt – vor einiger Zeit noch unmöglich für die mittlerweile 23-Jährige.

„Das hätte ich nicht angefasst“, sagt sie mit Blick auf die Tasse. „Zumindest hätte ich mir mit der Hand nicht mehr ins Gesicht oder die Haare gefasst, wenn ich den Henkel berührt hätte. Wer weiß, wer den vorher berührt hat.“ Die Aussage quittiere ich ungewollt mit einem überraschten Gesichtsausdruck, was ich an dem Auflachen meiner Gesprächspartnerin ausmachen kann. Sie grinst: „Irre, oder?“ Doch der Begriff irre greift zu kurz, bagatellisiert er doch ein ernst zu nehmendes psychisches Problem, das behandelt werden sollte. Diese Erkenntnis hat Julia lange Zeit nicht. Sie redet mit niemandem über ihre Zwangsgedanken. Stattdessen hält sie ihre Sichtweise auf die Dinge für richtig und ihre Angst vor Viren und Bakterien für berechtigt. „Die anderen sind unhygienisch. Das war es, was ich dachte. Ich muss mich vor dem Dreck da draußen schützen“, erklärt Julia.

Sie erzählt, wie alles anfing. „Ich bin mit dem Bus zum Einkaufen gefahren. Wieder zu Hause, war ich durchgeschwitzt. Also habe ich meine Jeans gewechselt.“ Die Woche darauf beginnt die Vorlesungszeit und Julia hat ihre ersten Seminare. „Zu Hause dachte ich wieder: Ich sollte mich umziehen.“ Es ist ein schleichender Prozess. „Irgendwann habe ich mich sogar umgezogen, wenn ich nur kurz wohin gefahren bin. Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist. Und dann kam der Punkt, an dem ich nur etwas Ungeplantes zu berühren brauchte, sei es mit meinem Ärmel die Wand in meiner Wohnung oder die Waschmaschine, und ich musste das Oberteil wechseln.“

Ständiges Händewaschen – und trotzdem schmutzig

Noch vor dem Zwang, ihre Kleidung rein zu halten und sie vor Kontamination zu bewahren, entsteht bei Julia der Drang, ständig ihre Hände zu waschen. Sie schneidet ihre Fingernägel möglichst kurz, um keine Keime unter den Nägeln zu haben. Mit der Zeit schädigt das ständige Waschen die Haut ihrer Hände und sie bekommt Ekzeme. „Es war mir extrem peinlich. Aber aufhören konnte ich auch nicht.“ Irgendwann reicht es Julia nicht mehr, nach den Vorlesungen an der Uni zu Hause ihre Kleidung zu wechseln. „Wenn ich auf Toilette war, was ich möglichst zu vermeiden versucht habe, musste ich mich untenrum abduschen“, sagt sie. „Das Klopapier dort war vielleicht voller Bakterien, so dachte ich. Und die Klobrille der Toilette sowieso. Da hätte mich keiner draufgekriegt, nicht mal mit einer dicken Schicht Klopapier als Puffer.“

Also ritualisiert Julia die Vorgehensweise, ihre gesamte Kleidung in den Wäschekorb zu geben, sich ausführlich abzuduschen und sich komplett frisch einzukleiden, sobald sie nach Hause kommt. Und das, egal wie lange oder kurz sie vor der Haustür gewesen ist. Und manchmal auch, wenn sie sich in der Wohnung durch unabsichtliche Berührungen von Gegenständen oder Lebensmitteln beschmutzt fühlt. „Es macht dich kaputt“, sagt sie, als ich frage, wie sich mit solch einem Aufwand der Alltag bewältigen lässt. „Nach kurzer Zeit schaffte ich es nicht mehr, an allen Veranstaltungen teilzunehmen oder die relevante Literatur für eine Arbeit zu recherchieren.“ Julia lässt Seminare sausen und schafft es im ersten und zweiten Semester gerade einmal, jeweils zwei Veranstaltungen zu besuchen und abzuschließen. Und das, obwohl sie weder ein Sozialleben vor Ort noch einen Nebenjob hat.

Sobald sie meine Wohnung wieder verlassen hatten, musste ich alles desinfizieren.

Mit ihrer Familie pflegt sie nur sporadisch Kontakt. Ihre Freundinnen von zu Hause ahnen nichts von Julias Angststörung, wenn sie alle paar Wochen zu Besuch sind. „Sobald sie meine Wohnung wieder verlassen hatten, musste ich alles desinfizieren: Stühle, Fenstergriffe, Fernbedienung und die Toilette sowieso.“ Sie weiß, dass dieses Verhalten andere verletzt, kann es aber nicht abstellen. „So habe ich dann manchmal heimlich hinter den Menschen her geputzt, wenn sie sich gerade in einem anderen Raum aufgehalten oder geschlafen haben.“ Laut Prof. Dr. Jörg Wolstein, Psychiater und Inhaber der Professur für Pathopsychologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, ist spätestens dann psychologische Hilfe ratsam, wenn der Alltag eingeschränkt ist und die Ansteckungsangst körperliches und seelisches Leiden verursacht. Gerade die Mysophobie sei keine seltene Erkrankung und lasse sich gut behandeln. Doch Julia entscheidet sich anders, spricht mit niemandem darüber.

Ein Jahr Hölle – und zurück?

Nach einem Jahr ist die Studierende seelisch und körperlich am Ende. „Ich wusste irgendwann: So geht es nicht mehr weiter.“ Der Alltag wird für Julia zunehmend zur Last. Freude empfindet sie zu diesem Zeitpunkt schon lange keine mehr. „Ich habe mich immer wieder gefragt: warum? Ich habe bis heute keine Antwort gefunden“, meint sie auf die Frage nach einer möglichen Ursache. In Behandlung war die junge Frau nie. Dennoch schafft sie es aus innerer Überzeugung und eigener Kraft, die Angstgedanken und die daraus entstehenden Zwangshandlungen nach und nach zu reduzieren. „Es war ein harter Weg“, sagt sie, „ich musste mich jedes Mal fragen: Was tust du da gerade?“ Das sei der erste Schritt gewesen.

Dem Hinterfragen folgt lange Zeit kein Handlungsfortschritt. Bis zu diesem einen Tag, an den sich Julia noch gut erinnert: „Ich saß in einer Vorlesung und meine Unterarme lagen in meinem Schoß. Das habe ich immer so gemacht, das Pult war mir zu schmutzig. Und dann hatte ich auf einmal den Gedanken: Jetzt stützt du dich mit deinen Unterarmen aufs Pult. Und ich hab es gemacht. Einfach so.“ Es hört sich absurd an, diese Geschichte. Aus dem Mund einer 23-jährigen, selbstbewusst wirkenden Frau, die lächelt und scheinbar unbekümmert auf der grauen Lederbank lümmelt, ein aufgeschlagenes Kissen im Rücken, die Arme auf den Tisch gelegt und die Finger um die Cappuccino-Tasse gewunden. „Sind die Julia von damals und die von heute dieselbe Person?“, will ich von ihr wissen. „Nein“, sagt sie und grinst schelmisch, „nicht mehr dieselbe. Die gleiche aber immer noch.“

*Name von der Redaktion geändert