Bodyshaming zu Weihnachten: „Na, dir scheint es ja zu schmecken!“

Bodyshaming zu Weihnachten passiert häufig ganz unbewusst, ohne böse Hintergedanken. Mich kotzt das trotzdem an. Ein Kommentar

Essen und essen lassen. © Filip Mroz / Unsplash

Die Weihnachtszeit und Essen sind eng miteinander verbunden, quasi unzertrennlich: Weihnachtsmarktbuden mit Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und Crêpes; selbst gebackene Plätzchen zum Kakao mit Sahne, Spekulatius, Dominosteine, Rotkohl und Klöße, Kartoffelsalat und Würstchen, Schokoweihnachtsmänner, Gänsebraten, … Diese Liste, die eher nach einem perversen Traum von Willy Wonka klingt, lässt sich zweifelsohne endlos fortsetzen.

Was ich damit sagen möchte: Weihnachten bedeutet für viele, einfach mal alle Fünfe gerade sein zu lassen, sich auch mal etwas zu gönnen und nicht auf die Ernährung zu achten. Wen interessiert schon, ob das Festtagsmenü #vegan, #cleaneating, #paleo, #acaibowl, #detox oder #whatsoever ist? Weihnachten ist, im Gegensatz zu Mallorca, nur einmal im Jahr – get over it.

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Dennoch, um jetzt einen ernsteren Ton anzuschlagen, ist es vor allem im Familienkreis zu Weihnachten gang und gäbe, dass immer wieder fiese, abfällige Kommentare bezüglich des Körpergewichts und des Aussehens fallen. Der grimmige Onkel fragt, ob man den Keks wirklich noch essen wolle, schließlich habe man ja schon den halben Teller verputzt. Oder die überfürsorgliche Oma fragt, ob es in Berlin denn nichts zu essen gebe? Man sei ja nur noch Haut und Knochen und solle doch bitte einen dritten Teller Gans mit Klößen essen, damit man wieder zu Kräften komme. Oder der Bruder, der plump feststellt: „Na, dir scheint es ja zu schmecken“ und damit auf den Nachschlag anspielt, den man sich gerade geholt hat.

Auch solche vermeintlichen Feststellungen können verletzen:

  • „Du hast ja endlich zugenommen, die paar Kilos stehen dir aber gut!“
  • „Kind, du siehst krank aus. Nimm doch noch eine Kelle!“
  • „Oh, die Hose sitzt ja ganz schön stramm – da musst du wohl den Knopf aufmachen!“
  • „Gehst du eigentlich noch zum Sport?“

Seid ein bisschen sensibel!

Ich weiß, oft stecken keine bösen Absichten hinter den flapsigen Sprüchen: Oma möchte nur, dass es dir gut geht; der Onkel hat vielleicht einen Punsch zu viel intus und einfach nicht nachgedacht; generell geht es wahrscheinlich niemandem wirklich darum, dich zu verletzen – und letztendlich nimmt jede*r solche Kommentare ganz anders auf. Manche juckt das überhaupt nicht und sie drücken ihrem Gegenüber einfach eine schlagfertige Antwort rein, aber anderen vergeht dabei der Appetit. Wenn ein Mensch Probleme damit hat, sich so zu akzeptieren, wie er ist, dann war es das mit dem Genuss.

Wenn ein Mensch sich sowieso nicht wohl in seinem Körper fühlt, dann sind diese kleinen Kommentare wie ein Schlag in die Magengrube.

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Aber man muss sich das nicht gefallen lassen. Denn die beste Waffe ist: Ehrlichkeit. Es erfordert vielleicht viel Mut, dem Onkel zu sagen, dass sein dämlicher Spruch dich sehr verletzt hat, weil du dich momentan nicht wohl in deinem Körper fühlst und dir dadurch der Appetit vergangen ist, aber es ist extrem wirkungsvoll. Ein kurzes Stimmungstief, unangenehme Stille, aber danach wird, zumindest in dieser Runde, nichts derartiges mehr kommen.

Eigentlich wird diese Thematik zur Weihnachtszeit nur noch präsenter, als sie in unserem Alltag eh schon ist: Unsensible Kommentare zum Aussehen eines Menschen fallen viel zu oft. Und das ist nicht okay. Deshalb: Spart euch eure doofen Sprüche. Seid ein bisschen sensibel, überlegt euch vorher, was ihr sagt. Danke. Man kann den Menschen immer nur bis vor die Stirn gucken – was sich dahinter abspielt, könnt ihr nur erahnen.

Und wer jetzt denkt „Stellt euch nicht so an – man kann auch alles ein bisschen zu ernst nehmen!“, dem kann ich nur entgegensetzen: Was gibt dir das Recht zu beurteilen, was mich verletzt, was mich nachdenklich macht? Es ist Weihnachten. Seid bitte nett zueinander. Frei nach dem Motto: „Eat whatever you want, and if someone tries to lecture you about your weight, eat them too.“