Nach Abstimmung in der Schweiz: Warum jedes Land eine Fair-Food-Initiative braucht

Die Bürger*innen der Schweiz haben in einer Abstimmung gegen die Fair-Food-Initiative gestimmt. Das war ein Fehler. Jedes Land braucht eine Fair-Food-Initiative! Ein Kommentar

Die Schweiz hat sich gegen die Fair-Food-Initiative entschieden. Das war ein Fehler.

Die Schweiz hat sich gegen die Fair-Food-Initiative entschieden. Das war ein Fehler. Foto: Scott Warman / Unsplash | CC0

Woher kommt das Essen auf meinem Teller? Manchmal ist das schwer zu sagen. Die Fair-Food-Initiative forderte daher, dass in der Schweiz alle ganz genau wissen, woher das Essen auf dem Teller stammt. Fair produzierte Lebensmittel sollten eindeutiger gekennzeichnet werden. Außerdem wollte man die Lebensmittelbranche dazu verpflichten, soziale und ökologische Ziele einzuhalten, zum Beispiel Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen oder saisonale und regionale Produkte zu fördern.

Durch die Initiative sollte es im Supermarkt zudem ein größeres Angebot an Lebensmitteln geben, die nachhaltig und fair hergestellt wurden. Dadurch hätten womöglich Endverbraucher*innen beim Kauf öfter zu solchen Produkten gegriffen, so die Hoffnung. Die Initiative bezog sich vor allem auf Importgüter und forderte strengere Vorschriften für diese. Maßnahmen, die von einem neuen Verfassungsartikel ausgehen, sollten dafür sorgen, dass der Anteil an fairen und auch regionalen Produkten am Lebensmittelmarkt gestärkt wird.

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Gute Forderungen – doch sie wurden jetzt in einer Abstimmung am Sonntag niedergeschmettert. Circa 60 Prozent der Wähler*innen lehnten die Initiative ab. Dabei sind die Argumente der Kritiker*innen alles andere als überzeugend.

Kennzeichnung hat nichts mit Entmündigung zu tun

Kritiker*innen der Initiative sehen durch die Forderungen die Freiheit der Konsument*innen beim Essen gefährdet. Darf der Staat eine Vorauswahl darüber treffen, was ich einkaufen und somit verzehren kann? Ja, er darf und er tut es bereits jetzt. Ob Deutschland oder die Schweiz: Für Lebensmittel gibt es zu Recht Auflagen, die erfüllt werden müssen, um bestimmte Qualitätsstandards einzuhalten und um die Sicherheit der Konsument*innen zu gewährleisten.

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Das hat nichts mit Entmündigung zu tun. Es gibt diese Vorgaben in allen möglichen Handelsbranchen, ob bei Autos oder Kleidung. Viel eher erleichtert es mir als Konsument*in das Leben, da ich verhältnismäßig sorglos im Supermarkt einkaufen kann. Das geht bei einigen besser als bei anderen, je nachdem, wie hoch Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit, Tierschutz und faire Produktion im eigenen Wertesystem angesiedelt sind. Und je nachdem, wie sehr das eigene Einkommen den Gedanken an solche Werte zulässt.

Der Preis darf kein Argument sein

Kritiker*innen bemängelten außerdem: Schweizer Standards im Ausland umzusetzen, könne sich als kompliziert erweisen, Konflikte mit Handelspartner*innen auslösen. Sie warnen deshalb auch vor höheren Preisen und einem kleineren Warenangebot im Supermarkt. Doch nur am alten, minderen Standard festhalten, um der billigeren Preise Willen oder um Konflikte zu vermeiden? Wäre die Menschheit immer nach dieser Logik verfahren, hätte es wohl nie irgendeine Art von Fortschritt gegeben. Klar, letztlich zahlen die Verbraucher*innen die höheren Preise. Doch wenn das zentrale Gegenargument zur Initiative lautet, dass fair gehandelte Produkte für einige Konsument*innen nicht mehr zu bezahlen sind, sollten wir uns vielleicht fragen, ob das Problem nicht an anderer Stelle liegt.

Jährlich werden 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland wie in der Schweiz vernichtet, das ist ein Drittel der gesamten Produktion.“

An vielen unterschiedlichen Beispielen wird deutlich, dass eine solche Initiative, die faire Lebensmittel, Tierschutz und den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung in der Verfassung verankert, keinesfalls überflüssig ist. Und dass die bisherigen Standards eben noch nicht ausreichen. Jährlich werden 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland wie in der Schweiz vernichtet, das ist ein Drittel der gesamten Produktion. Kleinbäuer*innen leiden zunehmend unter den Folgen der industriellen Landwirtschaft. 1.500 Tonnen Hormonfleisch werden jährlich in die Schweiz importiert, die EU hat den Import bereits verboten.

Der Klimaschutz hätte von der Fair-Food-Initiative profitiert

Hinzu kommt: Unsere Essgewohnheiten sind relevant für den Klimaschutz. Forscher*innen des Institute for Agriculture & Trade Policy haben kürzlich eine Studie veröffentlicht, die verdeutlicht, wie die Massentierhaltung den Klimawandel beeinflusst. Die Studie besagt, dass die fünf größten Viehkonzerne in der Fleisch- und Milchproduktion mehr Emissionen verursachen als die größten Ölkonzerne. Hier wird Lebensmittelkonsum auch zur Umweltfrage. Wenn Tier- und Klimaschutz nicht allein durch die Kaufentscheidung der Endverbraucher*innen gewährleistet werden können, muss die Politik handeln und die notwendigen Strukturen dafür schaffen. Zum Beispiel durch eine Fair-Food-Initiative.

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Auch wenn es noch offene Fragen zur Umsetzung gibt, Konsum im Einklang mit Umwelt- und Tierschutz in der Verfassung zu verankern, halte ich zu jedem Zeitpunkt für die richtige Entscheidung. Wie wichtig umweltschonende, tierfreundliche und fair hergestellte Lebensmittel den Schweizer*innen sind, haben sie jetzt durch die Abstimmung zur Fair-Food-Initiative gezeigt.