„Islamisten und Rechtsextreme brauchen einander“

Die freie Gesellschaft als gemeinsamer Feind: Islamismus und Rechtsextremismus verbindet nicht nur viel, sagt Politikwissenschaftlerin Saba-Nur Cheema. Sie begünstigen sich.

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Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz sprach von einem Anschlag auf die freie Gesellschaft. Foto: © Joe Klamar /AFP via Getty Images

Der Terroranschlag in Wien am Montagabend reiht sich ein in eine Serie von Attentaten der vergangenen Wochen: der tödliche Messerangriff auf ein homosexuelles Paar in Dresden, die Enthauptung des Lehrers Samuel Paty bei Paris, der Angriff in einer Kirche in Nizza.

Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz sprach von einem „Anschlag auf unsere freie Gesellschaft“. Es sind Worte, die Politiker*innen auch nach den antisemitischen und rassistischen Anschlägen in Halle und Hanau wählten. Wenn wir eine freie, pluralistische Gesellschaft bewahren wollen, in der Menschen egal welcher Herkunft und Religion zusammenleben, müssen wir erkennen, wer Hass säht und wie verschiedene Ideologien ineinandergreifen, sagt die Politikwissenschaftlerin und pädagogische Leiterin der Bildungsstätte Anne Frank, Saba-Nur Cheema. Im Interview erklärt sie, warum wir dafür jetzt nicht nur Islamismus, sondern auch Rechtsextremismus in den Blick nehmen müssen. Denn die beiden Ideologien haben nicht nur einiges gemeinsam, sondern begünstigen einander sogar.

Frau Cheema, nach Dresden, Paris und Nizza nun ein mutmaßlich islamistischer Anschlag in Wien. Was erleben wir da gerade?

Saba-Nur Cheema: Wir können beobachten, wie eine Spirale aus islamistischer und rechtsextremer Gewalt schreckliche Ausmaße annimmt. Es ist ein Schock, aber es ist gleichzeitig auch keine Überraschung. Wir haben es beim Islamismus und Rechtsextremismus mit zwei Ideologien zu tun, die in den vergangenen Jahren verbreitet wurden und das auch sehr erfolgreich.

Was haben die beiden Phänomene miteinander zu tun?

Islamismus und Rechtsextremismus sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Gemeinsam ist beiden Ideologien, dass sie demokratische Prinzipien und die Spielregeln der offenen, pluralen Gesellschaft ablehnen sowie der Glaube an Verschwörungserzählungen. In beiden Phänomenen werden bestimmte Menschen – „die wahren Muslime“ beziehungsweise „die wahren Europäer“ – zum Kollektiv gezählt und andere abgewertet. Islamistische und rechtsextreme Bewegungen sind sich in ihren Strategien sehr ähnlich: Sie kreieren ein neues Wirgefühl, indem sie Integrationsangebote machen und die Gefühle derer aufnehmen, die sich nicht zugehörig und anerkannt fühlen. Dabei verwenden sie die Gewalttaten der jeweils anderen Seite, um ihre eigenen Opfer- und Feindbilder zu nähren und ihr Handeln zu legitimieren.

Islamismus und Rechtsextremismus begünstigen sich wechselseitig, indem das jeweilige Feindbild angetrieben wird.

Saba-Nur Cheema

Ein Unterschied der Ideologien ist offensichtlich: Islamisten streben eine Gesellschaft an, die nach ihren Interpretationen des Islams organisiert sein soll und in der Hautfarbe, Herkunft und andere Merkmale keine Rolle spielen. Im Gegensatz dazu propagieren Rechtsextreme ein ethnisch homogenes Gesellschaftskonzept an.

In der öffentlichen Wahrnehmung scheinen sich Islamismus und Rechtsextremismus häufig gegenüberzustehen. Von rechts wird islamistischer Terror instrumentalisiert, um gegen „den“ Islam zu hetzen. Von islamistischer Seite werden Diskriminierungserfahrungen junger Muslim*innen ausgenutzt, um sie für die eigenen Zwecke zu mobilisieren. Wie lässt sich das auflösen?

Islamismus und Rechtsextremismus begünstigen sich wechselseitig, indem das jeweilige Feindbild angetrieben wird. Wenn man so will, brauchen sie einander für den jeweiligen Erfolg. Wir wissen aus der Forschung, dass nach einem islamistischen Terroranschlag islamfeindliche und rassistische Posts im Internet, aber auch Angriffe auf der Straße auf Muslime zunehmen.

Für rechte Akteure wie die AfD sind solche Anschläge ein willkommenes Futter, um die eigene Agenda zu bestärken. Sie sind eine Bestätigung dafür, wovor man gewarnt hat: „Der Islam“ und „die Muslime“ gehören nicht zu Deutschland und bringen nichts als Terror und Tote.

Auf islamistischer Seite wiederum werden Aussagen von rechten Akteuren wie der AfD aufgenommen, um das eigene, instrumentell eingesetzte Opfernarrativ zu füttern: „Seht, ihr seid hier nicht willkommen.“ Es ist bekannt, dass dies eine bewusste Strategie des IS gewesen ist, Anschläge in Europa zu organisieren, damit die Polarisierung und der Hass gegen Muslim*innen steigen, um so junge Menschen noch besser für ihre Zwecke instrumentalisieren zu können.

Ein weiterer Aspekt ist, dass auch Autokraten wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die antimuslimische Stimmung nutzen, um Menschen für ihre eigenen politischen Zwecke zu vereinnahmen.

Was heißt das, dass Erdogan sie vereinnahmt?

Muslimische und rassifizierte Menschen werden in Deutschland diskriminiert. Das ist real und muss hier gesellschaftlich gesehen und akzeptiert werden – damit nicht Stimmen aus dem Ausland wie Erdogan diese Erfahrungen aufgreifen und behaupten können: “Wir sind für euch da.”

Islamistische Gruppen haben in den sozialen Medien Erdogans Boykottaufruf französischer Waren erfolgreich aufgegriffen. Junge Menschen fühlen sich aufgefordert, auf Hashtag-Aktionen wie #BoycottMacron oder #StopMacron zu reagieren und setzen dort Vergleiche wie „Muslime sind die neuen Juden“. Der Anschlag selbst wird dann, wenn überhaupt, nur noch in Nebensätzen erwähnt. Das finde ich erschreckend. Mir stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass die Verletzung der eigenen religiösen Gefühle oder gar der Identität so viel Wut mit sich bringt, dass über eine Ermordung hinweggesehen wird?

Sie sind in der Bildungsarbeit tätig. Wie ließe sich dort einer solchen Vereinnahmung entgegenwirken?

Ich wünsche mir, dass es in der Schule selbstverständlich wird, über Vorurteile, Stereotype und Ungleichwertigkeitstheorien zu sprechen: Was heißt es, wenn ich Menschen ausgrenze, weil sie anders als ich sind? Was heißt es, wenn ich Menschen abwerte? Und zwar nicht erst in der zehnten Klasse, sondern schon in der Grundschule und im Kindergarten – denn dort beginnt es.

Es gelingt derzeit nicht gut, eine emanzipatorische Kritik am Islamismus zu äußern, die nicht Rechten in die Hände spielt.

Saba-Nur Cheema

Gleichzeitig dürfen wir nicht nur der Schule die Verantwortung geben. Bei der Bildungsstätte Anne Frank arbeiten wir mit ganz verschiedenen Milieus und Berufsgruppen – von Handwerker*innen, Lehrer*innen bis zu Bundespolizist*innen. Auch das ist meine Erwartung an eine Gesellschaft, in der Menschenfeindlichkeit und Hass unseren Alltag zunehmend bedrohen: Wir müssen uns alle damit auseinandersetzen, niemand ist davon ausgenommen.

Zuletzt wurde mal wieder der Vorwurf erhoben, dass es insbesondere der politischen Linken nicht gelinge, Islamismus angemessen zu kritisieren. Teilen Sie diese Ansicht?

Nein, denn selbstverständlich gibt es in der Linken eine außerordentliche Kritik am Islamismus. Wer das verpasst hat, hat sich damit vermutlich einfach nicht auseinandergesetzt. Vielleicht werden diese Ansätze auch nicht genug verbreitet. Gleichzeitig verstehe ich die Befürchtung seitens einiger linkspolitischer Akteur*innen, in der Islamismuskritik von rechts vereinnahmt zu werden. Einige ordnen islamistische Gewalt als ein Ergebnis von antimuslimischem Rassismus ein. Dabei wird islamistische Radikalisierung von jungen Menschen als Indiz dafür gesehen, dass sie Diskriminierung und Ausgrenzung erfahren haben. Das ist verkürzt.

Was bräuchte es stattdessen?

Es gelingt derzeit nicht gut, eine emanzipatorische Kritik am Islamismus zu äußern, die nicht Rechten in die Hände spielt. In öffentlichen Diskursen sind wir sehr schnell beim „Ihr“ und „Wir“ und verpassen dadurch die Chance, darüber zu sprechen, wo und was tatsächlich schiefläuft. Hier sehe ich auch muslimische Akteur*innen in der Verantwortung. Die muslimische Community ist vielfältig; es gibt nicht die eine Organisation, die für die Muslim*innen in Deutschland spricht. Das ist eine Erwartung, die oft aus der Mehrheitsgesellschaft kommt und meines Erachtens ebenfalls Teil des Problems ist. Muslim*innen werden als homogene Gruppe wahrgenommen, was sie schlichtweg nicht sind.

Ich wünsche mir innerhalb der muslimischen Community, religiöse Ideale und Inhalte kritisieren und auch hinterfragen zu dürfen. Das passiert zum Teil schon, aber es braucht mehr, damit nicht immer die Parole „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ geäußert wird. Wenn wir sagen, dass das nichts mit uns zu tun hat, verlagern wir das Problem nur. Selbstverständlich hat der Islamismus mit dem Islam zu tun. Darüber wünsche ich mir eine konstruktive Auseinandersetzung, kein blame game, mit allen Beteiligten, Muslimen und Nichtmuslimen, und auf Augenhöhe.