Nach #MeTwo: „Lange wurde über uns geredet, jetzt sollen die Privilegierten auch mal zuhören“

Ali Can gründete den Hashtag #MeTwo, durch den Hunderttausende ihre Erfahrungen mit Diskriminierung mit der Öffentlichkeit teilten. Wir haben den 25-jährigen Aktivisten gefragt, was sich seit dem Hashtag verändert hat – und wie es danach weitergeht.

Ali Can über #MeTwo: „Lange wurde über uns geredet, jetzt sollen die Privilegierten auch mal zuhören“

"Mit Hass erreicht man nichts, weil das eine Spirale ist. Hass ist immer etwas, an dem man sich verbrennt, wie an Feuer", sagt Ali Can. Foto privat: Jan Ladwig

„Er ist der Telefonjoker gegen Fremdenhass“, schrieb ZEIT ONLINE 2016 über Ali Can. Das war kurz nachdem Ali seine Hotline für besorgte Bürger*innen gestartet hatte. Die Hotline sollte eine Antwort auf Pegida und AfD sein. Bis heute darf jede*r unter der Nummer Ali und einen Kollegen anrufen, um Themen zu diskutieren, die sogenannte besorgte Bürger*innen umtreiben könnten. Dieses Jahr startete Ali erneut eine wichtige Aktion: Im Juli rief er nach der Debatte um Özil dazu auf, persönliche Rassismus-Erfahrungen und Alltagsrassismus unter dem Hashtag #MeTwo zu teilen.

„Eine MeToo-Debatte für Menschen mit Migrationshintergrund“, das forderte Ali Can in einem Video. Für ihn war es höchste Zeit für einen Aufschrei. Er wählte #MeTwo als Hashtag, um darauf hinzuweisen, dass viele Menschen eben nicht nur deutsch seien, sondern auch eine Migrationsgeschichte haben. Seinem Aufruf folgten Hunderttausende Menschen und erzählten ihre Geschichten. Der 25-Jährige arbeitet als Aktivist und setzt sich für ein gemeinsames pluralistisches Deutschland ein.

Was Hashtags bewirken können, wie man mit Hass und Rassismus umgehen sollte und was nach #MeTwo kommt, haben wir Ali Can im Interview gefragt.

ze.tt: Ali, auf dem Weg nach Berlin hast du in der Deutschen Bahn einen #MeTwo-Moment erlebt. Was ist genau passiert?

Ali Can: Ich war gestern beim Deutschen Integrationspreis und bin heute Morgen von Frankfurt nach Berlin gefahren. Der Kontrolleur hat sich mein Handyticket angesehen, dann mich angeguckt und mit schelmischem Lächeln gesagt: „Das passt ja total zum Klischee. Da fehlt nur noch Mohammed oder so!“ Es war sieben Uhr morgens, ich war müde und konnte auf Anhieb nicht stark reagieren. Während ich darüber nachdachte, hat der Kontrolleur meine Bahn-Card geprüft und meinte: „Viel fahren sie ja auch noch.“ Als stünde er vor einem Exoten. Ich hab das Klischee dann zugespitzt und gesagt: „Ja, ich fahre viel mit der Bahn, aber das ist nicht typisch Klischee oder?“ Man hat ihm angesehen, dass es in seinem Kopf ratterte, dass er begann, seine Worte zu reflektieren. Er erwiderte schließlich, er möge selbst kein Bahnfahren, was er als Bahn-Mitarbeiter natürlich nicht sagen sollte. Er wollte damit offenbar seine Aussage zuvor kaschieren, um sein Gesicht nicht zu verlieren. Ich habe gesehen, dass er darüber nachgedacht hat und dabei wollte ich es belassen. Ich hatte keine Energie, ihn noch weiter zu konfrontieren, denn dann hätte er sich verteidigt.

Das passt ja total zum Klischee. Da fehlt nur noch Mohammed oder so!

Schaffner

Ganz dabei belassen hast du es nicht: Du hast die Szene auf Twitter veröffentlicht. Warum?

Weil wir ein Bewusstsein für diese Situationen brauchen. Ich habe bisher nicht gehört, dass die Deutsche Bahn Antidiskriminierungsworkshops durchführt. Seit 2014 fahren immer mehr Geflüchtete mit der Bahn, zum Beispiel in ihre Unterkünfte. Ich habe in Gesprächen mit Neuankömmlingen des öfteren von rassistischen Sprüche von Zugbegleiter*innen mitbekommen, wie zum Beispiel: „Warum sind Sie in Deutschland, wenn sie kein Deutsch können?“ Dafür muss es Antidiskriminierungstrainings geben. Ich habe die Bahn in meinen Tweets markiert, sie haben mir geantwortet, dass ich eine E-Mail schicken soll. Das habe ich gemacht, bisher hat sich noch niemand gemeldet. Es wird quasi als Alltagsbeschwerde bagatellisiert, das finde ich skandalös.

Du erzählst das alles sehr ruhig. Reagierst du immer so gefasst?

Ich versuche es. Wenn besonders schutzbedürftige Menschen, wie zum Beispiel eine Frau mit Kind, die noch nicht Deutsch kann, auf der Straße rassistisch angegangen wird, dann koche auch ich. Ich stelle mich dazu und möchte am liebsten sagen: „Das kann doch nicht wahr sein, dass man im 21. Jahrhundert immer noch so primitiv denkt.“ Aber mit derartiger Konfrontation bezweckt man meist wenig.

Wie gehst du stattdessen mit Hass um?

Ich glaube, es ist wichtig, seine Energie nicht nur dafür zu verwenden, auf Hass zu reagieren und einzugehen, sondern dem Hass positive Narrative entgegenzustellen. Geschichten zu erzählen, in denen Vielfalt und ein friedliches Miteinander gelingt und die Demokratie funktioniert, es auch verschiedene Meinungen gibt, aber der Umgang respektvoll bleibt. Wenn man das zeigt, nimmt man denen, die hasserfüllt sind, die Energie. Hass ist dadurch erfolgreich, dass die Leute glauben, dass sie mit ihrem Hass etwas verteidigen und dass sie recht haben. Aber wenn man positive Beispiele liefert und den Hass mit einer Souveränität sanktioniert, dann wird klar, dass Hass destruktiv ist. Was wir schaffen müssen, ist, die Menschen zu einer konstruktiven Haltung zu bringen. Mit Hass erreicht man nichts, weil das eine Spirale ist. Hass ist immer etwas, an dem man sich verbrennt wie an Feuer. Das muss den Menschen klar werden, dann können wir den Hass besiegen.

Mit Hass erreicht man nichts, weil das eine Spirale ist. Hass ist immer etwas, an dem man sich verbrennt wie an Feuer.

Ali Can

Du hast den Hashtag #MeTwo im Juli dieses Jahres ins Leben gerufen. Was ist seitdem passiert?

Mich hat die Diskussion zu Özil im Sommer wütend gemacht: Gewinnt er, ist er Deutscher. Verliert er, ist er Einwanderer. Manche meinten, er sei der Beweis, dass Integration doch nicht gelingt. Ich dachte mir dann, so kann es nicht weitergehen, dass Rassismus salonfähig gemacht wird. Dass sogar einer unserer besten Fußballer, der mit uns Weltmeister geworden ist, geht. Ja, Kritik an dem Foto mit Erdoğan ist berechtigt, ich hab es auch kritisiert. Aber man darf es nicht mit Rassismus und seiner fußballerischen Leistung vermischen. Darüber habe ich einen Kommentar bei Perspective Daily geschrieben, danach noch ein Video gemacht und den Hashtag #MeTwo dazu gestartet. In den folgenden Tagen kamen zehntausende Tweets dazu. Er wurde zu einem der beliebtesten Hashtags in diesem Jahr.


Und was hat der Hashtag #MeTwo tatsächlich bewirkt?

Viele Medien haben darüber geschrieben, es gab Gespräche mit dem Bundespräsidenten, der Integrationsbeauftragten, mit vielen anderen Politiker*innen. Sie alle versuchten, aus den Geschichten etwas mitzunehmen. Medien haben in ihren Redaktionen geguckt, wie viele Menschen mit Migrationsgeschichte bei ihnen arbeiten. Es ist sehr wichtig, dass sich Medien die Frage stellen: Haben alle Menschen die gleichen Chancen, Jobs zu bekommen? Wie können wir institutionellen Rassismus besiegen? In Nordrhein-Westfalen bin ich jetzt das jüngste Mitglied eines neu gegründeten Beirats der Landesregierung für Integration und Teilhabe. Dieser wurde nach #MeTwo gegründet und ich kann die Erfahrungen der von Rassismus-Betroffenen mitreinbringen. Viele Branchen, Institutionen und Behörden wollen aus den Geschichten lernen. An einer Berliner Schule habe ich außerdem mit den Schüler*innen über ihre Diskriminierungsgeschichten gesprochen. Durch den Hashtag ist Diskriminierung insgesamt ansprechbarer geworden.

Und das funktioniert jetzt immer und überall?

Dazu braucht es Räume, wo Diskriminierung und Rassismus besprochen werden können. Und zwar so, dass die Betroffenen mit ihren eigenen Stimmen ihre Geschichten erzählen können.

Was brauchen wir über den Hashtag hinaus?

Es braucht Dialog, Empathie, Streitkulturstätten und Kulturräume. Orte, wo man erfahren kann, was es heißt, deutsch zu sein und gleichzeitig noch was anderes, wo Pluralität gelebt wird. Denn nur durch Erfahrungen und Begegnungen kann sich etwas ändern. Erst wer Vielfalt erlebt, glaubt daran und verfällt nicht dem Rechtspopulismus. Und bei diesen Begegnungen gewinnen alle, auch die ohne Migrationsgeschichte, denn die Menschen reflektieren und realisieren, dass Deutschland schon immer ein Einwanderungsland war.

Ali_Can_#MeTwo-Rassismus
Foto: Jan Ladwig

Über deinen Hashtag wurde auch diskutiert, wer dazu etwas sagen darf und wer nicht. Wie sollten Menschen ohne Migrationsgeschichte reagieren?

Wenn sich Menschen gegen Alltagsrassismus und institutionellen Rassismus wehren und dann jemand ohne Migrationsgeschichte kommt und sagt: „Ich hab auch einmal einen rassistischen Spruch gegen Deutsche gehört“, dann ist das in dieser Diskussion fehl am Platz. Man nennt das auch Whataboutism und das bringt niemandem was, denn die Mehrheitsgesellschaft kann ja nicht von institutionellem Rassismus betroffen sein. Derartiges ist auch immer wieder bei Diskussionen zu Feminismus zu beobachten. Eine Frau erzählt beispielsweise von ihren Kollegen, die ständig Bemerkungen zu ihrem Aussehen machen und dann kommt ein Mann und erzählt davon, was ihm letztens passiert ist. Das ist natürlich auch schlimm, aber man raubt damit einem Problem, das sehr viele betrifft, durch das eigene Nach-Vorne-Drängen die Bedeutung.

Wie denkst du über die Geschichten, die unter #MeTwo geteilt wurden? Wie haben sie dich bewegt?

Die Erfahrungen, die bei #MeTwo geschildert wurden, waren sehr unterschiedlich. Ich war auf jeden Fall sehr schockiert, aber ich habe das Gefühl, dass seither eine Art Civil Rights Movement entstanden ist, mit dem Bedürfnis, dass endlich alle gleichwertig werden. Ich versuche gerade all die Menschen zusammenzubringen, denn wir haben alle das gleiche Bedürfnis: Wir wollen gleichwertig in der Gesellschaft sein und nicht Bürger*innen zweiter Klasse. Ich hoffe, dass sich immer mehr Menschen dem Gedanken anschließen, dass wir eine Migrationsgeschichte haben, aber auch deutsch sind. Wenn wir es schaffen, uns zusammenzutun, dann machen wir Millionen aus und können diese Rechte einfordern – was wiederum der Gesamtgesellschaft zugute kommt, weil wir alle mehr Gerechtigkeit bekommen. Privilegierte Gruppen sollten sagen: „Ihr seid benachteiligt bei der Wohnungs- und Jobsuche, wollt euch integrieren, gleichwertig sein, ankommen – und wir sollten euch dabei unterstützen.“ Eine befreundete Journalistin hat in der Zeit rund um #MeTwo selbst nichts mehr geschrieben, sondern nur Betroffene zu Wort kommen lassen. Lange wurde über uns geredet, jetzt sollen die Privilegierten auch mal zuhören, damit der Diskurs pluraler wird.

Warum haben die Menschen ständig das Gefühl, dass ihnen jemand etwas wegnehmen könnte?

Zum Beispiel wird versucht, das Martinsfest inklusiver zu gestalten. Rechte und Demagog*innen dieser Zeit schaffen es, den Gedanken, alles inklusiver gestalten zu wollen, der eigentlich toll und wichtig ist, so zu instrumentalisieren und zu drehen, als würde den Menschen etwas in ihrer Kultur genommen werden. Meiner Meinung nach muss man diese Feste auch nicht umbenennen, sondern kann es bei dem Namen belassen und trotzdem niemanden ausschließen. Ich habe auch beim Martinsfest immer mitgefeiert. Man muss aber die Rahmenbedingungen schaffen, dass Andersgläubige abgeholt werden, und man kann nicht sagen: „Das ist unser Fest, wenn es euch nicht passt, geht nach Hause.“ Der Einfluss von Demagog*innen ist heute sehr groß, sie framen die Herausforderungen und Spannungen in der Gesellschaft. Immer, wenn Andersdenkende zusammenkommen, gibt es Spannungen. Die Rechtspopulist*innen machen daraus: „Sie nehmen uns was weg.“ In Wahrheit sollten wir uns dringend fragen: Wie schaffen wir ein plurales Zusammenleben gemäß unserer Verfassung?

Wie geht’s für dich weiter?

Ich setze mich weiterhin für all das ein, darum bin ich auch immer noch über das Besorgte-Bürger*innen-Telefon erreichbar. Mit anderen Aktivist*innen hab ich eine Taskforce für #MeTwo gegründet, damit es weitergeht und nicht in Vergessenheit gerät. Zudem eröffnet im Januar das Viel Respekt Zentrum in Essen. Das ist mein erstes räumliches Projekt. Dort sollen öffentliche Räume entstehen für unterschiedliche Denk- und Glaubensrichtungen. Dort sollen zum Beispiel Muslim*innen, Jüd*innen, Christ*innen und Atheist*innen in Kontakt treten. Im Grunde sind das #Metwo-Räume, wo Menschen mit pluraler Identität erzählen.