Wie sich WGs in den USA von denen in Deutschland unterscheiden

In US-amerikanischen Colleges teilen sich viele Studierende nicht nur eine Wohnung, sondern direkt ein Zimmer. Die mangelnde Privatsphäre sorgt oft für Ärger, aber schafft auch Nähe.

In den US-amerikanischen College-Wohnungen ist der Platz oft begrenzt.

In den US-amerikanischen College-Wohnungen ist der Platz oft begrenzt. Symbolbild © dpa

Sich eine Wohnung zu teilen, gehört für viele Studierende zum Campusleben dazu. Es minimiert Kosten und bereichert das soziale Leben. Aber die eigene Tür sichert im Regelfall ein Mindestmaß an Privatsphäre. Nicht so an US-amerikanischen Campussen.

Wie im klassischen Collegefilm teilen sich der Großteil der Studierenden Zimmer mit einem*r, zwei oder sogar drei Mitbewohner*innen.

Privatsphäre ist ein teures Gut

Auf dem Campus der Ohio University leben 84 Prozent der Studierenden in geteilten Zimmern, denn die sind günstiger als ein Einzelzimmer. In den Räumen steht auf wenigen Quadratmetern entweder ein Stockbett oder zwei einzelne Betten, zwei Schreibtische und ein Schrank. „Wenn du deine*n neue*n Mitbewohner*in zum ersten Mal triffst, ist das super seltsam“, erzählt Precious Oluwasanya. „Und dann lebt ihr eben zusammen. Du hoffst immer, dass dein*e Mitbewohner*in später nach Hause kommt, vor allem wenn du eher introvertiert bist.“

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Wer keine Tür zur Verfügung hat, um sich von seinen Mitbewohner*innen zu trennen, lernt seine Privatsphäre neu zu schätzen. Das betrifft natürlich auch nächtlichen Besuch. Brad McCullough erinnert sich an eine durchzechte Nacht, in der er sich sehr auf sein Bett gefreut hat. „Ich habe geklopft und dann hat mein Mitbewohner aufgeregt gerufen, dass ich auf keinen Fall reinkommen soll. Er hatte wohl Damenbesuch. Dann habe ich eine halbe Stunde später wieder total übermüdet geklopft und ich konnte immer noch nicht rein. Das sind Momente, die echt schlimm sind.“

Mitbewohner*innen, die sich ein Zimmer teilen, lernen sich sehr gut kennen. Da können kleine Angewohnheiten schnell das Fass zum Überlaufen bringen. „Meine Mitbewohnerin hat jeden Abend Serien geguckt und zwar ohne Kopfhörer. Nur deshalb kenne ich heute alle Staffeln Friends“, erzählt Precious. „Ich bin gar kein Fan der Serie, aber ich musste es dadurch eben gucken, weil es immer lief. Das hat mich wahnsinnig gemacht.“

Im Notfall kommt die Polizei

Zwei Jahre Wohnen auf dem Campus ist verpflichtend, um die Gemeinschaft der Studierenden zu pflegen, erzählt Chelsea Sick. Die Studentin lebt und arbeitet als Resident Assistent in einem der Wohnheime. „Im besten Fall ist der ganze Flur miteinander befreundet. Dann sind sowieso alle Türen auf und alle verbringen Zeit miteinander.“ Chelseas Aufgabe ist es, die Flurgemeinschaft durch gemeinsame Aktivitäten zu stärken und zu vermitteln, wenn es Ärger gibt.

Sollte es allerdings eskalieren, muss sie die Campus-Polizei verständigen. „Meistens werden wir wegen Drogenmissbrauch, Alkoholkonsum von Minderjährigen und Diebstählen und manchmal leider auch wegen sexuellem Missbrauch gerufen“, erzählt Lieutenant Timothy Ryans. „Es sind aber eher Nachbarn oder eben Resident Assistents, die uns verständigen. Die Mitbewohner selbst kooperieren in den meisten Fällen untereinander, auch wenn sie gegen das Gesetz arbeiten.“

Kochen ist nicht gleich Kochen

Nach zwei Jahren auf dem Campus ziehen die meisten Studierenden in umliegende Häuser in der Stadt. Das sind dann klassische WGs, die nicht mehr von der Universität kontrolliert werden. Dennoch ist das Zusammenleben in vielen Bereichen ganz anders als in Deutschland, erzählt die deutsche Studentin Lisa Röver. „In Deutschland haben wir in der WG oft gemeinsame Kochabende gemacht. Hier kommen meine Mitbewohner zwar rein und sagen wie toll es riecht, aber meine Einladung auf einen gemeinsamen Abend ist noch nie zustande gekommen.“

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Das wäre generell kein Problem, die gebrochenen Versprechen und geplanten, dann nicht stattfindenden WG-Abende seien aber auf Dauer enttäuschend. „Meine US-amerikanischen Mitbewohner verbringen aber auch nicht so viel Zeit mit dem Kochen. Schnell in die Küche, Mikrowelle an und dann wieder allein in ihr Zimmer. Der soziale Aspekt fällt ziemlich unter den Tisch“, sagt Lisa.

Die Campuszeit prägt späteres Wohnen

Precious hat sich nach ihren zwei Campusjahren am meisten auf eine Küche gefreut, denn die Wohnheime haben keine. Essenspläne kosten rund 3.000 Euro pro Jahr und können dann täglich in einer der Essensräume auf dem Campus eingelöst werden. Dabei gibt es allerdings weder Mitbestimmung, noch die Möglichkeit selbst zu kochen. In den Zimmern selbst dürfen keine Kochplatten oder andere Küchengeräte aufbewahrt werden.

Gemeinsames Wohnen wird in den USA anders verstanden. Wie in vielen anderen Aspekten, regieren auch hier die Gegensätze. Entweder absolute Nähe, vor allem räumlich, oder totale Unabhängigkeit von Essensplänen, Gemeinschaftsaktivitäten und Mitbewohner*innen.