Nach Anschlag in Wien: “Ich habe Angst, dass der Rassismus hier noch schlimmer wird”

Wird der Anschlag in Wien antimuslimischen Rassismus befeuern? Wir haben vier muslimisch gelesene Wienerinnen gefragt, was der Anschlag für sie bedeutet.

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Wird der Rassismus in Österreich nach dem islamistischen Anschlag in Wien zunehmen? Fotos: Privat (links) / Marko Mestrovic

Am Montagabend fand ein islamistischer Anschlag im Herzen von Wien statt. Vier Menschen starben, 22 wurden verletzt.

„Viele muslimisch gelesene Menschen haben Angst, jetzt noch mehr Hetze und Diskriminierung zu erfahren“, sagt Rami Ali, der als Politologe und Islamwissenschaftler in Wien arbeitet. Nach den Terroranschlägen 9/11 in den USA, dem Anschlag in London, dem Angriff auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt seien die Angriffe auf Muslim*innen und muslimisch gelesene Menschen gestiegen. „Das wird leider in Österreich nicht anders sein und die Angst vor rassistischen Ressentiments ist total berechtigt“, sagt Ali. „Schon jetzt bitten Eltern ihre Söhne sich zu rasieren, ihre Töchter das Kopftuch lockerer zu tragen oder unter einer Haube zu verstecken.“

Bereits seit Jahren steigen die Angriffe auf Muslim*innen in Österreich an. Waren es vor fünf Jahren noch 158 Fälle, wurden vergangenes Jahr 1051 gemeldet. Während Bundeskanzler Sebastian Kurz sich dieses Mal klar für Solidarität mit Muslim*innen in Österreich ausgesprochen hat, warnt der ehemalige österreichische Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) auf Facebook bereits vor „falscher Toleranz“. Rechtsextreme Splittergruppen wie etwa die der Identitären Bewegung mobilisieren bereits seit der Tatnacht in Telegram-Gruppen und hetzen gegen „den Islam“. „Rechte Parteien wie etwa die FPÖ werden den Anschlag massiv instrumentalisieren“, sagt der Politologe Rami Ali. „Der Ton wird sich verschärfen.“

Wir haben mit vier jungen muslimisch gelesenen Menschen aus Österreich gesprochen, die erzählen, wie es ihnen geht und was der Anschlag für ihre Lebensrealität bedeutet.

Munira Mohamed, 19 Jahre, Community-Managerin und Studentin

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Foto: Biber

Am Abend des Anschlags war ich mit zwei Freundinnen in Wien unterwegs, die ich noch vor dem Lockdown sehen wollte. Wir gingen zusammen essen und dann spazieren. Als wir Schüsse hörten, dachten wir zuerst, das Geräusch komme von einer Baustelle. Dann bekam ich eine Nachricht auf Telegram, dass es eine Schießerei auf dem Schwedenplatz gäbe. Wir versuchten nur noch, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Ich zitterte am ganzen Körper, stand total unter Schock, konnte aber gar nicht realisieren, was passiert ist. Dass so etwas Schreckliches, das bisher doch immer gefühlt weit weg von Österreich war, jetzt auch bei uns ist.

Wir, die jüngere muslimische Generation, können uns vielleicht verbal verteidigen. Aber was ist mit unseren Eltern und Großeltern?

Munira Mohamed

Die Angst davor, dass meiner Familie, meinen muslimischen Freund*innen und mir etwas passieren könnte, ist mir aber nicht neu. Die trage ich immer in mir. Ich muss regelmäßig Beschimpfungen wie das N-Wort oder „Scheißmuslime“ über mich ergehen lassen. Fast noch mehr ärgern mich aber stereotypische Sachen wie: „Schläfst du mit Kopftuch?“, „Du sprichst aber sehr gut Deutsch“ oder „Du bist nicht so wie die anderen Muslime“. Es macht mich auch wütend und traurig, dass ich nie als Wienerin und Österreicherin gesehen werde. Mir nie das Gefühl gegeben wird, dass auch Österreich meine Heimat ist.

Eine Freundin erzählte mir, dass sie bereits am Tag nach dem Anschlag antimuslimisch-rassistischen Bemerkungen in der U-Bahn ausgesetzt war. Wir, die jüngere muslimische Generation, können uns vielleicht verbal verteidigen. Aber unsere Eltern und Großeltern, die die Sprache nicht so gut beherrschen, weil sie mehr damit beschäftigt waren, uns ein angenehmes Leben hier zu ermöglichen: Wer wird sie verteidigen? Wird ihnen jemand zu Hilfe eilen? Oder werden sie ganz allein dastehen?

Berfîn Marx, 21 Jahre, Studentin

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Foto: Privat

Am Abend des Attentats wollte ich mit Freund*innen einen Film im Kino anschauen. Spontan sind wir dann aber doch Richtung Schwedenplatz spaziert, weil das Wetter so gut war und wir lieber einen Freund, der dort als Türsteher arbeitet, besuchen wollten. Auf dem Weg dahin fuhren einige Polizeiautos an uns vorbei. Wir dachten nicht groß darüber nach. Dann sahen wir Blaulicht in einer Instagram-Story und die Worte „Schießerei am Schwedenplatz“. Meine Hände wurden sofort eiskalt und mein ganzer Körper war wie erstarrt.

Ich habe sofort versucht alle in meinem Umfeld zu erreichen und wir sind in die U-Bahn gestiegen. Dort kursierten viele Gerüchte, der Attentäter sei ebenfalls mit der U-Bahn unterwegs. Mein Nachhauseweg kam mir so lange vor wie nie zuvor. Egal wie schnell wir liefen, ich hatte das Gefühl, niemals zu Hause anzukommen. Als wir endlich daheim waren, drehten wir die Lichter ab und schlossen die Vorhänge. Wir waren bis um fünf Uhr morgens in der Küche und sahen uns die Nachrichten am Laptop an.

Nazis sind am Donnerstag durch die Straßen marschiert. Ich fühle mich in Wien aktuell nicht sicher.

Berfîn Marx

Für mich ist die Situation aktuell schwer zu ertragen. Ich traue mich gar nicht mehr raus. Bei jedem Geräusch zucke ich zusammen. Bei jeder Sirene steigt die Angst in mir hoch. Für mich war Wien immer eine sichere Stadt. Jetzt lässt mich die Angst nicht mehr los, erschossen zu werden oder mich mit Corona zu infizieren. Ich war seit dem Anschlag nur einmal kurz draußen einkaufen. In den kommenden Tagen habe ich einen Termin, zu dem mich eine Freundin begleitet, weil ich nicht allein rausgehen will.

Nazis sind am Donnerstag durch die Straßen marschiert. Ich fühle mich auch deswegen in Wien aktuell nicht sicher. Aber ich war trotzdem auf der Demo, die sich gegen sie gestellt hat. So wie ich als Frau in der Nacht schon immer besonders auf mich achtgeben musste, muss ich das jetzt auch noch am Tag tun. Ich habe Angst, dass der Rassismus hier noch schlimmer wird. Ich bin keine Muslima, habe kurdische Wurzeln, werde aber andauernd als muslimisch gelesen. Ich bin in Niederösterreich aufgewachsen und erst später nach Wien gezogen. In der Stadt habe ich tatsächlich mehr Rassismus erlebt als am Land: Bankangestellte, die nur langsam mit mir sprechen, weil sie denken, dass ich kein Deutsch kann; Leute, die mir auf der Straße erklären, dass ich abgeschoben werden soll, oder die mir „Scheißmoslem“ nachrufen.

Am Mittwoch hat mich meine Mutter angerufen und geweint. Ihre Nachbarin hat einen Streit wegen der Mülltrennung begonnen und damit gedroht, die Polizei zu rufen. Sie sagte dabei zu ihr Sachen wie, dass sei wieder mal „typisch Ausländer“. Meine Mutter konnte sich nicht wehren, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, und fragte mich nach Rat. Mir bricht es das Herz, sie so ängstlich zu hören und ihr nicht helfen zu können.

Melisa Erkurt, 29 Jahre, ehemalige Lehrerin, Autorin und Journalistin

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Foto: Vedran Pilipović

Ich hab zuerst auf Twitter gelesen, dass es einen Knall in Wien gab. Schnell kamen die ersten Spekulationen, dass es sich um einen Anschlag handelt, und ich hab sofort meiner Familie geschrieben, ob es ihnen gut geht. Den ganzen Abend saß ich vorm Fernseher und war parallel dazu in den sozialen Medien. Die Nacht war richtig schlimm. So blöd das auch klingen mag, nach Terroranschlägen in anderen Städten konnte ich schlafen, auch wenn mich die Ereignisse natürlich mitgenommen haben. In dieser Nacht war das für mich unmöglich. Andauernd wachte ich auf und musste nachsehen, ob sie weitere Täter gefasst hatten. Damals ging man ja noch davon aus, dass es mehrere sein könnten.

Am Tag nach dem Anschlag wollte ich irgendwie helfen. Ich bin ausgebildete Lehrerin und bot darum auf Twitter an, in Schulen darüber zu sprechen, was passiert war. Viele Lehrende schrieben mir. Mittlerweile konnte ich ein paar Klassen über Zoom an Mittelschulen besuchen, in denen viele Kinder mit Migrationsgeschichte sitzen. Sie fragten mich: „Warum in Wien? Was haben wir getan?“ Die Kinder sind zwischen elf, zwölf und dreizehn Jahre alt und haben Angst. Angst vor einem weiteren Attentat. Angst, selbst nun noch mehr diskriminiert zu werden. Einige muslimische Kinder haben mir erzählt, dass sie Angst vor Übergriffen auf ihre Mamas und Schwestern haben.

Als ich den Schüler*innen zuhörte, fühlte ich mich an die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die Tage danach erinnert.

Melisa Erkurt

Ich selbst bin eine unsichtbare Muslima, da ich kein Kopftuch trage, darum erlebe ich keine Übergriffe auf der Straße. Ich bin in Sarajevo geboren, aber in Wien und Umgebung aufgewachsen. Als ich den Schüler*innen zuhörte, fühlte ich mich an die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die Tage danach erinnert – auch wenn das natürlich eine ganz andere Dimension und in den USA war. Viele meiner Mitschüler*innen haben damals negativ auf meinen Glauben Bezug genommen. Bei der Schweigeminute in der Klasse sagte ein Mitschüler zu mir, ich brauche nicht mitmachen, ich sei eine „Heuchlerin“, das seien „meine Leute“ gewesen. Ein anderer fragte mich, ob ich von dem Anschlag wusste, ich sei doch Muslima. Erst nach dem Terroranschlag wurde mein Glaube in unserer Klasse zum Thema. Ab dann ging es oft um meine „Terrorismusreligion“, ob ich Schweinefleisch esse, Kopftuch tragen müsse oder mein Vater aggressiv sei.

Die Schüler*innen, die ich in den letzten Tagen besuchte, hatten längst alle Fotos und Videos des Terroranschlags gesehen – zum Teil auch Fake-News. Eine Schülerin erzählte mir von einem Video auf TikTok mit vier Tätern. Jugendliche suchen den Namen des Täters in den sozialen Medien und graben immer tiefer in dessen Umfeld. Das ist total gefährlich. Für mich war das schlimm zu hören und ich hab ihnen darum auch die Geschichten von den Helden des Anschlags erzählt. Sie wussten nichts über den Mann mit Migrationsgeschichte, der ein Leben gerettet hat und dessen Familie vor einiger Zeit noch in den Medien war, weil ein Bürgermeister sie rassistisch angriff.

Nour Khelifi, 26 Jahre, Journalistin, Drehbuchautorin und Speakerin

Foto: Marko Mestrovic

Ich wohne in Berlin aber bin in Wien aufgewachsen, meine Familie wohnt noch da. Ich war gerade in meiner Wohnung am Arbeiten, als ich plötzlich eine Nachricht von meiner Schwester bekam, dass es eine Schießerei in Wien gibt. Es kamen immer mehr Nachrichten und ich war plötzlich hellwach. Sofort hab ich alle gefragt, ob sie in Sicherheit zu Hause sind. Meine Geschwister sind oft in der Nähe des Tatorts unterwegs, arbeiten und studieren dort. Nicht auszudenken, wenn sie am Montag am Schwedenplatz unterwegs gewesen wären. Zum Glück war Allerseelen und somit ein halber Feiertag.

Ich habe gelernt, mit rassistischen Vorfällen umzugehen. Ich wünsche mir aber, dass niemand mehr lernen muss, das auszuhalten.

Nour Khelifi

In den sozialen Medien berichten die ersten Muslim*innen, dass sie öffentlich beschimpft werden. Ich bin mit den antimuslimischen und rassistischen Slogans von der FPÖ und Heinz-Christian Strache in Wien aufgewachsen. Mir wurde sehr oft das Gefühl gegeben und manchmal auch direkt gesagt, dass ich hier nicht dazugehöre. Ich muss ständig wachsam sein, was meine Umgebung betrifft, weil ich eine Grundangst in mir trage, dass man mich angreifen könnte. Ich wurde in der Öffentlichkeit angespuckt, angeschrien und beschimpft. Wien ist meine Heimat, ich kenne nichts anderes. Ich habe mit der Zeit gelernt, mit rassistischen Vorfällen umzugehen. Trotzdem wünsche ich mir, dass niemand mehr lernen muss, das auszuhalten.

Ich hoffe, dass mein Wien sich nicht dieser hasserfüllten Falle hingibt, sondern alle erkennen, dass wir gemeinsam im selben Boot sitzen. Der sogenannte IS will die Gesellschaft spalten und einen Nährboden für Hass schaffen. Aufgrund der politischen Ereignisse in den letzten Jahren herrscht schon eine antimuslimische Stimmung. Diese Form der Hetze und Spaltung darf jetzt nicht noch weiter ausgeführt werden. Es geht um ein kollektives „Wir“, unabhängig von Herkunft, sozialer Klasse, Religion oder Geschlechtszugehörigkeit.