„Nelson Mandela bedeutet mir nichts“ – Was junge Südafrikaner*innen vom ehemaligen Präsidenten halten

Am 18. Juli jährt sich Nelson Mandelas Geburtstag zum 100. Mal. Wir haben junge Menschen in Kapstadt und Johannesburg gefragt, was der Nationalheld für sie bedeutet.

Nelson Mandela: Was junge Menschen in Südafrika heute von ihm halten

Unter jungen Leuten und in der Popkultur ist Nelson Mandela noch sehr präsent. Foto: John-Paul Henry/ Unsplash | CC0

1994 fand in Südafrika die erste demokratische Wahl statt. Vorher war Wählen gehen ein Privileg für Weiße. Genauso, wie innerhalb der Städte zu leben, nach der 10. Klasse weiter zur Schule zu gehen oder nicht im Knast zu landen, weil man der Polizei wegen-was-auch-immer negativ aufgefallen war. Nelson Mandela war gegen dieses System. Der Anwalt leitete die Widerstandsbewegung African National Congress (ANC), obwohl er 27 Jahre lang wegen seiner Aktivitäten inhaftiert war – zum Teil in Isolationshaft und 18 Jahre lang auf der Gefängnisinsel Robben Island.

Die Inhaftierung der wichtigsten Anführer und tausender Mitglieder des Widerstands war nicht der einzige Versuch, die Bewegung zu stoppen. Während der 1980er fuhren täglich Panzer durch die Townships, arme Vororte, in die schwarze Menschen verdrängt wurden. Bei einer Schüler*innen-Demonstration für bessere Bildung wurde der zwölfjährige Hector Pieterson erschossen. Sein Bild ging um die Welt und der internationale Druck auf die Regierung stieg. Währenddessen saß Mandela noch immer im Gefängnis und wurde vom ANC zum Gesicht der Kampagne gegen die Apartheid gemacht.

Be the legacy!

Noch im Gefängnis verhandelte er mit den Regierenden und wurde schließlich der erste demokratisch gewählte Präsident von Südafrika. Während seiner Amtszeit setzte er auf Vergebung und Annäherung. Für seinen Kampf und seine versöhnliche Einstellung gilt er als Nationalheld und Vorbild. Heute ist der ANC Regierungspartei und würdigt Mandela anlässlich des 100. Jubiläums seines Geburtstages mit einer großen Kampagne.

Kommt man am Flughafen an, sieht man in metergroßen Buchstaben den Claim „Be the legacy“ als Plakatwand. Südafrika hat aber auch heute noch mit vielen Problemen zu kämpfen. Zwischen arm und reich, schwarz und weiß herrscht Ungleichheit, es fehlt oft an Bildung und gesundheitlicher Versorgung und investigative Journalist*innen decken einen Korruptionsskandal in der Politik nach dem anderen auf.

Roadtrip_Südafrika
Einheimische treffen sich gerne an den Aussichtspunkten zum Braai einer besonderen Art des BBQ. Foto: ze.tt

Was ist von Mandelas Erbe übrig?

Wie viel von Mandelas Erbe und seinem Spirit ist 100 Jahre nach seiner Geburt und fünf Jahre nach seinem Tod überhaupt noch übrig geblieben? Wir haben uns in den Metropolen Kapstadt und Johannesburg unter jungen Südafrikaner*innen umgehört und gefragt, was die erste Generation in Freiheit von Mandela hält.

Wandile (29): „In Mandela wird zu viel reininterpretiert“

Wandile Msana führt uns auf eine Tour durch Langa, eine informelle Siedlung in der Nähe von Kapstadt. Heute leben hier immer noch Familien in Wellblechhütten und Überseecontainern. Es gibt aber auch feste Ein- und Mehrfamilienhäuser. Der 29-Jährige ist selbst hier aufgewachsen und bietet mittlerweile die Touren an, um Außenstehende mit Menschen aus der Township in Kontakt zu bringen und die lokale Wirtschaft zu stärken. „Mandela hat viel für dieses Land getan“, erzählt er, nachdem wir in einem Pub selbstgebrautes Bier getrunken haben, „aber in ihn wird zu viel reininterpretiert.“.

[Außerdem bei ze.tt: Zehntausende protestieren in Südafrika gegen korrupte Eliten]

Wandile weist darauf hin, dass es noch viele andere Leader in der Bewegung gab, die auch Großes getan und viel gelitten haben. „Steve Beko zum Beispiel hatte die Idee zum Black Conciuos Movement, die Weißen haben ihn inhaftiert, gefoltert und im Gefängnis umgebracht. Offiziell war das ein Unfall. Die Weißen haben Mandela benutzt. Das sieht man noch heute. Wir haben seit 24 Jahren Demokratie und die Minderheit des Weißen Mannes hat immer noch mehr Macht als wir.“

Mangaliso (21): „Mandela bedeutet mir nichts“

Mangaliso Sambo, den wir in Johannesburg treffen, sieht das ähnlich. Mit gerade mal 21 Jahren ist er Vorsitzender der Jugendorganisation der Economic Freedom Fighters (EFF), einer jungen linken Partei. Als wir ihn nach Mandela fragen, überlegt er erst einen langen Moment und sagt schließlich: „Mandela bedeutet mir nichts.“.

In seinen jungen Jahren sei er der leidenschaftliche Madiba, so sein Klanname, gewesen. Mangaliso findet, dass Mandela im Gefängnis den Bezug zur Realität verloren hat. Seine Freilassung sei schließlich ein „berechneter Move der weißen Regierung“ gewesen. Hinterher hätte er seine Macht nicht genutzt, sich nicht genug für Schwarze eingesetzt. Wäre es nach dem EFF-Politiker gegangen, hätte Mandelas Frau Winnie, die während er im Gefängnis saß eine zentrale Rolle in der Bewegung hatte, Präsidentin werden sollen. „Sie hätte gewusst, wann sie das Ruder der jungen Generation überlassen soll.“

Sie hätte gewusst, wann sie das Ruder der jungen Generation überlassen soll“

Thulani (28): „Ich halte viel von Mr. Nelson Mandela“

Auch Thulani Madondo beschäftigte sich mit Winnie, die während Mandelas Haft eine zentrale Rolle im Widerstand hatte. „Ich halte viel von Mr. Nelson Mandela. Aber seit ich eine Dokumentation über Winnie gesehen habe, denke ich persönlich etwas anders über ihn“, erzählt der 28-jährige Leiter des Kliptown Youth Project (KYP). Das KYP ist eine Anlaufstelle mit Hausaufgabenhilfe, Computer- und Tanzkursen, sowie kostenlosem Essen für Kinder und Jugendliche in Soweto, der größten Township Südafrikas bei Johannesburg.

„Mandela war 27 Jahre lang im Gefängnis und konnte Menschen vergeben, die ihn unterdrückt haben, aber nicht Winnie? Warum musste sie als einziges ANC-Mitglied vor die Wahrheits- und Vergebungskommission?“ Nach dem Ende der Apartheid hörten Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu Opfer und Täter*innen im Rahmen der Kommission an. So klärten sie viele Verbrechen auf und veranlassten Entschädigungszahlungen an Familien. Winnie musste vor dieser Kommission aussagen, da der Mandela Football Club, der als ihre Leibgarde diente, einen schwarzen Jugendlichen ermordet hatte. Ob Winnie direkt daran beteiligt war, gilt jedoch als unklar – weil der südafrikanische Geheimdienst jede Gelegenheit nutze, sie in der Öffentlichkeit schlecht dastehen zu lassen.

„Nelson Mandela bedeutet mir nichts“ – Was junge Südafrikaner*innen vom ehemaligen Präsidenten halten
In der Hauptstadt Pretoria steht vor den Regierungsgebäuden eine neuen Meter hohe Bronze Statue von Nelson Mandela, wie er die Arme als Zeichen der Versöhnung ausbreitet. Foto: ze.tt

Jane (30): „Er hat sich von allen hier die Namen gemerkt und alle einzeln begrüßt“

Jane Monakwane führt Schulklassen und Tourist*innen durch das ehemalige Haus von Nelson Mandela in Soweto. Für sie ist Mandela der Nationalheld. Sie möchte mit ihrer Arbeit sein Erbe aufrechterhalten und weitergeben. „Bis zu seinem Tod ist er noch ab und an hergekommen. Er hat sich von allen hier die Namen gemerkt und alle einzeln begrüßt.“ Vor dem Haus treffen wir Maggie. Sie ist 32 Jahre alt und besucht mit Freund*innen das Mandela-Haus. Bevor sie auf die Frage antwortet, guckt sie grinsend zu ihrer Freundin rüber: „Sie wird nicht mögen, was ich sage, aber ich persönlich mag Mandela nicht.“

Nachdem er freigelassen wurde, hätte seine Frau Winnie weiter kämpfen wollen und das Land, was die Weißen den Schwarzen weggenommen haben, zurückholen. Aber Mandela sagte: „Nein, wir brauchen Frieden, Frieden, Frieden“, sagt Maggie. Das habe den schwarzen Menschen nicht geholfen. Jetzt seien sie immer noch hungrig nach Macht und wirtschaftlichem Erfolg, deshalb sei auch die Regierung heute so korrupt. Sie findet: „Wenn er auf Winnie gehört hätte, wäre Südafrika jetzt ein besserer Platz.“

Sabelo (18): „Für mich ist Mandela ein Held“

Sabelo sieht das anders. Er spielt als Straßenmusiker Gitarre zum Gesang seiner Freundin und sagt: „Für mich ist Mandela ein Held, er war ein Freiheitskämpfer!“. Seinetwegen sei der 18-Jährige heute auch im African National Congress. Die Partei hat „damals für Mandela gekämpft und heute steht sie noch für seine Werte“. Sabelo betont auch: „Wegen ihm können wir heute feiern.“ Als wir mit ihm sprechen, ist in Südafrika Nationalfeiertag. Obwohl wir uns in Johannesburg, einer der größten Städte in Südafrika befinden, ist davon nicht viel zu merken – bis wir abends auf ein Hip-Hop-Festival gehen.

Back to the City ist das größte Hip-Hop-Festival Afrikas. Tausende Besucher*innen feiern die Rapper*innen auf drei Bühnen. Die Besucher*innen tanzen, trinken Bier und blaue Energydrinks, essen vegane Burger und kaufen Bomberjacken aus traditionellen afrikanischen Stoffen. Später am Abend kommen eine Moderatorin und ein Moderator auf die Hauptbühne. „Heute ist ein besonderer Tag. Mein größtes Vorbild ist Madiba, Mr. Nelson Mandela.“ „Und für mich ist das unsere Mutter der Nation, Winnie!“, ergänzt die Moderatorin. Luftballons steigen auf, alle rasten aus. Der nächste Rapper kommt auf die Bühne mit einer Mandela Football Club-Jacke. Unter jungen Leuten und auch in der Popkultur ist Nelson Mandela noch sehr präsent – wenn er auch nicht von allen als Held gefeiert wird.