Nervige Slogans: Meine Teebeutel sollen mir keine Glückstipps geben!

Duschgel, Eiscreme, Autos: Ständig wollen Produkte mit unserer Autorin reden und versprechen ihr das große Glück. Das darf doch nicht wahr sein! Eine Glosse

Warum müssen alle Produkte ständig mit einem reden?

Warum müssen alle Produkte ständig mit mir reden? Foto: Drew Taylor / Unsplash | CC0

Neulich habe ich meinen Sohn dabei erwischt, wie er über dem iPad gebeugt, mit künstlich tiefgesenkter Stimme mit dem Sprachsystem Siri kommuniziert hat: „Ich bin der Papa. Mach mir das iPad an!“, ordnete er an, in der Hoffnung, auf diese Weise die Bildschirmsperre zu umgehen.

Zum Glück blieb Siri standhaft: „Tut mir leid, damit kann ich dir nicht helfen.“
„Mach das iPad an. Ich bin der Papa!“
„Ich finde ,Papa‘ nicht in deinen Kontakten. Wie lautet der Vor- und Nachname von deinem Vater?“
„Michell.“
„Dazu muss dein iPad erstmal entsperrt werden …“

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Nun, Spracherkennungssysteme wie Siri antworten meistens bloß auf unsere Fragen. Das heißt, immerhin fangen wir die Kommunikation an. Es gibt aber in meinem Haus und Umfeld eine Menge von Produkten, die mich permanent unterweisen, wie ich meinen Tag verbringen soll, was ich als Nächstes machen soll und wie ich im Allgemeinen zu leben habe.

„Zeit für eine Pause. Müdigkeitssignale erkannt“, meinte neulich unser Auto zu mir und meinem Mann. „Gönne dir eine Pause!“, wisperte zu uns kurz darauf ein an der Tankstelle gekaufter Schokoriegel. Scheinbar waren wir da wirklich müde.

Auch mein Tee redet ununterbrochen mit mir: „Lebe mutig und freudevoll!“, „Liebe dich selbst!“, „Du bist schön, so wie du bist“. Jeder Teebeutel hat wertvolle Tipps und Infos für mich. „Eine Freude vertreibt hundert Sorgen“, „Ideale sind unsere besseren Ichs“. Ach so. Gut zu wissen, allerdings wollte ich eigentlich nur eine Tasse Kräutertee trinken.

Überall redselige Süßigkeiten und Cremes

Während der Tee ein verdammter Besserwisser ist, sind die meisten Schokoladenprodukte zügellose Sexmaniacs: „Pure Verwöhnung für dich und deine Freunde!“, „Unwiderstehlicher Genuss. Befreie die Bestie in dir!“, schreit mittlerweile fast jede verarbeitete Kakaobohne. Na dann, ein Löffelchen Schokoladen-Erdbeereis und: „ROAAAARRR!!!“.

Wann kommen endlich die Wiener Würstchen zu Wort?“

„Glücklich machen macht glücklich!“, ruft mir die Pistazienverführung aus der Tiefkühltruhe zu. „Celebrate the moment!“, ermahnen mich die Pralinen aus der Schublade. Andere Süßigkeiten begrüßen mich, bedanken sich bei mir, wünschen mir viel Glück und entschuldigen sich. Die redseligen Lebensmittel breiten sich in den Läden aus und ich warte schon gespannt darauf, dass endlich auch die Wiener Würstchen und die Streichwurst zu Wort kommen. Was werden sie uns wohl sagen?

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Im Badezimmer sieht es nicht besser aus. Körperhygiene war gestern. Heutzutage wird der Körper im Bad nicht mehr gepflegt, sondern verwöhnt und gefeiert. Die Duschgels, Cremes, und Schaums liebkosen die Haut und betören die Sinne. Sie verbessern die Laune nachweislich, so steht es zumindest auf dem Duschgel mit dem WC-Reiniger-Geruch, und falls man es schon auf dem Weg aus der Küche vergessen hat, erinnern sie einen erneut: „Celebrate each day as a new beginning!“. Also jetzt aber wirklich!

Dann soll es so sein!

Sollte man gegen die redseligen Produkte protestieren? Oder wäre es viel einfacher, sich einfach zu ergeben? Also gut: Lasst uns jeden Morgen feiern, bis der verdammte Duschvorhang in Flammen aufgeht. Wir schmieren uns das ganze Kosmetikzeug so lange auf die Haut, bis wir endlich eine verflucht gute Laune kriegen! Dann tänzeln wir in die Küche und verpassen uns schnell, bevor die Kinder in die Kita gehen, einen kurzen Orgasmus mit Eiscreme und einem Täfelchen Schoki.

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Erst dann fängt unser fantastischer, einmaliger und unvergesslicher Tag an, voller Glück, Zufriedenheit und Erfüllung, die uns die Sachen geben, die eigentlich kein Mensch wirklich braucht. Sachen, die immer weiter zweckentfremdet werden und mittlerweile hauptsächlich als Versprechen oder Ersatz für zwischenmenschliche Interaktion gemeint sind. Keine Lust: „Danke“ oder „Entschuldigung“ zu sagen? Schiebe deinem Partner einfach eine Packung Pralinen rüber! Trübe Gedanken und Sorgen lassen sich ganz unproblematisch mit dem passenden Duschgel abspülen. „Zack“ und schon wieder ist das Leben angenehm und der Mensch glücklich und zufrieden, so wie es heutzutage sein soll.

Unter schlechter Laune muss ja nun wirklich niemand mehr leiden, die positiven Gefühle sind ja überall für wenig Geld zu haben. Heutzutage gibt es für all deine Sorgen und Probleme eine schnelle Lösung, im Supermarktregal. Hol sie dir! Jetzt! Ab 1,99 Euro gibt es die große Freiheit, ab 2,50 Euro die Glücksmomente und die Liebe, die kriegt man bereits ab 99 Cent. Und sollten wir dennoch irgendwann den Wunsch verspüren, auch mal wieder die menschliche Stimme zu hören, die Siris, Cortanas und die Alexas stehen uns stets zu Diensten.