Nesrien, 19 – „Mein größter Traum ist es, eine eigene Strandbar im Süden zu eröffnen“

Die 19 Jahre alte Gastronomin Nesrien will in ihrer eigenen Bar für ihre Mitarbeiter*innen eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen. Momentan entspannt sie sich noch am liebsten in ihrer Hollywoodschaukel.

In der Serie Youthhood porträtieren wir junge Menschen zwischen 17 und 20 Jahren. Sie erzählen bei ze.tt, wovor sie Angst haben, wie ihr erster Kuss war, wie sie arbeiten wollen und was für sie Familie bedeutet. Wir wollen wissen, wie es ihnen geht.

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Foto: © Ralf Obergfell

Steckbrief

Name: Nesrien Rashied
Alter: 19
Ausbildungsstätte: Messe Berlin GmbH
Geburtsort: Berlin-Steglitz
Wohnort: Teltow, Brandenburg
Gender: weiblich

ze.tt: Nesrien, wie bist du aufgewachsen?

Nesrien: Ich bin mit meiner Mutter, meiner Schwester (21) und meinem Bruder (23) in Berlin-Teltow aufgewachsen. Meine Eltern haben sich kurz nach meiner Geburt getrennt, deswegen habe ich meinen Vater damals immer am Wochenende gesehen. Das wurde mit dem Alter immer seltener. Heute besuche ich ihn zwei- bis dreimal im Monat, vor allem, weil ich meinen kleinen Halbbruder (8) öfter sehen möchte. 

In welchen Momenten legst du dein Handy beiseite?

Während meiner Arbeit bei der Messe Berlin versuche ich, mein Handy nur während der Pause zu benutzen. Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, schaue ich auch eher selten drauf. Sobald ich mit meiner Mutter zusammen bin, lege ich alle elektronischen Geräte zur Seite und konzentriere mich nur auf sie. Sie kann es nicht leiden, wenn ich während eines Gesprächs mit ihr am Handy sitze, weil sie denkt, dass ich ihr nicht zuhöre.

Meine Mutter kann es nicht leiden, wenn ich während eines Gespräches mit ihr am Handy sitze, weil sie denkt, dass ich ihr nicht zuhöre.

Nesrien, 19

Wie siehst du die Welt 2050?

Ich mache mir Sorgen, dass die Sommer noch heißer und die Winter noch kälter werden, oder dass wir mit Mundschutz rumlaufen müssen, weil die Luft so schlecht ist. Bei mir im Büro wird alles doppelt und dreifach ausgedruckt und eingelagert. Wenn wir alles digital ablegen könnten, würden wir Unmengen an Papier sparen.

Ich denke, die Welt wird noch digitaler, was an sich nichts Schlechtes ist. Jedoch merke ich, dass Kinder viel zu früh mit der Digitalisierung konfrontiert werden. Ich habe das Gefühl, dass sie gar nicht mehr draußen spielen, sondern nur noch am Handy oder an der Spielkonsole kleben.

Bei mir im Büro wird alles doppelt und dreifach ausgedruckt. Wenn wir alles digital ablegen könnten, würden wir Unmengen an Papier sparen.

Nesrien, 19

Ab wann sind Menschen für dich alt?

Für mich ist man erst dann alt, wenn man zum Leben auf andere Personen angewiesen ist. Oder wenn man Tag für Tag nur noch vor sich hinlebt und eigentlich schon gar nicht mehr leben will.

Wovor hast du Angst?

Mein größter Traum ist es, eine eigene Strandbar im Süden zu eröffnen. Ich arbeite seit Jahren daraufhin und ich habe Angst, dass das alles umsonst war. Ich habe die Ausbildung zur Restaurantfachfrau gemacht und mache jetzt die zur Bürokauffrau. Und ich werde auch weiterhin alles Nötige tun, um mein Ziel zu erreichen. Woher diese Angst kommt, weiß ich nicht. Aber ich lasse sie nicht meinen Weg bestimmen. 

Was gibt dir Hoffnung?

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mir Hoffnung geben. Zum Beispiel gab mir meine jetzige Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement mit Zusatzqualifikation zur Europakauffrau, die ich im vergangenen August begonnen habe, Hoffnung. Die Hoffnung, dass ich im Leben was erreicht habe und auch noch erreichen werde, wie zum Beispiel den Abschluss dieser Ausbildung in zwei Jahren. Meine Freunde und Familie geben mir natürlich auch Hoffnung, gerade wenn ich ein Tief habe, schaffen sie es immer, mich aufzubauen.

Wie gehst du mit Einsamkeit um?

Ich bin nie wirklich einsam. Ich habe so viele Menschen in meinem Leben, die ich immer kontaktieren kann. Ich finde es aber schön, manchmal alleine zu sein. Am liebsten bin ich dann zu Hause oder liege im Sommer gerne bei uns im Garten in unserer Hollywoodschaukel. Das ist der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle.

Wie möchtest du arbeiten? 

Ich fand an meiner Gastronomieausbildung toll, dass ich mit vielen verschiedenen Menschen zusammengearbeitet habe. Ich habe jeden Tag neue Menschen aus vielen verschieden Ländern kennengelernt. In meiner eigenen Strandbar wird es mir dann wichtig sein, dass ich für meine Mitarbeiter faire Arbeitsbedingungen schaffe, etwa eine angemessene Vergütung oder den Ausgleich von Überstunden. Ich möchte ihnen eine ausgeglichene Work-Life-Balance bieten und so die Atmosphäre positiv beeinflussen.

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Was setzt dich unter Druck?

Tatsächlich setzte ich mich selbst oft unter Druck. Ich rede mir immer ein, dass ich etwas nicht kann, wie zum Beispiel meinen Führerschein, den ich gerade angefangen habe. In den meisten Fällen schaffen es aber meine Freunde und Familie, mich umzustimmen.

Wie war dein erster Kuss?

Ich hatte meinen ersten Kuss mit 13, der war in Ordnung. Ich war aber noch nie ein Mensch, der um so etwas einen großen Wirbel macht. Ich war damals bei einem Freund zu Hause und habe es einfach auf mich zukommen lassen.

Was bedeutet für dich Familie?

Für mich ist Familie nicht nur meine leibliche Familie, sondern auch meine Freunde. Insbesondere meine beste Freundin, die ich vor fast acht Jahren auf dem Gymnasium kennengelernt habe und mein Freund, der der Bruder meiner besten Freundin ist. Wir haben uns auch in der Schule kennengelernt und sind vor drei Jahren zusammengekommen. Sie alle sind immer für mich da und fangen auf. Egal, wie sehr ich manchmal was verbocke, sie würden mir immer wieder verzeihen. Im Sudan habe ich Familie väterlicherseits, habe aber keinen Kontakt zu ihr.

In welchen Momenten fühlst du dich nicht ernst genommen?

Während meiner ersten Ausbildung hatte ich das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Dort war ich für manche Kollegen die Auszubildende, „die sowieso keine Ahnung hat“. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich meine Kollegen vom Gegenteil überzeugen konnte. Das habe ich geschafft, weil ich schnell dazugelernt und eigenständig gearbeitet habe.

Wann hast du dich das letzte Mal so richtig glücklich gefühlt?

Als ich die Zusage zu meinem jetzigen Ausbildungsplatz bekommen habe. Es waren mehrere Bewerber eingeladen und ich hatte schon so eine Vorahnung. Als meine Ausbilderin dann sagte, dass wir alle angenommen wurden, viel mir ein riesen Stein vom Herzen. Für mich war das eine weitere Hürde im Leben, die ich gemeistert habe. Und ein Schritt näher an meinem Lebensziel.  


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Teil 2: Feline, 17 – „Über meinen ersten Kuss habe ich mir viel zu viele Gedanken gemacht“
Teil 3: Evan, 18 – „Ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht available bin“
Teil 4: Pauline, 17 – „Alle zwei Tage höre ich dumme Kommentare von Männern“
Teil 5: Felix, 20 – „Ich bin mal im Kleid zu einer Familienfeier gegangen und war barfuß in der Schule“
Teil 7: Mattis, 17 – „Ich wollte nie ein Scheidungskind sein“
Teil 8: Lilli, 19 – „Ich finde es schlimm, dass in Berlin so viel Kiez zerstört wird“

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