Neues NSU-Denkmal in Zwickau: Schreibt ihre Namen richtig!

Die Stadt Zwickau hat zehn Bäume für die Ermordeten des NSU gepflanzt. Doch die Einweihung fand ohne die Hinterbliebenen statt. Nicht die einzige Respektlosigkeit. Ein Kommentar

Neuer Gedenkort für Opfer des NSU

Aktivist*innen kritisierten die Gedenkveranstaltung für die Ermordeten des NSU in Zwickau. Foto: Peter Endig / dpa

Niemand hat Gamze Kubaşık vorher gefragt. Niemand hat sie informiert. Man hat sie nicht einmal nach Zwickau eingeladen, wo die Stadt am Sonntag in Gedenken an die Ermordeten des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Bäume gepflanzt hat. Eine Unverschämtheit, findet die Tochter des achten NSU-Mordopfers Mehmet Kubaşık: „Ich weiß auch gar nicht, ob ich möchte, dass in Zwickau ein Baum für ihn gepflanzt wird, wenn man dort gar nicht sicher sein kann, dass er nicht wieder abgesägt wird.“

Man kann Kubaşık ihre Bedenken nicht verübeln. Ende September hatte die Stadt Zwickau bereits einen Baum für das erste NSU-Mordopfer Enver Şimşek gepflanzt. Wenig später sägten Unbekannte die Eiche ab. Viele zeigten sich bestürzt über die Tat und legten Blumen nieder. So zum Beispiel eine Gruppe Schüler*innen um den 17-jährigen Jakob Springfeld. Nun wurden zehn neue Bäume gepflanzt und am Sonntag der Gedenkort eingeweiht. Gamze Kubaşık erfuhr erst von ihrem Anwalt Sebastian Scharmer von der geplanten Aktion. Der wiederum hatte in den Medien davon gelesen. Dabei kann ein respektvolles Gedenken nur gemeinsam mit den Hinterbliebenen gelingen. Es geht schließlich um ihre Angehörigen. Wer an die Ermordeten des NSU erinnern will, muss dem Schmerz ihrer Familien, deren Fragen und Forderungen Raum geben.

Ein Kranz der AfD ist purer Hohn

Doch die Stadt Zwickau, wo die Rechtsterrorist*innen jahrelang unentdeckt untertauchen konnten, ließ bei der Einweihung des Denkmals mehrmals den nötigen Respekt vermissen:

  • So steht auf dem Gedenkstein des ersten Mordopfers nicht Enver Şimşek, sondern Enver Simsek. Es ist nicht der einzige Name, der falsch geschrieben ist.
  • Hinzu kommt die detaillierte Beschreibung des Mordes an Şimşek: Mit neun Schüssen habe man den Familienvater „niedergestreckt“. Wer möchte eine so geschmacklose, brutale und völlig unnötige Ausführung über seinen von Rechtsterrorist*innen ermordeten Vater und Ehemann lesen?
  • Erst als nach dem offiziellen Teil Vertreter*innen des zivilgesellschaftlichen Projekts Tribunal NSU-Komplex auflösen das Wort ergreifen, werden die Namen der Ermordeten verlesen. Die Erinnerung an ihre Gesichter, Namen und Geschichten wachzuhalten, hätte Hauptbestandteil des Gedenkens sein müssen.
  • Am Baum für Enver Şimşek legte die AfD-Fraktion des Zwickauer Stadtrates bereits am Vortag einen Kranz nieder. Nichts anderes als purer Hohn für die Ermordeten und ihre Angehörigen. Eine Partei, deren Hetze und Politik maßgeblich das rassistische Klima in Deutschland befeuert, darf niemals das Gedenken an jene vereinnahmen, die Opfer der größten Serie rechtsextremen Terrors im Deutschland der Nachkriegszeit wurden.

Zwischenzeitlich wurde eine junge Teilnehmerin von der Polizei in Gewahrsam genommen. Sie hatte den Kranz der AfD vom Gedenkort entfernt, später wurde er in einen nahegelegenen Mülleimer gestopft. Der Versuch, ein Stück weit zu korrigieren, was zuvor massiv schief gelaufen war. Die Polizei nennt es Sachbeschädigung.

Eine Form der Erinnerung, an der sich nicht sägen lässt

Es ist genau acht Jahre her, dass in Zwickau das Haus Nummer 26 in der Frühlingsstraße in Flammen stand. Beate Zschäpe steckte am 4. November 2011 den letzten Unterschlupf des Trios in Brand. Jahrelang lebte sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Zwickau im Untergrund, unerkannt, mit Hilfe eines breiten Unterstützer*innennetzwerks. Aktivist*innen vor Ort fordern seit Längerem ein Dokumentationszentrum in der Stadt, um würdevoll und nachhaltig an die Taten des NSU und die Rolle Zwickaus zu erinnern. Die Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) ist für das Projekt, doch bisher scheitert das Vorhaben an fehlender Finanzierung.

Dabei bräuchte es genau diese Form der Erinnerung. Auch wenn zu hoffen bleibt, dass die Bäume unversehrt bleiben, sie könnten ein weiteres Mal abgesägt werden. Die Polizei kann sie nicht rund um die Uhr bewachen, und bis heute leben Unterstützer*innen des NSU in Zwickau. Was Zwickauer Aktivist*innen bereits im Rahmen von Geschichtswerkstätten mit Jugendlichen wertvoll im Kleinen betreiben, braucht es deshalb in groß und institutionalisiert – in Form eines Bildungs- und Dokumentationszentrums. Klassische Denkmäler können beschädigt werden. Aber an dem, was in einem solchen Bildungszentrum vermittelt werden könnte, was in den Köpfen von Menschen in Bewegung gesetzt werden könnte, daran ließe sich nicht so leicht sägen wie an einem Baum.

Gamze Kubaşık glaubt auch, dass sie nicht eingeladen wurde, weil die Bundeskanzlerin Angst hat, sich den Fragen der Hinterbliebenen zu stellen. Angela Merkel wird am Montag den Gedenkort in Zwickau besuchen. Den Familien der Ermordeten hatte sie nach der Selbstenttarnung des NSU vollständige Aufklärung versprochen. „Die wir bis heute nicht bekommen haben“, sagt Gamze Kubaşık. Wie es besser gehen kann, zeigt beispielsweise die Stadt Dortmund: Dort wird an diesem Freitag der Mehmet-Kubaşık-Platz eingeweiht. Die Familie war in die Planung des Ortes einbezogen. Und sie ist selbstverständlich zur Einweihung eingeladen.

Erinnert euch an ihre Namen und schreibt sie richtig:

Enver Şimşek

Abdurrahim Özüdoğru

Süleyman Taşköprü

Habil Kılıç

Mehmet Turgut

İsmail Yaşar

Theodoros Boulgarides

Mehmet Kubaşık

Halit Yozgat

Michèle Kiesewetter