Nina liebt Kate und ein österreichisches Dorf darf es nicht wissen

Nina hat heimlich eine Frau geheiratet. Ihre Großeltern wissen bis heute nichts von ihrer Homosexualität. Über die große Angst des Coming-outs auf dem Land.

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Nina hat keine Lust mehr, ihr wahres Ich zu verheimlichen. Foto: © privat

Sie hatte den wenigsten davon erzählt. Nur ihre Eltern, ihr Bruder und ein paar Freund*innen waren in ihr Geheimnis eingeweiht. Und noch weniger waren dabei, als Nina ihre große Liebe Kate heiratete. Es war der 19. Januar 2019, ein Freitag, verschneit und bitterkalt. Es war ein typischer Wintertag in den Rocky Mountains. Es war kein typischer Tag zum Heiraten. Es war keine typische Hochzeit. Es ist keine typische Ehe.

Nina steckt in einer dicken Daunenjacke mit Kapuze, in Stricksocken von der Oma und in Schneestiefeln. Kate trägt Lodenhut, Skihandschuhe und Winterparka. Sie geloben sich unter Goldkiefern, knöcheltief im Schnee stehend, während Flocken vom Himmel tanzen, die ewige Liebe. Sie küssen sich. Sie präsentieren ihre Eheringe. Sie sind glücklich. Ein Freund der beiden spricht die alles verändernden und verbindenden Worte, die sie im Bundesstaat zu Frau und Frau, zu einem Ehepaar werden lässt. Eine Freundin drückt zwischendurch auf den Auslöser.

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Nina und Kate bei ihrer Trauung im Nationalpark Rocky Mountains. Nina nennt Kate „My beautiful wife“. Foto: © privat

Die Erinnerungen an die Hochzeit und eine Glückwunschkarte hängen jetzt am Kühlschrank ihrer Einzimmerwohnung. Die Bilder kennen nicht viele. „Der Papa“, überlegt die 26-Jährige, während sie auf ihrem Mobiltelefon durch die Fotogalerie wischt. „Ich glaube, nicht einmal er hat die Fotos bisher gesehen.“

Schon gar nicht die Großeltern. Die wissen überhaupt nichts von der Hochzeit ihrer Enkelin. Sie alle kennen Kate. Aber nur als Ninas US-amerikanische Freundin, die sie auf Reisen kennengelernt hat, die einmal in Österreich zu Besuch war. Als irgendeine Freundin. Sie leben noch immer im Glauben, Nina träumte vom klassischen Leben: Mann plus Frau. Und vom Kinderkriegen.

Aus einem Dorf, in dem die FPÖ regiert

„Oma und Opa, ich bin in eine Frau verliebt.“ Tausendmal hat Nina diese Worte schon in Gedanken formuliert. Tausendmal hat sie gehadert. Tausendmal hat sie den Satz wieder verworfen. Zu groß ist ihre Angst vor dem Coming-out vor ihren Großeltern. Aber warum lebt Nina ein Versteckspiel?

Nina kommt aus einem kleinen Dorf in Österreich. Der Bürgermeister ist ein „Blauer“, wie auf dem Land die Zugehörigkeit zur Freiheitlichen Partei Österreichs, kurz FPÖ, bezeichnet wird. Die Menschen wählen im Gemeinderat mehrheitlich rechtspopulistisch, auf Bundesebene bei der vergangenen Nationalratswahl im Jahr 2017 vorwiegend die Volkspartei und die Freiheitlichen. Das Dorf wählt konservativ. Das Dorf ist konservativ. Das Dorf denkt konservativ. Menschen, die anders sind, Menschen, die einer Randgruppe angehören, haben es dort schwer. Und das macht der Frischvermählten Angst.

Nina liegt bäuchlings auf dem Bett, Füße überkreuzt. Sie erwartet einen Anruf aus der Heimat. Sie freut sich darauf. Im Dialekt zu reden, fehlt ihr manchmal. Die Klimaanlage rattert monoton vor sich hin. Es ist heiß. Der Sommer ist im Mittleren Westen der USA angekommen. Wie daheim. Es läutet. „Hallo Oma! Wie geht’s dia?“ Auf dem Bildschirm lächelt ihr eine Grauhaarige zeitverzögert entgegen. Das Bild ruckelt. „Ja, uns geht’s guad.“ Oma und Enkelin tauschen sich übers Kochen, über die neue Wohnung, über Opa und die Marotten alter Menschen aus. Es sind banale Dinge. Die Oma will nicht über ihren Sturz und übers Altwerden reden, Nina keinesfalls über ihre Liebesgeschichte. Es wird, wie so oft zwischen den Generationen, geschwiegen. Sie plaudern lieber übers Wetter und was sich daheim so tut. Dann legt Nina auf, bevor Kate von der Arbeit zurückkommt.

„Warum fühle ich mich zu einer Frau hingezogen?“

Der Zufall war es, der die beiden Rucksackreisenden Nina und Kate am anderen Ende der Welt zusammenbrachte. Die Männer in Australien und die anderen Reisenden waren aufdringlich. Und irgendwann ekelhaft und abstoßend, wird sie später erzählen. Die wollten mit ihr nur das Bett teilen. Die Abneigung wächst, unbewusst.

Die Geschichte nahm 2016 ihren Lauf, als Nina als Wanderarbeiterin für freie Kost und Logis bei einem Bauern im Hinterland Australiens aufschlug. Der Mann war ihr suspekt. Sie flüchtete. Zog vorübergehend in eine Jugendherberge. Dort nächtigte auch Kate mit ihrem damaligen Reisepartner. Nina, die bis dahin noch nie etwas mit einer Frau am Laufen hatte, wie sie erzählt, war schnell verzückt. „Da war etwas.“ Das Etwas entpuppte sich schnell als Schmetterlinge im Bauch. Der erste Kuss passierte kurze Zeit später auf einer Halloweenfeier.

Es dauerte, bis Nina sich die neue Situation eingestehen konnte. Sie, die sportliche Braunhaarige mit den blauen Augen, war jahrelang in einer Beziehung mit einem Gleichaltrigen aus der gleichen Gemeinde. Vom Zusammenziehen war die Rede. Die beiden Familien dachten vielleicht schon an Heirat und Kinder. Die Beziehung mit der Langzeitliebe ging in die Brüche. Nina ging ins Ausland.

Mit der Liebe zu Kate kamen viele Fragen. Warum fühle ich mich zu einer Frau hingezogen? War ich immer schon so? Wie gehe ich damit um? Nina war im Neuland. Vielleicht oft auch im Niemandsland. Die einzige, mit der sie offen sprechen konnte, war Kate. Kate war, anders als Nina, nie an Männern interessiert, geschweige denn mit einem Mann zusammen. Kate kommt aus einem anderen Land, aus einer anderen Gesellschaft, aus einer anderen Familie. Und die wusste, dass sie, ebenso wie ihre Zwillingsschwester, homosexuell ist.

Die Reaktion der Mutter und das Bi-Sein

Den Begriff nimmt Nina, die erst im Januar in die USA zog, für ihre Erzählungen nicht in den Mund. Sie ist auch keine klassische Lesbe, würde sie sagen. Sie ist einfach in eine Frau verliebt. Punkt. So erzählte sie das auch ihrer Mutter im März 2016. Nach ein paar Gläsern Hochprozentigem. Da redet es sich leichter. Nina sprach mit lockerer Zunge. Am anderen Ende ihrer Erzählung war es still. Aber was dann kam, verblüfft die Österreicherin noch heute.

„Ich hab‘ selbst einmal was mit einer Frau gehabt“, sagte Ninas Mama ganz trocken und verständnisvoll. Und schließlich sei doch jede*r ein bisschen bi, meinte die Mama. Dann wieder Stille. Und unendliche Erleichterung. „Endlich war es raus. Endlich war es ausgesprochen.“ Ninas erstes Coming-out war geschafft. Es sollten noch viele folgen.

Es ist wie der Gang nach Canossa: mühsam. Sie fühle sich in einer Endlosschleife und müsse sich immer wieder aufs Neue erklären, dabei wolle sie nur ihr Leben führen. Manchmal wünsche sie sich, sie könnte einfach rausschreien: Kümmert euch um euren Scheiß! Lasst uns doch in Ruhe! Akzeptiert uns! Die Liebe zwischen Frau und Frau sowie Mann und Mann ist ein nicht enden wollender Hürdenlauf – durch emotionale Hagelschauer und Schlammbäder. Ist ein Hindernis übersprungen, taucht das nächste auf. Nina kennt das. Kate noch besser. In der Highschool, mit 18, hatte Kate ihre erste Freundin. Es war ein Versteckspiel. Damals war „schwul“ das gängigste Jugendschimpfwort und die gleichgeschlechtliche Ehe illegal. Homosexuelle wurden von anderen mitunter aufs Übelste diskriminiert, erzählt sie.

Die Familie war enttäuscht – weil Kate sich nicht früher outete

Diese beiden lesbischen Mädchen an ihrer Schule im konservativen Alabama, die von allen gemobbt wurden, an die werde sie immer denken müssen, sagt Kate. Nach dem drei Jahre dauernden Versteckspiel mit dem Mädchen, deren Familie überaus religiös war, wollte die heute 31-Jährige nicht länger ein Schattendasein führen und outete sich mit 21. Ihre Familie war alles andere als überrascht. Nur ein bisschen enttäuscht, weil Kate sich nicht schon früher offenbarte.

Es braucht Zeit. Sehr viel Zeit. Von den Betroffenen bis hin zu (trägen) Staatsapparaten. Klingt plausibel. Ist es aber nicht. Denn bis ins 21. Jahrhundert waren in Teilen des mittleren Westens und des zentralen Südens sexuelle Praktiken verboten. Kurzum: Homosexuelle, die in Missouri oder Texas Sex hatten und bei Ordnungshütern aufflogen, konnten zu einer Bußgeldzahlung genötigt werden oder sogar im Gefängnis landen. 2003 wurden diese Gesetze aufgehoben. Eckdaten, bei denen Kate eine Mischung aus Zorn und Fassungslosigkeit in die Augen steigt. „Das muss man sich einmal vorstellen“, murmelt sie an der Balkonbrüstung lehnend mit Blick ins Abendrot.

Es ist anders, jetzt. Hier in Denver könne sie mit ihrer Frau offen händehaltend durch die Straßen spazieren, ohne Angst vor Übergriffen zu haben. Die Hauptstadt Colorados gilt als liberal. Die neu gewonnenen Freund*innen hätten sie von Anfang an als Paar akzeptiert. Es gab keine Fragen. Auch unter den anderen Heteropärchen nicht. Fast alles ist so schön normal.

Im Kapitol im Stadtzentrum regiert seit Januar Jared Polis. Der Demokrat ist der erste US-Gouverneur, der schwul ist und das offen lebt. Und Homosexuelle, wie die lesbische Fußballspielerin Megan Rapinoe, der Star der Fraußen-Fußball-Weltmeisterschaft, werden zu Idolen. Weil einmal nicht ihre sexuelle Neigung, sondern ihre Leistung bewertet wird. In ihrem Land, erzählt Kate, habe sich in den vergangenen Jahren doch einiges zum Besseren verändert. Ein Meilenstein war erreicht, als der Oberste Gerichtshof unter der Obama-Administration 2015 die gleichgeschlechtliche Ehe in allen Bundesstaaten für zulässig und gleichberechtigt erklärte.

Nur die Frage nach dem Ehemann, die gehe ihr auf die Nerven, sagt Kate. Warum fragt niemand: „What about your partner?“ Dann würde diese Differenzierung mit Mann und Frau endlich ein Stück weit aufhören. „Das ist schön“, sagt Kate auf Deutsch. „Wäre“, korrigiert Nina.

Der erste schwule Gouverneur. Der erste schwule Präsident?

Wie weit Teile Amerikas sind, zeigt sich auch an der Präsidentschaftskandidatur von Pete Buttigieg, der gerade für die Demokraten in den US-Wahlkampf ziehen will. Der bekennende Christ aus Indiana ist der zweite Homosexuelle, der sich für das höchste Amt in den Vereinigten Staaten bewerben will – 50 Jahre nach den Ausschreitungen in der New Yorker Schwulenbar Stonewall Inn.

Damals, am 28. Juni 1969, führte eine Polizeirazzia zu einem Aufstand – erstmals setzten sich Schwule und Lesben gegen die Kontrollen zur Wehr. Was dann passierte, war viel Stoff für Geschichtsbücher, die im Pride-Monat Juni wieder aufgeklappt wurden.

Ob Amerika für einen schwulen Präsidenten bereit wäre? „Naja, Obama hatten auch nicht alle auf der Rechnung. Mal schauen. Wir sprechen hier über Amerika. Hier ist alles möglich“. Nina, die genauso wie Kate ein großer Fußballfan und eine Freizeitkickerin ist, ist optimistisch. Auch was die Gesellschaft betrifft. Die Statistik des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center gibt ihr recht.

Akzeptierten 2006 nur knapp mehr als die Hälfte der befragten US-Amerikaner*innen Homosexuelle, war die Rate zehn Jahre später um zwölf Prozentpunkte auf 63 Prozent gestiegen. Nicht viel. Aber etwas. Auch stieg die Zahl jener, die sich outeten. Gallup, eines der bekanntesten Marktforschungsinstitute weltweit, befragte 1,6 Millionen US-Amerikaner*innen. Heraus kam, dass sich 2012 etwa 3,5 Prozent, also 8,3 Millionen Menschen als lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* bezeichneten. Vier Jahre später waren es knapp zwei Millionen mehr.

Keine Homosexuellen-Statistik. Schwule nur in der HIV- und Kriminalstatistik

In Ninas Heimat gibt es kaum Zahlen. Beim statistischen Amt der Republik Österreich gibt es kein brauchbares Datenmaterial. Homosexuelle, so besagt der Bericht Queer in Wien von 2015, kommen auf der Homepage der Statistik Austria abgesehen von den Eingetragenen Partnerschaften nur in den österreichischen Gesundheitsstatistiken im Zusammenhang mit Aids/HIV sowie in der Kriminalstatistik vor. Als würde eine ganze Bevölkerungsgruppe ignoriert oder ausschließlich mit Schädlichem denunziert werden.

Anna Szutt vom Verein Homosexuelle Initative Wien, kurz HOSI, erklärt die Lücke einerseits mit der Komplexität der Fragestellung – geht es um die sexuelle Identität oder das tatsächliche sexuelle Verhalten? Und, schlicht gesagt, viele wollten sich nicht outen. „Es gibt weltweit nur Schätzwerte. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung eines Landes sind homosexuell.“ Präziser ist die Datenanalyse des Instituts Delia in Berlin. Ihre europaweite Umfrage ergab 2016, dass sich 5,9 Prozent der Befragten als lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* bezeichnen. In Deutschland waren es 7,4 und in Österreich 6,2 Prozent.

217 Homosexuelle in Ninas Gemeinde. Laut Statistik

Das würde bedeuten, dass von 100 Bewohner*innen aus Ninas Heimatgemeinde sechs queer wären. Oder: Unter den 3.500 Dorfbewohner*innen leben statistisch gesehen 217 Homosexuelle. Theoretisch. Praktisch nicht. Wo jede*r jede*n kennt, oft nicht weiter als bis zum Kirchturm gedacht wird, wo viele die Welt nur aus dem Internet kennen, engstirnig sind und noch fleißig am Stammtisch schimpfen, würden sich küssende Frauen viele Reaktionen auslösen. Kate hofft auf positive. „Vielleicht müssen uns die Leute dort einfach mal zusammen sehen. Dann würden sie erkennen, dass homosexuelle Menschen nicht komisch oder abnormal sind.“

Nur vor Ninas Großeltern und deren Reaktion hat Kate Angst. „Sie wären geschockt, wüssten sie von uns. Oder vielleicht lehnen sie uns ganz ab“, sagt die in Wyoming geborene und in Kansas aufgewachsene ehemalige Fußballspielerin. Kate hat Angst, die Familie könnte nach einem Coming-out ihrer Frau auseinanderbrechen.

Als sie Österreich vor zwei Jahren nach ihrem Work-and-Travel-Aufenthalt in Australien und Neuseeland besuchten, offiziell als Freundinnen, zeigten sie sich nicht als Liebespaar. Nur nachts, im Dunkeln, gingen sie Hand in Hand spazieren. Beide hatten Angst, aufzufliegen. „Wir waren paranoid. Vielleicht lässt jemand die Rollläden hoch und könnte uns sehen, dachten wir uns“, erinnert sich Nina mit einem Grinsen und kuschelt sich an ihre Frau, die sie in die Arme nimmt und wiegt.

Inzwischen ist die Angst weg. Sie sind zusammen. Sie sind verheiratet. Wenn Nina die Ausreiseerlaubnis bekommt, will sie heim. Und sich vor allen outen. Ein letztes Mal. „Mittlerweile denke ich mir: Es ist mein Leben. Ich will frei sein. Warum sollte ich mich einschränken lassen? Schon gar nicht von Menschen, die in ihrer scheiß-kleinen Welt leben.“

Irgendwann möchten die beiden in Ninas Heimat leben. Und sich vielleicht noch einmal das Ja-Wort geben. Vor ihrer Familie und ihren Freund*innen. Seit Heiraten in der Alpenrepublik mit dem 1. Januar 2019 legalisiert wurde, sei das schon ein kleiner Wunsch, sagt die 26-Jährige. Aber damit wollen sich beide noch nicht beschäftigen. Erst braucht Nina die Dokumente der US-Einwanderungsbehörde, auf die sie seit Monaten wartet.

An Weihnachten, so hofft Nina, kann sie nach Österreich reisen. Endlich ihre Familie besuchen und ihren Großeltern sagen, dass sie eine Frau liebt. Und ihnen schließlich die Fotos vom schönsten Tag ihres Lebens, als Nina und Kate Frau und Frau wurden, zeigen. Endlich würde dann dieses verdammte Versteckspiel enden.

Kate und Nina bei ihrer ersten gemeinsamen Pride-Parade in ihrer Heimtstadt Denver. Foto: © privat
Kate und Nina bei ihrer ersten gemeinsamen Pride-Parade in ihrer Heimtstadt Denver. Foto: © privat