NSU-Mahnmal in Zwickau: Wie sich der Schüler Jakob Rechten entgegenstellt

Ein Baum sollte in Zwickau an das erste Opfer des NSU erinnern. Er wurde abgesägt. Der Schüler und Aktivist Jakob Springfeld erzählt uns, wie er und seine Mitschüler*innen mit rechter Gewalt in ihrer Stadt umgehen.

Enver Şimşek wurde am 11. September 2000 in Nürnberg von der rechtsextremen Terrorgruppe, dem sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet. Er ist eines von zehn Opfern des NSU, deren Mitglieder jahrelang in Zwickau untergetaucht waren. In Zwickau gab es lange kein Mahnmal, das an die NSU-Opfer erinnert. Die Oberbürgermeisterin Pia Findeiß befürchtete, Zwickau könne zur Anlaufstelle für sympathisierende Rechtsterrorist*innen werden.

2016 stiftete eine Künstler*innengruppe ein Mahnmal, bestehend aus zehn weißen Bänken. Die Installation blieb nur wenige Stunden unbeschadet. Im September 2019 wurde in Zwickau, wo das NSU-Trio zuletzt im Untergrund lebte, zum Gedenken an Enver Şimşek eine Eiche gepflanzt. Neun weitere Bäume sollten folgen. Vier Wochen später, am 4. Oktober 2019 wurde der Baum von Unbekannten abgesägt. Noch am selben Tag wurde eine Holzbank mit einer Inschrift zum Gedenken an die Opfer aufgestellt. Am selben Wochenende wurde die Bank wieder zerstört.

Am Montag schlossen sich etwa 120 Schüler*innen des Peter-Breuer-Gymnasiums zusammen und legten gemeinsam Blumen an der Stelle des Mahnmals nieder. Einer von ihnen ist der 17-jährige Schüler Jakob Springfeld. Wir haben vor der Schule mit ihm telefoniert und gefragt, was ihn und seine Freund*innen antreibt.

ze.tt: Jakob, was hat das mit dir gemacht, als der mahnende Baum im Oktober abgeholzt wurde?

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Foto: privat

Jakob: Das hat sich schlecht angefühlt. Aber irgendwie war das in unserer Stadt auch zu erwarten. Gerade in letzter Zeit kam es immer wieder mal zu Angriffen von Rechten, zum Beispiel bei der Fridays-for-Future-Demo. Die Schändung des Mahnmals hat nochmal gezeigt, wie dreist die sind und wie sicher sie sich hier fühlen. Dass die sozusagen auf der Erde von einem toten Menschen rumtanzen und nicht akzeptieren, dass andere an dem Ort daran gedenken, dass ein Mensch ermordet wurde.

Wann hast du das erste mal bewusst vom NSU gehört?

Ich kann mich nicht daran erinnern, in der Schule jemals über den NSU geredet zu haben. Ich hab vor allem beim Fridays-for-Future-Sommerkongress mitbekommen, dass viele, wenn sie etwas mit Zwickau verbinden, an den NSU denken. Dann sind gerade solche Nachrichten wie am Wochenende sehr beunruhigend, weil man als Stadt wieder schlecht in den Medien dasteht.

Ihr habt Blumen an der Stelle des Mahnmals niedergelegt. Wie entstand eure Gedenkaktion?

Das entstand alles ziemlich spontan am Abend vorher. In den Medien habe ich mitbekommen, was passiert ist, und das dann auf Instagram gepostet. Mehrere Schüler*innen haben daraufhin geschrieben, dass sie das auch mega schlimm finden. Und dann dachte ich mir: Lass morgen einfach in der Mittagspause da hingehen. Über die Schüler*innenmitverwaltung habe ich mit ein paar anderen einen Aufruf gestartet. Ich hab einen Text geschrieben, wie blöd das ist, aber dass wir trotzdem für eine offene Gesellschaft stehen wollen und es wichtig wäre, als Schüler*innen ein Zeichen zu setzen. Dann ging das in die Klassenchats und viele Leute sind gekommen.

Haben alle mitgemacht?

Natürlich gab es einige, denen die Mittagspause wichtiger war und die das nicht so interessiert hat. Aber eine breite Masse hatte Bock drauf. Ich glaube, das liegt in Zwickau auch an der Politisierung, die Fridays for Future verursacht hat. Gerade dadurch, dass es bei der letzten Fridays-for-Future-Demo auch zu Vorkommnissen mit Rechten gab, ist ein Gefühl dafür da, dass wir in Zwickau ein Problem mit Rechten haben. Viele sind dafür sensibilisiert und hatten ein Gespür dafür, dass es jetzt gut wäre, ein anderes Bild von Zwickau zu zeigen.

Was war bei der Fridays-for-Future-Demo los?

Da kamen Leute vom Aufbruch deutscher Patrioten Mitteldeutschland, so einer kleinen Partei hier, die bekannt rechtsextrem sind. Die haben einfach die Boxen bei der Kundgebung ausgeschaltet. Und haben die ganze Zeit Teilnehmer*innen gefilmt. Da bin ich zur Polizei gegangen und sie wurden verwiesen. Die kamen aber immer wieder, haben den Motor laufen lassen, um zu provozieren.

Betrifft dich rechte Gewalt im Alltag?

Mich auf jeden Fall. Aber für viele andere spielt das sicher nicht so eine große Rolle. Aber dadurch, dass ich mich so viel bei Fridays for Future engagiere, kriegen die das halt mit. Gerade der rechtsextreme Dritte Weg ist hier stark. Die rekrutieren krass viele Jugendliche. Ich werd häufig auf der Straße angespuckt oder beleidigt. In einem Club wurde ich mal, als ich alleine reingelaufen bin, von fünf Menschen im Kreis rumgeschubst. Auf einer russischen Seite haben die ein Porträt von mir veröffentlicht. Da kamen ganz schön heftige Hasskommentare. Zum Beispiel: „Du atmest nicht mehr lange“ oder „Ich hoffe, du lebst nicht mehr lange“. Das war krass. Letzten Donnerstag war ich im Stadtrat auf der Tribüne, da kamen drei Leute vom Dritten Weg auf mich zu, unter anderem ein ranghoher 30-Jähriger, der meinte so: „Lass danach nochmal reden draußen“. Das ist halt bedrohlich.

Das ist das, was mich am meisten an der Stadt nervt: die rechtsextremen Leute, die versuchen, andere einzuschüchtern. Durch Social Media kriegen die auch mit, mit wem ich so chille, und bedrohen dann sogar die Leute. Ich find auch mega nervig, dass viele das Problem nicht interessiert oder sie es gar nicht wahrnehmen. Das liegt auch nicht zuletzt an der AfD.

Wie gehst du damit um?

Viele ältere Politiker*innen haben schon viele Erfahrungen mit Rechten gemacht, und unterstützen und geben Tipps. Ich poste solche Vorkommnisse immer auf Instagram, weil ich glaube, es ist gerade wichtig, anderen Schüler*innen davon zu erzählen. Zu zeigen, dass die nicht mal davor zurückschrecken, Jugendliche anzugreifen. Das sensibilisiert und zeigt, dass wir in Zwickau ein Problem haben. Ich gehe damit sehr offen um und lasse mich nicht unterkriegen, das ist eher ein Ansporn, weiterzumachen.

Seit wann bist du politisch aktiv?

Seit 2015 bin ich mehr oder weniger aktiv. Mein Vater und ich haben in der Kirche Familientreffen mit Geflüchteten veranstaltet. Da hat man mit den Kindern gespielt und Freundschaften sind entstanden. Aber da war’s noch nicht so, dass ich mir dachte, ich will als Jugendlicher mit anderen Jugendlichen etwas schaffen. Aber dann waren im August 2018 in Chemnitz die Ausschreitungen, wo die Polizeikette zwischen rechten und linken Demonstrant*innen teilweise durchbrochen wurde. Ein Böller wurde direkt neben mir fallen gelassen. Das hat mich ziemlich politisiert. Da dachte ich mir: Was geht eigentlich ab? Lass doch irgendwas in Zwickau starten.

Was hast du dann gestartet?

Im April haben wir eine Grüne Jugend in Zwickau gegründet. Für Fridays for Future sind wir das erste Mal im März nach Chemnitz gefahren und haben dafür mobilisiert. Da wollten auf einmal mega viele Leute mit. Danach haben wir in Zwickau eine Ortsgruppe gegründet. Ich glaube in Zwickau gibt es viele coole junge Leute, die Bock haben, was zu machen und die überhaupt nicht so drauf sind wie diese ganzen Rechten. Ich würde auch sagen, dass wir deutlich mehr sind. Gerade bei Fridays for Future: Das organisieren nicht nur drei Leute, sondern da sind richtig viele aktiv. Zum internationalen Klimastreik waren wir rund 800 Leute.

Wie sollte die Politik auf die Schändung des Mahnmals reagieren?

Ich würd’s erstmal gut finden, wenn da wieder was entsteht. Aber vor allem geht es natürlich darum, dass dieses Gedankengut langsam mal nicht mehr vorkommen sollte. Ich denke, es ist wichtig, in der Jugendarbeit was zu machen. Dass Leute, denen es vielleicht sozial nicht gut geht, nicht von irgendwelchen rechtsextremen Bewegungen aufgefangen werden, sondern dass sie woanders Zuflucht finden. Dass die überhaupt nicht in Versuchung kommen, in Strukturen wie den Dritten Weg reinzukommen. Aber das ist natürlich komplex.